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Nr. 46

Freitag den 23. Februar

1894.

Amtliches.

Dimstnachrichten aus dem Kreise.

Gefunden: Ein Kinderschuh von Glanzleder. Eine Pelzmütze. Ein doppelter blauer Kinderkragen. Eine Milchkanne.

Entlaufen: Ein kleiner schwarzer kurzhaariger Pinscher mit gelben Pfoten, m. Geschl.

Entflogen: Ein Täuber (Rüffelkröpfer) nebst schwarzer Täubin; dem Wiederbringer eine gute Belohnung.

Vom Wasenmeister am 21. d. Mts. eing efangen: Ein schwarzer Schäferhund m. Geschl.

Hanau am 23. Februar 1894.

^iadWretö sattem.

Bekanntmachungen des Oberbürgermeisteramtes.

Bei der gestern stattgefundenen Ergänzungswahl von 2 Mitgliedern der Deputation für Verwaltung und Verwendung der durch Ablösung an Stelle der der Altstadt Hanau zugestandenen Berechtigungen getretenen Ablösungskapitalien sind die Herren Stadtrathsmitglieder

Friedrich Canthal und

Friedrich Jung einstimmig gewählt worden.

Unter Veröffentlichung dieses Wahlergebnisses mache ich die Wähler­schaft darauf aufmerksam, daß etwaige Einwendungen gegen die Wahl wegen mangelhaften Verfahrens binnen 8 Tagen bei der Deputation an­gebracht werden müssen. (8- 8 der Statuten vom 28. Juni 1884.)

Hanau am 22. Februar 1894.

Der Oberbürgermeister

Dr. Gebeschus. 2514

t Einwände gegen den russischen Handelsvertrag.

Unter den mancherlei Irrthümern, die bei der Beurtheilung des russischen Handelsvertrages hervortreten, ist nicht der geringste der: der russische Zolltarif von 1891, der die Grundlage der Verhandlungen bildete, sei so hoch, daß die deutsche Ausfuhr nach Rußland vollständig erlahmt sei und sich nur noch auf Artikel beschränkt habe, die Rußland unter allen Umständen brauche; habe doch sogar die Anwendung des russischen Maxi­mallariss von 1893 und dann der noch höheren Kampfzölle gegen Deutsch­land keinen Rückgang unserer Ausfuhr bewirkt, eben weil schon nach dem Tarif von 1891 nur noch die für Rußland absolut unentbehrlichen Waaren von uns hätten ausgeführt werden können. Die Schlußfolgerung geht dann natürlich dahin, daß uns der Zollkrieg nicht geschadet habe und daß uns die Ermäßigung der russischen Sätze von 1891 nicht viel nützen werden. ëf

Eine solche Beweisführung ist grundverkehrt. Richtig an ihr ist nur, daß unser Waarenhandel unter den fortgesetzten russischen Zollerhöhungen bis 1891 immer mehr zurückgedrängt worden war. Wie sehr aber auch Deutschland unter dem Zollkampfe zu leiden hatte und wie werthvoll für uns die Herabminderung der Zollmauer von 1891 sein muß, geht u. A. aus folgenden der neuesten Statistik entnommenen Zahlen hervor.

In roher Bauunvolle sank die dentsche Ausfuhr nach Rußland von 18921893 von 34 000 Doppelzentner auf 17 000, und zwar wurden von diesen 17 000 bis zum 1. August 1893 (Ausbruch des Zollkrieges) 14 OOÖ Doppelzentner ausgeführt. Die Ausfuhr in Eck- und Winkeleisen stieg von 46 000 Doppelzentnern (1892) auf 85 000 (1893), aber auf die fünf Monate AugustDezember 1893 kamen nur 4600 Doppelzentner. Aehnlich ist das Verhältniß bei schmiedbarem Eisen in Stäben; für die 7 ersten Monate des vorigen Jahres find 254 000 Doppelzentner, für die 5 letzten dagegen nur 43 000 Doppelzentner verzeichnet. Rohe Eisenplatten und Bleche kamen in den ersten 7 Monaten auf 101 000 Doppelzentner, in den 5 letzten nur auf 21 000 Doppelzentner, für grobe Eisenwaaren sind die entsprechenden Zahlen 58 000 und 21000, für Maschinen und Maschinentheile 78 000 und 39 000, für rohes Kupfer 30 000 und 2000, für Zement 167 000 und 45 000. Ebenso läßt sich auch bei zahlreichen Chemikalien, bei Kleesaat, Sämereien, Pelzhäuten, Klavieren und Instru­menten, Bernstein- und Elfenbeinwaaren, Uhren, Lederwaaren, Koks, Zink,

Schafwolle, gekämmter Wolle re. ein bedeutender Rückgang in der Ausfuhr als Folge der Kampfzölle nachweisen.

Kaum gelitten hat die Ausfuhr von Steinkohlen; diese stieg von 1,17 Millionen Doppelzentner (1892) auf 1,3 Millionen Doppelzentner (1893); letztere Sumnie vertheilt sich mit 754 000 Doppelzentner auf die Monate Januar bis Juli, mit 546 000 auf die Monate August bis De­zember. Dies mag sich daraus erklären, daß es sich bei der Kohenausfuhr nach Rußland um bestimmte Arten von Kohle, namentlich Fettkohle, handelt, welche die rufsisch-polnischen Gruben nicht hervorbringen. Damit erledigt sich aber auch der Einwand, daß die Ermäßigung des Kohlenzolles von 2 Kopeken für das Pud (162/s kg) nach dem Tarif von 1891 auf 1 Kopeke in dem neuen Vertragstarif nicht viel Werth habe, weil der niedrige Satz nur bis 1898 gebunden sei, dann aber von Rußland erhöht werden könne. Woran uns vor Allem liegen mußte, das ist die Beseitigung des Differentialzolles, der bisher zu Gunsten des Eingangs zur See und zum Nachtheil des Eingangs über die trockene Grenze bestand, und diese Be­dingung erfüllt der Vertrag, da im Schlußprotokolle festgesetzt ist, daß für die ganze Vertragsdauer die Zölle für die westliche Landesgrenze und für die Ostseehäfen dieselbe Höhe haben sollen.

t Worte und Werte.

Die Sozialdemokratie hat bekanntlich die Forderung des Acht­stundentages sür alle Arbeitsleistung ohne Unterschied in ihrem Pro­gramm verzeichnet. Wie aber stimmt zu diesem großen, schönen Worte ihre eigne Handlungsweise? In Dresden und in der Umgebung dieser Stadt haben die sozialdemokratischen Konsumvereine eine ziemliche Verbreitung. Die Angestellten dieser Vereine haben dieser Tage eine Versammlung abgehalten, um gegen die Ueberbürdung, die ihnen zugemuthet wird, Verwahrung zu erheben. Ihre Arbeitszeit beträgt 1518 Stunden, das Gehalt ist viel zu gering. Ein Redner meinte, sie würden nicht nur schlecht bezahlt, sondern auch viel schlechter behandelt, als dies bei den so oft geschmähten Fabrikanten der Fall sei; das sei kein sozialistisches System mehr. Ein anderer beklagte sich, daß sie alsziel­bewußte" Arbeiter nicht einmal den 1. Mai feiern dürften, es sei lächer­lich, daß der Verwaltungsrath, der doch nur aus Arbeitern bestehe, hierzu die Erlaubniß verweigere. Am Sylvester hätten sie einfach drei Stunden länger arbeiten müssen, ohne daß sie nur gefragt worden wären. Wenn ein Fabrikant etwas Aehnliches verlange, so frage er erst seine Arbeiter, hier aber werde einfach befohlen. Das sei ja viel schlimmer als bei den Kapitalisten, und er, Redner, möchte da bloß wissen, wie es da im Zukunstsstaat aussehen werde.

Tagesschau.

Berlin, 22. Februar. Im Laufe des heutigen Vormittags nahmen Seine Majestät den Vortrag des Reichskanzlers in dessen Wohnung ent­gegen und hörten, in das Königliche Schloß zurückgekehrt, die Vorträge des Kriegsministers, Generals der Infanterie Bronsart von Schellendorff und des Chefs des Militârkabinets, Generaladjutanten von Hahnke.

Berlin, 22. Februar. Wie verlautet, wird die Kaiserin mit den Kindern auf ärztlichen Rath am 10. März sich zu mehrwöchentlichem Auf­enthalte nach Abbazia begeben. Dem Vernehmen nach wird der Kaiser dieselben während dieses Aufenthaltes auf einige Zeit besuchen. (RH. K.)

Berlin, 22. Februar. DerReichsanzeiger" schreibt, das Reichs­marineamt müsse sich weitere Angaben über die Ursache des Unglücks auf derBrandenburg" bis zum Abschluß der eingeleiteten Untersuchung vor­behalten, Nach der Verordnung vom 23. November 1875, betreffend die Havariekommission, ist die Ursache von Unfällen der kaiserlichen Marine in einem Untersuchungsverfahren vor einer Sachverständigenkommission fest­zustellen. Statt dessen ist gemäß der Kabinetsordre vom 18. März 1879 die Feststellung des. Thatbestandes im gerichtlichen Verfahren dann anzu­ordnen, wenn die begründete Vermuthung vorliegt, daß ein Menschenver­lust durch ein Verschulden herbeigeführt ist. Abgesehen hiervon wird nach den Vorschriften der Reichsstrasprozeßordnung die Staatsanwaltschaft das Ermittelungsverfahren einleiten, wenn ein Verschulden von Eivilpersonen in Frage stehe.