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Nr. 28.
Samstag den 2. Februar.
1895.
Zur letzten Rede des Reichskanzlers.
Die letzte Rede des Fürsten zu Hohenlohe im preußischen Abgeordnetenhause, aus der sowohl der Reichskanzler, als auch der Ministerpräsi- deut sprach, war durch die von einem Theile der Presse fortgesetzt verbreiteten Krisengerüchte veranlaßt worden. Diese Gerüchte hatten sich in den verschiedensten Kombinationen auf einige preußische Minister, zwei Staatssekretäre und unter den acht Botschaftern des Deutschen Reichs auf nicht weniger als sechs erstreckt. Eine solche Fülle der Gerüchte, die nur Ausgeburten der Phantasie sein konnten, erklärte der Fürst mit feinem Humor hauptsächlich aus den mancherlei Beziehungen, welche zwischen unbeschäftigten Staatsmännern oder solchen Politikern, die sich für Staatsmänner halten, und diensteifrigen Journalisten bestehen.
Er konnte sich dabei auf seine eigenen früheren Erfahrungen als Botschafter und als Statthalter berufen, als ihm oft genug ohne jeden Grund, es sei denn den, seinen Posten für einen anderen frei zu machen, Amtsmüdigkeit nachgesagt worden war. Wie thörichte Vermuthungen dabei ost vorgebracht werden, dafür ein neueres Beispiel: Unter den Diplomaten, die in die Krisengerüchte einbezogen wurden und durch deren Abberufung eine Lücke geschaffen werden sollte, befand sich auch unser Botschafter in Madrid v. Radowitz. Nachdem er kürzlich beim Ordensfestc einen hohen Orden erhalten hatte, konnte man in einzelnen Blättern lesen, das sei ein sicheres Zeichen, daß der Botschafter bald auf einen anderen noch wichtigeren Posten versetzt werde. Das Nächstliegende übersah man, nämlich daß doch wahrscheinlich die Auszeichnung den in Madrid geleisteten guten Diensten galt, insbesondere der Haltung, die der Botschafter gegen die spanische Verschleppungspolitik in der Handelsvertragsfrage eingenommen hatte.
Neben der betreffenden Kennzeichnung der Krisengerüchte und der daran angeschlossenen ernsten Mahnung, das Ansehen der Regierung nicht weiter durch solche Spekulationen auf leichtgläubige Leser zu gefährden, verdient noch eine andere Stelle in der letzten Rede des Fürsten Reichskanzlers besondere Beachtung. Wir meinen die Stelle, in der er sich gegen die Ausstreuung verwahrt, als nehme er nur eine „ornamentale" Stellung ein und als bilde sein Ministerium nur eine kurze Durchgangsperiode. Fürst zu Hohenlohe denkt — gewiß in Uebereinstimmung mit Seiner Majestät — nicht daran, nur ein Schattenkanzler sein zu wollen. Trotz feines Alters ist die körperliche Arbeitskraft und die Schärfe des Geistes bei ihm noch unvermindert; man weiß, daß er noch ein rüstiger Jäger und Bergsteiger sein kann. Sein Arbeitstag beginnt am frühen Morgen und ist ausgefüllt mit Empfängen, Vorträgen, Anweisungen, Ministerkonferenzen, und neben den Staatsgeschäften gewinnt er noch Zeit, auf festlichen Veranstaltungen, wie kürzlich auf dem Feste der Presfe, sich zu zeigen. Der Einwand, daß er noch nicht zu großen oratorischen Leistungen das Wort im Parlamente ergriffen, sondern sich nur aus kürzere Erklärungen beschränkt habe, will gar nichts sagen, da die Bedeutung eines Staatsmannes und besonders des Leiters der Staatspolitik in ganz anderen Eigenschaften als der, lange glänzende Reden zu halten besteht, z. B. eben in der Feinheit, mit der der Fürst nach seinem letzten Auftreten im Abgeordnetenhause das in der Presse betriebene Geschäft des Ministerstürzens durchschaut und abgewehrt hat.
Aus Stadt, Provinz und Umgegend.
-r. Das Technikum Mittweida, eine unter Staatsaufsicht stehende höhere Fachschule im Königreich Sachsen, verbunden mit dem neuerbauten elektrotechnischen Institute, zählte im 28. Schuljahre 1606 Besucher, welche die Abtheilungen für Maschincn-Jngenieure, Elektrotechniker, Werkmeister und Monteure des Maschinenbaues und der Elektrotechnik, Gewerbtreibenve und Elektromechaniker besuchten. Unter den Geburtsländern der Besucher bemerken wir beinahe sämmtliche Staaten Europas, sowie Länder der Erdtheile Asien, Amerika und Afrika.
Durch den Neubau des elektrotechnischen Institutes, welches eine größere Janl Hörsäle, Laboratorien, Sammlungs-, Werkstatt- und Maschinenräume enthält und mit allen erforderlichen Normal-Instrumenten, Meß - apparaten, Dynamomaschinen und Elektromotoren ausgestattet ist, ist es möglich geworden, den Unterricht in der Elektrotechnik erheblich zu er
weitern und den Bedürfnissen der Praxis vollständig anzupassen. Der Unterricht für das nächste Sommersemester beginnt am 18. April und der unentgeltliche Vorunterricht dazu bereits am 25. März 1895. Der Besuch des Vorunterrichtes dient als Vorbereitung auf den Unterricht im ersten Semester.
Nähere Auskunft über das Ziel und Wesen der verschiedenen Lehrpläne, die Ausbildung in der Elektrotechnik u. s. w. gibt das Programm, welches nebst Jahresbericht unentgeltlich von dem Sekretariat des Technikum Mittweida abgegeben wird.
Börsennachrichten.
N—r. Hanau, 1. Februar 1895.
Ereignisse von hervorragender Bedeutung in finanzieller Beziehung hatte die vergangene Woche nicht zu verzeichnen. Das Geschäft bewegte sich dem entsprechend in den gewohnten Bahnen und abgesehen von einigen Spezialitäten, für welche besondere Motive zur Geltung kamen, hat sich im Ganzen nicht viel geändert.
Von diesen Spezialitäten ist in erster Linie die Hessische Ludwigsbahn zu erwähnen. Der darmstädtische Minister hat in der Kammer die Verstaatlichung in einer Weise in Aussicht gestellt, welche für die Aktionäre wenig vortheilhaft sein würde. Nun liegen allerdings die Verhältnisse so verwickelt, daß es sicher nicht nach dem einseitigen Willen der hessischen Regierung wird gehen können, aber die Spekulation hat doch eine Warnung erhalten, die beachtet worden ist.
Gotthardbahnaktien waren matter auf die Störungen des Verkehrs durch Lawinen und Norddeutscher Lloyd auf das entsetzliche Unglück der „Elbe".
Wichtige Dinge bereiten sich in den Vereinigten Staaten vor. Eine Reform der schwer gefährdeten Währung des Landes ist dringend nöthig und führt vielleicht zur Ausnahme einer großen Anleihe. Diese könnte vielleicht dem bisher so überreichen europäischen Geldmarkt einen Theil seines Ueberflusses abzapfen und dadurch für die ganze Situation eine neue
Lage schaffen.
nnkfurter Kurse
am 24. Januar
am 31. Januar.
4e/o Preuß. Konsols
105.70
105.15
3 ’/2% „
104.80
104.80
3 % „
98.05
98.45
Oesterr. Goldrente
103.10
103.—
„ Kreditaktien
3383/s
3393/4
Ungar. Goldrente
102.20
102.95
5% Italiener Rente
86.50
87.30
3% Portugieser
25.50
25.70
Hess. Ludwigsbahnaktien
125.—
120.20
Gotthardbahnaktien
184.70
182.30
Diskonto-Comm.-Anth.
207.20
206.70
Laurahütte
123.30
121.80
Auszüge aus dem Amtsblatt Königlicher Regierung zu Cassel.
K i l i a n st ä d t e n. Im Wege der Zwangsvollstreckung sollen die im Grundbuche von Kilianstädten auf den Namen des Zimmermanns Konrad Ditzel 2r (Johann Konrads Sohn) und dessen Ehefrau, Elisabeth, geb. Gruner, in Kilianstädten eingetragenen, in der Gemarkung von Kilianstädten belegenen Grundstücke am 25. März 1895, nachmittags ^23 Uhr, vor dem Königlichen Amtsgericht zu Windecken — auf dem Rathhause in Kilianstädten — versteigert werden.
Schiffsbericht.
Der Hamburger Doppelschrauben-Schnelldampfer „Augusta Viktoria", von New Jork nach Genua bestimmt, ist am 30. Januar, 7 Uhr morgens, in Madeira angekommen.