Beilage zu Nr. 134 des Hanauer Anzeiger.
Hanau den 10. Juni 1893.
Die Klaffenverhetznng.
Die Sinnesart, mit bst die Parteien der Opposition in die Wahlen gehen, offenbart sich vornehmlich darin, daß sie sich in allerhand Flugblättern und Druckschriften an einzelne Volksklaffen — Beamte, Bauern, Kleinbürger, Handwerker und Arbeiter — wenden und deren Interesse zur Bekämpfung der Militärvorlage wie zu g-genseitiger Verhetzung aufrufen. Der Beamte wird gegen die Legierung und deren Anhänger sowie gegen die Mili'ärvmlage zn hchen gesucht, weil er keine Gehaltserhöhung er- j halten hat oder erhält, der Bauer wird gegen den Großgrundbesitzer aufgehetzt, weil dieser angeblich von der Zoll- und Steuergesetzgebung die Vortheile habe, die jenem vorenthalten leien ; insbesondere aber wird ihm zu Gemüthe geführt, daß die Landwiithschaft durch die vermehrte Rekruteneinstellung, die die Militärvorlage fordere, schwer werde bedrückt werden; dem Kleinbürger wird Angst vor weiteren Steuern und Abneigung gegen das Heer und gegen die „Privilegien" der Landwirthschaft beizubringen gejuckt, und der Arbeiter wird selbstverständlich gegen alle Klaffen sammt und sonders, gegen Staat und Gesellschaft überhaupt in Bewegung gesetzt, indem man insbesondere ihm vorspiegelt, daß er bald um sein Wahlrecht kommen werde, ganz zu geschweigen von der Vorspiegelung, daß namentlich er es sei, der von dem Militarismus, den Verbrauchssteuern und anderen Lasten zu leiden habe.
Diese Verhetzungsversuche bezwecken den Unfrieden gerade da, wo Einigkeit noth thut, und sie haben mit einander das gemeinsam, daß sie den Sinn mit den hohen Gütern, zu deren Vertheidigung das deutsche Volk aufgerufen ist, ablenken, indem sie den Neid und die Begehrlichkeit nach materiellen Vortheilen anzuregen suchen.
Was müßte das für ein Volk sein, welches sich in einer großen Lebensfrage, wo seine Existenz und seine Ehre auf dem Spiele stehen, von solchen unwürdigen Versuchen beeinflussen lassen wollte? Würde nicht das ganze Ausland, voran Frankreich, mit Spott und Hohn auf ein Volk sehen müssen, dessen Klassen und Glieder in der Stunde ernster Entscheidung sich um untergeordneter materieller Interessen willen in den Haaren liegen?
Wir sind überzeugt, daß diese Versuche wirkungslos abprallen werden an den, wie wir voraussetzen, in jedem deutschen Bürger gleichmäßig vorhandenen Vorstellungen von Pflicht, Ehre und Vaterlandsliebe. Das Wohl und Wehe des Vaterlandes steht jedem Einzelnen doch wohl noch I etwas höher als ein kleiner materieller Gewinn, den er angeblich von an- ' deren Nebenmenschen dadurch, daß er sie schädigt, erhalten könnte. Mag er sein Berufsleben ganz von dem Streben nach Besserung seiner persönlichen Verhältnisse durchziehen lassen: wenn das Vaterland seiner bedarf, wird Niemand um einiger Groschen willen feilschen und mit sich markten lassen! Das ist es, was die Ggner ganz und gar mit ihrer Klassenver- Hetzung übersehen ; sie suchen die kleinen täglichen Sorgen und Berufsinteressen in den Vordergrund zu drängen und zu gegenseitigem Kampfe aufzurufen, aber an die Gefühle der Pflicht, der Ehre und der Vaterlandsliebe, an die großen nationalen Güter, die uns allen heilig sind, erinnern sie nicht, ja sie stellen sie gänzlich in den Hintergrund!
Wir meinen, diese Gegner werden sich selbst damit ins Fleisch schneiden, daß sie die Wähler, die sie durch ihre Verhetzungskünste zu gewinnen suchen, so niedrig als Leute taxiren, welche keine patriotischen Gefühle, kein Herz, keine höheren Interessen als den Geldbeutel haben. Weg mit der Klassenverhetzung. Alle die eingebildeten Vortheile und Nachtheile der verschiedenen Klassen verschwinden vor der Thatsache, daß es sich gegenwärtig allein um das Vaterland handelt, dem alle seine Söhne in gleicher Weise am Herzen liegen und das ebenso auch diesen in gleicher Weise am Herzen liegt nnd liegen muß. Was da dem Einen frommt, kann dem Anderen nicht schaden. Wir sind Börger eines Volks und sollen friedfertig zusammcnstehen in allen großen Lebensfragen: wie viel mehr an einem Tage, an welchem das Volk über sein Geschick, über die Existenz und ', die Ehre Deutschlands, über die Erbaltuna dessen, was mit
Inserate.
Mekclnntmcrchuug.
Den verehrlichen hiesigen Hausbesitzern empfehle ich mich zur
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Indem ich mit den vorgeschnebenen Ausführungsbestimmungen vollständig vertraut bin, ich gute und billigste Bedienung zu und sehe gefälligen Aufträgen gerne entgegen.
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Nikolaus Knoll,
Marktstrastc 5 Altstadt.
schweren Opfern an Gut und Blut vor zweiunozwüttzig Jahren errungen wurde, zu entscheiden hat!
Beherzigenswertste Worte des Feldmarschalls Moltke.
Unser grover Feldmarschall Moltke erhob im Reichstag am 14. Mai 1890 vor den Vertretern des deutschen Volkes seine warnende Stimme mit folgenden Worten:
„Wenn der Krieg, der jetzt schon mehr als zehn Jahre lang wie ein Damoklesschwert über unsern Häuptern schwebt, wenn dieser Krieg zum Ausbruch kommt, so ist seine Dauer und ist sein Ende nicht abzusehen. Es sind die größten Mächte Europas, welche, gerüstet wie nie zuvor, gegen einander in den Kampf treten; keine derselben kann in einem oder in zwei Feldzügen so vollständig niedergeworfen werden, daß sie sich für überwunden erklärte, daß sie auf harte Bedingungen hin Frieden schließen müßte, daß sie sich nicht wieder aufrichten sollte, wenn auch erst nach Jahresfrist, um den Kampf zu erneuern. Meine Herren, es kann ein siebenjähriger, es kann ein dreißigjähriger Krieg werden.--Nun, wo es sich um so große Dirge handelt, wo es sich handelt um, was wir mit schweren Opfern erreicht haben, um den Bestand des Reiches, vielleicht um die Fortdauer der gesellschaftlichen Ordnung und der Zivilisation, jedenfalls um Hunderttausende von Menschenleben, da kann allerdings die Geldfrage erst in zweiter Linie in Betracht kommen, da erscheint jedes pekuniäre Opfer im Voraus gerechtfertigt."
Noch kurz vor seinem am 24. April 1891 erfolgten Tode wiederholte er gegenüber Freunden diesen Mahnruf, und ihn möge das deutsche Volk als ein Testament seines großen Heerführers zu Herzen nehmen und befolgen.
Börsennachrichten.
N—r. Hanau, 9. Juni 1893.
Im Anschluß an die vorige Woche hat auch bei Beginn dieser Woche eine recht feste Stimmung vorgeherrscht. Namentlich hat die Wiener Börse den Versuch gemacht ihre Werthe wieder zu erhöhen und zwar nicht ohne Erfolg, wenn auch zur Begründung nur Aussichten auf bessere Ernte und neue Geschäfte angegeben werden tonnten. Diese schöne Zukunftsmusik hat aber nicht vermocht auf die Dauer die Börsen zu interessiren und so ist denn in den letzten Tagen das Geschäft wieder bedeutend eingeschrumpft und die Tendenz hat sich sehr merklich abgeschwächt.
Unsere Vergleichstabelle zeigt nur noch an wenigen Notirungen die Spuren der Besserung bei Spekulationspapiercn, während die Erhöhung einiger Anlagewerthe wohl schon auf Rechnung des kommenden Semesterwechsels mit seinem reellen Anlagebedarfe zu stellen ist.
Selbst die Ermäßigung des Diskonts der Bank von England um ein Prozent hat nicht vermocht neue Unternehmungslust zu wecken.
Noch immer ist man im Ungewissen über das Schicksal der nächsten Koupons der griechischen Anleihen. Man hält an der Hoffnung fest, daß die Monopolanleihe ihre bevorzugte Stellung behalten werde.
Frankfurter Kurfe
am 1. Juni
am 8. Juni
4°/o Preuß. Consols
107.30
107.40
Wi» „
100.65
100.95
3°/. „
86.70
86.90
Ocsterr. Goldrente
97.25
97.55
, Krcditaktien
ML'/«
2841/.
Ungar. Goldrente
95.90
96.25
5°/o Argentiner
51.—
50.50
3® /• Portugieser
22.16
21.85
Hessische Ludwigsbahnaktien
110.50
110.60
Gotthardbahnaktien
158.—
157.40
Disconto Comm.-Anth.
185.70
186.50
Laurahütte
101.—
99.50
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