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Die Malt. Zeile 20 ^r
Die 3ft>â Zelle 30 ^.
Nr. 49.
Mittwoch den 27. Februar.
1895.
Amtliches.
^anö&reis ^anau.
Bekanntmachungen des Königlichen Landrathsamtes.
Die Maul- und Klauenseuche in dem Gehöft des Michael Kremer in Großkrotzenburg ist erloschen und die angeordnete Gehöftsperre aufgehoben worden.
Hanau am 21. Februar 1895.
Der Königliche Landrath.
V. 1284 I. V.: Schneider, Kreisfekretär.
NR. Die überseeische Auswanderung Deutscher nimmt ab. Nach den neuesten von den Reichskommissaren für das Auswanderungswesen auf das Jahr 1894 veröffentlichten Berichten sind in dem genannten Jahre über deutsche Häfen nur insgesammt 33 566 Personen ausgewandert. Die weitaus größte Mehrzahl davon ist nach den Vereinigten Staaten von Amerika gegangen, nämlich 28 700. Im Jahre 1893 wanderten aus Deutschland noch über 70 000 Personen aus, davon nach Nordamerika nahezu 62 000. Der Auswandererstrom, welcher sich alljährlich von Deutschland nach den Vereinigten Staaten ergießt, hat demnach in einem Jahr einen Rückgang auf weniger als die Hälfte erfahren. Die Ursachen, welche hierbei maßgebend sind, sind bekannt. Es ist in erster Linie die wenig günstige wirthschaftliche Lage, wie sie in Nordamerika gegenwärtig vorherrschend ist. Infolge der niedergedrückten Geschäftslage ist der Arbeitsmangel jenseits des atlantischen Ozeans groß, und es wäre mehr als Leichtsinn, wenn jetzt Denlsche drüben in größerer Anzahl Arbeit suchen wollten. Es wird denn auch in den Berichten der Auswanderungskommissare festgestellt, daß die Rückwanderung aus Nordamerika immer größere Dimensionen annimmt. Neben der Gedrücktheit der wirthschaftlichen Lage kommt aber noch als Ursache der Abnahme der Auswanderung die von den Amerikanern getroffene Anordnung der Zurückweisung mittelloser Auswanderer in Betracht. Man sollte es nicht glauben, daß auch von Deutschland aus Leute ohne jeden Pfennig Geld in einem, fremden Welttheil, in Verhältnißen, die sie nicht kennen, unter Menschen, deren Lebensweise ihnen unbekannt ist, besser ihr Brod verdienen zu können glauben, als in der Heimath. Und doch ist es so. Im Jahre 1894 sind, wie der Bremer Auswanderungskommissar feststellt, 30 Personen, die aus Deutschland stammten, in den Vereinigten Staaten von Nordamerika nicht zugelassen worden. Während so die Auswanderung nach Nordamerika beträchtlich abgenommen hat, hebt sich die nach Südamerika. Es find im Jahre 1894 bereits über 2100 Personen nach den verschiedensten südamerikanischen Staaten ausgewandert. Hauptsächlich werden Brasilien und Argentinien bevorzugt. Nach Afrika, also hauptsächlich wohl^ in unsere Kolonien, wanderten 760 Personen aus. Ueber die Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit der Auswanderung für das Mutterland kann man verschiedener Ansicht sein. Es ist sicher, daß, wenn Leute, die Vermögen besitzen oder arbeitstüchtig und arbeitsfähig sind, die Heimath verlassen, dies für die letztere einen Verlust darstellt. Andererseits wird durch das Freiwerden von Arbeitsstellen sür die in der Heimath Verbliebenen die Arbeitsgelegenheit umfangreicher und insofern entsteht ein Vortheil für die Heimath. Ja, es kann die Auswanderung geradezu ein Zeichen überschüssiger Kraft sein. Indessen die Auswanderung, wie sie Jahr für Jahr von Deutschland namentlich nach Nordamerika vor sich ging, hatte nahezu einen krankhaften Zug angenommen. Und sie wurde für Deutschland um so unvorlheilhafter, weil die Deutschen in Nordamerika leider zum allergrößten Theile sehr bald ihr Deutschlhnm aufgeben. Insofern kann die Abnahme der Auswanderung nach Nordamerika freudig begrüßt werden. Und wie man über die. Aus- roanberung vom Standpunkte des Interesses des Mutterlandes auch urtheilen mag, darüber wird wohl Uebereinstimmung herrschen, daß wenn einmal ausgewandert wird, es dringend zu wünschen ist, daß der Aus- wanderungsstrom in Gegenden geleitet wird, wo die Auswanderer das Deutschlhnm bewahren. Auch unter diesem Gesichtspunkte wird die Abnahme dir Auswanderung nach Nordamerika als erfreulich bezeichnet werden können.
Tagesschau.
Berlin, 26. Februar.
Im Reichstage wurde heute die erste Berathung des Finanzgesetzes beendigt. Abg. Enneccerus (natl.) tritt für die Regelung des finanziellen Verhältnisses zwischen dem Reiche und den Einzelstaaten ein und betont, daß die Folgen der Tabaksteuer für die Produktion weit übertrieben würden. Sächsischer Finanzminister v. Watzdorf führt aus, daß auch die sorgsamste Finanzverwaltung die Unsicherheit der Finanzlage nicht beheben könne; das könne allein eine durchgreifende Finanzreform. Abg. Bebel (soz.) lehnt die Vorlage, deren Konsequenzen fortgesetzte Mehrforderungen wären, ab. Bayerischer Bevollmächtigter v. Stengel weist, gegen den Abg. Bebel pole- misirend, darauf hin, daß in Bayern der Lohnerwerb äußerst niedrig besteuert sei. Waimarischer Bevollmächtigter Heerwart bemerkt, daß sein Heimathland vor einem bedeutenden Defizit stände, wenn die Tabaksteuer nicht bewilligt würde. Abg. v. Kardorsf (Reichsp.) betont, daß in allen anderen Kulturländern das System der indirekten Steuern mehr ausgebildet sei als bei uns. Staatssekretär Gras Posadowsky wendet gegen die gestrigen Ausführungen des Abg. Richter ein, daß dieser vor anderthalb Jahren bei der Berathung der Militärvorlage die finanzielle Lage viel ungünstiger dargestellt habe, als jetzt. Abg. Rickert (freis. Ver.) erkennt an, daß die Finanzlage der kleinen Bundesstaaten sehr ungünstig sei, das wäre aber die Folge der Steuerpolitik seit 1879; die jetzige Vorlage werde die Lage keineswegs bessern. Abg. Hug (Ctr.) befürwortet die Vorlage, damit eine Festigung des Budgets der Einzelstaaten herbeigeführt werde. Nachdem die Abgg. Richter (freis. Volksp.), v. Frege (kons.) und Enneccerus (natl.) nochmals ihren Standpunkt dargelegt haben, wird die Vorlage der Tabaksteuerkommission überwiesen. Schließlich wird eine Reihe von Wahlprüfungen erledigt.
Nächste Sitzung Mittwoch 1 Uhr: Initiativanträge.
Im Abgeordnetenhaitse
wurde heute die zweite Lesung des K u l t u s e t a t s fortgesetzt. Beim Kapitel Seminare theilt Ministerialdirektor Kügler mit, daß die Regierung bestrebt sei, bestehende Härten bezüglich der Seminarhilfslehrer zu beseitigen. Nachdem eine Reihe von Einzelheiten erörtert worden, bringt der Abg. Dittrich (Centrum) wiederum Klagen über unparitätische Behandlung der Katholiken in Schulfragen vor und tritt für die konfessionelle Schule ein. Ministerialdirektor Kügler: Die Unterrichtsverwaltung mache von ihrem Recht, Zwangsmaßregeln auszuüben, nach Möglichkeit solchen Gemeinden gegenüber Gebrauch, welche sich weigerten, für konfessionelle Minderheiten besondere Schulen einzurichten. Ahg. Conrad (Centrum) tritt für polnischen Religionsunterricht in Oberschlesien ein. Der Kul tu sm ini st er hält ein solches Zugestânduiß angesichts der heutigen großpolnischen Agitation, die die Oberschlesier Preußen zu entfremden suche, für mehr denn je unmöglich. Abg. Stephan (Centrum): Die Ertheilung des Religionsunterrichts in der Muttersprache sei um so nothwendiger unter Verhältnissen, wo Vater und Mutter auf Arbeit gingen und deshalb auf die Kinder keinen erziehlichen Einfluß üben könnten. Andernfalls werde, wie ja schon die Strikes und Krawalle in Oberschlesien gezeigt hätten, der Sozialdemokratie der Boden bereitet. Der K u l t u s m i n i st e r will sich durch diese Gründe nicht überzeugen lassen. Es sei bedauerlich, daß auch manche Deutsche in Oberschlesien nach der falschen verlockenden Melodie tanzten, welche die großpolnische Agitation vorspiele. Wolle man die 30 Jahre konsequent durchgeführte Sprachen- und Schulpolitik fallen lassen, so hieße das die Leute mit Gewalt den großpolnischen Bestrebungen überliefern. Was die soziale Gefahr beträfe, so trieben Blätter wie der polnische „Katholik" erst recht eine gefährliche Agitation. Abg. Sattler (natl.); Polnischer Religionsunterricht sei in Oberschlesien um so weniger am Platze, als dort nicht Hochpolnisch, sondern Wasserpolnisch gesprochen werde. Der Staat habe die Pflicht, in seinen Schulen das Deutschthum zu fördern und nicht zur Stärkung fremder Nationalitäten beizutragen. Abg. Porsch (Centrum) tritt für Abschaffung der Simultanschulen ein, soweit sie noch bestünden, und vertritt das Bedürfniß nach polnischem Religionsunterricht in Oberschlesien; die