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Nr. 45.

Amtliches.

^artö&retö ^anau.

Bekanntmachungen des Königlichen Landrathsamtes.

Zu Anfang des neuen Schuljahres sollen an der evang. Schule zu Langenselbold drei neue Lehrerstellen besetzt werden.

Das Dienst-(Mindest-)Einkommen beträgt für einen definitiv ange­stellten Lehrer bei freier Wohnung oder 300 Mark Miethsentschädigung 1000 Mark und steigt nach Maßgabe des Dienstalters von 5 zu 5 Jahren um je 100 Mark bis zum Höchstbetrage von 1500 Mark (aus­schließlich staatlicher Alterszulage).

Bewerbungsgesuche sind unter Beisügung der erforderlichen Zeugnisse binnen 3 Wochen dem Königl. Lokalschulinspektor Pfarrer Hufnagel in Langenselbold einzureichen.

Hanau am 20. Februar 1895.

Der Königliche Landrath

V. 1245 v. Oertzen.

Freitag den 22. Februar.

Die Vertretung des Trichinenbeschauers Heinrich Martin Gärtner zu Marköbel übernimmt in Verhinderungsfällen bis aus Weiteres der Trichinenbeschauer Simon Haas zu Rüdigheim.

Hanau am 16. Februar 1895.

Der Königliche Landrath

V. 1150 v. Oertz en.

Für unsere Flotte.

Es gibt immer noch Politiker, die meinen, es sei genug, wenn die deutsche Kriegsflotte zum Schutze unserer heimischen Küsten gegen feindliche Landungen und Einfälle ausreiche; was mehr für sie geschehe, sei Luxus. Das ist eine kurzsichtige Anschauung, bei der die praktischen Aufgaben der Marine in überseeischen Gebiete« übersehen werden. Die letzte Zeit hat wieder eine Reihe von Beispielen dafür geliefert, wie nothwendig der Aus­bau unserer Flotte zur Wahrung deutscher Interessen im Auslande ist.

Zu Beginn des japanisch-chinesischen Krieges war Deutschland in den ostasiatischen Gewässern nur mit zwei kleinen Schiffen vertreten. Unter dem fremden Element in China, dessen Leben und Gut schwer bedroht war, nimmt das deutsche der Kopfzahl nach die zweite Stelle ein. Außer den drei Schiffen, die sich in Südamerika befanden, sollten zwei Kreuzer von Wilhelmshaven nach Ostasien sahren. In Peru wüthet eine Revolution; die Gesuche der dortigen Deutschen, zu ihrem Schutze die deutsche Flagge zu zeigen, mußten ivegen der Entblößung der südamerikanischen Station von Schissen unberücksichtigt bleiben. Die beiden nach Oftasien bestimmten Kreuzer der Nordseestation, Irene und Kormoran, konnten wegen anderer dringender Ausgaben nicht sofort ans Ziel gelangen. Die Irene mußte den Umweg über Marokko machen, weil dort ein Deutscher ermordet wor­den war, und weil gegenüber von Staaten wie Marokko nichts ohne das Zeigen der bewaffneten Macht zu erreichen ist. Das andere Schiff, der Kormoran, mußte seine Fahrt unterbrechen, um in der Delagoabai dafür sorgen zu helfen, daß die kapländischen Zettelungen gegen die Delagoabahn und das Transvaal vereitelt werden.

Bei den Verhandlungen im Reichstage über Beschwerden von Deut­schen in Zentralamerika wurde von dem Staatssekretär Freiherrn v. Mar­schall hervorgehoben, daß seit reichlich zehn Jahren die deutsche Flagge in Zentralamerika nicht gezeigt worden ist, weil keine Schiffe zur Verfügung standen. In den halb zivilisirten Republiken dieser Gegend sind die Zu­stände sehr" unsicher; Putsche, Bürgerkriege, Streifzüge ins Nachbargebiet lösen einander ab. Man kann sich denken, wie schwer bei den Macht­habern diplomatisch etwas gegen Verletzungen fremder Staatsangehörigen durchzusctzcn ist, wenn nicht von Zeit zu Zeit durch das Erscheinen eines Kriegsschiffes den dortigen Tageshelden richtige Begriffe beigebracht werden.

Endlich hat sich die Unzulänglichkeit der Zahl unserer Kriegsschiffe erst jüngst noch drastisch in der Nachricht offenbart, daß das einzige in Samoa stationirte Schiff trotz der dort drohenden Verwickelungen einen geschützten Hafen in Auckland aufsuchen mußte, weil es nach früheren trüben Erfahrungen zu schwach für Ort und Zeit der Südseestürme erscheint. Das englische Schiff dagegen besitzt genug Maschinenkräste, um vor Samoa auszuhalten. Daß dadurch das politische Ansehen Deutschlands in Samoa nicht gestärkt wird, ist klar.

1895.

Der Umstand also, daß in künftigen Kriegen Deutschlands die Haupt- entscheidung zu Lande fallen wird, kann uns über die Schwäche unserer Marine durchaus nicht trösten. Diese entspricht nicht der Stellung einer Nation, deren Handelsflotte die zweitgrößte der Welt ist und die in allen Erdtheilen, abgesehen von ihrem eigenen Kolonialbesitz, fortdauernd In­teressen ihrer Angehörigen zu schützen hat. Hoffentlich wird diese Ueber­zeugung die im Reichstage bevorstehenden Marincdebatteu beherrschen, so daß die Unterlassungssünden früherer Jahre bald gut gemacht werden.

Lagesschau.

Berlin, 21. Februar.

Im Reichstage begann heute die erste Lesung der T a b ak ste u e r vor l a g e. Staats­sekretär Graf P 0 s a d 0 w s k y : Es sei kein Zweifel, daß die Reichs­regierung zur Deckung der Kosten der Militärvorlage sowie des durch die Handelsverträge bedingten Ausfalls an Einnahmen neue Mittel fordern müsse, und daß die Forderung von 32 Millionen keineswegs überspannt sei. Eine Erhöhung der Einnahmen in dem Umfange, daß der Bedarf gedeckt werden könnte, sei nicht zu erwarten. Der Einführung einer Reichseinkommensteuer ständen schwerwiegende staatsrechtliche Bedenken ent­gegen, und bezüglich einer Reichserbschaftssteuer sei man wohl darüber einig, daß sie, solange wir kein einheitliches Erbrecht haben, nicht rathsam sei. Auch die Luxussteuern kämen im Allgemeinen nicht in Betracht; diese seien in der Theorie sehr schön, sobald sie aber zur praktischen Ausführung kämen, begegneten sie der allgemeinsten Abneigung. Nur zwei Luxus­artikel, Bier und Tabak, könnten hier in Erwägung gezogen werden. Von der Erhöhung der Biersteuer müsse aber mit Rücksicht auf Süddeutsch­land, dessen Matrikularbeiträge sich in diesem Falle noch erhöhen würden, Abstand genommen werden. Es bleibe daher nur der Tabak übrig, und zwar sei die Tabakfabrikatsteuer der einzig gangbare Weg. Die Behaup­tungen der Interessenten, daß ein großer Konsumrückgang sowie die Ent­lassung von 80 000 Arbeitern drohe, sei ungemein übertrieben. Solche Behauptungen wären nichts als eine unverantwortliche Verhetzung gegen die Vorlagen der verbündeten Regierungen. Wer sich bewußt sei, daß die Deckung des Bedarfs durch neue Mittel erforderlich und die Finanzreform für die Einzelstaaten von ungeheurer Bedeutung sei, werde dem Gesetz zu­stimmen. Die Reichsregierung sei bereit, über Einzelheiten mit sich reden zu lassen und den Wünschen des Hauses entgegenzukommen.

Abg. Müller-Fulda (Centrum); Bei der Berathung der Militär­vorlage sei gesagt worden, daß man die Lasten nicht auf die schwächeren Schultern abwälzen wolle, und dieser Gesichtspunkt sei bei der Beurtheilung der Vorlage in erster Reihe zu berücksichtigen. Sehr wichtig seien die wirthschaftlichen Bedenken; es sei zu befürchten, daß die Tabakfabrikat­steuer eine Schraube ohne Ende werde. Indessen seine, des Redners, Partei, wolle sich vorläufig nicht auf den rein ablehnenden Stand­punkt stellen, sondern die Vorlage einer Kommission zur genauen Prüfung überweisen.

Abg. C l e m m (natl.) steht der Vorlage sympathisch gegenüber, wünscht eine Erhöhung des Zolles auf unbearbeitete ausländische Tabak­blätter und tadelt die von den Tabakfabrikanten eingeleitete Agitation, in die jetzt auch die Arbeiter hineingezogen würden.

Abg. Frese (fr. Ver.) hofft, daß die Vorlage doch noch abgelehnt und das Vaterland dadurch vor großem Schaden bewahrt werde; er be­fürchtet einen starken Rückgang des Konsums, besonders der Cigarren, und erklärt sich gegen einen höheren Zollschutz für Tabak; die Steuer auf aus­ländischen Tabak solle nur eine Gewichtssteuer sein. Bei dem voraussicht­lichen Rückgang des Konsums sei statt des veranschlagten Ertrages von 32 Millionen höchstens ein solcher von 20 Millionen zu erwarten.

Abg. Graf v. H 0 l n st e i n (kons.) führt aus, daß der größte Theil seiner politischen Freunde der Vorlage freundlich gegenübcrstehe; bezüglich einzelner Punkte seien allerdings Bedenken zu erheben, es werde sich aber darüber in der Kommission eine Verständigung erzielen lassen.

Abg. Förster-Reuß (Soz.) hält die Vorlage mit Rücksicht auf die Lage der Tabakindustrie und auf die sozialpolitischen Konsequenzen der Steuererhöhung für unannehmbar, denn Taufende von kleinen Existenzen würden durch sie vernichtet werden. Die Ueberweisung der Vorlage an eine Kommission sei nicht nothwendig, da es nicht möglich sei, daraus et­was Brauchbares zu machen.