Beilage zu Nr. 54 des Hanauer Anzeiger.
Hanau den 4. März 1893
t Wandlungen im Zentrum.
Eine Partei, die aus so verschiedenen politischen Elementen, konservativen, liberalen und demokratischen, zusammengesetzt ist und fast nur durch das konfessionelle Band zusammengehalten wird, wie das Zentrum, wird leicht von Zeit zu Zeit Meinungsverschiedenheiten in ihren eigenen Reihen zu überwinden haben. Dem Zentrum ist schon häufig, besonders nach dem Tode Windthorsts, der baldige Zerfall geweisiagl worden, aber immer noch hat es sich als ein fester „Thurm" bewährt.
Neuerdings nun treten Erscheinungen hervor, die wenigstens auf eine getriffe innere Wandlung im Zentum schließen lassen. In Boyern ist der katholisch-demokratische Preußeuhasser Sigl wiederholt bei Wahlen den Zeu- trumskandidaten mit staatlichen Stimmenzahleu ei tgegengetreten. Jm westfälischen Wahlkreist Olpe, wo an Stelle des verstorbenen Peler Reichensperger ein Ersatzmann zu wählen ist, scheinen sich die katholischen Mäkler schwer auf einen Kandidaten einigen zu können. Der aus den Bochum r Prozessen her bekannte Redakteur Fußangel erklärte sich zur Annahme einer Kandidatur unter dem Hinweise bereit, daß ein Theil der katholischen Geistlichkeit einem „entschieden demokratischen Zuge" folge. Zwar sind die Vorstände des Zentrums im Reichstage und im Abgeord eteuhause dem Versuche, einen linken und einen rechten Flügel zu unterscheiden, mit einer Erklärung entgegengetreten. Allein thatsächlich will sich doch wohl eine Verschiebung nach links im Zentrum vollziehen.
Windthorst nahm immer für sich in Anspruch,' daß er eine im weiteren Sinne konservative Politik treibe. An seiner Stelle sehen wir j tzt bei einer so außerordentlich wichtigen Frage, wie der Militärfrage, die Rührung des Zentrums in den Händen des demokratisch gerichteten Abg. Dr. Lieber, während konservative Männer, wie Freiherr v. Hume, mehr und mehr in den Hindergrund getreten sind. Und hat man nicht die bisherige Haltung eines großen Theils des Zentrums, die von einer Verständigung mit der Regierung fast ebenso weit entfernt war wie die Opposition des Abg. Richter, damit zu rechtfertigen gesucht, daß man sonst G.fahr laufe, die Auflehnung der demokratischen Wähler und damit einen starken Riß im Zentrum herbeizuführen ?________________________________________________
Jetzt heißt es wieder in einem Artikel des Westfälischen Merkur, es würde einen bösen Krach geben und könne dem Zentrum nichts Verhängnißvolleres zustoßen, als wenn sich ein Theil der Fraktion bei Behandlung der Militärvorlage nachgiebiger zeigen sollte. „Richt blos in den Rheinlanden, - auch in ganz Süddeutschland wäre die Zentrumspartei gesprengt, und in ' Bayern, das beute dreißig Zentrumsmitglieder nach Berlin schickt, hätten, auch dessen sann man sich versichert halten, die Sigliai'er Oberwasser." Es hülfe Niemand im Zentrum seine Stimme in einem Sinne abgeben, der den Bestand des Zentrums in seinen Grundvesten erschüttern müßte. Das siebt doch fast so aus, als mühte die wichtigste vaterländische Frage, die jetzt auf der Tagesordnung steht, vor Allem aus dem Gesichtspunkt des Zusamme, Halis der Parttei behandelt werden, als fei der feste Bestand des Zentrumsthurms wichtiger als die Interessen der Landesver- theidigung.
Dem gegenüber ist es wahrhaft erhebend, die warmen patriotischen Worte zu vernehmen, die Freiherr o. Schorlemer-Alit kürzlich auf der Versammlung der Adilsgenossenschoft gesprochen hat. Freiherr v. Schorlemer, der ehemalige Führer des Zentrums an der Seite Windthorsts, dem die katholischen Interessen mindestens so sehr als einem demokratischen Zentrums- mann am Herzen liegen unb dem vielleicht gerade deshalb der demokratische Zug ernste Besorgnisse einflößen mag, —. dieser Mann sagte: „Wir dürfen nicht vergessen, daß Preußen nicht die Hohenrollern groß gemacht hat, sondern daß die Hohenzollern Preußen groß gemacht und im Bunde mit bin deutschen Fürsten das Kaiserreich wieder aufgerichtet haben. Daran knüpft sich unsere Liebe für die Armee. Ich erinnere an das Wort eines großen Königs: „Die Welt ruht nicht sicherer auf den Schultern des Atlas, wie Preußen auf seiner Armee." Und das gilt heute für Deutschland und das deutsche Heer unter dem Kaiser als BundesfestHerrn. Die Armee ist unser Stolz und unsere Ehre, die Sicherheit des Friedens. An sie sind wir mit tausend Fasern gebunden, wir wollen sie hegen und pflegen und so kräftig wissen, daß wir mindestens unseren Feinden ebenbürtig sind." ^ ß 1 «
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