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Nr. 172.
Donnerstag den 26. Juli
1894.
Amtliches.
Nach dem Reichsgesetz vom 14. Januar 1894 sind den Invaliden aus den Kriegen vor 1870 und deren Hinterbliebenen Zuschüsse zu ihren bisherigen Gebührnissen nach Maßgabe der durch das Militärpensionsgesetz vom 27. Juni 1871, sowie durch die Reichsgesetznovelle vom 22. Mai 1893 den Invaliden und deren Hinterbliebenen aus dem Kriege 1870/71 gewährten höheren Beträge zu gewähren.
Diejenigen pensionirten Offiziere und Militärbeamten, welchen bis Ende März d. J. noch keine bezügliche Mittheilung zugegangen ist, wollen sich an die Pensionsabtheilung des Königlichen Kriegsministeriums zu Berlin, die Hinterbliebenen an die zuständigen Landrathsämter (Kreisâmter) wenden, falls sie auf Grund des in Rede stehenden Gesetzes Ansprüche zu haben glauben, wogegen die Invaliden vom Feldwebel abwärts auf jeden Fall ihre Ansprüche bei den betreffenden Bezirkskommandos geltend machen müssen.
Cassel am 8. März 1894.
Der Regierungspräsident. I. V.: v. Pawel.
Dienstnachrichten aus dem Kreise.
Gefunden: Vor ca. 14 Tagen auf dem Fußwege des Mittel- * bucher Waldes ein Spazierstock mit weißem Kopf, mit dem Bilde des Kaisers Friedrich; Empfangnahme beim Herrn Bürgermeister zu Mittelbuchen. Ein Mädchenstrohhut (im Schloßgarten). Eine blaugestreifte Schürze. Eine Peitsche. Ein Päckchen Musterknöpfe; Empfangnahme beim Herrn ^.Bürgermeister zu Großauheim.
Verloren: Ein Sparkassenbuch Nr. 15. Eine Geldbörse mit ca. 112 Mk.; dem Wiederbringer eine gute Belohnung. Eine Damen- remontoiruhr von s. g. Tulasilber mit kurzer goldener Kette.
Hanau am 26. Juli 1894.
^taöf&rei# ^ariaxt.
Bekanntmachungen des Oberbürgermeisteramtes. Oeffenttilüe Sijung des Gemeint-Äugsckusses
Freitag den 27. Juli er., nachmittags 5 Uhr.
Berathungsgegenstände:
1. Verwilligung von 1000 Mk. für Prüfung des Kostenanschlags und Rentabilitätsrechnung für die Kleinbahn Hanau — Langenselbold, Rückingen — Langendiebach.
2. Desgl. von 200 Mk. Entschädigung an die Besitzer der Häuser Nr. 43 und 45 der Judengasse.
3. Verkauf von 0,683 qm Straßenfläche Ecke der Steingasse und Heumarkt A.
4. Verkauf von 55,10 qm Wegefläche Grundstück 122/36 Karte EE.
-5. Nachverwilligung von 270.50 Mk. auf Tit. II c 7 und Tit. IV Spez. F. pro 1894/95.
6. Verwilligung von 365 Mk. jährlich zur Stiftung eines Freibetts im katholischen Schwesternhaus.
^7. Vermächtniß von 1000 Mk. der Wittwe Kaiser zur Gräberunterhaltung, sowie 100 Mk. zur Verwendung an Arme.
8. Verwendung der II. Rate von 5000 Mk. für den Anschluß der städtischen Gebäude an das Siel. 9588
t Der Sommerfeldzug der Sozialdemokratie.
Eine Landagitation im großen Stil hatte die Sozialdemokratie auf ihren Arbeitsplan für den gegenwärtigen Sommer gesetzt. Was ist ihr Erfolg? Noch stehen wir mitten im Sommer drin, aber das Ende läßt sich schon absehen.
Wir machen die erfreuliche Beobachtung, daß die ländliche Bevölkerung sich den Andrängungsversuchen der Sozialdemokratie weniger zugänglich erweist, als diese gehofft hatte. Wenn sie auch unter Entstellung und Uebertreibung von Thatsachen jeden kleinen Erfolg, den die Partei irgendwie errungen, zu einem großen Siege aufbauscht, so ist das die alte Taktik jedes utckerliegenden Angreifers, der frivoler Weise den Streit vom Zaune gebrochen: die wankelmüthigen Genossen sollen nicht entniuthigt, die „ziel
bewußten" „zu neuen Thaten angespornt werden. Aber unter diese Siegesdepeschen läuft häufig genug die Klage mit unter, daß es mit dem ganzen Werk doch nicht so recht flecken wolle. Der „Vorwärts" stimmt seine Leyer stets auf einen elegischen Ton, so oft er auf den deutschen Landmann und Bauern zu sprechen kommt: der Sozialdemokrat, der hinausziehe, seinen Brüdern im Bauernkittel das Evangelium der Erlösung (!) zu bringen, habe auf Niemands Beistand zu rechnen; er müsse gegen eine Welt voll Unverstand, Bosheit und brutaler Gewalt ankämpfen.
Unverstand, Bosheit und brutale Gewalt — damit sind die zahlreichen Fälle gemeint, in denen das Landvolk den Wanderrednern und Flugblattvertheilern kurzweg die Thüre vor der Nase zuschließt, weil es mit den unsichern Gesellen und ihrem unsichern „Evangelium der Erlösung" nichts zu schaffen haben will. Und je aufdringlicher die Agitatoren auftreten, um so derber fällt auch die Abweisung aus. Ein Sozialdemokrat plaudert in seinem Parteiorgan aus, worin er den Grund dieser Mißerfolge zu erkennen glaubt. Die Sozialdemokraten, meint er, wären zu gebildete Leute; sie sprächen die Sprache der Gelehrten, und die verstände der Bauer nicht; wer den Bauern bekehren wolle, müsse vor Allem seinen Dialekt sprechen und in derben, saftigen Bildern zu reden verstehen.
Nein, am Dialekt allein liegt es keineswegs. Es gibt — und das wird jeder bestätigen, der mit dem Landvolke lebt und zu thun hat — es gibt heutzutage wohl kein einziges Dorf in Deutschland mehr, wo eine wohlgesetzte, schlichte und verständige hochdeutsche Rede nicht verstanden würde, wo ein gutes, verständiges Schriftdeutsch nicht gelesen werden könnte. Nicht, wie die sozialdemokratischen Agitatoren schreiben und sprechen, sondern vor Allem, was sie schreiben und sprechen, versteht der deutsche Landmann nicht. Nicht das Ohr allein widersteht dem sozialdemokratischen „Erlösungswerke", sondern der Kopf und das Herz des Landmannes. Das Leben in und mit der Natur, die gesunden Lebens- und Familienverhältnisse, unter denen er schlecht und recht sein Tagewerk vollbringt, erhalten seine Sinne und seine Empfindung gesund — und darum kann und will er das krause, überspannte Zeug nicht verstehen, das ihm die Weltverbesserer in der „Sprache der Gelehrten" — will sagen, in Kauderwälsch falscher und mißverstandener Theorien — darbieten. Der Landmann weiß, was eine eigene Scholle, ein eigener Heerd, eine tüchtige Frau und wohlgedeihende Kinder ihm werth sind. Diese handgreiflichen Schätze will er nicht hergeben für das Phantom eines „Zukunftsstaates", der das Eigenthum und die Familie zerstört und das ganze Land zu einer weiten Zwangsarbeitsstätte machen möchte, wo der Fleißige für den Trägen mitschaffen, der Besitzende mit dem Habenichts und Schasienichts theilen soll. Daher kommts, daß — wie der „Vorwärts" klagt — der Agitator, der nach Schluß der Versammlung mit den größten Hoffnungen sich heimwärts wandte, beim nächsten Besuche finden muß, all seine frühere Arbeit und Mühe sei umsonst gewesen.
Steht hiernach die Sozialdemokratie in ihrer Landagitation vor einer Niederlage, so darf das doch nicht die bürgerlichen politischen Parteien lässig machen. Die Sozialdemokraten haben diesen Sommer bei zwei Reichstagswahlen obgesiegt, weil die bürgerlichen Parteien sich zersplitterten, anstatt einmütig einen einzigen antisozialistischen Kandidaten aufzustellen. Es hat den Anschein, als wenn demnächst in dem einzigen industriellen Wahlkreise Mecklenburgs, in Rostock, wiederum eine Nachwahl stattfinden wird. Die Sozialdemokratie hatte es bei der letzten Wahl daselbst auf 9184 Stimmen gebracht, gegen 10 805 bürgerliche, und sie hält nicht für ausgeschlossen, bei einer Neuwahl sich ihr 47. Mandat zu erobern. Die jüngsten Erfahrungen in Sachsen und Schleswig-Holstein mögen die bürgerlichen Parteien warnen, bei Zeiten auf der Hut und von vornherein einmüthig zu sein.
Tagesschau.
Berlin, 25. Juli. Seine Majestät der Kaiser und König gedenken, wie der „Reichsanz." meldet, in Oldören im Jnvikfjord, falls das Wetter beständig bleibt, mehrere Tage zu verweilen, um theils zu Lande, theils an Bord der Jacht „Hohenzollern" eine Reihe von Ausflügen zu unternehmen.
Berlin, 25. Juli. Die „Nordd. Allg. Ztg." erklärt die Blättermeldung für unbegründet, daß der Chef des Zivilkabinets, Lucanus, der