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Montag den 15. Oktober
Rr. 241.
Amtliches.
^taöt^reis ^anau.
Bekanntmachungen des Oberbürgermeisteramtes. Grun-stiicksverpachtung.
Das in der Gemarkung Hanau L. L. Nr. 4 im Bärenloch belegene 1 h 34 a 24 qm große Grundstück (theils Wiese, theils Acker) soll
Samstag den 20. d. Mts., vormittags 9 Uhr, an unterzeichneter Stelle auf 6 Jahre meistbietend unter Zuschlagsvorbehalt verpachtet werden.
Hanau den 13. Oktober 1894.
Stadtkâmmerei. 13457
Die Sozialdemokratie und das Einfamilienhaus.
So oft eine arbeiterfreundliche Idee das Mißfallen und den Widerspruch der Sozialdemokratie erfuhr, ist das noch immer ein Zeichen gewesen, daß sie gesund und tauglich war. Man möchte das für widersinnig und unmöglich halten, da die Sozialdemokratie sich doch in erster Linie berufen hält, die Interessen des arbeitenden Standes wahrzunehmen, und nicht müde wird, das zu versichern. Mit Worten, ja; aber auch mit Thaten? Wenn man die Herren Volksbeglücker daraufhin anfaßt, so sagen sie gerad heraus, ihre erste und vornehmste Arbeit sei, das Volk mit den gegenwärtigen Zuständen unzufrieden zu machen und so die soziale Revolution vorzubereiten. Sei die einmal ausgebrochen und siegreich durchgeführt, dann werde ihr blutiges Morgenroth den lichten Tag gebären, welcher Zukunfts- staat heißt, und in diesem werde alsdann genugsam Zeit und Gelegenheit für positive Thaten sein.
Die Sozialdemokratie widersetzt sich Allem, was dazu beiträgt, innerhalb der geltenden staatlichen und Rechtsordnung, Volkswohlfahrt und Volksgesittung zu heben. Sie hat das im Großen gethan, als im Reiche der Grundstein zur Arbeitergesetzgebung gelegt wurde, die sich inzwischen von Jahr zu Jahr mehr zu einem stattlichen, wohlgefügten Bau auswächst. Und sie thut das auch im Kleinen, sobald staatliche und private Fürsorge sich zu einzelnen Maßregeln anschicken, welche die Lage des arbeitenden Standes verbessern.
So ist es der Sozialdemokratie neuerdings ein Dorn im Auge geworden, da sie sehen muß, wie in Stadt und Land Anstrengungen gemacht werden, dem Arbeiterstande gesunde und freundliche Wohnungen zu bieten, so daß auch der Unbemittelte, wenn er Arbeitsamkeit, Spar- und Familiensinn hat, ein eigenes Heim gewinnen kann. Der echte Volksfreund muß bedauern, daß dieser sichere und gute Weg, den Arbeiterstand zu heben, mühselig ist, weil allzuhäufig die Vorbedingungen — Beschaffung von Kapital und billigem Grund und Boden — schwierig zu erreichen sind. Die Sozialdemokratie aber ärgert sich und findet, daß hier längst viel zu viel erreicht sei; aus dem guten Grunde, weil jeder seßhafte Mann, der den Werth der eigenen Scholle erkannt hat, dem Einflüsse der kollektivistischen Irrlehren von selbst entwächst.
Aus der Jahresversammlung des deutschen Vereins für Gesundheitspflege wurde auch diesmal wieder die Wohnungsfrage behandelt; der sozialdemokratischen Presse ist dabei bange geworden um die Arbeiterkasernen in den Großstädten, und sie macht das nackte Eingeständniß, daß sie diese Massenwohnungen in der That als Kasernen ansieht für die Arbeiterbataillone, die nach dem Hoffen und Gefallen der Agitatoren dereinst unter der rothen Fahne marschiren sollen. Das Einfamilienhaus — so sagt der Vorwärts — sei eine echte Bourgeoisschöpfung für die kleinen Rentiers und — soliden Leute. Ja, solide Leute sind freilich als zielbewußte Proletarier nicht mehr zu brauchen. Das Zusammenwohnen hingegen pflanze die Solidarität in gleich bedrängte Herzen: das heißt auf deutsch, daß die Agitation in den Miethskasernen erleichtert ist. Das sozialdemokratische Blatt ist so zynisch, auszusprechen, die Miethskasernen seien die unvermeidliche Durchgangsstation für die Proletarier, die durch keine Palliativmittclchen wie Bauordnungen abgeschafft werde, bis die Arbeiter | so enge und fest zusammengedrängt seien, daß sie eine unüberwindliche > Masse bildeten.
1894.
Die Männer, welche ihre Thätigkeit der Reform der Arbeiterwohnungen in Stadt und Land widmen, können nicht eindringlicher und überzeugender unterstützt werden, als cs wider Willen der „Vorwärts" mit solch frivolem Urtheil thut. Das sozialdemokratische Blatt meint aber auch sittliche Gründe für die Aufrechterhaltung der Miethskasernen auszuspielen, indem es anführt, daß eine Arbeiterfamilie sehr oft der menschlichen Hilfe der anderen bedürfe und daß die Proletarierkinder ihre frühe Verlassenheit im gemeinsamen Hofe gemeinsam leichter tragen lernten. Wer aus dem Dorfe oder in der Kleinstadt aufgewachsen ist und wohnt, weiß sehr wohl, daß nachbarliche Eintracht und Hilfeleistung zwischen Groß und Klein von Hütte zu Hütte und von Haus zu Haus mindestens ebenso im Schwange sind als in den riesigen Zellenbauten der Großstadt. Ja noch weit mehr; denn die häuslichen Reibungen fallen fort, die unvermeidlich sind, wenn mehrere Familien auf gemeinsame Benutzung von Flur und Treppe angewiesen sind, und es im freien, freundlichen Willen liegt, wann und wie weit man miteinander verkehren will.
Tagesschau.
Berlin, 13. Okt. In der gemeinschaftlichen Sitzung des evangelischen Oberkirchenraths mit dem Synodalvorstandc sind, dem Vernehmen der „Kreuzztg." nach, folgende für die Generalsynode bestimmten Vorlagen berathen worden: Der Entwurf zur Bildung einer Berliner Stadtsynode, eine Vorlage, die es ermöglichen soll, daß die neuen Provinzen mit in den kirchlichen Reliktenfonds der alten Provinzen ausgenommen werden, und ein Entwurf, betreffend die Herabsetzung der Beiträge zum Reliktenfonds von 3 auf 2 Prozent des Diensteinkommens. Bekanntlich sollen über die letzteren Entwürfe noch die Synoden der neuen Provinzen gehört werden. Es ist daher noch nicht entschieden, ob diese Vorlagen sämmtlich bei der Generalsynode eingebracht werden können. Wahrscheinlich werden sie erst während der Tagung der Synode eingehen.
Berlin, 13. Okt. Laut telegraphischer Mittheilung an das Oberkommando der Marine ist S. M. S. „Alexandrine", Kommandant Korvettenkapitän Schmidt, am 11. d. M. in Taku und S. M. S. „Moltke", Kommandant Kapitän zur See Koch, am gleichen Tage in Funchal aus Madeira eingetroffen; letzteres Schiss beabsichtigt heute die Reise nach St. Thomas fortzusetzen.
Zur Frage eines dentsch-spanischen Handelsvertrages wird dem „B. T." von angeblich unterrichteter Seite mitgetheilt, daß das spanische Ministerium, von der Ansicht ausgehend, ein Handelsvertrag mit Deutschland sei zur zwingenden Nothwendigkeit geworden, einen neuen Vertrag ausgearbeitet hat und alles daransetzen wird, diesen in den Kortes durchzubringen. Die Verhandlungen hierüber werden geheim geführt. Der gute Wille des spanischen Ministeriums, einen Vertrag zu Stande zu bringen, ist jedenfalls vorhanden.
Friesack (Mark), 13. Okt. Heute Mittag wurde, nach den „Fr. N.", das Denkmal des Kurfürsten Friedrich I. in Gegenwart des Kaisers enthüllt. Bei der Annahme des Ehrentrunks sprach der Kaiser: Ich trinke den Pokal, gefüllt mit deutschem Wein, auf das Wohl Brandenburgs mit dem Wunsche, daß, so lange Gott mir Leben und Kraft verleiht und so lange das Hohenzollernhaus besteht, es niemals an der alten hergebrachten Treue der Märker fehlen möge, wenn es daraus ankommt und der Markgraf ruft.
Köln, 13. Okt. Die „Kölnische Zeitung" meldet aus Berlin, von verschiedenen Seiten werde bestätigt, daß Deutschland den Vorschlag, die europäischen Mächte sollen schon jetzt in den Krieg zwischen Japan und China vermittelnd eingreifen, ablehnte, weshalb ein solches Vorgehen von der diplomatischen Tagesordnung der Mächte für jetzt abgesetzt worden sei.
Wien, 13. Okt. Der König von Griechenland, welcher gestern Nachmittag hier eintraf, beabsichtigt, mehrere Tage hier zu bleiben. Man erfährt, daß derselbe hier bestimmte Nachrichten über den Zeitpunkt der Abreise des Zaren nach Korfu erwarte. Ob der König von hier nach Athen oder Korfu reist, ist noch nicht bekannt.
Wien, 13. Okt. Die „Politische Korr." meldet aus Athen: Sofort nach Eintreffen der Nachricht, daß die russische Kaiserfamilie einen Aufenthalt auf Korfu beabsichtigt, trat der Ministerrath zusammen, um