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Dienstag neu 3. Juli

1894.

2855

Amtliches.

Die sämmtlichen bisher noch nicht zur Verloosung.gekommenen Schuldverschreibungen der Staatsanleihe von 1868 A. werden den Besitzern zum ist eit Januar 1895 mit der Aufforderung gekündigt, den Kapitalbe- trag vom 2. Januar 1895 ab bei der Staatsschuldeu-Tilgungskässe hicr- selbst, W. Taubenstraße Nr. 29, gegen Quittung und Rückgabe der Schuldverschreibungen zu erheben.

Tie Zahlung erfolgt von 9 Uhr vormittags bis 1 Uhr nachmittags, mit Ausschluß der Sonn- und Festtage und der letzten drei Geschäftstage jeden Monats.

Tie Einlösung geschieht auch bei den Regicrungshauptkäsfen und in Frankfurt a/M. bei der Kreiskasse.

Zu diesem Zweck können die Schuldverschreibungen emer dieser Kassen schon vom 1. Dezember 1894 ab eiugercicht werden, welche sie der Staatsschulden-Tilgungskasse zur Prüfung vorzulegen hat und nach erfolgter Feststellung die Auszahlung vom 2. Januar 1895 ab bewirkt.

Mit dem 1. Januar 1895 hört die Verzinsung der gekündigten Schuldverschreibungen auf.

Zugleich werden die bereits früher gekündigten noch rückständigen Schuldverschreibungen der Staatsarrlcihcn von 1868 A., 1850, 18525*1853 und 1862 wiederholt und mit dem Bemerken ausgerufen, daß Sie Verzinsung derselben mit dem Tage ihrer Kündigung aufgehört hat.

Tie Staatsschulden-Tilgungskasfe kann sich in einen Schriftwechsel mit den Inhabern der Schuldverschreibungen über die Zahlungsleistung nicht «nlmfen.

Formulare zu den Quittungen werden von den obcnbezeichncten Kassen unentgeltlich verabfolgt.

Schließlich benutzen wir diese Veröffentlichung, daraus aufmerksam zu

machen, daß von den Schuldverschreibungen der konsolidirten 4^4- prozentigen Staatsanleihe, welche gemäß §. 2 des Gesetzes vom 4. März 1885 (Ges. S. S. 55) und der diesseitigen Bekanntmachung vom 1. September 1885 in Verschreibungen der konsolidirten 4prozentigen Staatsanleihe umzutauschen waren, mehrere Stücke auch bis jetzt noch nicht eingereicht worden sind. Die Inhaber derselben werden deshalb wiederholt anfgesordert, den beregten Umtausch zur Vermeidung weiteren Zinsverlusten alsbald zu bewirken, indem wir ausdrücklich bemerken, daß bie zu den neuen 4prozentigen Verschreibungen von 1885 gehörigen Zinsscheine Reihe I. Nr. 3 bis 20, von welchen die Scheine Nr. 3 bis 19 bereits fällig geworden sind, bestimmungsgemäß vier Jahre nach ihrer Fälligkeit zu Gunsten der Staatskasse verjähren. Die Zinsscheine Nr. 3 bis 11 sind demnach schon verjährt.

Berlin mit 1. Juni 1894.

Hauptverwaltung der Staatsschulden.

Dicnstnachrichlen aus dem Kreise.

Gefunden: Eine weiße Mahne mit weißen Gedecken (am 30. v. Mts. auf dem Wochenmarkt stehen geblieben).

Z u g e f l 0 g e n: Ein Papagei.

Verloren: Eine silberne Damennhr mit Goldrand und silbernem Kettchen.

Hanau am 3. Juli 1894.

t Der neue Präsident der französischen ^tepublik.

Der französische Kongreß, der sich aus dem Senat (der ersten Kammer) und der Deputirtenkannner zusammensetzt, zählt 884 Mitglieder, von denen 684 aus die Deputirtenkannner kommen. Der Präsident wird mit absoluter Mehrheit gewählt, d. h, er muß mehr als die Hälfte der abgegebenen Stimmen erhalten. Zu der Wahl Carnots im Jahre 1887 , >waren zwei Sitzungen erforderlich, da in der ersten trotz viermaliger Ab- stimmung keine Mehrheit für einen der Kandidaten erzielt wurde. Erst nach dem Verzichte Ferrys und Freycincts auf die Bewerbung wurde Carnot

/ mit 616 Stimmen gewählt. Die Wahl am 27. Juni 1894 ging rascher G von Statten. Bereits aus dem ersten Wahlgange ging Casimir Pèrier mit 451 Stimmen von 853, die insgesammt abgegeben wurden, als Sieger vor. Steht diese Zahl auch hinter der, die Carnot vor sieben Jahren östlich erhielt, erheblich zurück, so macht sie doch einen viel stärkeren druck- da die Wahl P^iers im ersten Anlauf und ohne lange Schic-

L ^gm zwischen den verschiedenen Parteigruppen zu Stande kam.

Um ihre Bedeutung zu würdigen, muß man-vor Allem die Person lichkeit des neuen Präsidenten ins Auge fassen. Er steht im 47. Lebens­jahre. Sein Großvater war Minister unter dem sogenannten Bürger- königthum. König Louis Philipp sagte von ihm: ein störriger Gaul, aber ich habe ihn geritten. Sein Vater erwarb ein großes Vermögen, war mit Thiers eng befreundet und stellte am 15. Juni 1874 den Antrag, die Republik als die endgültige Regierungsform zu erklären. Casimir Pèrier gehört seit 1876 der Teputirtenkämmer an. .Das Amt des Kammerpräsi­denten hat er fünf Mal verwaltet. Von Dezember 1893 bis Ende Mai 1894 war er unter Carnot Ministerpräsident.

Diese kurze Zeit der Regierungsthätigkeit reichte hin, um den ganzen Haß der Sozialisten und Radikalen gegen Casimir Pèrier zu entfesseln. Schon als Kammerpräsident war er wiederholt gegen radikale Unruhestifter mit Strenge eingeschritten; als Minister suchte er alle gemäßigten Elemente gegen die sozialistisäe Gefahr zu vereinigen. Der Grund für seinen Rück­tritt im Mai war, daß er die Einreihung der staatlichen Eisenbahnarbeiter in sozialdemokratische Fachvereine nicht zugeben wollte. Nach dieser Rich­tung wird der Mann am besten durch den Ausruf eines Sozialisten charakterisirt:Casimir Pèrier das ist der Bürgerkrieg!" Auch die deutsche Presse der Sozialdemokratie nennt seine Wahl eineKriegserklärung" gegen ihn, da sie in ihm einen unerbittlichen Verfolger alles Verschwörer­wesens und einen Vertreter des Großkapitals sieht. Die Mehrheit, die ihn gewählt hat, war aber offenbar der richtigen Meinung, daß gerade jetzt nach den zahlreichen Bombcnattentaten und dem schändlichen Mord- streich von Lyon ein kaltblütiges, unerschrockenes und thatkräftiges Staats- oberhütipt Don Nöthen sei.

Wie ernst Pèrier die Leiden der Zeit ansieht, geht u. A. aus fol­gender Stelle einer von ihm vor Jahr und Tag gehaltenen Programmrede hervor:Die Gegenwart, sagt Leibniz, ist zukunftsschwanger. Wir durch­schreiten einen Zeitabschnitt, wo alles, was war, nicht mehr ist, und wo noch nicht klar vor Augen liegt, was sein wird. Man muß deshalb die Furchtsamen beruhigen, die Ungestümen zügeln. Befriedigungen erwecken, ist leichter als Hoffnungen ausstreuen, und je mehr man die achtet, die leiden und gedrückt sind, um,so weniger läuft man Gefahr, sie zu enttäuschen. Auf die getäuschte Hoffnung aber folgt unmittelbar die Verzweiflung, und ver­zweifelte Männer stehen bereits mit einem Fuß im Aufruhr. Die Sitten und Lebensgewohnheiten können jedoch dem schnellen Flug des Gedankens nicht folgen. Möchten doch die Leute, auf denen die Härten des Lebens lasten, zuweilen einen Blick in die Vergangenheit werfen, dann würden sie zu der Er­kenntniß gezwungen, daß das 19. Jahrhundert nicht in seiner Pflicht gegen die Menschheit gefehlt hat . . . Die ausführende Gewalt hat fortan von ihren Rechten Gebrauch zu machen, die daraus entspringende Verantwor­tung auf sich zu nehmen, alle moralischen Kräfte zu.einem Liktorenbündel zusammenzulegen und sie in Thätigkeit zu setzen, nicht zum Nutzen einer Partei, sondern für die Größe und das Heil des Vaterlandes. Alle öffentlichen Beamten wie hoch oder wie niedrig sie stehen mögen müssen mit der Ueberzeugung durchdrungen werden, daß sie nur von ihren Vorgesetzten abhängen und daß sie nichts sind als die Diener der Nation. Wir schelten oft auf die Staatseinrichtungen, wenn es weit angemessener wäre, uns selbst zu schelten, und weit nützlicher, uns selbst zu ändern, als neue Verfassungen auszuarbeiten."

Nimmt man noch hinzu, daß außer der Thatkraft und der Begabung dem neuen Präsidenten Äch Ehrlichkeit und aufrichtige Friedensliebe nach­gerühmt werden, so scheint der Kongreß in Versailles eine glückliche Wahl getroffen zu haben. Ob sich die Hoffnungen auf ein ruhiges und segens­reiches Regiment erfüllen werden, das hängt wesentlich davon ab, ob ès dem neuen Präsidenten gelingt, der Parteizerfahrenheit und der Partei­umtriebe Herr zu werden und die unheilvollen Schwankungen des parla­mentarischen Systems Frankreich hatte in den 6V2 Jahren der Prä­sidentschaft Carnot's 10 verschiedene Staatsministerien zu überwinden.

Tagesschau.

Bcrlm, 2. Juli. Seine Majestät der Kaiser und König kehrten heute Nacht gegen 2 Uhr von Swinemünde nach Kiel zurück, empfingen gegen 9 Uhr den chilenischen Brigadekommandeur Koerner und den Kontre- admiyal von Reiche und gingen gegen 10 Uhr nach Eckernförde in See. Von dort wurde nach kurzem Aufenthalt die Reise nach Stavanger in Nor­wegen fortgesetzt.