Depeschrn-Vnreau „Herold".
5. Januar, abends 9 Uhr:
BochttM, 5. Januar. Gestern Abend gegen 7 Uhr fand zu Ehren des von der Direktion des Bochumer Vereins zurücktretenden Herrn Geh. Kommerzienraths Baare ein großer Fackelzug statt, an welchem sich etwa 2000 Arbeiter des Bochumer Vereins, Vereine und 6 Musikkorps bethen ligten. Die Alleestraße, an welcher die Baare'sche Villa liegt, war mit Fahnen, Guirlanden und Lampions geschmückt.
Brüssel, 5. Januar. Die von einem hiesigen Blatte angekündigte Gesetzesvorlage, betr. die Uebernahme des Kongogebictes durch den belgischen Staat, ruft unter der kongofeindlichen Presse, besonders unter den progressi- stischcn und sozialistischen Blättern große Entrüstung hervor. Man wirft der Regierung vor, die Privatgeschäfte des Königs und nicht die Interessen des Landes im Auge zu haben. Belgien werde den-Schwankungen in den Geschäften des Kongostaates folgen, weil durch dieselben die Unabhängigkeit des Landes gefährdet sei; das Land stürze sich in schwere Militär- lasten durch die Afrika-Expedition, die Anschaffung einer Flotte und eines Budgets für die Kolonien re. Die offiziöse Presse enthält sich dagegen einer Besprechung, weil sie noch nicht an die Nachricht glaubt.
Brüssel, 5. Januar. Gerüchtweise verlautet, daß die Regierung am Dienstag in der Kammer zwei Gesetzentwürfe einbringen wird, betreffs Annexion des Kongostaatcs und den Rückkauf der im Bau begriffenen Kongoeisenbahn.
Paris, 5. Januar. Die Vorbereitungen zur Expedition nach Madagaskar werden eifrig betrieben. Die Küsten der Inseln werden scharf überwacht, um eine Waffeneinfuhr zu verhindern.
London, 5. Januar. Die Ausführungen der einflußreichsten Blätter über die Madagaskarfrage und das Verhalten der englischen Regierung derselben gegenüber rufen in politischen und kolonialen Kreisen große Befriedigung hervor, da durch dasselbe jede Zweideutigkeit Frankreich gegenüber vermieden wird.
Petersburg, 5. Januar. Nachrichten aus Wladiwostok melden, daß die Uebersälle der Chinesen einen bedrohlichen Charakter annehmen. Viele Bahnstationen wurden geplündert. Die Bahnarbeiter flüchten und weigern sich weiter zu arbeiten.
Warschau, 5. Januar. Um dem Zaren einen Beweis ihrer Ergebenheit zu geben, wird eine Deputation des polnischen Adels und Bürgerstandes dem Grafen Schuwaloff entgegenfahren.
Oran, 5. Januar. In der vergangenen Nacht wurden durch einen Sturm viele Häuser zerstört.
7. Januar, vormittags 9 Uhr:
Berlin, 7. Januar. Der „Post" zufolge wird der russische Botschafter Graf Schuwaloff am 11. d. M. Berlin verlassen und sich nach Warschau begeben, um daselbst seinen Posten als Generalgouverneur anzutreten.
Wolgast, 7. Januar. Hierselbst fand am Sonnabend eine stark besuchte Versammlung der Liberalen statt. Professor Rehmke empfahl die Einigung der Liberalen. Abgeordneter Pachnicke besprach die politische Situation. Landgerichtsdirektor Budde kritisirte die Umsturzvorlage.
Karlsruhe, 7. Januar. In der gestern hier unter dem Vorsitze Eckardts-Mannheim stattgehabten Sitzung des engeren Ausschusses der nationalliberalen Partei Badens, an der der geschäftsführende Ausschuß wie die Landtags- und Reichstagsabgeordneten theilnahmen, wurde beschlossen, das Programm der Partei des Großherzogthums einer gründlichen Revision zu unterziehen. Es wurde eine Kommission mit den Vor- berathungen beauftragt; die Kommission wird in nächster Zeit in Heidelberg zusammentreten. Der Parteitag, der über die Piogrammfrage beschließen soll, wird voraussichtlich im Februar in Karlsruhe stattfinden. Weiter wurde die Herausgabe einer nationalliberalln Korrespondenz beschlossen. Mit den Bestimmungen über die Art des Erscheinens und der Erledigung der sonstigen, geschäftlichen Angelegenheiten wurde der hiesige geschäftsführende Ausschuß betraut.
Budapest, 7. Januar. Der König konferirtc gestern mit Szlawy, Banffy, Koloman Szell und dem Grafen Khuen Hedervary.
Paris, 7. Januar. Der „Figaro" veröffentlicht eine Unterredung zwischen Dreyfus und dem überwachenden Offizier von der Degradation, wonach Dreyfus wiederholt seine Unschuld betheuert hat. Auch der Vertheidiger Demauge soll erklärt haben, er sei von der Unschuld Dreyfus überzeugt.
Aus Stadt, Provinz und Umgegend.
(Kleinere den Tbatiachcn entipreckendc Mittheilungen über Borlommnisse in hiesiger Stadt und der Umgebung sind stets willkommen und werden entsprechend vergütet.)
-/- Stadttheater.
„Der Sonnwendhof."
Nach einer Reihe von Jahren gelangte gestern Abend wieder einmal Mosenthals packendes Volksschauspiel „Der Sonnwelidhof" zur Aufführung. Der lebhafte Beifall, mit dem die Aufführung begleitet war, bewies, daß im Publikum derlei ältere Stücke immer noch ein reges Interesse finden, vorausgesetzt, daß sie auch gut zur Darstellung gebracht werden, und dieses
war gestern Abend unter der trefflichen Regie unseres bewährten Regisseurs und stellvertretenden Direktors Herrn Schramm der Fall. Besonders das Arrangement des ersten Aktes verdient volle Anerkennung. Unsere Darsteller hatten sich auch ersichtlich mit Lust und Liebe ihren dankbarm Aufgaben unterzogen und waren auch gerade nicht Alle die knorrigen Bauerngestalten die sie darzustellen hatten, so trägt der Verfasser große Schuld daran, denn viele dieser Figuren sind zu idealisirt, um für ächte Bauern gelten zu können. Frl. Glasel war die Aufgabe zugefallen, die Sonnwendbäuerin „Monica" zu verkörpern, und sie entledigte sich dieser Aufgabe in geschickter liebenswürdiger Weise, allerdings zu sein, denn eine etwas realistischere Gestaltung dieses Charakters hätte nichts schaden können. Gleiches gilt auch von dem „Valentin" des Herrn Step Hany; auch bei seiner Darstellung wäre eine natürlichere Spiel- und Sprechweise von Vortheil gewesen. Wir haben ja schon oben bemerkt, daß diese Figuren vom Verfasser zu ideal gezeichnet sind, aber immerhin kann die Darstellung hier etwas vermittelnd wirken. Eine prächtige Leistung bot Herr Schefranek als „Mathias"; mit realistischer Treue wußte er diesen verkommenen Menschen zu verkörpern. Auch der „Kesselflicker" des Herrn Huhn verdient voll Anerkennung genannt zu werden. Frl. Brandow als „Anna" fand den für die Rolle nöthigen, warmen, zu Herzen gehenden Ton, aber für ein Dirndl war ihr Spiel doch auch zu fein und elegant. Unter den übrigen Darstellern zeichnete sich noch besonders durch vorzügliche Gestaltung ihrer Parthie Frau Zehl Schlüter aus, die die „Cres- zens" recht lebenswahr zu charakterisiren wußte; auch Herr Weil verdient Anerkennung für die einfache Wiedergabe des „Pfarrers" in der Achau. Die übrigen Darsteller stellten zufrieden.
* Standesamtliches. Im Jahre 1894 wurden in Hanau 230 Ehen (gegen 221 im Vorjahre) standesamtlich geschlossen. Aufgebote wurden ausgehängt 416 (Vorjahr 352). Geburten kamen zur Anmeldung 715 (im Vorjahre 736) und Sterbefälle 570 (im Vorjahre 561).
K. Winterübungen. Am Samstag-Nachmittag und -Abend hielt ein Theil der Offenbacher Garnison bei Bischofsheim und Hochstadt Winter- übungen ab und errichteten in der Nähe der beiden Orte ihre Winterzelte. Die interessanten Uebungen zogen viel Publikum heran.
* Gegen die sozialdemokratische Strömung in Turnvereinen. Der Ausschuß der deutschen Turnerschaft erläßt in seinem Organ folgende offizielle Bekanntmachung: „Aus Zeitungsnachrichten war bekannt geworden, und eingezogene Erkundigungen haben es bestätigt, daß auf einem Turnfest des zur deutschen Turnerschaft gehörenden Turnvereins zu Ravolzhausen (Kreis 9, Maingau) demonstrativ eine rothe Fahne aufgezogen worden ist. Es wird Sache des Gauausschusses und des Kreis- vertreters sein, der Angelegenheit näher zu treten und den Leuten den Standpunkt klar zu machen. Eine Parteidemonstration, besonders die einer vaterlandslosen Partei, darf in der deutschen Turnerschaft Duldung nicht finden."
][ Stadttheater. Nachstehend bringen wir einen Auszug aus einem Referat, welches die Aachener Zeitung über unseren Landsmann Herrn Schölling als „Kean" schreibt, in welcher Rolle er am Mittwoch hier ! zum Benefiz für Herrn Adolf Schramm als Gast auftreten wird. Den ■ Inhalt des Stückes voraussetzend, gehen wir sofort zur Besprechung der Leistung über: „Herr Schölling macht stets das Allerbeste aus seinen Rollen. Er war ein „Kean" wie er besser nicht leicht gedacht werden kann. Der liebenswürdige Darsteller beherrscht ebenso sehr die muntere, ursprüngliche Art des bürgerlichen Lustspiels, als ihm der feine Ton der Aristokratie mit seltener Vollkommenheit zu Gebote steht. Als „Kean" spielte er mit der ihm eigenen Anmuth und Grazie die verschiedenen Freundschaftsund Liebesszenen. Der Künstler braucht nur zu erscheinen, einige Worte zu reden und sofort fühlt man sich immer von neuem hingezogen zu ihm; es geht eine Art diskreter Behaglichkeit ,von ihm aus, in deren Kreis man sich wohl und zufrieden fühlt. — Sein Spiel reicht stets zu stürmischer Begeisterung hin und wohlverdient waren die zahllosen Hervorrufe und der reiche Applaus, welche dem Künstler, selbst auf offener Szene, zu Theil wurden.
* Vionville. Nächsten Mittwoch Abend wird im hiesigen Kriegerverein Herr Emil Lotz von hier Ernst von Wildenbruchs gewaltige Schlachtendichtung „Vionville" frei nach dem Gedächtniß rezitiren. Die Dichtung, welche zum Jnhalr jene furchtbaren Kämpfe des 16. August enthält, kommt in drei Abtheilungen zum Vortrag, deren erste u. A. den Sturm auf Vionville und den Reiterangriff der Braunschweiger Husaren enthält, während in der zweiten in hoch poetischer Weise der furchtbare Reiterangriff, der Todesritt, der märkischen Ulanen und der Halberstädter Kürassiere geschildert ist. Die letzte Abtheilung enthält die Kämpfe der Hannoveraner und Westphalen, sowie den Reiterkampf der Garde- Dragoner unter Oberst Auerswald. Wir glauben für die Mitglieder des Kriegervereins auf diesen Vortrag besonders aufmerksam machen zu können.
* Philharmonischer Verein. In besonders würdiger und glanzvoller Weise das bevorstehende 25jährige Stiftungsfest zu feiern, ist zur Zeit der „Philharmonische Verein" eifrig an der Arbeit. Dasselbe findet Samstag den 19. d. Mts. in den Sälen der „Centralhalle" durch eine Abendunterhaltung mit darauffolgendem Ball statt. Wenn schon an
7. Januar 1895.