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Nr. 100

Freitag den 29. April

1892.

. Tages f ch a u.

Berlin, 28. April. DerReichsanz." bezeichnet die durch den ^kaiserlichen Erlaß vom 20. April hervorgerufene Annahme von der Auf­legung einer neuen Reichsanleihe als ein Mißverstândniß; eine solche Ab- sicht bestehe nicht; die Einzahlungen auf den am 9. Februar zur Zeichnung aufgelegten Anleihebetrag seien nahezu vollständig bewirkt, und ein Bedürfniß zur Vermehrung der Reichskassenbestände liege nicht vor.

Berlin, 28. April. Die Stadtverordneten stimmten dem Beschlusse des Magistrats zu, wonach der Magistrat und die Stadtverordneten das Projekt einer Weltausstellung in Berlin mit großer Sympathie begrüßen und sich bereit erklären, das Unternehmen thatkräftig zu unterstützen. (Fr. N.)

Meppen, 28. April. Heute Morgen 8 Uhr traf der Kaiser in Meppen ein, wo Geheimrath Krupp mit dem Staatssekretär des Reichs­marineamts Hollmann den kaiserlichen Sonderzug bestieg, der dann um 81/» Uhr auf dem Schießplatz ankam. Im Augenblick der Ankunft wurden 33 Salutschüsse abgefeuert. Am Bahnsteig waren zur Vorstellung bei Ankunft des Kaisers die Direktoren Afthöwer und Groß und der Vorsteher des Schießplatzes Premierlieutenant a. D. Prehn erschienen; im Gefolge des Kaisers befanden sich General v. Hahnke, Generallieutenant Golz, General­lieutenant v. Wittich, Hofmarschall Graf Pückler, Generalarzt Leuthold, Major v. Hülsen und Graf Moltke. Ferner waren anwesend die Kapitäne Sack, Götz, Pohl, Tripitz sowie 9 Kruppsche Beamte und zwei Gäste des Herrn Krupp.

Meppen, 28. April. Die Schießversuche, denen der Kaiser bei­wohnte, bezogen sich wesentlich auf die neuesten Konstruktionen im Bereiche der Schiffs- und Küstenartillerie. Vorgestellt wurden Geschütze vom kleinsten (4cm) bis zum größten (42cm) Kaliber sowie Schnellladekanonen. Die Trefffähigkeit und Feuergeschwindigkeit der Geschütze sowie die Geschoß­wirkungen waren außerordentlich. Besonderes Interesse boten auch Schieß- versuche gegen die ebenfalls in dem Kruppschen Werke hergestellten Panzer­platten aus neuem Material. (K. Z.)

Hamburg, 28. April. Für Venezuela bestimmte 50 Kisten Pulver, welche verschifft werden sollten, wurden, nach denFr. N.", auf Ver­anlassung des Konsuls beschlagnahmt. Das Pulver wird nach dem Hamburger Pulvermagazin geschafft.

Stuttgart, 28. April. An den Ministerpräsidenten Freiherrn v. Mittnacht ist anläßlich seines Ministerjubiläums ein Glückwunschschreiben Seiner Majestät des Kaisers gelangt, worin es heißt: Sie haben sich in einer Zeit, welcher die glorreichsten Ereignisse der vaterländischen Geschichte unter treuer Mitwirkung Württembergs angehören, um Ihr engeres Vater­land unvergängliche Verdienste erworben, welchen Ihr Landesherr, Mein Bundesgenosse und Freund, die gebührende Anerkennung zollt. Mir liegt ob und Ich glaube zugleich im Sinne Meines Hochseligen Herrn Groß­vaters sowie Meines Hochseligen Herrn Vaters zu sprechen, Ihnen für Ihre treue Mitarbeit an der Pflege der bundesfreundlichen Beziehungen und dem Ausbau der Verfassung des Reichs Meinen Kaiserlichen Dank auszu- sprechen. Ich verbinde damit den Wunsch, Sie mögen noch lange Jahre dem Dienste Ihres Königs, Ihrem Vaterland Württemberg und dem Deut­schen Reiche erhalten bleiben.

Wien, 28. April. Heute Nacht ist hier das Panorama in der Vraterstraße ganz ausgebrannt, wobei das RundbildDie Kreuzigung Christi" von Piglheim zerstört wurde.

Wien, 28. April. DerPolit. Korresp." zufolge hätte der Vatikan hinsichtlich des 1. Mai Vorsichtsmaßregeln getroffen und unter anderm den Zutritt zu den unterirdischen Räumen der Peterskirche eingeschränkt. Am I. Mai erhalten nur Amtspersonen zum Vatikan Zutritt. Alle Sammlungen leiben geschlossen.

Rom, 27. April. In der heutigen Sitzung der Vereine vom Dothen Kreuz wurde die Berathung über die Mittel, welche gegenüber den esteigerten Wirkungen der neuen Geschosse zu ergreifen seien, bis zur ächslen Konferenz verschoben, deren Sitz das Genfer Komitee bestimmen nrb. Der Prüsidert hielt eine äußerst beifällig aufgenommene Abschieds­ede. Fürst zu Stolberg-Wernigerode ersuchte unter allgemeiner Zustimmung en Präsidenten, dem König nnd der Königin von Italien den Dank er Versammlung zu übermitteln. Die Konferenz wurde hierauf ge- hlossen.

Rom, 28. April. In der Kirche Monte Rotondo platzte, wie derReichsanz." meldet, gestern eine Dynamitbombe, ohne Schaden anzu­richten. Eine andere Bombe platzte in dem Hause des reichen Kaufmanns Ravanni in Massa. Das Hans wurde schwer beschädigt. Zwei Personen sind verhaftet.

Paris, 27. April. DiePariser Post" berichtet:Man glaubt den Urheber der Explosion bei Vöry in festen Gewahrsam genommen zu haben. Es ist dies ein gewisser Francis, welcher gestern mit einem Kame­raden Namens Lapeyre, genannt Juliot, verhaftet wurde. Derselbe war schon wegen des Attentats auf die Kaserne Lobau festgenommen, dann aber aus Mangel an Beweisen wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Seitdem hatte man bemerkt, daß er zu verschiedenen Malen in der Nähe der Ka­serne herumstrich, als suchte er einen neuen Anschlag zu planen. Gestern Vormittag erhielt der Spezialkommissär Dietz auf dem Bahnhöfe Saint- Lazare einen Brief mit Unterschrift, in welchem Francis als der Dynamit­leger vom Boulevard Magenta bezeichnet wurde. Herr Dietz übermittelte das Schreiben dem Direktor der Staatspolizei Soinoury, welcher sich nach dem angegebenen Orte verfügte und dort erfuhr, Francis habe in der That Tags zuvor noch ärger als sonst gegen die Richter und Geschworenen ge­wüthet und gegen 6 Uhr das Lokal mit der Drohung verlassen, er werde einen Streich ausführen. Da er die Gewohnheit hatte, in einem Bar am Boulevard Sebastopol die Abendstunden zu verbringen, so paßten ihm dort Geheimpolizisten auf und nahmen ihn fest."

Paris, 28. April. DerFigaro" theilt eine Unterredung mit dem Ministerpräsidenten Loubet mit. Letzterer habe gesagt, jetzt ernte man die Früchte der seit einer Reihe von Jahren geduldeten uneingeschränkten Frei­heit der Rede und der Feder; diesem Mißbrauch wolle er entgegentreten, entschlossen, den Kampf fortzusetzen. Das sei das einzige Mittel, dem Anarchismus ein Ende zu machen. Für den 1. Mai besorge er nichts; Frankreich werde am 1. Mai das ruhigste Land Europa's sein. Im übri­gen seien alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, die Persönlichkeiten, denen Droh­briefe zugegangen seien, zu beschützen. Die Regierung sei fest entschloffen, ohne Schwäche ihre volle Pflicht zu thun.

Paris, 28. April. Nach Mittheilungen aus Saint Etienne fanden in Langeac (Departement Haute Loire) sechs Feuersbrünste statt, welche böswilliger Brandstiftung zugeschrieben werden. In der vergangenen Nacht wurde durch eine mit Explosivstoff gefüllte Büchse ein neuer Brand hervor­gerufen. Die Bevölkerung ist infolge dessen in großer Erregtheit.

Toulon, 28. April. Ein Luftballon, der von zwei Herren und einer Dame besetzt war, wurde vom Sturm in das Meer getrieben und hinabgeschleudert. Einem Dampfer gelang es, die Luftschiffer, die sich verzweifelt an der Gondel festhielten, zu retten. Eine Person starb, die beiden anderen sind gefährlich erkrankt.

London, 28. April. DemReuter'schen Bureau" wird aus Kairo gemeldet, Major von Wißmann werde am 29. April nach Zanzibar ab­reisen, um die Expedition nach dem Tanganjika-See zu führen. Die Expe­dition solle den Zambesi aufwärts gehen und etwa zwei Jahre in Anspruch nehmen. (Reichsanz.)

Petersburg, 28. April. DieNowoje Wremja" drückt ihr Be­fremden darüber aus, daß die Pariser Geschworenen nicht den Muth ge­habt hätten, Ravachol zum Tode zu verurtheilen. Dieses Verhalten der Geschworenen dürfte die in Freihcit befindlichen Gesinnungsgenossen Rava- chot's nur zu neuen Unthaten aneifern. Für die französische Regierung sei das Urtheil um so bedauerlicher, weil es abfällige Kritiken über die Ord­nung in Frankreich zur Folge haben werde.

Philadelphia, 28. April. Kurz vor Beginn der gestrigen Vor­stellung im Grand Zentraltheater brach, wie derReichsanz." schreibt, auf der Bühne Feuer aus, welches rasch um sich griff. Die Darsteller und das Publikum wurden von einer förmlichen Panik ergriffen und stürzten den Ausgängen zu, wobei sich unter der Menge ein förmlicher Kampf ums Leben entspann. Ein Mann zog sein Taschenmesser und bahnte sich den Weg, indem er alle vor ihm Stehenden niederschiug. Soviel bis jetzt ver­lautet, sollen sechs Schauspieler todt, gegen siebzig Männer und Knaben, darunter viele schwer, verletzt sein. Mehrere Personen sollen infolge der Brandwunden erblindet sein. Die benachbarten Bureaus derTimes" sind