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Erstes Blatt.

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Amtliches Organ für Stadt- und Landkreis Hanau.

Erscheint täglich außer Sonu- und Festtags.

Als Gratisbeilage täglich erscheinendes Unterhaltungsblatt.

Nr. 43.

Amtliches.

DimßnaMcliim aus dem Kreise.

Entflogen: Eine schwarz geherzte Taube. Gefunden: Ein Paar schwarze Handschuhe.

Hanau am 20. Februar 1897.

Deutscher Reichstag.

(Sitzung vom 19. Februar.)

Der Reichstag setzte heute die Berathung des Antrages Auer, be­treffend den achtstündigen Normalarbeitstag, fort. Vor Eintritt in die Tagesordnung rief der Präsident Frbr. v. Buol den Abgeordneten Ahlwardt (b. k Frak.» auf das Nachdrücklichste zur Ordnung weil er am Schluß der gestrigen Sitzung euer persön­lichen Bemerkung eine kurz vorher von dem Präsidenten gerügte Aeußerung wiederholt hatte. Zu dem Anträge Auer liegen folgende Unteronträge vor: Hauptantrag Hitze auf ein 63stündiges Arbeits­maximum pro Woche; Eventualantrag Hitze auf eine weitere Aus­bildung des sogenannten sanitären Arbeitstages gemäß § 120e der Gewerbeordnung; Antrag Rösicke auf Erlaß der Bestimmungen ge­mäß § 120e entweder durch Verordnung oder im Wege der Rechts- gesetzgebung; Antrag Schneider auf Erlaß sanitärer Bestimmungen nur im Wege der Reichsgesetzgebung ; Antrag Förster, den sanitären Arbeitstag auch auf das Verkaufswesen auszudehnen. Abg. Frhr. v. Stumm (Reichsp.) erklärt, nur den Eventualantrag Hitze an­nehmen zu können, denn es genüge, wie der Antrag wolle, die Re­gierung aufzufordern, weitere Erhebungen anzustellen, um eventuell auf Grund derselben in Betrieben, wo sich eine zu ausgedehnte Ar­beitszeit als gesundheitsschädlich erweise, ein Maximum der Arbeits­zeit vorzuschreiben. Abg. Frhr Heyl zu Herrnsheim (natlib) tritt ebenfalls für den Eventualantrag Hitze ein. Abg Förster (dtschsoz. Resp.) kann sich von einer so schablonenhaften Regelung, wie der Antrag Auer sie fordere, nichts versprechen. Abg. Hitze (Ctr.) empfiehlt seine Anträge, für die sich auch der Abg. Gabler (fübb. Volksp.) ausspricht. Abg. Förster (soz) meint, es bestehe offenbar bei den meisten Parteien keine Neigung, in eine Verkürzung der Arbeitszeit zu willigen. Wenn das Haus wie es scheine, den Eventualantrag Hitze annehmen werde, so geschehe das nur, weil man den Anschein vermeiden wolle, den Arbeitern gar nichts zuzuge­stehen. Hierauf wird der Eventualantrag Hitze angenommen, alle anderen Anträge werden abgelehnt.

Es folgt erste Berathung der gleichlautenden, einerseits von den Abgg. Graf Hompesch (Ctr.) und Genossen, andererseits von den Abgg v. Kardorff (Reichsp) und Genossen beantragten Mar­garine-Gesetzentwürfe. Abg Rettich (kons) verweist auf die heute vom preußischen Landwirthschaftsminister im Herrenhause abgegebene Erklärung und erklärt, daß sich seine Freunde mit diesen Zugeständ­nissen der Regierung zufrieden gäben. Redner beantragt die Anträge einer Kommission zu überweisen. Staatsminib er v. Bötticher spricht seine Freude darüber aus, daß die Regierung jetzt mit den Freunden des Vorredners im Einverständniß sei, und daß letztere jetzt wenigstens einen der streitigen Punkte, das Färbeverbot, aufge­geben hätten. Zum Beweis, wie die Reichsregierung nicht im Ge­gensatz zu der Landwirthschaft stehe, sondern für sie ein warmes Herz habe, verliest der Minister ein von ihm an die Bundesregie­rungen gerichtetes Rundschreiben, betreffend die strengere Kontrole des Margarinehandels Dieses Rundschreiben sei von den Bundes­regierungen sehr wohlwollend ausgenommen worden, so daß die Klagen über Betrügereien an Bulterhaudel auch schon sehr abge­nommen hätten. Das Reichsgesundheitsamt habe außerdem Unter-

Kleines Feuilleton.

Hanauer Stadttheater.

Die gestrige Freitagsvorstellung brachte uns zum Benefiz für den ersten Helden und Liebhaber Herrn GötzGraf Waldemar", Schauspiel in fünf Akten von Gustav Freytag. Die Handlung des Stückes ist äußerst spannend entwickelt, aber wenig glaubhaft. Vorzüge des Stückes sind gute Charakterisirung der Personen und vor allem ein flotter fein pointirter Dialog. Die aufregenden Vorgänge auf der Bühne sind manchmal etwas gewaltsam herbeigeführt und so auch in Verbindung mit einander gebracht, aber das Stück enthält doch so viel Schönheiten, daß es der reichen dichterischen Begabung eines Freytags alle Ehre macht. Auf die Handlung näher einzugehen, halten wir diesmal nicht für nöthig, da das Stück ja durch eine Reihe von früheren Aufführungen an unserer Bühne genügend bekannt und die Titelrolle ja schon von bedeutenden deutschen Schauspielern gelegentlich von Gastspielen an unserem Stadt­theater mit Vorliebe gewählt worden war. Ueber die Aufführung gestern Abend läßt sich fast durchweg nur Gutes berichten, das Zusammenspiel war vorzüglich und das Arrangement der einzelnen Szenen stellte dem Regietalent des Herrn Ludwig das beste Zeugniß aus. Vor allem freut es uns, dem strebsamen Benefizianten Herrn Götz für die elegante Ver­körperung des Grafen Waldemar unser Kompliment machen zu nnen. Nicht nur, daß er mit seinen schönen natürlichen Mitteln äußerlich den eleganten Lebemann in prächtiger Weise repräsentirte, auch sein Spiel war fein nüancirt und gab dem darzustellenden Charakter durch lebens­warme Gestaltung ein ebenso interessantes wie fesselndes Gepräge. Die seelischen Konflikte im Gefühlsleben des Grafen wurden in abgegrenzten Linien gehalten und fein charakteristisch zum Ausdruck gebracht. Herr- Götz wurde nach den Aktschlüssen durch lebhaften Beifall ausgezeichnet, sowie durch Blumen- und Kranzspenden geehrt. Die Fürstin Udaschkin spielte Frl. B r a n d o w gewandt und sicher, wie wir es von der treff­lichen Darstellerin nicht anders gewöhnt sind ; in künstlerisch vollendeter Weise wußte sie diese Jntrigantenrolle zu gebührender Wirkung zu bringen. Frl. Hesse fand für die einfache Gärtnerstochter Gertrud den natür­lichen warmen Herzenston und verstand es, ihre Aufgabe mit einem Schimmer echter Poesie zu umkleiden. Weniger konnte uns Herr- Philip pi als Fürst Udaschkin gefallen, wir vermißten in seinem Spiel die imponirende Ruhe und das elegante Auftreten des Abenteurers. Herr Tr autsch old als Box trug eine etwas zu treuherzige Miene zur- Schau; der schlaue Diener, der seinen Herrn betrügt war schwer zu ent­

Samstag den 20. Februar

suchungen angestellt über eiu Lrkennungsmittel für Margarine und neuerdings ein solches gefunden in dem Dimethylamidoazobenzol. Ob dieses absolut geeignet sei, stehe noch nicht völlig fest; aber er und die preußische Regierung seien bereit, eine Gesetzesbestimmung anzunehmen, welche dem Bundesrath die Vorschrift eines geeigneten Erkennungsmittels anheim gibt. Die Trennung der Verkaufsräume sei nicht ohne Bedenken, auch grabe vom Standpunkt der Landwirth­schaft, in deren Kreisen man diese Bedenken auch theile. Eine Kenn­zeichnung der Margarinefässer werde wohl keinen Stein des Anstoßes bilden. Er halte den Vorschlag des Vorredners für zweckmäßig, die vorliegenden Anträge an eine Kommission zu verweisen. Abg. Bachem (Ctr.) und Abg. Krause (natlib.) stimmen der kommissa­rischen Berathung der Anträge bei. Abg. v. Ploetz (kons.) betont das Entgegenkommen seiner Freunde in dieser Angelegenheit und meint, daß es in der Frage der Trennung der Verkaufsräume jeden­falls positiver Vorschriften bedürfe. Abg. Sckneider (freis Volksp.) bestreitet die Nothwendigkeit gesetzgeberischer Schritte in dieser Sache; seine Freunde würden keineswegs dem Bundesrath eine Voll­macht dazu ertheilen Abg. Wurm (soz.) führt aus, es werde gegen die Verwendung eines unschädlichen Erkennungsmittels Niemand et­was einzuwenden haben. Redner bekämpft die Tren.ung der Ver­kaufsräume; ebenso der Abg. Benoit (freif. Verein.) Darauf werden die Anträge einer Kommission überwiesen.

Näckste Sitzung Sonnabend 1 Uhr. Etat des Pensionsfonds und des Reichsinvalidenfonds.

Politische und unpolitische Nachrichten.

(Depeschen-BureauHerold".)

Berlin, 19. Febr. DerNordd. Allg. Ztg." foirb aus Wien telegraphirt: Die österreichischen Kriegsschiffe wer­den in 4 Tagen vor Kreta eintreffen. Einen Tag nehmen sie Aufenthalt an der dalmatinischen Kohlenstation. Man ist hier der Ansicht, daß man in Griechenland nicht daran denke, Kreta freiwillig zu verlassen. Die Aussicht auf Blokade des Pyräus und anderer griechischer Häfen wird in hiesigen unterrichteten Kreisen heute als gering bezeichnet.

Berlin, 19. Febr. Die Fürstin Hohenlohe, Gemahlin des Reichskanzlers, gedenkt sich in einigen Tagen nach ihren russischen Besitzungen zur Bärenjagd zu begeben.

Berlin, 19. Febr. Der Reichstag wird sich in der nächsten Woche im Plenum mit dem Etat des Auswärtigen Amtes beschäftigen.

Berlin, 19. Febr. Eine Einigung der Großmächte wegen der Kreta-Frage ist noch nicht erzielt. Die Verhand­lungen dauern fort. Eine direkte Ablehnung der vorgeschla­genen Blokade des Piräus seitens Englands ist, wie die Post" hört, nicht erfolgt, wohl aber hat England sich dahin geäußert, daß ihm der Vorschlag der Mächte nicht sympa­thisch sei.

Köln, 19. Febr. In der Strafsache gegen den Kriminal­kommissar v. Tausch haben auch hier Vernehmungen stattge­funden, wobei es sich um die Verbreitung mehrerer Berichte handelte, welche die Festnahme der in der bekannten Landes­verraths Affaire Ende 1895 verwickelten Personen besprochen. ! Tausch war damals mit der Eruirung dieser Personen be­

decken. Herr Ludwig als Gärtner Hiller stellte zufrieden, ebenso die übrigen Mitwirkenden.

Allerlei Gedanken.

Hanau, 20. Februar.

Was man doch mitunter hier dummes Zeug träumen kann! Diese an sich unbestreitbare Thatsache wird wohl sicher Jeder schon an sich erlebt haben, auch ohne Paul Heyse's hübsche NovelleDer Traumgott" gelesen zu haben. Es ist z. B. nichts weniger als angenehm, wenn man dem Glück im Tempo einer Blitzzug-Lokomotive nachrennt, um ihm das große Loos oder ein sonstiges nützliches Objekt abzu­jagen, bis man schließlich auf die Nase fällt, erwacht und für den Rest des Tages sich mit einem schweren Kops oder ber gleichen unangenehmen Nachwirkungen trösten muß. Ich habe leider auch schon des öfteren Gelegenheit gehabt, solche Parforce- touren zu machen, so erst diese Nacht wieder, wo ich unter der Wahnvorstellung litt, ich hätte eine Flugmaschine erfunden, eine That, mit der ja schon Viele vor mir ihr Gewissen be­schwert haben. Sonderbarer Weise funktionirte aber das Ding sehr gut und ich flog ganz fidel die Straßen auf und ab, mich an den verschiedenen Bildern ergötzend, die sich mir durch einen insdiskreten Blick durch diverse Fensterscheiben darboten. Und es war interessant, das Treiben der Menschen auf diesem noch ungewöhnlichen Wege zu beobachten. Darf ich's Ihnen erzählen? Ja!

Durch das Fenster eines Dachstübchens erblickte ich einen dreibeinigen, wurmstichigen Tisch, der neben verschiedenen unentbehrlichen Toilettegegenständen noch einen alten Teller trug, aus dem sich einige Zwiebelreste friedlich um ein langes, dürres Knochengerüste gruppirten. Ich konnte nicht genau unterscheiden, ob es die Röntgen-Photographie eines Barsches oder die traurigen Ueberreste eines sauren Härings waren,

Die heutige Nummer umsatzt außer dem Unterhaltuugsblatt 12 Seiten.

1897.

traut und deshalb mehrere Tage in Köln anwesend, wo er den Redakteur Emil Schmitz von derKöln. Ztg." ge­sprochen haben soll. Bald daraus erfolgte eine eingehende Berichterstattung über den Spionenfang mit Beschlagnahme von Briefschaften und die Anwesenheit des Kriegsministers in Köln in auswärtigen Blättern. Redakteur Schmitz hatte dieserhalb eine längere Vernehmung vor dem Richter zu be­stehen, desgleichen der Journalist Wilhelm Mirbach. Letzterer gab die Versicherung ab, daß er den Kommissar v. Tausch nicht kenne und keinerlei Verbindungen mit demselben unter­halten habe.

München, 19. Febr. Wie dasNeue Münch. Tagebl." aus angeblich guter Quelle erfährt, wird das gegen Berchtold rechtskräftig gewordene Todesurteil nicht vollzogen, aber nur deswegen, weil sich derselbe neuerdings bezüglich des Mordes an Schneider zu verantworten haben wird. In dieser Rich­tung liegen gegen ihn jetzt so gewaltige Anhaltspunkte vor, daß seine Schuld zweifellos ist.

Wie^, 19. Febr. DieNeue Freie Presse" erfährt aus guter Quelle, daß die von Berlin aus vorgeschlagenen Maß­regeln gegen Griechenland auf ernste Schwierigkeiten ge­stoßen sind.

Rom, 19. Febr. Cavalotti berichtet, daß er an Rudini die Bitte gerichtet habe, der griechischen Bewegung gegenüber Gerechtigkeit und das Nationalgefühl Italiens walten zu lassen. Rudini habe geantwortet, Italien sei zwar bemüht, den Konflikt auf Kreta einzuschränken, sei sich aber von An­fang an aller Pflichten bewußt gewesen, die ihm die Tra­dition auferlege. DieItalic" hält zwar den Ausbruch eines Krieges zwischen Griechenland und der Türkei für unver­meidlich, hofft aber, Europa werde die Zertrümmerung Grie­chenlands nicht zugeben.Italia militaire" schreibt: Italien müsse die Blockade unbedingt ablehnev.

Paris, 19. Febr. Die Studenten bereiten für heute Abend eine große Kundgebung zu Gunsten Griechenlands vor. Es sind umfassende Maßregeln zur Verhinderung von Ausschreitungen getroffen worden. Die Studenten beabsichti­gen ferner am Sonntag ein großes Meeting zu Gunsten Kretas abzuhalten.

Athen, 19. Febr. Die Blätter drohen den Mächten, falls dieselben die Annexion Kretas verhindern sollten, Griechen­land den Aufstand in Macedonien organisiren würde. Oberst Vassos besetzte das in unmittelbarer Nähe Caneas gelegene Fort Zam. Die Konsuln der Großmächte in Canea verweigerten die Annahme der Zuschrift Vassos, wonach er die Besitzergreifung Kretas seitens Griechenland no- tifizirt.

Konstantinopel, 19. Febr. Der Sultan ernannte im Einverständniß mit den Großmächten Caratheodory Pascha zum Generalgouverneur von Kreta.

doch schien mir ein langes Gestöhn aus dem Hintergründe des Kämmerleins und der Umstand, daß wir uns in der Faschingszeit befinden, mehr für die letztere Annahme zu sprechen.

Mit einem mitleidsvollen Murmeln flog ich weiter und warf einen forschenden Blick durch die Ritze eines Fenster­ladens, hinter dem, wie ich wußte, ein kokettes Dämchen hauste, von dem das Gerücht umging, daß ihre Blüthezeit schon etwas weit in der Vergangenheit liege; doch was ich da erblickte, das erfüllte mich selbst mit Beschämung über meine Indiskretion. Ich schloß daher auch zeitweise die Augen und hatte so nur Gelegenheit zu lernen, wie man ältliche Wangen mit einem zarten Schimmer jugendlicher Röthe überhaucht und wie man es fertig bringt, eine stroh­gelbe Haut schmerzlos in einen blendend weißen Teint um­zuwandeln.

Ich hatte genug und kam zu einem Fenster, das mir die Aussicht in ein phantastisch ausgestattetes Gemach eröffnete, darinnen an einem Schreibtisch ein junger Mann saß, das lockige Haupt sinnend in die Hand gestützt und krampfhaft an dem Ende eines Rohrfederhalters kauend. Vor ihm lag ein großes, weißes Blattunökonomisch in der Mitte nur beschrieben" und auch ihm schien es im Kopfe zu fehlen, denn seine Beschäftigung bestand darin, Verse zu schmieden. Doch als ich aufmerksam hin schaute, schienen mir die Züge dieses nächtlichen Reimeklopfers gar wohlbekannt, sie wiesen sogar eine frappante Aehnlichkeit mit meiner eigenen unbedeutenden Physiognomie auf, obgleich ich mir bis jetzt bewußt war, nur in einem einzigen Exemplar die Welt zu zieren. Zu meinem Erstaunen habe ich auch das, was ich gelesen habe, genau behalten, so genau, daß ich es Ihnen Wort für Wort wieder­holen kann, ohne daß es etwas von seiner Originalität ver­tieren könnte: