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Kr. 208.

Donnerstag den^,6.^September

1894.

Amtliches.

Dienstnachrichten ans dem Kreise.

Gefunden: Ein grauer Fruchtsack. Ein Beutel mit Hufnägel. Einige Stränge Baumwollengarn.

Dom Wasenmeister am 5. ds. Mts. eingefangen: Ein weißer Foxterrier mit schwarzen Placken, m. Geschl.

Entlaufen: Ein schwarzer Dachshund m. Geschl., auf den Namen Waldmann" hörend.

Hanau am 6. September. 1894.

^taöf&rets ^anau.

Bekanntmachungen des Oberbürgermeisteramtes.

Am Freitag den 7. d. Mts., nachmittags von 4 Uhr ab, findet im oberen Sitzungssaale des Neustädter Rathhauses, Zimmer Nr. 9, öffentliche Sitzung des Gewerbegerichts statt, in welcher Partheien etwaige Streitigkeiten, Klagen rc. zur Schlichtung anbringen können.

Hanau am 5. September 1894.

Der Vorsitzende des Gewerbegerichts

Dr. Gebeschus. 11440

Sozialdemokratische Sinekuren.

DasKöln. Tbl." schreibt in seiner letzten Montagsnummer: Wir haben vor längerer Zeit darauf aufmerksam gemacht, daß die Sozialdemo- . kralie die staatliche Arbeiterversicherung und namentlich die Krankenver­sicherung zur Vergebung von Sinekuren an ihre Agitatoren ausnutzt und daß sie dadurch immer weitere Kreise unter ihren Einfluß zu bringen trachtet. Ein krasses Beispiel dafür, wie die Sozialdemokratie bei solcher Stellenvergebung verfährt, hat man jüngst wieder in Berlin erleben können. Dort bestand schon lange Jahre hindurch eine Ortskrankenkasse für das Bierbraugewerbe. Dieselbe befand sich, da mit ihrer Verwaltung eine in den Kassenverhältnissen durchaus bewanderte Persönlichkeit betraut war, in den besten Verhältnissen. Bei verhältnißmäßig geringen Beiträgen war der Bestand ein immerhin beträchtlicher. Allerdings wurden unberechtigte For­derungen grundsätzlich nicht berücksichtigt. Den Sozialdemokraten war diese Kassenverwaltung als nicht sozialdemokratisch schon längst ein Dorn im Auge. Sie versuchten mit allen Mitteln dw Mehrheit in der Kasse zu erringen und als ihnen das endlich gelungen war, wurde die Verwaltung sofort anderen Händen und zwar solchen vonzielbewußten Genossen" übertragen. Die Wirthschaft der letzteren hat aber nicht lange gedauert. Sie haben die Kasse so verwaltet, daß die Aufsichtsbehörde, da der Bankerott nahe war, sich veranlaßt gesehen hat, eine Zwangsverwaltung einzusetzen. Die-betreffenden sozialdemokratischen Persönlichkeiten haben sich als voll­ständig unfähig für ihre Stellung erwiesen. Aus diesem Vorgänge kann man wieder ersehen, wie wenig der Sozialdemokratie das Wohl der eigent- -kichen Arbeiter am Herzen liegt. Durch die Mißwirthschaft sind in erster Reihe die Kassenmitglieder geschädigt. Sie werden erhöhte Beiträge ent­richten müssen, um die Kasse wieder in geordnete Verhältnisse zu bringen. Jedoch das kümmert die sozialdemokratische Leitung nicht. Sie hat, ohne " daß sie sich davon überzeugte, ob die betreffenden Personen zur Kassenver- ' waltung geeignet waren oder nicht, dieselben damit betraut, weil sie ihre Agitatoren belohnen muß. Die Arbeiter und zu einem Drittel auch die Arbeitgeber müssen die Kosten dafür zahlen. Der Vorgang zeigt aber ferner, wie sehr die sozialdemokratische Lehre verkehrt ist, wenn sie annimmt, daß jeder Mensch zu jeder Arbeit gleich fähig ist. Herr Bebel hat diesen Satz ja in seinem Buche überDie Frau" in behaglicher Breite ausge­führt. Ein sozialdemokratischer Agitator nun gar ist nach jener Anschauung eine Blüthe geistiger Entwickelung. Jeder derselben hält sich für fähig, die höchsten Aemter im Staate zu bekleiden. Und nun muß die Welt er- leben, daß Agitatoren, die sich um die Partei so verdient gemacht haben, daß man ihnen fette Pfründen gewährte, nicht einmal eine Krankenkasse haben verwalten können! Armer Bebel! Wenn Du das schon am grünen Holze Deiner Agitatoren erleben mußt, wie würde sich die Sache gar mit dem trockenen der großen Masse gestalten? Von neuem zeigt schließlich

auch der Vorgang, wie vorsichtig die staatserhaltenden Parteien bei dem Ausbau der staatlichen Arbeiterversicherung vorgehen sollten. Die radikalen Parteien gehen bekanntlich gemeinsam mit der Sozialdemokratie darauf aus, die gesammte Arbeiterversicherung nach dem Muster der Krankenversicherung umzugestalten. Würden sie mit diesen Bestrebungen Erfolg haben, so würde nichts anderes als eine gewaltige Machterweiterung der Sozialdemokratie geschaffen werden. Noch bieten Unfall-, sowie Jnvaliditäts- und Alters­versicherung der Sozialdemokratie wenig oder keine Gelegenheit, ihren Agi­tatoren Posten zu verschaffen, auf denen es sich behaglich leben läßt. Würde erst das Muster der Krankenversicherung ein allgemeines, so hätte die Sozialdemokratie über eine große Anzahl solcher neuen Posten zu ver­fügen. Dieses Moment sollte man bei Erörterungen über die Umge­staltung der Organisation der Arbeiterversicherung niemals aus den Augen verlieren.

Ueber eine Reform des russischen Patzwesens schreibt man derPolit. Korrcsp." aus Petersburg: Schon vor längerer Zeit wurde unter dem Vorsitze des Geheimrathes Slabodtschikow eine Kom­mission eingesetzt, welche den Auftrag erhielt, einen Vorschlag zu einer durchgreifenden Reform des Paßwesens auszuarbeiten. Derselbe dürfte bereits Mitte November dem Reichsrathe zur Behandlung übergeben werden, so daß er Anfangs Dezember dem Kaiser zur Sanktion wird vorgelegt werden können. Nach zuverlässigen Informationen muß der in Ausar­beitung begriffene Reformvorschlag in vielen Hinsichten als ein nicht unbe­deutender Fortschritt bezeichnet werden, indem durch denselben u. A. eine weit größere Freizügigkeit gestattet werden wird, als es bisher der Fall ist. Ferner sollen die mit Bezüg auf bestrafte Personen noch heute gelten­den sehr peinlichen Bestimmungen entweder ganz aufgegeben oder jedenfalls gründlich abgeändert werden. Bis jetzt wurden die Legitimationspapiere von Personen, die eine Strafe verbüßt haben, mit einem rothen Stempel versehen (L. 0. P., d. h.aller Rechte verlustig", oder 0. N. P., d. h. einiger Rechte verlustig"), und man kann sich leicht vorstellen, welche moralische Leiden es den Betreffenden verursachen muß, wenn sie überall und bei den mannigfachsten Gelegenheiten gezwungen sind, z. B. beim Ab­steigen in einem Hotel, beim Miethen einer Wohnung, wenn sie eine An­stellung suchen, Briefe auf der Post abholen wollen u. s. w., ihre Legiti­mationspapiere vorzuzeigen. Sehr oft wird es den mit einem solchen Paß Versehenen geradezu unmöglich gemacht, Arbeit zu erhalten, und nur zu viele von diesen Unglücklichen werden dadurch in die Reihe der Verbrecher oder Bettler getrieben. Von Seiten des Staates selbst ist es ihnen somit unendlich schwer gemacht worden, ihr Brod in ehrlicher Weise zu verdienen. Die Kommission ist nun von der Ansicht ausgegangen, daß Derjenige, welcher gegen die Gesetze der bestehenden Gesellschaftsordnung gesündigt und die dafür bestimmte Strafe verbüßt hat, keineswegs gehindert werden dürfe, in der Zukunft ehrlich zu leben; die Kommission schlägt deshalb vor, daß nur in ganz außerordentlichen Fällen die Pässe der bestraften Indi­viduen eine diesbezügliche Anmerkung tragen dürfen.

Tagesschau.

Berlin, 5. Sept. Nach derNat.-Ztg." empfing Curtius zu seinem achtzigjährigen Geburtstag ein Handschreiben des Kaisers, worin der Kaiser den Geburtstag des Gelehrten einen nationalen Feiertag nennt, den Ju­bilar unter Bezugnahme auf die Einweihung der Sarkophage im Char­lottenburger Mausoleum als den von Kaiser Friedrich erprobten Berather und väterlichen Freund bezeichnet und ihm den Kronenorden erster Klasse verleiht.

Berlin, 5. Sept. Der Kultusminister hat die Oberpräsidenten aufgefordert, die Aerztetammer ihrer Provinz über folgenden Antrag der Aerztekammer Berlin-Brandenburg zu hören und darüber zu berichten: 1. Es ist nothwendig, daß die Studirenden der Medizin auf der Univer­sität Kenntniß von den für den Arzt wichtigen Bestimmungen des Kranken-, Unfall-, Alters- und Jnvaliditätsversichcrungsgesetzes erlangen. 2. Es ist nothwendig, daß in dem klinischen Unterrichte die Studirenden der Me­dizin durch Demonstrationen mit dem Begriffe der Arbeitsunfähigkeit, sowie chcr totalen prozentualen Erwerbsunfähigkeit bekannt gemacht werden, und daß ferner in der Rezeptirkunde die Verhältnisse berücksichtigt werden, deren