Hanau den 7. April 1896.
Der Handelsvertrag mit Japan.
Der deutsch-japanische Handelsvertrag, über den seit Jahr und Tag Verhaudtuugen schwebten, ist dieser Tage vom Staatssekretär Freiherrn von Marschall und dem japanischen Gesandten in Berlin, Grafen Aoki, unterzeichnet worden. Der Zollbeirath, d, h. Sachverständige au§ gewerblichen Kreisen, hatte sich kürzlich and) über den Inhalt des Eutwurss befriedigt ausgesprochen.
Für Deutschland kam es besonders darauf an, einen Bertragstarif zu erhalten, indem die japanischen ßölle für die deutsche Einfuhr herabgesetzt oder gebunden d. h. vor Erhöhung gesichert werden. Per Werth der deutschen Ausfuhr betrug 1891 14 Millionen Mark und ist seitdem noch um einige Millionen gestiegen. Die Waaren, auf die sich die neuen Vergünstigungen erstrecken, machen weitaus den größten Theil des Ge- sammtwerthes aus. Alle wesentlichen Wünsche unserer Erportiudustrie und unserer Landsleute in Japan sind in dem Vertrage erfüllt worden.
Das Hauptinteresse Japans liegt nicht etwa in der Herabsetzung der deutschen Zollsätze für japanische Waren, von denen wir 1891 für 7 Millionen Mark bezogen, sondern darin, daß Deutschland auf seine Konsulargerichtsbarkeit in Japan verzichtet und die Competenz der japanischen Gerichte für Rechtsstreitigkeiten der Ausländer in Japan anerkennt. In halb- rivilisirten Ländern, die keine geordnete unparteiische Rechtspflege besitzen, behalten sich die civilisirten Nationen die Erledigung von Rechtsfragen ihrer Staatsangehörigen für ihre konsularischen Vertreter vor. Für eine zu hoher Kultur aufstrebende Station ist es von großem Werthe, anerkannt zu sehen, daß ihre eigene Rechtspflege eine fremde Gerichtsbarkeit auf ihrem Boden unuöthig macht. Gegenüber Japan, das seit lange an der Reform seiner bürgerlichen und Strafgesetze und seiner Gerichte unter dem Beistände europäischer Berather gearbeitet hat, ist bereits von andern Staaten, wie England, auf die Konsulargerichtsbarkeit grundsätzlich verzichtet worden. Deutschland konnte also schon darum an seiner Konsulargerichtsbarkeit nicht unbedingt sesihalten. Es ist aber gelungen, bestimmte Vorbehalte, namentlich im Personenrechte und der freiwilligen Gerichtsbarkeit zu Gunsten der Regelung durch die Konsularbehörde festzusetzen. Als Termin für die Ausdehnung der japanischen Gerichtsbarkeit ist das Jahr 1899 in Aussicht genommen. Bedingung dabei ist, daß die neuen japanischen Justizgesetze vorher mindestens ein Jahr in Krast sind. Ein neues Strafgesetzbuch, eine Strasproceßordnung, eine Civilprozeßordnung w. sind schon in Gültigkeit, ein bürgerliches Gesetzbuch ist soeben vom japanischen Parlament angenommen worden. Bei der Ausarbeitung dieses Gesetzbuches haben die wichtigsten deutschen Rechtsgrundsätze zum Vorbild gedient.
Der Vertrag, der also den deutschen Tarif unberührt läßt und gegen den Verzicht auf ein für die Dauer kaum haltbares Recht erhebliche wirth- schaftliche Vortheile für Deutschland sichert, darf wohl allgemeine Zustimmung finden.
Depeschen-Bureau „Herold".
6. April, abends 9 Uhr:
Berlin, 5. April. Der Oberhofmarschall Fhr. von Stein hat dem Fürsten Bismarck eine kunstvoll geschnitzte Thüringer Truhe übersandt, welche alle großen Zeitungen der Erde enthält, die Festberichte vom 80. Geburtstage des Fürsten Bismarck gebracht haben. Die Sammlung enthält 760 Zeitungen in 43 verschiedenen lebenden Sprachen. — Die vor kurzem durch die Zeitungen gegangene Meldung, der Reichstagsabgeordnete von Levetzow habe sein Reichstagsmandat niederlegen wollen, wird dementirt. Herr von Levetzow hat auf seinem Landgute Gossow dauernden Aufenthalt genommen, um dasselbe zu bewirthschaften. — Von Dr. Fritz Friedmann aus Bordeaux eingetroffene Nachrichten besagen, daß derselbe darauf rechne, nicht von den französischen Behörden ausgeliefert zu werden. Er bereite sich zur Uebcrfahrt nach Amerika vor. — Nus Görlitz wird berichtet, daß der Kaiser in der Zeit vom 6. — 12. September dort Aufenthalt nehmen wird. Möglicherweise wird auch die Kaiserin zu derselben Zeit dorthin kommen.
Wien, 6. April. Die 75 Jahre alte Gräfin Alberti bi Poja wurde in ihrem Schlafzimmer von der Dienerschaft verbrannt anfgefuuden. Anscheinend ist die Gräfin unvorsichtig mit dem Licht umgegangen.
Wien, 6. April. Ein Kommis Namens Nowak wollte während des Mittagessens seinen Eltern einen Revolver zeigen, welchen er gekauft hatte. Hierbei entlud sich derselbe und die Kugel drang der Mutter in das rechte Auge.
Wien, 6. April. Nachdem gestern den ganzen Tag ein eiskalter Wind über Wien gebraust, stellte sich abends heftiger Schneefall ein, welcher die ganze Nacht anhielt. Wien und Umgegend bietet das Bild einer Winterlandschaft. Die Dächer, Gärten und umliegenden Berge sind mit einer dichten Schneedecke bedeckt. Die Temperatur ist fortgesetzt sehr
Prag, 6. April. Gestern wurde der sozialistische Parteitag eröffnet. Erschienen waren ungefähr 150 Delegirte. Die Sitzung wurde von Schrammel-Wien mit einer Ansprache eröffnet, in welcher er betonte, die Partei werde zeigen, daß sie für konventionell-nationale Fragen kein ; Inter!sie habe, vielmehr mit eins anstrebe, nämlich die Befreiung aus kapitalistischen Händen. Darauf wurde zunächst der Parteibericht erstattet, aus dun hcrvsrgeht, daß die Partei über 65 politische und gewerkschaftliche Blätter mit einer Gesammtauflage von 229,000 Exemplaren verfügt. Dann sprachen mehrere Redner über den Stand der tschechischen und italienischen Arbeiterbewegung. Ein Antrag, dem deutschen Reichstagsabgeordneten Liebknecht zu dessen 70. Geburts age die Glückwünsche des Parteitages zu übermitteln, wurde angenommen.
Budapest, 6. April. Die Regierung ist dem Vernehmen nach entschlossen, falls Dr. Lueger nach Budapest kommen sollte, diesen als politischen Agitator zu behandeln und sofort mittelst g< bundener Marschroute über die ungarische Grenze bringen zu lassen.
Antwerpen, 6. April. Gestern explodirte aus der Schelde der Dampfkessel des Schleppdampfeis Birgine. Vier Personen wurden ge- tödtet. Infolge der Heftigkeit der Explosion wurde ein anderes Schiff umgeworfen, wobei acht Insassen ertranken.
Brüssel, 6. April. Die „Jndcpendance belge" veröffentlicht einen Brief des bekannten französischen Schriftstellers PZssy, des Präsidenten der französischen Friedensgesellschaft, über die politische Lage in Europa. In demselben fordert Passy alle Blätter und politischen Männer auf, alle Kräfte einzusetzen, um einen bei der heutigen politischen Lage zu befürchtenden Krieg zu verhindern. Das zivilisirte Europa dürfte nicht abermals durch die Ungeschicklichkeit einiger Diplomaten in ein Blutbad verwandelt werden.
Hanan, 4. April. (Lebensmittelpreise.) Hülsenfrüchte: Bohnen 35—40 Pfg., Erbsen 35—40 Pfg., Linsen 40—46 Pfg. das Doppeltster; Geflügel: Tauben, das Pärchen 1—1,20 Mk.; eix alter Hahn 1—1,80 Mk.; ein junger Hahn 1,10—1,80 Mk.; ein Huhn 1,80—2,50 Mk.; Fische: gewöhnliche Sorte 25—30 Pfg., bessere Sorten 40-50 Pfg., Aal 1 Mk., Hecht 1,20 Mk., Bresem 60 Pfg , Barben 60—70 Pfg., Barsch 60 Pfg. — Va kg; Gemüse: Merrettig, die Stange 15—20 Pfg.; Spargel, das Pfund 2,50 Mk.; Blumenkohl das Stück 30 bis 40 Pfg.; Kopfsalat, das Stück 15—18 Pfg.; Rettig, das Stück 20 Pfg.; Ober-Kohlrabi, das Stück 2—3 Pfg.; Unter-Kohlrabi, das Stück 10—15 Pfg. ; Weißkraut, das Stück 20—30 Pfg.; Rothkraut, das Stück 20—30 Pfg.; Sellerie, das Stück 10—20 Pfg.; Gurken, das Stück 80 Pfg.; gelbe Rüben, die Portion 25 Pfg.; Braunkohl, die Portion 20—30 Pfg.; Rosenkohl, die Portion 40 Pfg.; Schwarzwurzel, die Portion 25—30 Pfg.; Spinat, die Portion 40—50 Pfg.: Lattig, die Portion 20 Pfg.; Schmalzkraut, die Portion 15—20 Pfg.; Kartoffel 10—12 Pfg. das Doppelliter ; Obst: Aepfel, 4 Stück 15 Pfg.; Birnen, 4 Stück 12 Pfg.; Zitronen, das Stück 8—10 Psg.; Apfelsinen, das Stück 8—10 Pfg.; Verschiedenes: Butter das Pfund 1,20—1,40 Mk.; Käse, das Stück 4—5 Psg.; Eier, das Stück 6—7 Pfg.; Gänsceier, das Stück 12—14 Pfg.; Zwiebel, das Doppelliter 18 Pfg.; Welschkorn, das Doppelliter 26—27 Pfg.; Radieschen, das Bündel 3 Psg.; Weizenmehl, 1. Sorte 19 Psg., 2. Sorte 17 Pfg., 3. Sorte 15 Pfg., 4. Sorte 13 Pfg. — Vi kg.; Stroh 1,90 Mk. und Heu 3 Mk. — 50 kg.J
Schiffsberichte.
Bremen, 1. April. Der Dampfer des Norddeutschen Lloyd „Gera" ist gestern in Port Said eingetroffen.
Hamburg, 2. April. Der Postdampfer „Slavonia" von der Hamburg - Amerikanischen Packetfahrt - Aktiengesellschaft ist von Hamburg vorgestern in St. Thomas eingetroffen.
Triest, 1. April. Der Lloyddampfer „Semiramis" ist gestern hier eingetrofferr.
New-Uork, 2. April. Der Postdampfer „Noordland" »o« der „Red Star Linie" ist von Antwerpen gestern wohlbehalten hier angekommen.
Wetterbericht des „Hanauer Anzeiger vom b. April.
Nach Beobachtungen des hies. Berschönenmgs-Verems am Wetterhäuschen am kaiserl. Postgcbaude.
Barometer: morgens 760, mittags 760, abends 760.
Thermometer: morgens + 4° C., mittags + 9 C., abends - •
1Ö PSäS LAW ST &«r; wenn sich diese Zeigcrstclluug wiederholt: Bewölkung; fallt das Barometer stark: Gewitter; bei Windstille: Nebel.
Der Zeiger am Fuß des Wcttertelegraphen gibt den Stand von etwa 8 Uhr
morgens an.