Äbg. Möller (natl.) hält eine weitere Beschränkung der Arbeitszeit nur für eine lokale Möglichkeit.
Nächste Sitzung morgen I Uhr: Tabaksteucrvorlage.
Berlin, 20. Februar. Der Kaiser hat aus Anlaß des Ablebens des Erzherzogs Albrecht von Oesterreich folgenden Armeebefehl erlasfen: „Mein Heer hat mit mir einen neuen schweren Verlust zu beklagen. Aus der Lahl der Generalfeldmarschälle ist zu meinem großen Schmerze durch Tod mein treuer Freund, der Erzherzog Albrecht von Oesterreich, K. K. Hoheit, Chef des Grenadierregiments König Friedrich Wilhelm I. (3. ostpreußisches), geschieden. Mit ihm ist ein ruhmreicher, auf vielen Schlachtfeldern erprobter Führer und Held, ein leuchtendes Vorbild aller soldatischen Tugenden, ein treuer Pfleger der Waffenbrüderschaft zwischen der österreichisch-ungarischen und meiner Armee dahingegangen, den wir mit Stolz zu den unsrigen zählen dürfen. Um das Andenken an den Verewigten zu ehren, bestimme ich hierdurch, daß sämmtliche Offiziere der Armee drei Tage, die Offiziere des vorgenannten Regiments, dessen Chef der Generalfeldmarschall 36 Jahre lang gewesen ist, acht Tage hindurch einen Trauerflor um den linken Unterarm anlegen. Außerdem hat eine Abordnung des Regiments, bestehend aus dem Kommandeur, einem Stabsoffizier, einem Hauptmann und einem Lieutenant, an den Beisetzungsscier- lichkeiten theilzunehmen.
Berlin, 20. Februar. Das Staatsministerium trat heute Nachmittag 2 Uhr im Reichstagsgebäude zu einer Sitzung zusammen.
Berlin, 20. Februar. In der Umsturzkommission des Reichstags wurde heute die Berathung des § 126 fortgesetzt. Nach der bisherigen Fassung des Strafgesetzbuches wird mit Gefängniß bis zu 1 Jahr bestraft wer duich Androhung eines gemeingefährlichen Verbrechens den öffentlichen Frieden stört. In der Novelle wird die Verschärfung des Paragraphen durch Fortlaffung des Wortes „gemeingefährlichen" und Anfügung eines zweiten Absatzes, welcher lautet: „Hat der Thäter in der Absicht gehandelt auf den gewaltsamen Umsturz der bestehenden Staatsordnung hinzuwirken oder derartige anderweite Bestrebungen zu fördern, so tritt' Zuchthausstrafe bis zu 5 Jahren ein, auch kann auf Zulässigkeit von Polizeiaufsicht erkannt werden." Dieser zweite Absatz wurde ebenso wie zwei Derbcsserungsanträge abgelehnt und Absatz 1 in der Form wie ihn die Regierung vorschlägt, angenommen.
Berlin, 20. Februar. Der „Reichsanzeiger" schreibt zu der Meldung der „Schlesischen Zeitung", daß die vom Handelsminister dem Staatsministerium vorgelegten Vorarbeiten, die Regelung der Korporationsrechte der Berufsvereine betreffend, im Staatsministerium einer allgemeinen Besprechung unterzogen wurden. Eine Besprechung habe noch nicht stattgesunden.
Berlin, 20. Februar. Der „Reichsanzeiger" meldet, daß dem Oberhof- und Hausmarschall, Grafen Eulenburg, für seine Person fortan bei Hofe der Rang unmittelbar nach den Staatsministern verliehen wurde.
Berlin, 20. Februar. Der „Reichsanzeiger" schreibt: In letzter Zeit ist mehrfach die Nachricht durch die Presse gegangen, es werde seitens der Heeresverwaltung die Anlage einer Armee-Konservenfabrik im Osten des Reiches geplant. Diese Nachricht entbehrt der Begründung. Auch die Annahme, daß die Heeresverwaltung noch alljährlich Konserven aus dem Auslande beziehe, ist nicht zutreffend; derartige Bezüge fänden seit Jahren nicht mehr statt. Es wird vielmehr der gefammte Bedarf des preußischen Heeres an Konserven in den eigenen Fabriken hergestellt.
Berlin, 20. Februar. Der Auditeur Heinrich, der die Untersuchung gegen den Zeremonienmeister v. Kotze leitet, ist schwer erkrankt. Der Zusammentritt des Kriegsgerichts ist deshalb der „Kreuzztg." zufolge verschoben worden.
Berlin, 20. Febr. Das „Berliner Tageblatt" meldet: Nachdem die Königin von England auf der Rückreise Darmstadt besucht hat, wird eine große Familienzusammenkunft stattfinden, an der auch der deutsche Kaiser theilnehmen wird. Sodann wird sich die Königin nach Kronberg zur Kaiserin Friedrich begeben.
Berlin, 20. Febr. Wie der „Vorwärts" mittheilt, hat die Kommission der Tabakarbeiter in Berlin alle Gründe gegen die Tabaksteuervorlage in einer Eingabe an den Reichstag zusammengefaßt. Die Eingabe wird heute den Mitgliedern des Reichstages zugehen.
Wien, 20. Febr. Das „Extrablatt" meldet aus Brüssel, daß bei dem Maskenballe in Redoutcnsaale zu Dunkerque Feuer ausgebrochen sei. Sieben Tänzerinnen erhielte schwere Brandwunden, drei Personen sind todt, 30 infolge der Panik verletzt.
Wien, 20. Febr. Die von den Sozialisten für gestern Abend in verschiedenen Bezirken einberufenen Versammlungen, welche sich mit der Wahlreform beschäftigen sollten, verliefen ohne Störung, trotzdem die Redner scharfe Ausfälle gegen die Regierung machten und für Arbeiterdemonstrationen vor dem Parlamentsgebäude plaidirten, um die Regierung zur Bewilligung des allgemeinen Wahlrechts zu zwingen.
Budapest, 20. Febr. Die Gräfin Karoli wurde in der vergangenen Nacht von einem unbekannten Räuber in ihrem Schlafzimme überfallen. Der Gräfin wurden Ohrgehänge im Werthe von 3000 Gulden und ein großer Geldbetrag geraubt. Sodann wurde der Räuber durch eine herbeigeeilte Kammerzofe verscheucht.
Charleroi, 20. Febr. Die Lage der Glasindustrie wird immer kritischer, da der amerikanische Markt für die hiesige Industrie vollständig
verschlossen ist. Alle Fabriken sind mit ungeheuren Vorräthen versehen. Tausend Arbeiter sind bereits brotlos, da mehrere Werke geschlossen sind und andere noch nachfolgen werden. Die Herabsetzung der Löhne hat unter der Bevölkerung eine gewisse Agitation hervorgerufen. In den nächsten Tagen soll von dem Komitee der Glasarbeitervereine ein Referendum über die Frage eines allgemeinen Ausstandes verfaßt werden. Alle Arbeiter, welche an dem Votum nicht theilnehmen, sollen boykottirt werden. Am nächsten Sonntag wird das Resultat des Referendums bekannt gegeben und der allgemeine Ausstand wahrscheinlich am 15. März beginnen.
Madrid, 20. Febr. Die marokkanische Gesandtschaft wird voraussichtlich Madrid am Möntag verlaffen. Dieselbe hat die Hinausschiebung des Planes, ein Konsulat in Fez zu errichten, sowie eine definitive Grenz- regulirung in Bezug auf das Gebiet Melilla verlangt. Die Gesandtschaft hat versprochen, daß die marokkanische Regierung die rückständige Kriegsentschädigung vollständig zahlen werde.
Aus Stadt, Provinz und Umgegend.
(Kleinere den Thatsachen entsprechende Mittheilungen über Vorkommnisse in hiesiger Stadt und der Umgebung sind stets willkommen und werden entsprechend vergütet.)
-/- Stadttheater.
„Maria Theresia und ihr Hof" oder „Gute Nacht, Hänschen".
Das lustige Hof- und Jntrigucnstück „Maria Theresia und ihr Hof" oder „Gute Nacht, Hänschen!", historisches Lustspiel von Arthur Müller, welches seit einer langen Reihe von Jahren hier vom Spielplan verschwunden, hatte sich Frau le Seur zu ihrem Benefiz- und Ehrenabend gewählt. Leider müssen wir auch heute betonen, daß der Besuch auch dieser Vorstellung lange nicht so war, wie es diese vortreffliche feinfühlige Künstlerin, die mit Ablauf der Saison von hier scheidet,wohlverdient hätte. Der Theaterbesuch läßt ja dieses Jahr überhaupt zu wünschen übrig und hat gegen die Vorjahre bedeutend nachgelassen; woran das liegt, wissen wir nicht. Aber eines Umstandes, der wohl geeignet scheint, die Theilnahme des Publikums für die Vorstellungen und damit auch für die Benefizabende der Darsteller abzuschwächen, wollen wir gedenken: cs ist dieses das ungenügende Memoriren der Darsteller und die dadurch bedingte Unsicherheit im Zusammenspiel der Vorstellungen. Wollen wir auch über die recht mangelhafte Aufführung des alten Birch-Pfeiffer'schen Stückes „Der Goldbauer" am letzten Sonntag infolge der durch Krankheit nöthig gewordenen Aenderung in der Besetzung größerer Partien hinwegsehen (nur der ganz vortrefflichen Leistung des Frl. Glasel als Vroni sei hier anerkennend gedacht), so trifft dieses doch für die gestrige Vorstellung nicht zu. Die Aufführung, das Zusammenspiel von gestern hatte wieder durch die Unsicherheit einiger Herren (die Damen machen hier ja eine rühmliche Ausnahme) ganz empfindlich zu leiden. Wir wollen uns für heute darauf beschränken, dieses im Allgemeinen zu konstatiren, werden aber Veranlassung nehmen, künftig die Herren, welche ihrer Rollen nicht mächtig sind, zu nennen. Denn es ist rücksichtslos gehandelt eincstheils dem Publikum gegenüber, das das Interesse an den Vorstellungen verliert, anderntheils auch gegenüber den übrigen Mitwirkenden, die sich in der rechten Gestaltung ihrer Partien gehindert sehen. Auch müßten die Darsteller eine Ehre darin suchen, wo der erste Leiter dem Institut entrissen wurde, durch doppelten Fleiß ihrer Pflicht Genüge zu leisten. Die Einzelleistungen von gestern boten, wie bemerkt, neben Ungenügendem auch recht Gutes, so besonders Frau le Seur, die als Kaiserin Maria Theresia ihre ganze vornehme Darstelhungsweise und ihr feines Charakterisirungstalent verwerthen konnte. Zahlreiche Blumen- und Kranzspenden und lebhafter Beifall bewiesen der Darstellerin die Anerkennung des Publikums. Frl. Bra nd 0 w als „Maria" verwittwete Gräfin Colloredo leistete in der humorvollen Gestaltung ihrer Partie auch ganz vorzügliches. Beide Damen, die doch stets in größeren Aufgaben beschäftigt, sollten den betreffenden Herren als Muster gelten. Unter den übrigen Darstellern wollen wir noch des Herrn Weil als Pater Häsler gedenken, der den schlauen Jesuiten, den außerordentlichen Gesandten des Papstes am Wiener Hof, treffend charakterisirte.
* Orbensunlegung. Dem Kammerherrn von Strahl, Hofmarschall Seiner Königlichen Hoheit des Landgrafen von Hessen, ist die Erlaubniß zur Anlegung des ihm verliehenen Kaiserlich russischen St. Stanislaus-Ordens erster Klasse ertheilt worden.
* Prüfungen. Die diesjährige Aufnahmeprüfung in dem Kgl. Schullehrerseminar in Schlüchtern ist auf den 27. Sept. d. I. angesetzt. Die Entlassungsprüfung daselbst findet am 25. Sept, statt.
* Pfarrstelle. Infolge Versetzung ihres seitherigen Inhabers ist die reformirte Psarrstelle in Gemünden, Klasse Frankenberg, zur Erledigung gekommen.
* Bismarcks 80» Geburtstag in Frankfurt a. M. In Frankfurt veranstalten die nat.-lib. Freunde Bismarcks zu dessen 80. Geburtstag zwei großartige Festabende im Saalbau, und zwar am Samstag den 23. und Samstag den 30. März. Der erste Abend wird von der Nat.-lib. Vereinigung Nordwest veranlaßt und schließt ein Festkonzert vom höchsten musikalischen Werthe ein; es wird ausgeführt vom vollständigen und verstärkten Karlsruher Hoforchester unter Felix Mottls genialer Leitung, sowie unter Mitwirkung der Großherzoglich Badischen Hofopernsängerin Frau Mottl-Standhartner und des Badischen Kammersängers
21. Februar 1895.