Abg. Bebel versucht nachzuweisen, das amerikanische Handwerk und Industrie seien in vielen Zweigen uns überlegen.
An der Debatte betheiligen sich noch Bamberger, Möller und Singer. Nächste Sitzung Dienstag.
Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Die Berathung des Etats wird bei Bureau des Staatsministeriums fortgesetzt.
Abg. Arendt (freik.) erhofft eine Wiedervereinigung des Amtes des Ministerpräsidenten mit der Stellung des Reichskanzlers. Die Befähigung des ersteren hierzu müsse vorhanden sein.
Abg. v. Zedlitz (freik.) erklärt, der Vorredner habe nicht Namens der Partei gesprochen.
Das Gehalt wird bewilligt.
Abg. Graf Limburg-Stirum (kons.) bemängelt die Publikation im „Staatsanzeiger" über politische Vorkommnisse als ungeschickt.
Ministerpräsident Graf Eulenburg vertheidigt die Publikation betreffs des Landraths des Friedeberger Kreises, anläßlich der letzten Reichstagswahl, als im öffentlichen Interesse nöthig.
Hob recht und Rickert sprechen gegen den Antisemitismus, der Raffenhaß bedeute.
Minnigerode und Waldow (kons.) vertheidigen die konservative Partei wegen der Stellungnahme bei der Arnswalder Wahl gegen den Freisinn.
Abg. Plötz (kons.) vertheidigt den Bauernbund, den Rickert einen politischen Verein mit antisemitisch-konservativem Programm bezeichnet.
Abg. Stöcker bespricht eingehend die Judenfrage, deren Aufnahme durch Europa er nöthig hält.
Abg. Meyer-Berlin verwirft, Abg. C r ein e rZ vertheidigt den Antisemitismus.
Rickert (dfr.) bespricht die Rede Stöckers und weist Widersprüche in derselben nach. Stöcker entgegnet, die Debatte wird geschlossen und der Titel genehmigt. Nächste Sitzung Montag: Fortsetzung der Berathung.
Spandait, 28. Jan. Die Königliche Artilleriewerkstatt hat zahlreichen Zivilschreibern und Arbeitern gekündigt, darunter Leuten, welche 20 Jahre im Dienste des Instituts standen.
Köln, 28. Jan. Das Düsseldorfer Walzwerk, bei welchem bisher Feierschichten vorkamen, nahm laut Mittheilung der „Köln. Volkszeitung" den vollen Betrieb auf, weil größere Aufträge eingelaufen sind. Auch sonst sind die Eisenberichte aus Rheinland-Westfalen etwas besser.
Nietleöen, 28. Jan. Es ist keine neue Erkrankung, jedoch sind 2 Todesfälle vorzekommen.
Ansbach, 28. Jan. Der nationalliberale Verein stellt den hiesigen Bürgermeister Keller als Landtagskandidaten auf.
Mannheim, 28. Jan. Die Nachricht, daß gegen den Sozialistenführer Süßkind die Untersuchung eingestellt worden sei, ist unrichtig. Trotz der Haftentlassung Süßkind's wird die Untersuchung gegen ihn fortgesetzt.
Wien, 28. Jan. Zwischen einem hiesigen Kavallerieofsizier und einem jüdischen Reserveoffizier fand ein Säbelduell wegen Beschimpfung des letzteren statt, welches mit der Kampfunfähigkeit des Kavallerieoffiziers endete. — Der deutsche Kaiser beauftragte die hiesige deutsche Botschaft, am 30. dieses Monats, dem Todestage des Kronprinzen Rudolph, am Sarge desselben einen Kranz niederzulegen. — Zur Wahrung ihrer nationalen Interessen bildeten die in Südtirol wohnenden Italiener einen Landesverein, welchem alle Italiener ohne Unterschied der politischen Parteibestrebungen angehören sollen.
Budapest, 28. Jan. Von den im TokoderkKohlenschachte bei der Explosion schlagender Wetter befindlichen 200 Mann wurden bisher 41 gerettet, 19 wurden todt heraufbefördert. Die übrigen befinden sich noch in der Tiefe und sind unzweifelhaft verloren. Die Opfer hinterlassen zumeist Familie. Die Grube ist Eigenthum des Graner Erzkapitels.
Brüssel, 28 Jan. Die „Reforme" erklärt, die Gemeindebehörden nähmen trotz der gegentheiligen Verfügung des Gouverneurs von Brabant das Referendum über das allgemeine Stimmrecht vor.
Paris, 28. Jan. Der österreichische Botschafter Graf Hoyos erhob Vorstellung beim Minister des Aeußern, Develle, weil bei mehreren öffentlichen Festessen am Todestage Ludwigs XVI. beleidigende Reden gegen Marie Antoinette gehalten worden seien. Graf Hoyos nimmt längeren Urlaub. — Alle Nachrichten über neue Verfolgungen von Abgeordneten auf Grund der Prüfung der Checkbücher Artons werden amtlich als erfunden bezeichnet. Die Panamauntersuchung ist vorläufig abgeschlossen. Der Untersuchungsrichter erklärte, weitere Schritte erst infolge etwaiger Enthüllungen durch Herz und Arton unternehmen zu können.
Petersburg, 28. Jan. Die politischen Kreise hoffen mehr denn je auf ein Zustandekommen des russisch-deutschen Handelsvertrages, weil sie dadurch hoffen, die angehäuften Getreidevorräthe bereits im Frühjahre auf den deutschen Platz zu bringen. Die russische Zuckerindustrie vermag in den asiatischen Provinzen mit dem europäischen Zucker nicht zu konkurriren. — In Polarbriz, den Nothstandsgegenden ist die Lage der Bevölkerung
infolge der außerordentlichen Kälte schrecklich. Die Regierung wird demnächst abermals namhafte Unterstützungen »ertheilen lassen.
30. Januar, vormittags 8 Uhr:
Paris, 30. Januar. Der Dcputirte Lasser bringt morgen einen Gesetzentwurf ein, der sich gegen Kollektivdenunziationen ohne Beweise richtet, die unter dem Schutz der parlamentarischen Immunität abgegeben werden.
Gailtor» (Departement Eure), 30. Januar. Im hiesigen Gefängnisse wurde ein Gefangenenwärter durch Gefangene ermordet.
Washington, 30. Januar. Das Repräsentantenhaus nahm die Ernennung einer Untersuchungskommission an, behufs Feststellung, »b Abgeordnete Panamagelder erhalten haben.
Newyork, 30. Januar. Die Regierung der Vereinigten Staaten ist über die Frage, ob betreffs der Hawaiinseln ein Protektorat oder die Annexion auszuüben sei, getheilter Ansicht, hat indessen einstimmig beschlossen, jede Kontrole durch eine fremde Nation auszuschließen.
Atts Stadt, Provinz «nd Umgegend.
t Theater. „Der Vetter", dies harmlose und doch amüsante Lustspiel von Roderich Benedix, mit seinen drolligen Situationen, hatte bei seiner Neueinstudirung vergangene Woche wieder einen großen Heiterkeitserfolg, wozu freilich auch die vorzügliche Darstellung der Titelrolle des „Vetters Siegel" durch Herrn Helm ihr gut Theil beitrug. Der vielseitige, gewandte Darsteller spielte den gutmüthigen, hilfsbereiten, alten Vetter in solch ergötzlicher Weise, daß ihm der stürmische Beifall des Publikums nicht ausblieb. Von den übrigen Mitwirkenden nennen wir noch Fräul. Lansky mit besonderer Anerkennung, die den kecken und verliebten jüngsten Sprößling der Gärtnerischen Familie „Wilhelm" in solch schalkhaftem Uebermuthe verkörperte, daß auch ihr lebhafte Anerkennung zu Theil ward.
Mittwoch, zum Benefiz unseres jugendlichen Liebhabers Herrn Wfacker, gelangte auch dieses Jahr ein neues von ihm selbst verfaßtes Stück: „Der wilde Jäger" zur ersten Aufführung. Den Stoff zu diesem romantischen Schauspiel hat der Verfasser der deutschen Sage entnommen und daraus ein recht wirksames mit sehr hübschen melodiösen Liedern durchflochtenes Theaterstück geschaffen, das, wenn Herr' Wacker dasselbe etwas kürzen wollte, gewiß auch an anderen Bühnen seinem Verfasser Anerkennung erwerben wird. Die Handlung versetzt uns mitten in die Zeit der aufregendsten Kämpfe des Bauernstandes gegen die brutalen Uebergriffe des Ritterthums zu Anfang des 16. Jahrhunderts. Die beiden.Hauptgestalten des Stückes, der alte Meister Eckart und der übermüthige Graf Hackelberger, sind prächtig gezeichnete Karaktere; Jokli, der lustige Spielmann, der ehrwürdige Bruder Klaus, die liebliche Hilde, sind sehr sympathisch gestaltet. Vor allem aber verrathen die sich recht wirksam steigernde Handlung und die sehr effektvollen Aktschlüsse, daß Herr Wacker es versteht, den Anforderungen der Bühnentechnik ebenfalls gerecht zu werden. Wenn der Autor sich entschließen könnte, die Naturfchilderungen, wie wir sie z. B. aus dem Munde Hilde's hören, die ja recht hübsch sind, aber für den engen Rahmen des Schauspiels nicht passen, zu entfernen, die Erzählungen zu kürzen, überhaupt die ganze Handlung etwas zusammen zu drängen, es sehr zum Vortheil für das Ganze sein würde. Alle Anerkennung aber gehört dem Komponisten Wacker für die im Verein mit W. M a n g- liers dem Schauspiel beigegebene prächtige Musik und den so hübschen Liedern, unter denen besonders das Lied Hilde's im ersten Akt als ganz vorzüglich bezeichnet zu werden verdient. Die Aufnahme des Stückes von Seiten des Publikums war eine sehr gute und mußte der Verfasser mehrmals an der Rampe erscheinen. Unsere Darsteller gaben sich auch die größte Mühe, um dem Stücke ihres Kollegen zu durchschlagendem Erfolg zu verhelfen. Den „Grafen Hackelberger" gab Herr Liebscher in Spiel und Maske sehr gut, den rohen, zügellosen Karakter brachte der Herr treffend zum Ausdruck. Gut war Herr Biebrach als „Meister Eckart", nur war seine Aussprache, besonders im ersten Akte, manchmal etwas undeutlich ; die Karakterisirung seiner Partie gelang ihm jedoch vortrefflich. Unmuthig und lieblich in Erscheinung und Spiel war Fräul. Sobieska als „Hilde". Herr Pickert trieb es ein bischen zu toll, etwas Mäßigung wäre hier das Bessere gewesen. Herr Schramm, „Bruder Klaus", Herr Mülner, ein „Unbekannter", Herr Wittig, „Heinz", Herr Huhn, „Thilo", Herr Goullon, „Ludolf", alle leisteten, dem Karakter ihrer Rollen gemäß, durchaus Befriedigendes. Fräul. Eckert als „Peter", Lehr- junge, zeichnete sich ebenfalls durch exakte Wiedergabe ihrer hübschen Par- thie aus. Herr Wacker fügte zu dem Erfolg des Abends auch noch den der guten Darstellung des „Junker Hans" hinzu. Das Stück war durch Herrn Helm recht flott einstudirt, nur ler Kampf im letzten Akt gelangte nicht so recht zur Geltung, da die hereingezogenen' wackeren Vaterlandsvertheidiger absolut nicht wußten, was sie mit sich ansangen sollten.
Freitag Abend betrat eine junge Kunstnovize, Frâul. Marie R a u p p aus Karlsruhe, in dem gleichnamigen Lustspiel „Tilly" von Francis Stahl zum ersten Mal die Bühne. Die junge Dame leistete in der Wiedergabe der Rolle recht Anerkennenswerthes und zeigte für ein erstes Auftreten schon ein recht gewandtes und sicheres Spiel. Den „Dr. Müller" spielte Herr Ludwig und befriedigte der Darsteller diesesmal mehr als bei seinem ersten
30t Janttar 18-3.