21. Oktober 1869 brachte im preußischen Abgeordnetenhaus Professor Virchow einen Antrag ein, das Heer zu vermindern, die Militärausgaben einzuschränken, da das französische Volk ganz mit „innerer Arbeit" beschäftigt sei und an Krieg nicht von Weitem denke, und die ganze Fortschrittspartei, 99 Mann stark, stimmte zu, während allerdings 215 Abgeordnete anderer Meinung waren. Am 10. November 1869 und 22. Januar 1870 wurden in den beiden Kammern des Königreichs Sachsen ähnliche, noch kläglicher lautende Anträge gestellt und mit großer Mehrheit wirklich angenommen; in Württemberg verband sich zu gleicher Zeit die Volkspartei mit den Klerikalen und strich ohne Weiteres etliche Regimenter aus dem Etat; im Juli 1870 machte sich die verbündete fortschrittlichklerikale Partei unter Führung des Freiherrn v. Stauffenberg an's Werk, durch Abstrich von 8 Millionen Mark das bayerische Heer um ein ganzes Dritttheil zu verringern, als diesem schmählichen Unternehmen ein rasches Ende bereitet wurde — durch die Kriegserklärung Kaiser Napoleons III. vom 15. Juli 1870.
Man muß sich billig wundern über das kurze Gedächtniß des deutschen Volks, daß es alle diese Vorgänge, die man nur mit Schamröthe in den Jahrbüchern der deutschen Geschichte lesen kann, schon längst wieder vergessen hat, und die Lügenpropheten von 1869 und 1870 bis auf diesen Tag im Reichstag ihre lügnerischen Prophezeihungen fortsetzen durften. Einmal freilich wurde ihnen die Thüre gewiesen, als sie am 14. Januar 1887 die Verstärkung des deutschen Heeres abgelehnt hatten, obwohl Frankreich unter Führung Boulangers im Begriff stand, uns von Neuem anzugreifen und Rußland sich anschickte, ihm beizustehen ; damals, bei den Neuwahlen am 20. Februar 1887, fielen die Herren Deutschfreisinnigen glänzend durch, indem die besonnenen und vaterländisch gesinnten Anhänger des Zentrums sich von Windthorst lossagten und es kam eine Verstärkung des deutschen Heeres zu Stand, die den bösen Nachbarn die Ausführung ihrer Pläne vorläufig vereitelte. Aber schon nach drei Jahren war die Gefahr wieder vergesfen; infolge der Wahl vom 20. Februar 1890 zog ein Reichstag in Berlin ein, in welchem Windthorst und E. Richter die Mehrheit hatten und das Ansehen Deutschlands im Ausland in ein rasches Sinken kam. Die erste Folge war der Sturz des Schöpfers des deutschen Reichs, des Reichskanzlers Fürsten von Bismarck, die zweite das offene Bündniß Frankreichs und Rußlands und der Beginn neuer Rüstungen dieser Staaten, größer und gefahrdrohender als zu irgend einer früheren Zeit, Rüstungen, wie sie die Weltgeschichte vorher noch nie gesehen hat. Und wahrlich, es ist nur zu begreiflich, wenn Franzosen und Russen die Stunde nahen glauben, mit Deutschland kurzen Prozeß machen zu können. Sie vertrauen schon auf ihre Uebermacht; aber sie hoffen zugleich auf die deutsche Uneinigkeit, die alte, berühmte deutsche Uneinigkeit, die seit Jahrhunderten immer dazu geführt hat, daß Deutschland zerfetzt und zertreten worden ist. Die bevorstehenden Wahlen werden von unseren Feinden als eine Probe darauf angesehen, ob Deutschland zum Zerfall reif ist oder nicht.
Tagssscharr.
Berlin, 8. Juni. Seine Majestät der Kaiser und König hörten gestern Morgen den Vortrag des Chefs des Zivilkabinets und wohnten dann den Besichtigungen des Gardekürassierregiments und des-zweiten Gardeulanenregiments aus dem Tempelhofer Felde bei. Heute früh kamen Seine Majestät wieder nach Berlin, um der Besichtigung der Garde- dragonerregimenier auf dem Tempelhofer Felde beizuwohnen, und kehrten im Laufe des Nachmittags nach dem Neuen Palais zurück.
Berlin, 8. Juni. Der Reichskommissar Dr. Peters erklärt in der „Deutschen Warte" alle Nachrichten über den Tod Emin Paschas für falsch. (Rh. K.)
Berlin, 8. Juni. Das hiesige Kön. Landgericht verhandelte heute gegen Ahlwardt wegen Beleidigung preußischer Beamten, insbesondere der Justizverwaltung, begangen in einer am 29. Oktober 1891 zu Essen gehaltenen Rede. Die Verhandlung war bereits einmal auf Antrag der Vertheidigung, welche eine Ergänzung der Beweisaufnahme wünschte, vertagt worden. In dem heutigen Termine behauptete nun Ahlwardt, es habe ihm fern gelegen, der Gesammtheit des Beamtenthums einen Makel anzuhängen. Er sei vielfach mißverstanden worden. Der Gerichtshof beschloß, die Sache zu vertagen, den Polizeikommissar Gauck von hier zu vernehmen und ferner amtliche Auskunft über die Persönlichkeit Gaucks einzuholen. (Rh. K.)
Berlin, 7. Juni. Gestern haben wir, so schreibt der „Rh. Kur.", auch eine Anarchistenversammlung gehabt, in der sich diese Herren über die Wahlbewegung ausließen. Natürlich war die allgemeine Ansicht: auf keinen Fall eine Betheiligung! Die sozialdemokratischen Wähler wurden Stimmvieh genannt, Ravachol wurde verherrlicht und es als höhere Sittlichkeit bezeichnet, wenn zur Propaganda der That Anarchisten, wie dies in Paris geschehen sein soll, stehlen und rauben.
Die „Nationalliberale Korresp." schreibt: Mit Deckungs- Vorschlägen über die Kosten der Militärvorlage wird, wie wir hören, die Regierung in der kurzen ersten Reichstagssession jedenfalls nicht hervortreten. Ob sie über die Pläne in dieser Beziehung einige Andeutungen machen wird, muß dahingestellt bleiben. Jedenfalls aber werden Steuervorlagen zunächst nicht eingehen. Das wird für den Fall des Zustandekommens des
Militärgesetzes der Herbstsesston vorbehalten bleiben; vorübergehende Fehlbeträge müssen einstweilen durch Matrikularbeiträge gedeckt werden. Wohl aber wird man erwarten dürfen, daß die Erörterungen im Reichstag, wenn einmal die Verständigung über die Militärvorlage in greifbare Nähe tritt, sich vielfach mit der Steuerangelegenheit beschäftigen werden. Findet sich eine Mehrheit für die Militärvorlage, so muß sich nothwendig auch eine solche für die Deckung der Kosten finden. Ganz überwiegend ist von den verschiedenen Seilen nachdrücklich betont worden, daß die erhöhten Lasten nicht den unteren Ständen aufgebürdet werden dürfen, sondern von den wohlhabenderen und leistungsfähigeren Klassen getragen werden müssen. Wie wir hören, bewegen sich auch die Pläne der Regierung in dieser Richtung.
Das „Költt. Tbl." schreibt: Welches Interesse französische Blätter der Wahlbewegung in Elsaß-Lothringen entgegenbringen, zeigt ein Artikel des „Figaro" vom 5. Juni, in welchem es heißt: Die oberflächliche Lektüre der deutschen Blätter zeige zur Evidenz, daß, je weniger in Frankreich von dem Wahlkampf in Deutschland gesprochen werde, um so patriotischer dies sei. Jaques St. Cere (alias Rosenthal) glaubt nichtsdestoweniger einen Brief aus dem Elsaß mittheilen zu sollen, der sich über die gegenwärtige Wahlbewegung ausspricht und in dem hervorgehoben wird, wie der berühmte sozialistische Agitator Bebel, der ebenfalls in Straßburg kandidire, die Annexion tadle und deshalb in der Lage sei, eine große Zahl Stimmen aus protestlerischen Reihen auf sich zu vereinigen, die keineswegs verschwunden seien, sondern nur auf ein Ziel gelenkt zu werden und dann eine Probe zu bestehen brauchten, um zu zeigen, wie lebendig und leidenschaftlich sie seien.
Der „Post" wird aus Petersburg telegraphirt: Den Erklärungen des Grafen Kalnoky in den Delegationen wird hier die Bedeutung einer Anbahnung freundschaftlicherer Beziehungen zwischen Rußland und Oesterreich-Ungarn beigemessen. Dieselben sind um so mehr bemerkt worden, als es für hiesige politische Kreise kein Geheimniß war, daß der Besuch des Ministerpräsidenten Stambulow in Wien eine Verstimmung Rußlands herbeigeführt hatte, die auch im Unterlassen des Wiener Besuchs seitens des Großfürsten Wladimir s. Z. zum Ansdruck kam. Zum Nachlassen der Spannung zwischen den Kabinetten von Petersburg und Wien hat wohl das Verhalten Deutschlands beigetragen, welches es erreichte, daß der bereits geplante Besuch des Prinzen Ferdinand in Konstantinopel unterblieb.
Der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge hat der welsische Kandidat für Hannover, Rechtsanwalt v. Dannenberg, in einer zu Linden gehaltenen Wahlrede geäußert: Nach meiner Meinung ist es besser, wir verlieren einen Krieg, als daß wir noch einen Groschen für das Militär ausgeben. (Ein Musterpatriot. D. Red.)
Köln, 7. Juni. Die „Köln. Volksz." veröffentlicht eine Erklärung von 51 Katholiken aus dem Rheinland für die Militärvorlage. Unterzeichnet ist dieselbe von Landräthen, Gutsbesitzern und einigen Grafen. Es heißt darin, das Verhalten des Zentrums im Reichstage sei unpolitisch gewesen. Die Unterzeichner verwahren sich gegen das Verlassen der „konservativen Tradition"; sie wollen sich jedoch nicht völlig vom Zentrum loslösen, da die Unterzeichner „als Katholiken" Stellung nehmen, so weist die „Köln. Volkszeitung" darauf hin, daß die Militärvorlage mit dem Katholizismus garnichts zu thun habe.
Blankenburg, 8. Juni. In der Stadt Haffelfelde sind 85 Gebäude von drei Straßen total niedergebrannt. Das Feuer verbreitete sich bei der herrschenden Trockenheit mit außerordentlicher Geschwindigkeit über die Holzbauten. Es ist viel Vieh verbrannt, jedoch kein Menschenleben zu beklagen. Die Noth ist groß.
Dresden, 7. Juni. Die dieses Jahr in ungeheuren Mengen austretende Zwergzikade (jassus sexnotatus) vernichtete in verschiedenen Gegenden Sachsens die Roggensaaten, Gerste- und Haferbestände.
Detmold, 7. Juni. Gegen Ende dieses Monats wird auf vielseitige Anregung hin eine gemeinsame Huldigungsfahrt der lippischen Verehrer des Fürsten Bismarck nach Friedrichsruh stattfinden. Die Betheiligung wird voraussichtlich eine sehr rege werden, sodaß die Fahrt per Extrazug gemacht wird.
Wien, 8. Juni. Die Nachricht auswärtiger Blätter von der Erkrankung des Erzherzogs Albrecht ist unbegründet. Der Erzherzog war bei seiner Ankunft in Kaschau allerdings von der Reise ermüdet, erholte sich aber im Laufe des gestrigen Tages und nahm heute eine Truppen- inspizirung vor, wonach er in die Stadt zurückritt. — Der Ausschuß des Abgeordnetenhauses zur Prüfung des Entwurfes des neuen Strafgesetzesbuches lehnte den Paragraphen, welcher über die Verletzung des Dienstgeheimnisses durch thatsächliche Mittheilungen über das Dienstoerhält- niß oder von Akten handelt, ab. (Fr. N.)
Schweiz. Der Nationalrath hat, nach der „Köln. Ztg.", den Antrag zu Gunsten der finanziellen Unterstützung der Volksschule durch den Bund angenommen.
Fünfkirchen, 8. Juni. Der Streik der Bergleute ist heute allgemein. Die Direktion verweigert die Zahlung eines fixen Lohnes, würde aber die sonstigen Forderungen bewilligen, was die Streikenden jedoch ablehnen. Die Ruhe ist bisher nicht gestört worden.