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Nr. 54.
Freitag den 4. März
1892.
Amtliches.
Stadtkreis Hanau.
Bekannimachangen des Oberbürgermeisteramtes.
Mit Rücksicht auf den bevorstehenden Abschluß der städtischen Ver- waltungsrechnungen für 1. April 1891/92 ergeht die Aufforderung, über alle noch rückständigen Forderungen die Rechnungen alsbald einzureichen.
Ich verbinde hiermit wiederholt das Ersuchen, künftig im Allgemeinen über Lieferungen oder Arbeiten mindestens quartalweise die Rechnungen ab- zugcben, mit dem Hinzufügen, daß diejenigen, welche dem nicht entsprechen sollten, es sich eventuell selbst zuzuschreiben haben, wenn sie mit neuen Geschäftsaufträgen nicht bedacht werden.
Hanau am 1. März 1892.
Der Oberbürgermeister
2596 Westerburg.
Zur Entgegennahme des Rechnungsabschlusses pro 1891, sowie zur Vornahme der nach §. 4 der Vereinsstatuten vorzunehmenden Neuwahl des Vorstandes ist in Gemäßheit des §. 8 des Statuts die ordentliche Generalversammlung des Kreisvereins zur Pflege im Felde verwundeter und erkrankter Krieger auf
Montag den 7. März cur., nachmittags 41 /» Uhr, in den unteren Saal des Rathhauses auberaumt und erlaube ich mir die Herren Mitglieder des Vereins hierzu ergebenst einzuladen.
Hanau am 2. März 1892.
Für den Vorstand
Der Vorsitzende:
2583 Westerburg, Oberbürgermeister.
f Englische und deutsche Wirthschaftspolitik.
Die „Neue Zeit", das „wissenschaftliche" Organ der Sozialdemokratie, druckt eine Tabelle über die Weizenpreise in England und Preußen von 1816—1890 ab, aus der sich Folgendes ergibt: Von 1816—1840 kostete die Tonne durchschnittlich in England 295, in Preußen 155 Mark, also dort 140 Mark mehr als hier. Von dem Jahrzehnt 1841—1850 ab geht der Unterschied allmählich zurück; 1871—1875 beträgt er nur noch 11,2 Mark und 1876—1880 war die Tonne Weizen in Preußen sogar um 4,4 Mark theurer als in England. Mit Ausnahme von 1886, als der Weizen in Preußen um 3,2 Mark billiger war, weist das achtziger Jahrzehnt in Preußen um durchschnittlich 14 Mark theurere Preise auf; 1890 ist der Stand 147,8 Mark in England, 189,7 Mark in Preußen. Die „Neue Zeit" bemerkt dazu, die deutschen Getreidezölle hätten die Vortheile der deutschen Industrie, soweit sie in der Billigkeit der Lebensmittel bestanden, in Nachtheile verwandelt. Das nenne sich Schutz der nationalen Arbeit und dessen „naturnothwendige" Ergänzung sei das Sozialistengesetz gewesen, mit dem man die Versuche der Arbeiter, höhere Löhne zu erzielen, erdrückt hätte. Die Oberflächlichkeit und Unwahrheit dieser Behauptungen ergibt sich aus folgenden Thatsachen:
Als Napoleon I. sah, daß er mit seiner Welteroberungspolitik nicht an die großbritannische Insel, die Beherrscherin der Meere, herankonnte, verhängte er die Kontinentalsperre: Dem ganzen von ihm beherrschten Festlande wurde der Handel mit England verboten. Der Schlag saß. Die englischen Manufakturen standen mehr und mehr still, das Ausbleiben der festländischen Getrcidezufuhren steigerte die Noth. Man warf sich auf den Ackerbau, kultivirte mit großen Kosten auch die schlechteren Bodenklassen. Als aber 1814 die festländischen Getreideflotten wieder ankamen, schienen alle Mühen uud Kosten für die Landwirthschaft verloren. Deshalb wurde ein neues Korngesetz erlassen, das erst bei einem Weizenpreise von 80 Schilling für den Quarter d. i. ungefähr 5 Thaler für den Scheffel die freie Einfuhr gestattete. Daher der große Unterschied in den Weizenpreisen bis zu den vierziger Jahren. Da erhob sich unter Cobdens Führung die Manchesterpartei in England, die billiges Brod d. h. Verbilligung der Er- zeugungskostcn für die Industrie verlangte. Im Jahre 1846 fiel das Korngesetz. Von da ab geht der Unterschied in den Weizenpreisen ständig zurück, bis sich in den siebziger Jahren, also schon vor der Gültigkeit des
deutschen Zolltarifs von 1879, das Verhältniß umdreht, Weizen in England billiger wird als in Preußen.
Woher das? Mit der ungeheuren Entwickelung des Verkehrswesen war ein neuer Getreidekonkurrent ausgetreten: der nordamerikanische Farmer, der seinem jungfräulichen Boden im Raubbau große Weizenmassen abgewann. Die englische Weltindustrie frohlockte, mit der deutschen Landwirthschaft ging es reißend niederwärts und die deutsche Industrie befand sich auch schlecht genug. Da kamen die Schutzzölle für Industrie und Landwirthschaft. Sie halfen den inländischen Markt für heimische Erzeugnisse sichern, die Arbeitsgelegenheit für Industriearbeiter wurde reicher, die Landwirthschaft überstand die Krisis.
Das Sozialistengesetz, hervorgegangen aus verbrecherischen Thaten, sollte und konnte keine Ergänzung des Schutzes der nationalen Arbeit sein. Unter seiner Herrschaft ereigneten sich die größten Lohnkämpfe. Thatsächlich stiegen die Löhne allerwärts und großentheils mehr, als sich die Lebensmittel vertheuert hatten. Verglichen mit den Jahrzehnten 1850/80 hatte die. Zeit 1881/99, eben infolge der überseeischen Konkurrenz, sogar billigere Weizenpreise. Denn Weizen galt in Preußen durchschnittlich 1850—1860: 211,4 Mark, 1861—1870: 204,6 Mark, 1871—1880: 223,2 Mark. Die deutschen Zölle bewirkten nur, daß Weizen 1881/90 bei uns theurer war als in England.
Der „Schutz der nationalen Arbeit" hat allerdings eine Ergänzung gehabt, wenn auch keine „naturnothwendige": die Verbesserung des Looses der Arbeiter durch die Versicherung gegen Krankheit, Unfall, Alter und Gebrechlichkeit, deren Kosten zum großen Theil den Unternehmern und dem Reiche auferlegt sind. Was ist in England Aehnliches geschehen? So viel wir wissen, nichts.
Tagesschau.
Berlin, 3. März. Der „Reichsanz." Nr. 55 veröffentlicht: Gesetz, betreffend die Vereinsthaler österreichischen Gepräges, vom 28. Februar 1892.
Berlin, 2. März. Seine Majestät der Kaiser und König nahmen heute Vormittag den Vortrag des Generallieutenants Müller, Vertreters des Kriegsministeriums, unter Zuziehung der Generale v. Funck und v. Goßler, sowie des Geheimen Oberbauraths Voigtel entgegen. Darauf hörten Seine Majestät den Vortrag des Chefs des Militärkabinets.
Berlin, 3. März. Der Bundesrath hat in seiner heutigen Sitzung das Uebereinkommen mit den Vereinigten Staaten von Amerika über den gegenseitigen Schutz der Urheberrechte genehmigt.
Berlin, 3. März. Der Staatssekretär Dr. Bosse empfing Montag die am 1. Februar in der Tonhalle gewählte Deputation Berliner Dauhandwerker. Seitens des.Reichsjustizamts nahm ferner der Geheimrath Struckmann an der Verhandlung theil. Die Deputation überreichte u. a. einen Bericht des Allgemeinen Handwerkertages, welcher sich ebenfalls der Petition des Bundes für Bodenbcsitzreform angeschloffen habe. Der Staatssekretär erklärte, daß er sich aus Anlaß der Petition auf das eingehendste mit der Frage beschäftigt habe. Der Handwerkerstand dürfte fest überzeugt sein, daß die Regierungen ihm mit Freuden in dieser Frage entgegenkommen würden. Er müsse aber nach Prüfung der Petition erklären, daß die Schwierigkeiten gegenüber unserer jetzigen Gesetzgebung außerordentlich groß seien, und daß sich ihm bis jetzt noch keine Möglichkeit eröffnet habe, die Vorrechtsforderungen, wenigstens in der jetzt von der Petition gewünschten Form, zu verwirklichen. Ueber die Mißstände im Baugewerbe und über die Nothwendigkeit, Abhilfe zu schaffen, besonders in Berlin, bestehe kein Zweifel. Für das bisherige Vormerkungsrecht der Bauhandwelker sei die preußische Regierung bereits eingetreten. Ein großer Theil der deutschen Regierungen habe aber seinerzeit ein Bedürfniß dafür nicht anerkannt. Es werde sich daher fragen, ob es nicht zweckmäßig sein werde, im bürgerlichen Gesetzbuche die Regelung dieser Materie den Landes- gesetzgcbungen vorzubehalten.
Berlin, 3. März. Die Schulkommission des Abgeordnetenhauses nahm die Anträge der Subkommission an, welche die Pflichten und Rechte der Kreis- oder Stadtschulbehörden und Gemeinden hinsichtlich der Neubauten und Reparaturbauten schärfer als der Entwurf abgrenzt und die Kompetenzverhältnisse regelt. Der Minister hält die Vorschläge der Sub-