Hanauer Anzeiger.
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Nr. 22.
Mittwoch den 27. Januar
1897.
Amtliches.
Dimstnnllirikliten ans dem Kreise.
Gefunden: In der Zeit von Weihnachten bis Neujahr in der Johanniskirche 3 Muffe und eine Thürschlinke; Em pfangnahme bei Herrn Kirchendiener Henkel hierselbst. Eine Aufsatzdiele; Empfangnahme bei Grobe zu Wilhelmsbad. Ein lederner Schuh. Ein schwarzer Filzhut. Ein Portemonnaie mit Geld.
Verloren: Am 24. d. Mts. in der Ulanenkaserne ein Spazierstock. Eine Brache mit 2 Herzen.
Zugelaufen: Ein schwarzer Hund mit gelben Beinen, m. Geschl.
Hanau am 27. Januar 1897.
Die Italiener in Nordafrika.
Mit schwerer Sorge müssen die Italiener und ihre aufrichtigen Freunde wiederum der Entwicklung der Dinge in Nordafrika entgegensehen. Denn wenn selbst, was vielleicht schon im Augenblicke, wo wir dies schreiben, geschehen sein kann, die Derwische durch die überlegene Taktik und die bessere Bewaffnung der um Agordat versammelten Truppen besiegt werden sollten, so ist doch die Gefahr vorhanden, daß die Derwische immer wieder einen Vorstoß nach der westlichen Grenze der italienischen Kolonie unternehmen. Denn man darf kaum annehmen, daß der Heerhaufen, den sie gegen Agordat entsendet haben, die gesammte Heeresmacht darstellt, die von den Derwischen gegen die italienische Kolonie verwendet werden soll. Zwar haben sie früher, als ihre Angriffe von den Jtaliern zurückgewiesen wurden, längere Zeit Ruhe gehalten, die Situation hat sich aber durch den Vorstoß der Engländer gegen das Mahdistenreich geändert. Die Derwische, vom Norden her bedrängt, versuchen nunmehr sich nach dem Osten hin Luft zu machen. Erst wenn es den Engländern gelingen sollte, das Reich des Mahdi vollständig zu vernichten, dürften die Italiener vor diesem Feinde sicher sein.
Doch selbst wenn die Gefahr eines Einbruches der Mah- disten in das Gebiet der Kolonien beseitigt wird, sind die Italiener vor kriegerischen Verwickelungen wegen ihrer Kolonie nicht sicher. Schon jetzt verlautet, daß sie Mißtrauen gegen die Vertragstreue des Königs Menelik hegen, und noch größere Besorgnisse haben sie vor Ras Alula. In der That ist, selbst wenn der abessinische Oberherrscher sich mit den errungenen Vortheilen begnügen wollte, die Gefahr vorhanden, daß einer der ehrgeizigen Feldherren den Kampf gegen die italienische Kolonie wieder aufnimmt. Ist es doch nichts Seltenes, daß die abessinischen Heerführer Politik auf eigene Faust treiben.
Die Zahl derer, die von der erythräischen Kolonie nichts wissen mochten, war von jeher eine sehr große. Sie ist mrch die Mißerfolge des vorigen Jahres gewachsen und sie
Kleines Feuilleton.
Dem deutschen Kaiser!
Von Chr. v. D.
„Ein Volk! Ein Reich! Ein Gott!" Ein Dreiklang ist's von wunderbarem Ton, Der jünst erscholl vom Deutschen Kaiserthron Durch deutsche Lande, Städte, Gauen!
Des Kaisers kräftig', sieghaft', zündend' Wort Geflügelt pflanzt's von Mund zu Mund sich fort, Füllt' deutsche Herzen mit Vertrauen!
„Ein Volk! Ein Reich! Ein Gott!" Von Haus zu Hause klingt's wie froh Geläut — Des Kaisers Fest- und Ehrentag ist heut, Des Fürsten, der mit edlem Wollen, Mit ritterlichem Sinn nnd stolzer Kraft Den Frieden hält — und Frieden wirkt und schafft, Dem selbst die Feinde Ehrfurcht zollen.
„Ein Volk! Ein Reich! Ein Gott!" Das ist ein Fundament für Deinen Thron, Das felsenfest — o Hohenzollernsohn!
Und heut', im Glanz der Festeskerzen, Da grünt ein Lorbeer stolz zu Deinem Preis, Der nichts von Krieg und blut'gen Opfern weiß: Die Lieb' in Deines Volkes Herzen.
„Ein Volk! Ein Reich! Ein Gott!" Wir sprechen's feierlich und ernst Dir nach Und bitten Gott, daß er ihn halte wach, — Den Heroldsruf — für ferne Zeiten — Und daß in uns'rer Mitte sich erneu' Begeist'rungsvoll die Pflicht der Königstreu'. Dem Kaiser Heil! Wilhelm dem Zweiten.
wird sich immer mehr steigern, je mehr sich die Kolonie als ein Besitz herausstellt, der die Opfer, die aus ihn verwendet werden, nicht belohnt. Die Kolonie hätte für Italien zu einem Lande der Zukunft werden können, wenn der kühne Plan Crispis, über Abessinien, wenn auch vielleicht nicht äußerlich, so doch thatsächlich die Herrschaft auszuüben, sich hätte verwirklichen lassen. Nun aber ist die Aussicht auf die Durchführung dieses Planes, ja auch nur auf Zurückgewinnung des früheren Besitzstandes wohl für immer dahin. Eine Ausdehnung der Kolonie nach Süden hin erscheint also kaum mebr möglich und eine Erweiterung nach Westen wird dann ausgeschlossen sein, wenn die Engländer nach der Zerstörung des Mahdistenreiches Nachbarn der Italiener geworden sein werden. Zudem wird dann die Gefahr bestehen, daß dann nicht mehr nur dir Franzosen und Russen, sondern auch die Engländer gegen den italienischen Besitz intriguiren. Sie haben die Italiener zu dem afrikanischen Abenteuer verleitet, um eine Stütze gegen die Angriffe der Mahdisten zu haben. Da aber Dankbarkeit eine bei den Engländern recht schwach entwickelte Eigenschaft ist, so ist es gar nicht unmöglich, daß sie, wenn erst die Mahdistengefahr endgiltig beseitigt ist, den Italienern zurufen „Ote toi, que je m’y mette“ (Sckeer' dich fort, damit ich Platz nehme). In Be;ug auf Kassala sind ja die Italiener selbst bereit, den Engländern Platz zu machen, wer weiß aber, ob das länderhungrige England sich damit begnügen wird! Schon durch die Abtretung von Kassala aber ergibt sich eine neue Schwierigkeit, da die Italiener sich im Vertrage von Adis Abeba verpflichtet haben, von ihrem Kolonialbesitze nichts zu verkaufen oder ander weit abzutreten, ohne die Genehmigung des Königs Meneliks einzuholen. Die Italiener sind wie kaum ein anderes Volk, wenn man so sagen darf, für kolonialen Besitz prädestinirt. Das Klima des eigenen Landes gewährt ihnen die Möglichkeit, die Hitze tropischer Länder jedenfalls besser zu ertragen als etwa die Deutschen, die Franzosen oder die Engländer. Dazu kommt, daß das Land bei der außerordentlichen Vermehrung der Bevö.kerung und bei den schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen, in denen es sich befindet, in jedem Jahre mehrere hunderttausend Auswanderer abgibt. Natürlich wäre nichts wünschenswerther, als wenn wenigstens ein Theil dieser Auswanderer sich in italienischem Besitze ansiedeln könnte, um so mehr, als die Italiener in fremden Ländern oft nicht wohl gelitten sind, wie manche beklagenswerthe Vorgänge in den letzten Jahren in Frankreich, in der Schweiz, in den Vereinigten Staaten und in Brasilien beweisen. Die Kolonie Eiythräa in ihrem gegenwärtigen Zustande aber ist nicht dazu geeignet, eine erhebliche Zahl italienischer Kolonisten aufzunehmen und ernähren zu können. Der wirthschaftliche Werch aber, den die Kolonie etwa für das Land haben kann, wird durch die Aufwendungen, die für militärische Zwecke gemacht werden müssen, 1 immer ausgewogen werden.
Mekkapilger.
Von Otto Leonhardt.
Jahr um Jahr wälzen sich aus allen Ländern, in denen Mohammed's Religion bekannt wird, dichte Wolken von Pilgern der heiligen Stadt, Mekka, zu. Es sind Wolken des Unheils in denen Tod und Verderben lauern. Denn diese Karawanen sind es zu ungezählten Malen gewesen, die die Keime verheerender Krankheiten von Ost nach West verschleppt haben; und auch jetzt wieder blickt die gesittete Welt auf die Metkapilger mit der bangen Besorgniß, daß sie die furchtbare Seuche, unter der gegenwärtig das unglückliche Indien leidet, verbreiten könnten.
Will man die Gefahr solcher Pilgerkarawanen ganz ermessen, so muß man bedenken, daß in ihnen sich Menschen aus allen Theilen der islamitischen Welt zusammenfinden, daß unter ihnen viele find, die schon in vorgerückte» Alter und daher geschwächt die heilige Fahrt unternehmen, und daß die Meisten gegen die Forderungen der Reinlichkeit eine souveräne Mißachtung an den Tag legen. Auf den Schiffen, die aus Nord-Afrika und aus Indien die Wallfahrer nach Arabien führen, werden sie dann wie die Heringe zusammengedrückt. H. v. Maltzan, einer der wenigen Europäer, der, vermöge einer Verkleidung als Muselmann aus dem Maghreb (Algier), die jedem Rumi (Christ) auf strengste verschlossene heilige Stadt besuchte, erzählt, daß das Schiff, das ihn über das Rothe Meer nach Dschedda brachte, an die 150 Hadschadsch trug, während es nur für einige 60 Platz hatte. Ist so der Ansteckung Thür und Thor geöffnet, so kommt hinzu, daß es dem Pilger auf's schärfste untersagt ist, irgend einem Lebewesen auf seiner Wallfahrt ein Leid anzuthun, und daß daher geradezu unbeschreibliche Massen von Ungeziefer ihr liebliches Spiel von Mann zu Mann treiben, dessen Qualen zu ertragen nur die fanatische Geduld
Zieht man in Betracht, daß die Kolonie zum Mindesten auf absehbare Zeit materielle Vortheile für Italien nicht verspricht, daß sie ferner den politischen Einfluß Italiens nicht stärkt, sondern eher schwächt, weil sie einen Theil der italienischen Heerkrast bindet; zieht man ferner in Betracht, daß Italien bei seiner schwierigen wirtschaftlichen Lage nicht gut zwecklose Opfer bringen kann, ohne daß die ohnehin vorhandene Verstimmung des Volkes noch gesteigert wird, so muß man sagen, daß das Aufgeben der Kolonie die logische Konsequenz aus den gegebenen Thatsachen wäre. Man würde darin auch nicht einen Verlust des italienischen Prestige erblicken, das durch die Niederlagen von Amba Aladschi und Adua wohl gelitten hat, das aber durch ein freiwilliges Aufgeben eines wenig Nutzen versprechenden Besitzes nicht leiden würde.
Tagesschau.
Staatssekretär v. Stephan beabsichtigt, die jetzt im Gebrauch befindlichen Postwerthzeichen für alle deutschen Schutzgebiete zunächst versuchsweise mit einem in schwarzer Farbe herzustellenden Ueberdruck des Namens eines jeden Schutzgebietes in ähnlicher Weise versehen zu lassen, wie es bereits mit den Freimarken für Deutsch-Ostafrika geschehen ist.
In den ersten sechs Jahren des Bestehens des In- Validitäts- und Altersversicherungsgesetzes sind 2 21115 Invalidenrenten bewilligt, wovon 5 9 445 in Wegfall gekommen sind, sodaß Ende 1896; 161670 liefen. Die Zahl der bewilligten Altersrenten betrug 295 705, wovon 91750 in Wegfall kommen, sodaß 203 955 laufend waren. Beitragserstattungen sind bis zum 31. Dezember 1896 an 71663 weibliche Versicherte, die eine Ehe eingegangen sind, und an 18 952 Hinterbliebene von Versicherten gezahlt.
Durch den Aufruf der kathedersozialistischen Professoren und der Anhänger Naumanns und Egidys zu Gunsten der Hamburger Ausständigen sind bisher etwa 24 000 Mk. zusammengebracht. Außerdem sind aus England neuerdings wieder 10 000 Mk. eingetroffen. Das sind ohne Zweifel Umstände, die den Zwiespalt zwischen Arbeitgebern und Arbeitern ungemein verschärfen. Durch Unterstützungen wird der Ausstand unnöthig verlängert und damit das Elend der Arbeiter vermehrt. Schon aus Interesse für diese Opfer der sozialdemokratischen Verhetzung erscheint es geboten, sich jeder Einmischung in den Hamburger Ausstand, den die Sozialdemokratie von vornherein zu einer Machtfrage gestempelt hat, zu enthalten.
Mit dem Somallland, wohin sich die nächste afrikanische Unternehmung des Dr. Karl Peters wenden wird, hat dieser alte Beziehungen. Schon im Jahre 1885 wurden diese Länder durch Agenten der deutschostafrikanischen Gesellschaft vertragsmäßig erworben und so lange Dr. Peters an der Spitze dieser Gesellschaft stand, hat er dauernd einen ein
eines Orientalen im Stande ist. Das Schlimmste von allem aber ist das dem Pilger vorgeschriebene Kostüm, der Jhram, den man zu größerem religiösem Verdienste so früh als möglich aus der Wallfahrt anlegen soll. Der Jhvam besteht nur aus zwei viereckigen Tüchern, von denen eines als Toga angelegt, das andere um die Lenden geschlungen wird. Keine andere Kleidung, ja selbst nicht einmal eine Geldkatze, darf der Pilger am Leibe tragen. Gegen die Kühle der Nächte, die als Reisezeit dienen, gegen die brennende Hitze der Tage, die bis über 358 Reaumur steigt, besitzt er keinerlei anderen Schutz. Vielmehr ist er obendrein nicht allein gezwungen, baarfuß zu gehen, sondern auch sich den Kopf kahl scheeren zu lassen und ohne Kopfbedeckung zu wandern; der einzige Schirm, den er gegen die unbarmherzige Sonne an- wenden darf, besteht darin, daß es ihm gestattet ist, die Hände überm Kopfe zu halten. So ist es nur natürlich, daß eine Unzahl der Wallfahrer an Erkältungen des Halses, der Brust und besonders des Unterleibs, andere an den Folgen des Sonnenstichs erkranken. So mancher erliegt den Beschwerden schon, bevor er die heilige Stadt zu Gesicht bekommt; viele schleppen sich nur mühsam und frierend durch die Nacht ihres Weges und wissen, daß die Pilgerfahrt ihre letzte Erdenfahrt sein wird.
Und dennoch — wenn im matten Lichte der Morgenröthe die graue Masse des neunmal heiligen Mekka aus der Einöde aufsteigt, dann ist Keiner unter all den Hadschadsch, der an Schmerzen und Tod dächte. Dann kommt der ganze grenzenlose Fanatismus des Islam zum vollen Durchbruch. Ein bundert-, tausendstimmiges Jauchzen, Schreien, Weinen und Seufzen erfüllt die Wüste, ungezählte Arme werden zum Himmel emporgeworfen, ekstatische Pilger werfen sich schluchzend zur Erde, den heiligen Boden zu küssen. Alles aber übertönt gewaltig ein Ruf, — der Pilgerruf „Labik". „Lrbik" bedeutet etwa „Zu dir flüchte ich". Zum ersten