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Nr. 258.
Samstag den 3. November
1894.
Amtliches.
Dienstnachrichten aus dem Kreise.
Gefunden: Ein kathol. Gebetbuch. Ein Rosenkranz. Eine Nickelremontoiruhr; Empfangnahme beim Herrn Bürgermeister zu Kilianstädten. Eine Knabenmütze.
Entlaufen: Ein weißer Foxterrier mit schwarzen Abzeichen, m. Geschl.
Vom Wasenmeister eing efangen: Ein weißer Foxterrier mit gelben Placken am Kopf, m. Geschl.
Verloren: Eine Broche, einen Krönungsthaler darstellend.
Hanau am 3. November 1894.
Tagesschau.
Berlin, 2. Nov. Seine Majestät der Kaiser und König trafen gestern Abend 11 Uhr 54 Minuten wohlbehalten aus Stettin im Neuen Palais wieder ein. Heute Vormittag 10 Uhr 10 Minuten fuhren Seine Majestät mit dem fahrplanmäßigen Zuge nach Berlin und begaben Sich sofort nach der russischen Botschaft zur Kondolenz. Um 12 Uhr empfingen Seine Majestät im hiesigen Schlosse den Reichskanzler Fürsten zu Hohenlohe-Schillingsfürst und sodann den Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Staatsminister Freiherrn von Marschall sowie die Chefs des Militär- und des Marinekabinets zum Vortrag.
Berlin, 2. Nov. Der „Reichsanzeiger" bemerkt: Der Antheil der Bevölkerung der Reichshauptstadt an dem Hinscheiden des wegen seiner Friedensliebe hochgeschätzten, wegen seines schweren Leidens und vieler sonstigen Bekümmernisse mit menschlichem Mitgefühl betrauerten Herrschers gab sich deutlich durch die gestern bis in die Nacht hinein überall herrschende Erregung kund. Die „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: Der Kaiser wurde durch die Todesnachricht, obwohl dieselbe nicht unerwartet kam, aufs Schnierzlichstc berührt; das beweisen auch die sofort angeordneten Zeichen äußerlicher Trauer, denen noch weitere Beweise innigster Antheilnahme folgen werden. Die „Norddeutsche" hebt hervor, durch die Friedensthätigkeit Alexanders während seiner Regierung habe Rußland in Mittelasien eine Kulturmission erfüllt.
SB erlitt, 1. Nov. Die Deutsche Kolonialgesellschaft wird den Fürsten zu Wied anstatt des Fürsten Hohenlohe-Langenburg zum Präsidenten wählen.
Berlin, 2. Nov. Laut telegraphischer Mittheilung an das Oberkommando der Marine ist S. M. S. „Stosch", Kommandant Kapitän zur See von Schuckmann, am 1. d. M. in Funchal (Madeira) eingetroffen und wird am 4. d. M. die Reise nach St. Thomas (Westindien) fortsetzen.
Elsatz-Lothringen. Wie die „Straßb. Post" erfährt, hat der Staatssekretär von Puttkamer die Leitung der durch das Ausscheiden des Unterstaatssekretärs von Köller erledigten Ministerialabtheilung des Innern übernommen.
Budapest, 2. Nov. Hiesige Blätter rühmen die wahre Friedensliebe des verstorbenen Kaisers von Rußland. Die Trauer des Hauses Romanow lasse auch Ungarn nicht unberührt. Die ungarische Nation habe ihn wegen seines Regierungstalents und seiner hervorragenden menschlichen Eigenschaften hochgeschätzt und nehme an der Trauer des russischen Volks Antheil.
Kopenhagen, 2. Nov. Am Hofe herrscht überaus tiefe Trauer. Die bei Hofe und auf der russischen Botschaft aufliegenden Kondolenzlisten sind mit zahlreichen Unterschriften bedeckt.
Kopenhagen, 2. Nov. Der König und Prinz Waldemar werden sich zu den Beisetzungsfeierlichkeiten nach Petersburg begeben. Der Tag der Abreise ist noch nicht festgesetzt.
Brüssel, 2. Nov. Das Sozialistenorgan „Pcuple" veröffentlicht einen Artikel gegen das Pluralvotum, in welchem es nachzuweisen sucht, daß dasselbe die Vertretung des Landes als eine falsche erscheinen lasse. Wenn das Pluralvotum nicht bestanden, würden die Sozialisten die Mehrheit in der Kammer erlangt haben.
ME"" Die heutige Nummer umfaßt außer dem Unterhaltungsblatt 20 Seiten.
Petersburg, 2. Nov. Die Nachricht vom Hinscheiden Kaiser Alexanders wurde gestern Nachmittag gegen 4 Uhr den höheren Staatsinstitutionen und Banken bekannt; inmitten des Gros der Bevölkerung verbreitete sie sich verhältnißmäßig langsam. Zwischen 6 und 7 Uhr waren die Gerüchte über den Eintritt der Katastrophe noch so dunkel, daß Viele ins kaiserliche Theater fuhren und hier erst das Hinscheiden des Zaren durch den Schluß des Theaters erfuhren. Auf den Bahnhöfen wurden die Bulletins um 9 Uhr abends affichirt. Auf Newski herrschte bis 8 Uhr noch das gewöhnliche Geschäftsleben; dann fing die Polizei an, die Todcs- bulletins zu vertheilen. Viele Geschäfte schließen spontan, die Straßen waren bald wie ausgestorben. Der Schmerz der Bevölkerung drückt sich durch Schweigen aus. Nur dadurch, daß Petersburg daliegt wie eine Todtcnstadt, merkt man, daß Furchtbares geschehen ist. (Fr. N.)
Petersburg, 2. Nov. Das „Journal de St. Pelersbourg" schreibt: „Das russische Volk verlor einen gerechten, guten und gnädigen Monarchen, den es mit grenzenloser Liebe, Verehrung und Dankbarkeit umgab. Der Monarch erhob Rußland auf eine hohe Stufe nationaler Entwicklung, des Ansehens und der Macht. Alexanders Regierung ist mit goldenen Lettern in der Geschichte Rußlands verzeichnet. Der Schmerz Rußlands findet einen Widerhall im Auslande, wo Alexander allgemein geachtet als mächtiger Schützer des Weltfriedens."
Petersburg, 2. Nov. Heute nachmittags 3 Uhr fand anläßlich der Thronbesteigung des Kaisers Nikolai ein Gottesdienst in der Isaak- Kathedrale statt. Anwesend waren die Hofstaaten, die Generalitäten und die höheren Offiziere.
Aus Palästina. Eine neue Bahnlinie ist geplant. Sie soll von Damuskus auslaufen und dieses mit Beirut verbinden. Von diesem Hafen aus soll dann die Bahn der Küste folgen, mehrere Seitenlinien ins Innere entsenden und schließlich in Jsmailia oder Suez enden. Auf diese Weise würde Palästina mit dem ägyptischen Eisenbahnnetze und dem Suezkanale verbunden werden.
Bremen, 2. Novbr. Der Dampfer des Norddeutschen Lloyd „Lahn" ist gestern in New-Jork und der Dampfer „Werra" vorgestern in Genua eingetroffen.
Hamburg, 2. Novbr. Der Postdampfer „Markomannia" ton der Hamburg - Amerikanischen Packetfahrt-Aktiengesellschaft ist von Hamburg gestern in Kap Hapti angekommen.
London, 1. Novbr. Der Union - Dampfer „Scot" ist auf der Ausreise gestern in Kapstadt eingetroffen.
Depeschen-Burea« „Herold".
2. Nov ember, abends 8 Uhr;
Berlin, 2. Nov. Prinz Heinrich, welcher sich als Vertreter des Kaisers zur Beisetzung nach Petersburg begeben wird, reist voraussichtlich auf der Jacht Hohenzollen. — Im Auftrage der Kaiserin statteten die Oberhofmeisterin Gräfin Brockdorff und der Oberhofmeister Freiherr von Mirbach der russischen Botschaft Kondolenzbesuche ab.
Berlin, 2. Nov. Der Reichskanzler ist ermächtigt die Blättermeldung, wonach der Reichskanzlerposten anfänglich beni Kriegsminister Bronsart von Schellendorf angeboten worden sei, als jeder Begründung entbehrend zu bezeichnen.
Berlin, 2. Nov. Die Nachricht von dem Tode des Zaren erhielt Kaiser Wilhelm in Stettin, als er bei dem Offizierkorps des Grenadierregiments tafelte. Der Kaiser erhob sich von seinem Platze und äußerte: „Soeben kommt die Nachricht von einem weittragenden schweren Ereigniß. Majestät Zar ist gestorben. Nikolaus II. hat den Thron seiner Väter bestiegen, wohl eine der schwersten Erbschaften, die ein Fürst antreten kann. Wir gedenken der alten Waffenbrüderschaft, die uns früher und auf's Neue mit dem russischen Kaiserhaus verbunden hat und vereinigen unsere Gefühle mit dem neuen Zaren in dem Wunsche, daß ihm der Himmel Kraft verleihe in seinem schweren Amte. Kaiser Nikolaus er lebe hoch! Hurrah!"
Berlin, 2. Nov. Neuesten Nachrichten zufolge ist der Zusammentritt des Reichstages infolge des Reichskanzlerwechsels auf ungefähr drei Wochen verschoben worden.