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Hanauer Ameiyer.

Zugleich

ArrEcHes g^gon für Kiaöl- und Landkreis Kanan.

Erscheint täglich mit Ausuab re der Soun- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.

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Nr. 148.

Mittwoch den 28. Juni

1893

Amtliches.

Landkreis Hanan.

Bekanntmachungen des Königlichen Landrathsamtes.

Bei der heute stattgehabten Ermittelung des Ergebnisses der am 23. d. Mts. stattgehabten engeren Wahl zum Reichstage hat sich herausgestellt, daß auf die Kandidaten

1) Bürgermeister W. J. Stroh in Marköbel 12327,

2) Redakteur Gustav Hoch in Frankfurt a/M. 11927 Stimmen entfallen sind.

Es ist somit Herr Bürgermeister W. J. Stroh mit einer Mehrheit von 400 Stimmen im 8. Wahlkreise des Regierungsbezirks Cassel zum Reichstagsabgeordneten gewählt.

Hanau am 27. Juni 1893.

Der Wahlkommissar v. Oertzen, Landrath.

Der Bürgermeister Konrad Jung zu Roßdorf ist in dem heute stattgehabten Wahltermine zum Kreistagsabgeordneten im IX. Bezirke des Wahlverbandes der Landgemeinden an Stelle des verstorbenen Mitgliedes Bürgermeister Schröder von Bruchköbel gewählt worden.

Hanau am 26. Juni 1893.

Der Königliche Landrath

A. 1780 v. Oertz en.

t Der Verlust großer Ideen.

Die freisinnige Presse spürt der Ursache des vollständigen Zusammen­bruchs ihrer Partei nach, und eines ihrer Blätter, dieVosfische Zeitung", erklärt^das tragische Schicksal der freisinnigen Volkspartei daraus, daß sie der Taktik viel zu großes Gewicht beigemessen, das Kleingefecht bevorzugt und darüber häufig die großen Gesichtspunkte, die großen Ideen verloren hat."

DerVerlust großer Ideen" das ist ein treffendes Wort! Als die Partei vor neun Jahren durch Vereinigung mit den liberalen Sezessio- nisten entstand, da konnte man von ihr sagen:in den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling." War es auch nur ein Wind aus vollen Backen, der die Segel blähte, so nahm sich doch das Fahrzeug ganz gut aus; man fordertedie Entwickelung eines wahrhaft konstitutionellen Ver­fassungslebens mit einem verantwortlichen Reichsministerium", was so viel sagen wollte wiedie Errichtung eines parlamentarischen Regiments." Man machte Front gegen die soziale Reform und verlangtevolle Durch­führung der allgemeinen Dienstpflicht bei möglichster Abkürzung der Dienstzeit."

Das waren doch wenigstens noch große Gesichtspunkte, große Ideen, nach deren Verwirklichung überzeugte Politiker, wenn sie sich auch auf theil­weis falschem Wege befanden, streben konnten. Was aber ist aus diesen Ideen geworden? Das parlamentarische Regiment zur Verwirklichung zu bringen, mußte die freisinnige Partei bald von selbst aufgeben, da die praktischen Verhältnisse es ihr verboten: was nützte ihnen das parlamen­tarische Regiment, wenn alle Aussicht für sie, selbst zur Herrschaft im Parlament zu gelangen, verschlossen war? Den Kampf gegen die soziale Reformpolitik, welcher eine der Haupttriebfedern ihrer Parteigründung war, mußten sie bei dem wachsenden Einfluß dieser Politik, dem sie sich selbst nicht entziehen konnten, aufgeben und den dritten Hauptpunkt ihres Pro­gramms,die volle Durchführung der allgemeinen Dienstpflicht bei mög­lichster Abkürzung der Dienstzeit" haben sie sogar in demselben Augenblick verleugnet, wo die Regierung sich anschickte, ihn aus praktischen Gründen und aus Rücksichten für den Schutz und die Sicherheit des Vaterlands zu verwirklichen.

So sind diegroßen Ideen" den Freisinnigen thatsächlich verloren gegangen? Und was haben sie an deren Stelle gesetzt? Ihr Standpunkt bei Berathung der Militärvorlage war der eines unbelehrbaren Eigensinns, der nicht aus der Macht einer politischen Ueberzeugung, sondern aus der hen und trügerischen Spekulation nach einem politischen Geschäft her- ;egangen war, und jetzt bei den Stichwahlen reissen sie, durch ihr Ge- k noch immer unbelehrt, mit keiner anderen Idee zu operiren, als die ialdemokratie, ihre angeblich schlimmste Feindin, groß zu machen, nur von deren Gnade noch einige Mandate zu erhaschen.

Co verderblich ihregroßen Ideen" waren, man wird doch immer

! den Männern, die sich in deren Dienst stellten, Achtung schenken müssen, wenn auch von ihnen mehr wie von den Pilgern das Dichterwort gilt: ach wie beseligt uns doch Menschen ein falscher Begriff." Die alten Demokraten, so verkehrt ihre Ziele waren, ließen sich doch wenigstens von großen Gesichtspunkten leiten. Wenn aber ihre Nachfolger der Gegenwart ihr Heil nur in der Oppositionslust, in der Großmannssucht, in dem Streben nach einem politischen Geschäft suchen und unter Preisgabe und selbst unter Verleugnung ihrer alten großen Ideen nur auf den Unfrieden, auf die Erstarkung der Sozialdemokratie, und so auf die Bedrohung der Gesellschaft, ja auf die Blosstellung des Vaterlands hinarbeiten, dann können sie sich nicht wundern, wenn sie nicht nur von den Gegnern zer­malmt, sondern auch von den eigenen Freunden verlassen werden, die immer mehr erkennen, in welchen Sumpf sie von Richter geführt worden sind.

t Die Stärke der französischen Infanterie im Frieden.

Durch die Zeitungen geht eine Notiz über das der französischen Kommer vorgelegte Kadregesetz. Darin heißt es:Die 145 Linienregi­menter erhalten einen Ergänzungskadre u. s. w." Dieser Satz könnte den Anschein erwecken, als besitze Frankreich nur 145 Jnfanterieregimenter, und in der That hat die Freisinnige Zeitung daraufhin die französischen Maß­regeln als ganz unbedeutende hingestellt. Demgegenüber stellt dieNat. Ztg." folgendes fest:

Frankreich besitzt 173 Jnfanterieregimenter, nämlich: 163 Linien- infanterieregimenter, 4 Zuavenregimenter, 4 Turkosregimenter, 2 Fremden­regimenter, zusammen 173 Regimenter. Von den 163 Linieninfanterie- regimentern führen die Nummern 145162 den TitelRegionalregi­menter" und sind vorläufig zu Festungsbesatzungen bestimmt, sind aber ganz ebenso feldmäßig ausgebildet und ausgerüstet wie die gesammte andere Infanterie, können also auch in jedem Moment zum Felddienst verwandt werden.

Die Nummern 1144 besitzen bis jetzt vierte Bataillonsstämme; die Nummern 145163, die Turkos- und die Zuavenregimenter besitzen voll­ständige, vollzählige vierte Bataillone. Die beiden Fremdcnregimenter be­sitzen sogar jedes 5 Bataillone. Jedes Zuavenregiment besitzt ferner 2, jedes Turkoregiment 1 und jedes Fremdenregiment 1 Depotkompagnie. Außerdem sind vorhanden 5 selbstständige Bataillone leichte afrikanische Infanterie zu 6 Kompagnien, 30 Jägerbataillone, von denen 117 sechs Kompagnien stark sind (2 neue Jägerbataillone und 26 einzelne Kompagnien will man nach dem neuen Kadregesetz noch errichten), so daß jedes Jäger- bataillon 6 Kompagnien stärker werden würde.

Außerdem besitzt Frankreich 12 Marineinfanterieregimenter zu 25 Bataillonen, 4 selbstständige Bataillone zu 34 Kompagnien und 5 De­tachements von Vs bis 3 Kompagnien. In Frankreich selbst, also auch zum Landkriege, wie 1813 und 1870 verfügbar, sind 32 Bataillone dieser Truppengattung. Somit beträgt die französische Friedensstärke an Jnfan- teriebataillonen nicht weniger als 616 gegenüber 538 deutschen Bataillonen.

Lagesschau.

Berlin, 27. Juni. Seine Majestät der König haben Allergnädigst geruht: dem Kardinalstaatssekretâr Mariano Rampolla del Tindaro zu Rom den Schwarzen Adlerorden zu verleihen.

Berlin, 26. Juni. Dem Reichstage werden mit dem Militärgesetze noch ein paar andere Vorlagen zugehen, unter ihnen ein Gesetzentwurf über die Ermäßigung der Eisenbahnfracht für Viehfutter und Streu. Gras und Klee sind bei der langwierigen Dürre mißrathen, der erste Schnitt war mehr als dürftig. Auch der Hofer hat schwer gelitten, und der Stand des Korns läßt einen bescheidenen Strohertrag erwarten. Der Mangel an Vichfutter hat viele Bauern genöthigt, zu jedem Preise einen Theil ihres Viehbestandes zu verkaufen. In einigen Gegenden sind die Preise der Milch und Butter bedeutend gestiegen. Süddeutschland ist besonders hart getroffen, in Elsaß-Lothringen und in Württemberg sind die Landwirthe zusammengetreten, um gemeinschaftlich Futter und Streu anzuschaffen. Frankreich, England und Oesterreich-Ungarn haben einen gleichen Nothstand, wie Deutschland. Die Vorlage wird kaum auf Wider­spruch stoßen. Man darf vermuthen, daß die Landwirthe gern noch etwas weiter gingen und um die Herabsetzung des Zolles bäten, welcher auf dem Hafer ruht, namentlich Rußland würde in diesem Falle schnell den diesseitigen Bedarf decken.