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Nr. 47. Freitag den 24» Februar 1893
Dienstnachrichten aus dem Kreise.
Zugelaufen: Ein rothbrauner Dachshund mit weißem Fleck vor der Brust und etwas weißer Hinterpfote.
Entlaufen: Ein kleiner schwarzer Wachtelhund mit braunen Abzeichen, weibl. Geschl.
Gefunden: Zwei Stöcke (auf der Post stehen geblieben). Ein Regenschirm (auf der Ortskrankenkasse stehen geblieben).
Hanau am 24. Februar 1893.
t Die „Leistungsfähigkeit" in Deutschland und Frankreich.
Der bekannte Nationalökonom Geh. Rath Prof. Adolf Wagner in Berlin hat sich vergangene Woche in der großen Berliner Versammlung zu Gunsten der Militärvorlage über den Einwand ausgesprochen, daß wir in Deutschland nicht leistungsfähig genug seien, um neue Kosten sür die Landesvertheidigung zu tragen. Wir lassen aus dem Vortrage einige lehrreiche Vergleiche zwischen Frankreich und Deutschland im Wortlaute folgen:
Frankreich hatte 1870 noch mit Elsaß-Lothringen ungefähr 38V, Millionen Einwohner. Fast genau dieselbe Ziffer hat es gegenwärtig wiederum; der Verlust von l1/« Millionen in Elsaß Lothringen ist trotz des langsamen Wachsthums der französischen Bevölkerung wieder eingeholt. Zn derselben Zeit hat sich dagegen die Bevölkerung des deutschen Reichs — auch Elsaß-Lothringen damals schon mitgerechnct — von nicht ganz 41 auf über 50 Millionen vermehrt, wir können für die Gegenwart (1893) wohl nicht viel unter 51 Millionen Einwohner annehmen, also um rund 10 Millionen. Daraus geht hervor, daß wir vor allen Dingen eine größere militärische Leistungsfähigkeit erlangt haben, soweit diese von der Bevölkerungszahl abhängt. Was haben wir aber gethan? Wir haben 1870 eine Kleinigkeit über 1 pCt. der Bevölkerung des Norddeutschen Bundes in der regelmäßigen Friedensstärke des Heeres (mit Offizieren) gehabt. Gegenwärtig ist es ebenfalls nur eine Kleinigkeit über 1 (genau 1,007 pCt.). In Frankreich war damals das Heer auch fast genau 1 pCt., gegenwärtig ist es über l2/s pCt. (genau 1,43 pCt.) der in der Bevölkerungsvermehrung hinter uns so zurügebliebenen französischen Nation. Frankreich hat damals 380 C00 Mann Friedenspräsenzstärke gehabt, die Gendarmerie abgerechnet, jetzt noch vor den neuen Veränderungen 547 000 Mann, beide Male mit Offizieren. Wir dagegen haben, ohne die jetzt noch in Erwägung stehende Zunahme, nur 507 000 Mann. Wir haben also gegenwärtig ungefähr 42 000 Mann weniger bei 10 Millionen Einwohnern mehr als Frankreich. Sind wir damit am Ende unserer Leistungsfähigkeit angelangt? Gewiß nicht. Wir haben gegenwärtig ungefähr 94 000 Pferde in der Friedenspräsenzstärke des Heeres; in Frankreich sind, die Gendarmeriepferde abgerechnet, ungefähr 133 000 Pferde, beinahe 40 000 Pferde mehr. Frankreich hatte dagegen 1870 nur ungefähr 77 000 Pferde, so hat sich das vermehrt!
Aber es heißt öfters : ja, gewiß, die Mannschaft hätten wir wohl bei unserer größeren Bevölkerung, aber die wirthschaftliche, die finanzielle Kraft, die haben wir nicht. Wenn wir die Menschenkraft, die Mannschaft haben, die finanzielle und wirthschaftliche Kraft haben wir vollends. Aber leider durch unsere ganze Geschichte hindurch zieht sich der Zug, sobald Noth an Mann war, daß wir uns schlagen mußten, geschah es mit der äußersten Tapferkeit, aber sobald nicht Noth an Mann war, haben wir nicht moralische Kraft genug gehabt, Opfer zur rechten Zeit auch im Frieden zu bringen.
Weiter aber hört man ja auch sagen, wir in Deutschland sind gegenwärtig lange nicht wirthschaftlich so reich wie Frankreich. Man sagt aber nicht zu viel, wenn man behauptet, in den letzten zwei Menschenaltern hat sich, vielleicht von England abgesehen, relativ kein Volk und keine Volks- wirthschaft, wenigstens in Europa, so großartig entwickelt wie das und die deutsche, relativ bedeutend mehr, als das französische. Nur einmal ein Beispiel. Frankreich produzirt jetzt ungefähr 25 Millionen Tonnen Kohlen, Deutschland 82 Millionen. Im Jahre 1870 wurden bei uns 32 Millionen, w Frankreich 13 Millionen produzirt; bei uns eine Zunahme von 50, hier nur von 12 Millionen Tonnen, und die Kohlenproduktion ist bekanntlich einigermaßen ein Maßstab für die heutige wirthschaftliche Kraft der
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Länder, Völker, Volkswirthschaften. Gew.ß, in einem hat Frankreich einen Vortheil in rein wirthschaftlicher Hinsicht vor uns voraus, in finem langsameren Bevölkerungswachsthum, b i uns jährlich um 5- bis 600,000 Menschen, in Frankreich nicht um 100 000, in den letzten Jahren überwog hier sogar die Zahl der Todesfälle über die Geburten. Bei uns 34 bis 35, in Frankreich nur 27 bis 28 pCt. Kinder in der Bevölkerung. Das macht im Gegensatz zu uns einen viel geringeren Belastungseffekt für die erwachsene, die pioduktive Bevölkerung, aber sonst sind die Unterschiede in wirthschaftlichen Dingen nicht gerade zu unserem Nachtheile. Man weist auf die schweren Zeiten unserer Landwirthschaft hin, über die französische sind ähnliche hinweggegangen. Eine Noth allein wie die durch die Reblaus bewirkte, die eine so wichtige französische Branche, wie die Weinkultur getroffen hat, hat Deutschland nicht gehabt.
Wir theilen die Ausgaben in die drei Zweige für Landesvertheidigung, Heer und Flotte, für öffentliche Schulden und für die Zivilverwaltung. Landesvertheidigung und öffentliche Schuld absorbiren zunächst das, was ein Land seiner Sich-.rheit, seinem Kredit, seiner Ehre schuldig ist. Wie steht es im Vergleich zu Frankreich und Deutschland? Im Jahre 1870 kamen in Frankreich aus den Kopf der Bevölkerung etwas über 12 Märk für Landesvertheidigung im ordentlichen Etat, gegenwärtig ungefähr 21 Mark, im Deutschen Reich oder Norddeutschen Bund 1870 7 Mark und gegenwärtig noch nicht 11 Mark, selbst mit den einmaligen Ausgaben des letzten Jahres nur etwas über 14 Mark. Hinsichtlich der Schuld ist unsere Lage aber vollends ganz unvergleichlich günstiger. In Frankreich hat man bereits im Jahre 1870 für die öffentliche Schuld (ohne die Leibrenten) jährlich über 8 Mark pro Kopf zu zahlen gehabt. Gegenwärtig, nachdem der tolle Krieg von 1870/71 Frankreich rund 10 Milliarden, und in seinen Folgen für die neuen Rüstungen vielleicht über das Doppelte gekostet Hot, und immer weiterer Rüstungsauswand hinzugekommen ist, werden sür die Schuld über 22 Mark auf den Kopf gebraucht. In Deutschland zahlen wir dagegen nicht einen Pfennig Steuern für unsere Schuld, weder in Preußen, noch in Bayern noch in einem anderen deutschen Lande. Unsere sämmtlichen Schulden werden verzinst und getilgt und die Verwaltungskosten getragen durch die Ueber- schüsse der Domänen, Forsten, Bergwerke, vor allem der Eisenbahnen und ähnlicher Objekte.
In Frankreich komnun nach dem Abzug von nichtsteuerlichen Einnahmen zirka 41 oder 42 Mark Steuern auf den Kopf der Bevölkerung an Lasten aus der öffentlichen Schuld und aus der Landesvertheidigung, bei uns in Preußen nach Abzug jener Einnahmen 42/s Mark im laufenden oder vorigen Jahre und im gegenwärtigen ungünstigen Jahre, selbst wenn man die 60 Millionen der Militärvorlage hinzurechnet, ungefähr 7 Vs bis höchstens 8 Mark. Also 5 Mark gegen 41 Mark. So haben wir bei uns den größten Theil der Staatssteuereinnahme, zwei ©littet bis drei Viertel, für die Deckung der Zivilverwaltungsausgaben verfügbar und im ganzen die nur mäßige Besteuerung von ca. 21 Mark pro Kopf (Staatssteuer allein), während Frankreich nur etwas über ein Viertel seiner Staatsstcuereinnahme für die Zivilverwaltung verwenden kaun und dank seiner riesigen Schuld, seinem Aufwand für Heer und Flotte und wegen seines Mangels an nichtsteuerlichen Einnahmen, eine so ungeheure Steuerlast, über 58 Mark pro Kopf (auch Staatsstemr allein), trogen muß. Und da heißt es, wir sind finanziell nicht leistungsfähig genug, das zu zahlen! Nein, wer derartiges dem Volke sagt, der verführt das Volk.
Lagesschau.
Berlin, 23. Februar. Beide Kaiserlichen Majestäten haben Sich heute Morgen um 10 Uhr 45 Minuten, begleitet von dem Kabinetschef, dem Oberhof- und Hausmarschall sowie dem militärischen Dienst, vom Stettiner Bahnhof aus mittels Sonderzugs zur Abstattung eines offiziellen Gegenbesuchs bei den Mecklenburg-Strelitz'schen Herrschaften nach Neustrelitz begeben. Die Rückkehr wird nachmittags 5 Uhr 50 Minuten erfolgen.
Berlin, 23. Febr. S. M. Kreuzerkorvelte „Marie", Kommandant Korvettenkapitän Freiherr v. Lyncker, ist am 21. Februar in Buenos- Aires eingetroffen und beabsichtigt am 1. März nach Punta-Arenas zu gehen.
Berlin 23. Februar. Fürst Hatzfeldt-Trüchenburg hat im Herren-