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Um dies zu verhindern, will die Regierung die grundsätzlich längst bestehende allgemeine Wehrpflicht jetzt wirklich durchführen und alle brauch­baren Männer zu Soldaten machen. Während in Frankreich schon seit Jahren jeder Waffenfähige eingereiht wird, soll dies bei uns jetzt erst ge­schehen, und da das deutsche Reich 11 Millionen mehr Einwohner hat, werden wir damit den Franzosen nicht nur wieder, sondern auch dauernd überlegen sein. Dann ist auch das Aeußerste erreicht, was das deutsche Volk an Aufstellung von Mannschaften leisten kann, und was wir dann leisten, kann uns Frankreich nicht nachmachen die Schraube hat ein Ende!

Durch Einkleidung einer so viel größeren Zahl wird es möglich und nothwendig, die Truppen nur zwei anstatt drei Jahre dienen zu lassen und die älteren Leute mehr zu schonen. Bei der jetzigen Heereseinrichtung müssen die Erwerbsfähigsten, die Stützen der Familien, sofort in den Kampf ziehen, während 60 000 junge Männer aus dem Jahrgang gar nicht ge­drillt sind und zu Hause bleiben. Diese 60 000 jungen Leute, die jetzt nicht zu dienen brauchen, haben von der Durchführung der allgemeinen Wehrpflicht durchaus keinen Schaden, denn es steht fest, daß Tausende und Abertausende von Soldaten mit einer wesentlichen Erhöhung ihrer Ec- werbskraft, die in der Gewöhnung an Pünktlichkeit, Ordnung, Gehorsam und Befehlen liegt, ihrem bürgerlichen Gewerbe zurückgegeben werden.

Andererseits ist es eine von Unternehmern und Arbeitern oft be­zeugte, unwiderlegliche Thatsache, daß in vielen Berufszweigen gerade das dritte Jahr, in dem der Mann seiner bürgerlichen Thätigkeit entzogen ist, nachtheilig wirkt. Durch die um ein Jahr längere Unterbrechung der Be­rufsthätigkeit wird vieles von der Vorbildung, die sich der junge Mann in Hand- und Kopfarbeit angeeignet hatte, verlernt und vergessen. So bietet das dritte Jahr Anlaß zu vielen Entgleisungen aus dem vor dem Eintritt in das Heer erwählten Berufe. Auch das ist ein Vortheil der allgemeinen gleichen zweijährigen Dienstzeit bei den Fußtruppen, daß künftig jeder Zweifel über die Dauer der Dienstzeit des einzelnen Fußsoldaten, ob er zu den Dispositionsurlaubern gehören wird oder nicht, wegfâllt, daß Eltern, Arbeitgeber, wie die Söhne selbst im Voraus wissen: Rach zwei Jahren ist der Dienst zu Ende.

Die Mehrkosten von etwa 55 Millionen, welche diese Aenderung jährlich verursacht, sind leichter zu tragen als der jetzige wirthschastliche Stillstand. Das durch vermehrte Heeresmacht gehobene Bewußtsein der eigenen Kraft wird Vertrauen und Unternehmungsgeist wecken und damit trotz vermehrter Steuern dem Niedergang der Geschäfte ein Ende machen.

Wird die Regierungsvorlage vom neuen Reichstage nicht bewilligt, so gehen wir einem Zwiespalt, vielleicht innern Kämpfen entgegen, die unseren Feinden Hoffnung erwecken und die Lage verschlechtern müssen. Jedenfalls wäre der dadurch hervorgerufene Schaden vielmal größer als die Summe, welche die Regierung zur Vermehrung der Wehrkraft fordert.

Arbeit, Handwerk, Gewerbe und Handel können nur gedeihen, wenn wir so stark als möglich gerüstet sind und deshalb keinen Krieg zu fürchten haben. Wer Sicherung des Vaterlandes, Verjüngung des Heeres, Wieder­kehr des Vertrauens und schnelle Beendigung des wirthschaftlichen Still­standes will, gebe deshalb nur einem Manne seine Stimme, der die Mili­tärvorlage zu bewilligen verspricht.

Tagesschau.

Berlin, 23. Mai. Seine Majestät der Kaiser und König nahmen gestern von 9 Vs Uhr vormittags ab die Marinevortrüge entgegen und wohnten alsdann dem Stiftungsfest des Lehr-Jnfanteriebataillons bei. Hierauf nahmen Seine Majestät militärische Meldungen und später den Vortrag des Staatssekretärs des Innern, Staatsministers von Bötticher entgegen. Alsdgnn hatte der neu ernannte Großherzoglich badische Ge­sandte und bevollmächtigte Minister von Jagemann behufs Ueberreichung seines Beglaubigungsschreibens die Ehre des Empfangs, und anschließend daran empfingen Seine Majestät den Kaiserlich deutschen Vizekonsul zu Coban, Republik Guatemala, Freiherrn von Türckheim, welcher die Orden seines verstorbenen Vaters zu überreichen die Ehre hatte. Von 3 Uhr nachmittags ab nahmen Seine Majestät die Vorträge des Chefs des Zivil- kabinets und des Kriegsministers entgegen. Um 11 Uhr 45 Minuten abends traten Seine Majestät mittels Sonderzugs eine Reise nach Prökel- witz an, wo Allerhöchstdieselben von der Station Altfelde aus zu Wagen heute Vormittag eingetroffen sind.

Berlin, 23. Mai. DieNordd. Allg. Ztg." schreibt^ die Gegner der Militärvorlage suchten den Wählern vorzureden, es gäbe eine ganze Reihe mindestens ebenso wichtiger Fragen wie die Militärvorlage, und auf diese müsse das Hauptaugenmerk gerichtet werden, neben denen die Militär­vorlage verschwinde. Die Abgeordneten, welche die Fähigkeiten zur Lösung dieser anderen Fragen mitbrâchten, wären auch der Militärfrage gewachsen. Zur Täuschung der Wähler werde die ungeheuerliche Vorspiegelung hervor- gcsucht, die Regierung trage sich mit den verderblichsten Plänen einer finsteren Reaktion, welche mit dem jetzt zu wählenden Reichstage durch ge­führt werden sollten. Das allein gefährliche Mittel der Gegner, um vor den Augen des Volkes die große Existenzfrage verschwinden zu lassen, sei die Verblendung derjenigen, welche die streitenden Bedürfnisse des Volks­lebens sich zu nutze machen, um durch die als sogleich erreichbar vor­gespiegelte Befriedigung dieser Bedürfnisse das Volk untereinander noch heftiger zu entzweien und aus allen ihren Trägern Feinde der Regierung oder laue Vertheidiger des gegenwärtig im Vordergründe stehenden großen

Nationalbedürfnisses zu machen. Demgegenüber sei allen Schwankenden ins Gewissen zu rufen, daß jetzt nur die Frage zur Entscheidung stehe: Selbsterhaltuna oder Selbstvernichtung. Unleugbar drängten sich nach der Entscheidung über die Militärvorlage andere wichtige Fragen zur Ent­scheidung auf; die beste Vorbereitung dafür aber sei ein großer gemein­samer Entschluß zum Heil des Vaterlandes, der den augenblicklichen und dauernden Anforderungen der Lage genüge.

Berlin, 23. Mai. S. M. FahrzeugLoreley", Kommandant Kapitänlieutenant Grolp, ist am 17. Mai in Caiffa eingetroffen und beab­sichtigt heute, am 23., nach Beirut in See zu gehen. S. M. Kanonen­bootHyäne", Kommandant Kapitänlieutenant Walther, ist am 18. Mai in San Paolo de Loanda angekommen und den 20. d. M. nach Kapstadt in See gegangen. S. M. KanonenbootIltis", Kommandant Kor­vettenkapitän Graf von Baudissin, ist am 19. Mai in Shanghai ein­getroffen.

Aus Dortmund wird gemeldet, daß dort die nationalliberale Kandidatur Möller die Unterstützung einer ganzen Anzahl Katholiken findet, die früher mit dem Zentrum gestimmt haben, aber nicht einem Gegner des Antrages Huene ihre Stimme geben wollen.

Leipzig, 23. Mai. Der Geheime Hofrath, Professor Dr. Masius, Herausgeber derNeuen Jahrbücher für Philologie und Pädagogik", ist heute gestorben.

Leipzig, 23. Mai. Allgemeine deutsche Lehrerversammlung. Schul­direktor Bartels-Gera sprach über die Beaufsichtigung der Volksschule durch Fachmänner. Auf das Huldigungstelegramm an den König Albert traf nachmittags eine huldvolle Erwiderung ein. Beim Festmahl brachte Real­schuldirektor Debbe Bremen ein begeistertes Hoch auf den Kaiser Wilhelm und den König Albert aus. 4700 Lehrer sind anwesend. (Fr. N.)

Brüssel, 23. Mai. Der Bergarbeiterkongreß wurde heute eröffnet. Vormittags fand eine Vorversammlung der belgischen und französischen Delegirten statt, welche über den Antrag beriethen, sämmtliche Regierungen aufzufordern, den Achtstundentag gesetzlich, und zwar innerhalb einer be­stimmten Frist, einzuführen, und im Falle der Ablehnung den allgemeinen Ausstand zu proklamiren. Da die französischen Delegirten wegen der Ausweisung Basly's und Lamendin's Brüssel verlassen wollten, nahm der Kongreß eine Tagesordnung an, worin der Wunsch nach dem Verbleiben dec französischen Delegirten ausgesprochen wird. Die Letzteren erklärten darauf, an den weiteren B.wathungen theilnehmen zu wollen. (Fr. N.)

Brüssel, 23. Mai. Die zu dem Grubenarbeiter-Kongreß hier ein­getroffenen französischen Deputaten erhielten den Befehl, das Land vor Mitternacht zu verlassen. (Rh. K.)

Paris, 23. Mai. Das L-chwurgericht verurtheilte, nach denFr. N.", Arton in contumaciam wegen oer zum Schaden der Dynamitgesell­schaft begangenen Veruntreuung zu einer zwanzigjährigen Zuchihausärafe und wegen des an Sansleroy begangenen Bestechungsversuches zum Verluste der bürgerlichen Rechte auf fünf Jahre sowie 400 000 Francs Geldbuße.

Christiania, 23. Mai. Infolge eines Erdrutsches stürzten, nach demKöln. Tagebl.", 40 Häuser ein, wobei 40 Personen das Leben verloren.

Athen, 23. Mai. Durch das heftige Erdbeben vom gestrigen Abend wurden in Theben mehrere Häuser zerstört. Die Erschütterung wurde auch hier verspürt.

Tralee (Irland), 23. Mai. Bei einem Eisenbahnzng der mit Schweinen beladen war und welcher zwei Passagierwagen mitführte, verlock der Lokomotivführer die Gewalt über die Bremsvorrichtung. Bei Passiren einer Brücke stürzten sieben Schweinewagen 40 Fuß tief in den Fluß. Die zurückgebliebenen Wagen wurden stark beschädigt. Der Lokomotivführer und zwei Heizer sind todt, elf Passagiere sch ver verletzt. (K. Tbl.)

Petersburg, 23. Mai. Bei Kasan verbrannten, wie derRh. K." meldet, auf der Wolga inmitten mehrerer Pckroleumbarken eine leere Barke und eine andere mit 30000 Pud Petroleum beladene Barke. Es gelang jedoch, das Feuer zu lokalistren. Menschen sino dabei nicht ums Leben gekommen.

Humburg, 20. Mai. Der PostdampferGalicia" von der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt- Aktiengesellschaft ist, von Hamburg kommend, gestern in St. Thomas eingetroffen.

Bremen, 20. Mai. Der Dampfer des Norddeutschen Lloyd Werra" ist vorgestern in New-N^k und der DampferKarlsruhe" in Colombo eintetroffen.

Triest, 21. Mai. Der LloyddampferPoseidon" ist, aus Kon- stantinovel kommend, gestern hier eingetroffen.

New York, 20. Mai. Der DampferDubbeldam" der Nieder­ländisch-Amerikanischen Packetfahrt-Aktiengesellschaft in Rotterdam ist gestern hier eingetroffen.

D-pefchen-vureauHerold".

23. Mai, abends 9 Uhr:

Berlin, 23. Mai. DerReichsanzeiger" theilt mit, am 1. Juni trete in Rußland ein neues Zollgesetz in Kraft, welches russische Kredit- billets bezüglich der Ein- und Ausfuhr für zollpflichtig erklärt, demgemäß , deren Versandt in gewöhnlichen eingeschriebenen Briefen für verboten erklärt I und mit 25 Prozent Strafe belegt wird.

Berlin, 23. Mai. DerReichsanzeiger" erklärt, die^Nachrichten über den Verzicht der Regierung auf die Erhöhung der 8 rauft euer und