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Nr. 1V3.
Samstag den 2. Mai
1896.
âMMches.
Dicnstnachnchten aus dem Kreise.
Zugelaufen: Ein schwarzer mittelgroßer Hofhund m. Geschl.
Zugeflogen: Ein zahmes Rotkehlchen.
Gefunden: Eine unechte Broche. Ein Bücherriemen.
Verloren: Ein Jnvaliditäts-Quittungsbuch für Georg Sauerbrei.
Eine Kravatte mit goldner Nadel. /
Hanau am 2. Mai 1896.
Infolge Todesfalles ist die etatsmäßige Stelle eines Hilfsbeamten im ev. Waiseuhause alsbald anderweitig zu besetzen.
Das Anfangsgehalt ist auf M. 1800 p. a. festgestellt und besteht nicht ferne Aussicht auf Beförderung im Amte.
Kautionsfähige Bewerber evangelischer Konfession, welche die Vorbildung eines Snpernumerars nachweisen, wollen unter Beifügung eines Lebenslaufes und der entsprechenden Zeugnisse sich nur in schriftlicher Form an unterfertigte Stelle wenden.
Hanau, 1. Mai 1896.
Königl. Vorsteheramt ________des ver. ev. Waisenhauses.
Tagesschau.
Der B««destt»th hat in seiner vorgestrigen Sitzung der Vorlage des Reichskanzlers betr. die zollamtliche Prüfung der Mühlenfabrikate, sowie der Vorlage, betr. die Auslegung des § 58 des Krankenversicherungs- gesetzes die Zustimmung ertheilt, ferner wegen Besetzung einer Mitgliedsstelle bei dem Disziplinarhofe und über eine Reihe von Eingaben Beschluß gefaßt.
Das neue französische Ministerium hat vorgestern seine erste parlamentarische Schlacht in der Deputirtenkammer geschlagen und — den Umständen nach — glänzend gewonnen. Herr Meline verlas eine lang- athmige programmatische Kundgebung, deren springende Punkte sich dahin zusammen fassen lassen, daß das Kabinet zwar der Deputirtenkammer, als dem Produkt des allgemeinen Stimmrechts, das Uebergewicht über den Senat zuerkennt, aber gleichwohl auch letzteren für ein unentbehrliches Requisit der parlamentarischen Regierung erklärt und an den gegenseitigen guten Willen appellirt, der bisher zur Lösung , aller Schwierigkeiten genügt habe. In der an die ministerielle Deklamation sich anschließenden Debatte vertheidigte Herr Meline mit Geschick und Erfolg die Position des Kabinets gegenüber den Angriffen der radikalen Politiker, insbesondere der Herren Goblet und Bourgeois. Der Verfassungsrevision wird das Ministerium vorerst nicht näher treten. Schließlich sand eine Tagesordnung Bozerian mit ziemlicher Stimmenmehrheit — 299 gegen 256 — Annahme, deren erster Theil die Vorherrschaft des allgemeinen Stimmrechts bestätigt, während her zweite Theil die Erklärung des Kabinets billigt. Sodann vertagte sich die Kammer bis zum 28. d. M. Wenn der Telegraph den Verlauf der gestrigen Kammersitzung getreu wiedergegeben hat, so haben die „Genossen" sich einer Zurückhaltung befleißigt, hingegen ihr früheres lärmendes Gebühren auffällig absticht. — Im Senat verlas der Justizminister die ministerielle Erklärung, welche sehr beifällig aufgenommen wurde. Nach kurzer Berathung lehnte der Senat mit 214 gegen 42 Stimmen es ab, die Anträge auf Revision der Verfassung, welche von einigen Senatoren eingebracht worden waren, in Erwägung zu ziehen.
Auf den Schah von Persien, Nassred-din, wurde gestern in Teheran ein Attentat verübt. Der Schah erhielt eine Schußwunde, der er alsbald erlegen ist. Der hinzugekommene deutsche Gesandtschaftsarzt Müller konnte nur den Tod konstatiren. — Daß der Schah einem politischen Attentate oder einem Akte persönlicher Rache zum Opfer gefallen ist, läßt sich noch nicht mit Bestimmtheit sagen. Es hat ihm sowohl an politischen als an persönlichen Gegnern nicht gefehlt, doch kommt die Nachricht von seiner Ermordung immerhin überraschend, da in letzter Zeit von Ruhe
KWf» Die heutige NuMMer ^mMt außer der» UuterhuLLnngsbtatt 22 Beiten.
störungen in Persien wenig zu hören gewesen ist. Nessred-din war der erste persische Schah, der Reisen ins Ausland unternahm (1873, 1878 und 1889), allein er hat bei den Versuchen, das was er auf diesen Reisen gesehen, auch in seinem Reiche einzuführen, meist kein Glück gehabt, denn die Reformen waren ohne die Hülfe von Fremden nicht auszuführen und so regte sich bald der Neid der Einheimischen gegen jene. In dem Tagebuche über seine zweite Reise nach Europa erzählt Nassred-din, daß er in den Straßen von Paris nicht wenig durch den Anblick der Kutscher überrascht worden sei, die auf ihren Sitzen hockend, eifrig die Tagesneuigkeiten lasen. Da sei ihm der Gedanke gekommen, „daß die fleißige Lektüre den Sinn der armen Leute von dem Bösen abwende" und er habe beschlossen, seinem Volke dieselben Wohlthaten zu verschaffen. Deshalb wurde ein eigenes „Ministerium der Presse" gegründet und es wurden. ein Dutzend Journale ins Leben gerufen, allein die beiden gelesensten Blätter, der „Akhbar" und der „Kanun" verfolgten eine fremdenfeindliche Richtung, die auch da zur Geltung kam, wo der Schah persönlich interessirt war, so z. B. bei dem Bau von Eisenbahnen und bei der Einführung des Tabakmonopols, in deren Erträgnisse Nassred-din und eine englische Gesellschaft sich theilen wollten. Die Mollahs verboten den Persern das Rauchen und es kam Anfang Januar 1892 zu heftigen Unruhen in Teheran, Jspahan und Meched, deren Folge war, daß der Schah das Monopol aufgeben mußte. Man hat damals behauptet, daß hinter der Regierung russische Emissäre standen und das ist auch nicht unwahrscheinlich, benn in Rußland bereitet man sich schon lange darauf vor, das jahrtausende alte Perserreich, die Heimath der Firdusi, Saadi und Hafis zu einem südlichen Anbau des ausgedehnten Zarenreiches zu machen. Noch dürste freilich die Zeit für die Ausführung dieses Planes nicht gekommen sein, allein wenn die Ermordung Nassred-dins den Anlaß zu ernsÜichen und langdauernden Unruhen geben würde, könnte Rußland noch früher als es vielleicht wünscht, zu einem Vorstoß veranlaßt werden.
Ans Madt, Provinz und tlmgegend. Frankfurter Brief.
Frankfurt a. M., den 1. Mai 1896.
Der „wunderschöne Monat Mai", wie Heine singt, ist mit einem gar trübseligen Gesicht gekommen, und wenn der Regen klatscht und rauhe Winde wehen, wird selbst der eingefleischteste Lyriker seinen Pegasus ungesattelt lasten und sich fröstelnd himer den warmen Ofen setzen. Auch ich habe meine erstarrten Glieder mit wohligem Behagen dem freundlichen Element entgegengeftrerft und über die Lösung der sozialen Frage, über Völkerfriede und Bölkerwohlsührt nachgedacht, — nicht des heutigen ersten Mai wegen, denn ich bin kein Sozialist, — nein, die Anregungen zu meinen ernsten Gedanken rief ein Vortrag, ein „wunderbarer" Vortrag wach, der vor einigen Tagen hier gehalten wurde. Der große Saal des kaufmännischen Vereins war vollgcpropft von Menschen, die mit sichtlichem Interesse dem Vortrag des Herrn von Egidy über seinen Muster- staat der Zukunft lauschten. M. von Egidy ist kein Konzertredner im gewöhnlichen Sinne des Wortes; man merkt es ihm an, daß er uns sein heiligstes Innere offenbart, und sein tiefster Ernst und die Kraft seiner Ueberzeugung reißen selbst die schroffsten Gegner seiner Tbeorien zur Bewunderung bin. Herr von Egidy will die Klassengegensätze unserer Zeit gemildert wissen, er tritt für Völkerverbrüderung, einheitliche Schule, Aufhebung der Zölle und noch für viele andere schöne Dinge ein, und macht Einem ordenilich den Mund wässerig nach dem idealen, einigen Zukunftsstaat, von dem er mit so großer Begeisterung träumt —
Einigkeit ist ein gar schön Ding, und wo Einigkeit herrscht, da waltet ein starker, gesunder Geist. Dies habe ich erst vor wenigen Tagen wieder bestätigt gefunden, als ich dem populären Konzert der hiesigen Sängervereinigung beiwohnte. Nicht weniger als zwölf der besten hiesigen Gesangvereine hatten sich zusammengethon, und zeigten in Einzel- und Gesammtchören, daß der herrliche deutsche Männergeiang hier in Frankfurt auf die hervorragendste Weise gepflegt wird. Der riesige Saal des Zoologischen Gartens war überfüllt. Die gemeinschaftlichen Chöre, von Herrn Chr. F. Mack geleitet, erfreuten sich großen Beifalls; Einzelnes, wie das „Oberschwäbische Tanzliedchen" von Silcher, wurde da