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Nr. 1L
Dienstag den 14. Januar
1896.
Hierzu „Amtliche Beilage" Nr. 5/
Dicnstnachrichtcn aus dem Kreise.
Verloren: Ein Kindergummischuh. Ein goldnes Armband mit rothem Stein. Eine Brieflasche mit Briefen und Militärpapieren. Ein Portemonnaie mit 10—12 Mk. Ein Portemonnaie mit einem Fahrbillet von Franlfurt bis Hanau und zurück.
Zugeflogen: Zwei silbergraue Tauben, eine mit rothem Bändchen am Bein.
Gefunden: .Ein Krankenkasfenbuch für Peter Mohn, Maurer zu Langenselbold.
Hanau am 14. Januar 1896.
® Unsere Flotte.
Die englische Aufregung wegen des Telegramms unseres Kaisers an den Präsidenten des Transvaalstaates stellt die deutsche Nation wieder einmal vor die Frage, ob die maritime Wehrkraft unseres Vaterlandes ausreicht, um die wichtigen Interessen des deutschen Handels und der deutschen Kolonien bei einem Kriege mit einer Seemacht sicher zu stellen. Ist auch für den Augenblick an keine kriegerische Verwicklung mit England zu denken, so kann doch einmal ganz unerwartet die Nothwendigkeit einer wirksamen Vertheidigung unserer überseeischen Interessen an uns herantreten. Sind wir dazu im Stande? Wie würde sich die Sache z. B. stellen, wenn die Vereinigten Staaten von Amerika uns einmal aus irgend einem Grunde zu einer unabweislichen kriegerischen Auseinandersetzung drängten? Die Wahrscheinlichkeit, daß Deutschland in einem solchen Falle immer des Beistandes einer europäischen Seemacht sicher ist, dürfte nicht über jeden Zweifel gestellt sein. Steht aber die deutsche maritime Wehrkraft wirklich auf der Höhe ihrer Aufgabe, so daß das Reich allein seine Interessen als Großmacht angemessen wahrzunehmen vermag?
Die Sünden des Reichstags treten hier recht deutlich zu Tage. Für unsere Reichsvertreter ist es stets ein unantastbares Dogma gewesen, daß die deutsche Flotte nur zur Vertheidigung unserer Seestädte und Küsten dienen soll. Ihrem Range nach steht sie daher hinter den meisten europäischen Staaten zurück. Sie enthält ein vorzügliches Material, tüchtige Offiziere und wohldisziplinirte Matrosen. Aber über ihre engste Aufgabe der Küstenvertheidigung reicht sic in einem Seekriege nicht hinaus. Es ist einfach ausgeschlossen, daß Deutschland in solchem Falle auch nur die Europa bespülenden Meere beherrschte. Der ganze deutsche überseeische Handel würde bedingungslos dem Ruin preisgegeben sein, sobald wir mit Staaten zu kämpfen hätten, welche das private Eigenthum auf hoher See nicht respektiren.
Andere Staaten haben sich besondere Kreuzerflotten zugelcgt, die nur zum Schutze des eigenen und zur Schädigung des fremden Handels bestimmt sind. Deutschland verfügt nur über wenige Schiffe, welche den gleichen Zwecken dienen könnten. Andere Staaten haben sich in der Handelsmarine vorzügliche Rcservestreitkräfte für den Kreuzerdienst geschaffen. Rußland zum Beispiel verwendet schon im Frieden große Summen auf die Unterhaltung einer freiwilligen Kreuzer flotte. Die Schiffe derselben führen im Frieden die Handelsflagge und leisten Dienste, wie gewöhnliche Handelsdampfer. Aber sie unterstehen derselben Dienstordnung, wie die Schiffe der Kriegsmarine, haben mindestens zwei Marineoffiziere an Bord, eine entsprechende Geschützausrüstung und können beim Ausbruch eines Krieges ohne Weiteres als Kriegsschiffe zum Kreuzerdienst benutzt werden. England, Frankreich und Nordamerika subventioniren zu demselben Zweck einzelne Handelsdampfergesellschaften.
Und Deutschland? Es hat in dieser Hinsicht keine genügende Fürsorge getroffen. Wir bedürfen einer umfassenden Vermehrung unserer Schiffe. Dazu mahnt der Zwischenfall mit England dringend.
Tagesschau.
Berlin, 11. Januar. Der Kaiser hat dem Professor Röntgen, j Physiker an der Universität Würzburg, nach Berlin entboten, damit er ihm Vortrag halte über seine neueste großes Aufsehen erregende Erfindung. Nach dem Vortrage wurde Herrn Röntgen der Kronenorden 2. Klasse
Ueber den Lortrng, den, wie oben erwähnt, Prof. Röntgen am Montag vor Jdren Majestäten im Neuen Palais gehalten hat, berichtet man noch des Näheren: Professor Röntgen erschien nachmittags um 5 Uhr im Neuen Palais. Er wurde sofort vom Kaiser empfangen und der Kaiserin wie der Kaiserin Friedrich, welche dem Vortrage beizuwohnen wünschten, vorgestellt. Professor Röntgen leitete seinen Vortrag mit einer Erläuterung der Wellenbewegung ein, erklärte das Wesen der Geißlerschen und Crookesschèa Röhren uno ging dann zu seiner Entdeckung über, die er durch eine ganze Reihe von Experimenten veranschaulichte. Er ließ die „X-Strahlen" durch Holzbretter, hölzerne und Pappkästchen hinrurchgehen, i photographirte auch einige Gegenstände, begnügte sich aber, dazu nur leblose Gegenstände zu wählen, und nahm von einer photographischen Reproduktion menschlicher Theile Abstand. Das distinguirte Auditorium folgte mit großer Aufmerksamkeit dem Vortrage wie den Experimenten Professor Röntgens, und namentlich überraschte es die Demonstration, daß die „X-Strahlen" durch Wasser in gerader Linie ungebrochen hindurchgehen. Se. Maj. der Kaiser, der ein besonders lebhaftes Interesse für diese, noch nicht völlig in allen Theilen erforschte Entdeckung bekundete, lud Herrn Prof. Röntgen auch zur Abendtafel ein und blieb nachher noch mit ihm und anderen Gästen in reger Unterhaltung bis Mitternacht beisammen.
Ein angebliches Kaiserwort berichten verschiedene Zeitungen. Sie geben an, daß der Kaiser neulich zu einigen Herren seiner Umgebung, als die Rede auf die gestohlenen sogenannten „Hammersteinbriefe" gekommen sei, gesagt habe: „Darüber brauchen sich die Betroffenen keine grauen Haare wachsen zu lassen; was in Privatbriefen steht, geht mich gar nichts an."
Wie aus London berichtet wird, dauern dort die deutschfeindlichen Kundgebungen fort, besonders in den Tonhallen, wo jede gehässige Anspielung auf Se. Maj. den Kaiser und Deutschland mit anhaltendem stürmischem Beifall begrüßt wird. In Dalys Theater trug am Sonnabend während der Vorstellung der Sänger Heyden-Coffin einen neuen patriotischen Gesang, betitelt: „Hands Off", vor, der eine überaus stürmische antideutsche Kundgebung veranlaßte. Der Name des Kaisers wurde verhöhnt und ausgezischt.
Washington, 12. Januar. Die Senatskommission für auswärtige Angelegenheiten entschied sich für strikte Betonung der Monroedoktrin seitens des Kongresses und ernannte eine Unterkommission, um in diesem Sinne Beschluß zu fassen.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 13. Januar.
Die erste Lesung des Margarinegesetzes wurde fortgesetzt. Abg. Weiß (freis. Dolksp.) führt aus, es handle sich bei dem Entwurf lediglich um eine Konzession der Regierung an die Agrarier, seine Partei stehe deshalb dem Gesetz im Wesentlichen ablehnend gegenüber. Man sollte es als ein Glück erachten, daß es der Wissenschaft gelungen sei, ein Volksnahrungsmittel von der Güte zu schaffen, wie es die Margarine fei.
Der preußische Landwirthschaftsminister Frhr. v. Hammerstein betont, allerdings müsse auch die Margarine als berechtigtes Nahrungsmittel anet sannt werden, und es sei nur nothwendig, die unreelle Konkurrenz der Margarine gegen die gute Butter zu verhindern; zu diesem Zweck müsse das Gesetz so angenommen werden, wie es vorliege. Das gehe aus dem Beispiel Dänemarks hervor, das ein ähnliches Gesetz habe. Dänemark habe uns in der Butterousfuhr nach England überflügelt, weil es die Gewähr übernehme, daß keine durch Margarine verfälschte Butter zur Ausfuhr komme. Unsere jetzige Gesetzgebung habe deshalb keine Wirkung gehabt, weil sie keine durchgreifende Kontrole ermögliche. Der vorliegende Entwurf könne demnach nur dann die erhoffte Wirksamkeit ausüben, wenn die erforderlichen Maßnahmen getroffen würden, um die Durchführung des Gesetzes zu sichern. Der Redner spricht sich ferner für Erhöhung des Zolles auf Oleomargarin und für das gänzliche Verbot des Margarinekäses aus.
Abg. Höff el (Reichsp.) tritt für die Vorlage ein, befürwortet jedoch noch eine Verschärfung der Kontrolmaßregeln,
Abg. Harm (sozd.) bemerkt, der Entwurf sei nur deshalb eingebracht worden, weil das Gesetz von 1887 die Erwartungen der Agrarier nicht erfüllt habe. Wenn es auch schlechte Margarine gebe, so dürfe man