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Str. 90

Freitag diN 17. April

1896.

Amtliches.

Dienstnlllhrichtcn aus dem Kreise.

Gefunden: Ein Lehrbuch der ebenen Geometrie. Ein Damen- fchirm (in einem Laden stehen geblieben). Ca. 6 Meter weiße Schnur.

Hanau am 17. April 1896.

^taötâms ^aruru.

BtMmkLmachitttgen des Oberbürgermeisteramtes. Bekanntmachung.

Am Samstag den 18. ds. Mts. kommen in der Kanalthor­mühle, um 3 Uhr beginnend am Mainkanal und an der Kinzigbrücke, mehrere Partien Stammholz rc. zum öffentlichen Verkauf.

Verkaufsbedingungen werden an Ort und Stelle bekannt gegeben.

Hanan am 14. April 1896.

Der Oberbürgermeister

Dr. Gebeschus.

Tagesschau.

Der Bitttdesrath hat in feiner gestrigen Sitzung den Entwurf von Vorschriften über die Einrichtung und den Betrieb der Buchdruckereien und Schriftgießereien dem Ausschuß für Handel und Verkehr und die vom Reichstag bei der Berathung des Reichshaushaltsetats für 1896/97 ge- faften Resolutionen theils dem Reichskanzler, theils den zuständigen Aus­schüssen überwiesen. Ferner wurde über die wegen Besetzung zweier Raths­stellen beim Reichsgericht Sr. Majestät dem Kaiser zu machenden Vorschläge und über eine Reihe von Eingaben Beschluß gefaßt.

Der „Reichsanzeiger" bezeichnet die Zeitungsmeldung nicht für zutreffend, wonach der Kaiser die Genehmigung zu der beabsichtigten Trauer­feier für den Zeremonienmeister Frhrn. v. Schrader in der Potsdamer Hof- und Garnisonskirche versagt habe. Nicht der Kaiser, sondern der Kommandant von Potsdam — und zwar selbstständig nach Maßgabe der Bestimmungen — habe die Genehmigung verweigert.

Im österreichischen Abgeordnetenhaus erklärte gestern Acker­bauminister Graf von Ledebur, angesichts des wachsenden Terminspieles im Getreide in Europa müßte etwas geschehen; die juristische Erklärung des Differenzspieles sei schwierig. Das erforderliche Einvernehmen mit den betheiligten Ministerien sei angebahnt. Der neue Strafgesetzentwurf be­handele die Verleitung zum Börsenspiel als Spezialdelikt. Redner führte weitere Maßnahmen zur Eindämmung des Börsenspiels an, zu deren Prüfung er Berathungen unter Hinzuziehung von Sachverständigen beab­sichtigte. Was die Bestellung landwirthschaftlicher Beiräthe bei den aus­wärtigen Vertretungen betreffe, so gedenke er nicht, sich an das Ministerium des Aeußeren zu wenden; er wolle vielmehr selbstständig geeignete Fach­leute in das Ausland senden.

Die ganz ungewöhnlichen Erfolge, welche Fürst Ferdinand von Bulgarien, der Bestätigte, bei seinem Ober Herrn, dem Sultan Abdul Ha­mid, erzielt hat, und die in seiner Ernennung zum Marschall, zum „Mu- schir" in der türkischen Armee gipfeln, sind von politischer Bedeutung, aber durchaus persönliches Verdienst. Der Muschir Ferdinand Pascha galt schon, als er noch einfacher österreichischer Oberlieutenant war, und auch später als unbestätigter bulgarischer Fürst als ein persönlich äußerst liebens­würdiger, ritterlicher Herr, der es verstand, im persönlichen Umgänge für sich zu gewinnen. Der Sultan wird sich diesem Zauber der Persönlichkeit gern hingegeben haben, zumal er ja in dieser Beziehung von der ihn um­gebenden Palastclique nicht grade verwöhnt ist. Die naheliegenden Witze, der in Sachen konfessioneller Verpflichtungen ja etwas freisinniger gewor­dene Ferdinand Pascha habe sich die Muschir-Würde durch seine Geneigt­heit, zum Islam übertreten zu wollen, erkauft, sei aber noch in letzter Minute durch ein Telegramm abgehalten worden, des Inhalts; „Daß Du mir nicht etwa! Marie Luise, Fürstin" — alle derartigen freundlichen Scherze wird man auf sich beruhen lassen können. Ferdinand Pascha hat sich seine jetzige durchaus tadellose Stellung mit all den neuen Ehren und Würden durchaus allein zurechtgeschoben und erworben; kluges, zähes Aus-

Ä* Die heutige Nummer umfaßt aus

harren haben ihm schließlich zugeführt, was vor neun Jahren für ihn un­erreichbar schien, als man ihn aus seiner österreichischen Kaseine auf den bulgarischen Thronsessel versetzt hatte. Der Fürst-Muschir Ferdinand Pascha hat Glück, und so wird ihm wohl auch noch gelingen, die ob der Umtaufung ihres Aeltesteu noch schwer zürnende Gattin, die Fürstin Marie Luise, wieder vollständig zu versöhnen und zu freundlicher Heimkehr in das mit so hohen Ehren geschmückte fürstliche Haus zu bewegen, zumal ja nun abermalige Konfessionsänderungen ausgeschlossen zu sein scheinen.

Nus Must, Provinz und Umgegmä Landwirthschaftskammer für den Regierungsbezirk Castel.

(Spezialbericht des .Hanauer Anzeiger.*)

Cassel, 16. April.

Im Saale des Ständehauses trat heute Morgen die Landwirthschafts- kammer zu ihrer zweiten Sitzung zusamnien. Ter Vorsitzende der Kammer, Herr Oberamtmann Oldenburg-Wilhelmshof, eröffnete die Sitzung um 1/412 Uhr mittags mit einem Hoch auf Se. Majestät ben Kaiser, das be­geisterten Widerhall fand. Weiter brachte der Herr Vorsitzende die Ant­wort Sr. Majestät auf die Huldigungsdepesche der Sammer von der ersten Sitzung zur Kenntniß. Nach einigen weiteren geschäftlichen Mittheilungen, Feststellung der Präsenzliste, wählte die Kammer zu Schriftführern die Herrell Rittergutsbesitzer Deichmann-Limbach und Gutspächter Hilgenberg- Greberlstein.

Nach Kenntnißgabe des Erlasses des Herrn Landwirtlffchaftsministers an die Landwirlhschaftskammern, über die Rechte und Pflichten der Kammer bezüglich Produktenbörse, Viehmärkte rc. rc., bemerkt der Herr Vorsitzende, daß den Vorstands und Allsschußsitzungen auch die anderen Mitglieder der Kammer beiwohnen dürfen, selbstverständlich ohne Stimmrecht. Herr Landforstmeister von Baumbach hat den Antrag gestellt, die Landwirth­schaftskammer wolle im Interesse der kleinen Landwirthe bei der König­lichen Staatsregierung beantragen, daß bei jeder Neuverpachtung einer Domäne oder Domänenländereien ’c. geprüft werde, ob eine Parzellirung oder Bildung von Rentengütern, Aufgehen im Gemeindeverband rc. nicht im Interesse des Staates und der Gemeinden sich empfiehlt. Der Antrag wird zur weiteren Behandlung an den Vorstand überwiesen. Herr Guts­pächter Hilgenberg-Grebenstein beantragt, die Landwirthschaftskammer möge dahin wirken: 1) für Aufhebung der Transitläger und Zollkredite, 2) für Auferlegung einer Wasserstraßenabgabe auf ausländisches Brot­getreide unb 3) Ermäßigung des Futtermittel-Transporttarifes.

Auch diese Anträge werden, da für die heutige Sitzung verspätet ein- gegangen, für später zurückgestellt und dem Vorstande überwiesen. Der Herr Vorsitzende bemerkt, daß der Herr Minister über die Frage der Auf­hebung der Transitlager und Zollkredite ein Gutachten vom Vorstande der Kammer verlangt hat. Danach wird unter allgemeiner Zustimmung der Kammer Herr Professor Dr. Dieterich - Marburg, der Vorsitzende der landwirthschaftlichen Versuchsstation, als Mitglied der Kammer zugewählt. Derselbe ist anwesend und dankt für das ihm damit bewiesene besondere Vertrauen. Nach Mittheilung über die bestimmte Regelung der Stellver­tretung der einzelnen Vorstandsmitglieder durch die gewählten stellvertretenden Mitglieder wird in die Tagesordnung eingetreten und gelangt als erster Punkt Vorlage des Abkommens mit dem landwirthschaftlichen Central­verein für den Regierungsbezirk Cassel zur Vorberathuttg. Hierüber berichtet Herr Generalsekretär Gerland. Das Abkommen lautet:

Zwischen der Direktion des Landwirthschaftlichen ^entralvereins und dem Vorstand der Landwirthschaftskammer ist folgender Vertrag verabredet und beschlossen worden: .

§ 1. Das gejammte Eigenthum des Landwirthschaftlichen bentraP Vereins für den Regierungsbezirk Cassel mit allen Aktiva und Passiva, Rechten und Pflichten geht vorbehaltlich der Rechte Dritter in den Besitz der Landwirthschaftskammer über.

§ 2. Die Landwirthschaftskammer verpflichtet sich, alle Verträge, welche der Centralverein abgeschlossen hat (Pacht-, Verpacht-, Afterpacht-, Anstel- lungs- u. s. iv. Vertrüge), als von ihr selbst geschlossen anzuerkennen und er dem Nnterhaltungsdratt 12 Seiten.