Lanzendorf den Herrn Agitator und frühern Handschuhmacher Oehme ersuchte, die Gemeinde mit seinen Lehren zu verschonen, und er tadelt ebenfalls, daß ein konservatives sächsisches Blättchen, „Das Vaterland", sich über diesen Gemeindebeschluß freut. In seiner Unzufriedenheit läßt der „Vertreter des arbeitenden Volkes" die nachstehenden sinnigen Sätze drucken: „Wahrlich, eine seigere Gesellschaft ist noch nie vor unsere Augen getreten, denn diese heuchlerische, feige konservative Sippe. Und solches Pack bildet sich ein, die Sozialdemokraten mit Erfolg bekämpfen zu können. Knüppeljungen sind es — und nichts weiter. Jeder Zuhälter zeigt mehr Kourage, als so ein sächsischer Konservativer von der Sorte des „Vaterlandes", der nur aus dem Hinterhalte kläfft wie ein räudiger Köter." Nach diesen zarten Regungen eines sozialdemokratischen Gemüths begreifen wir, mit welchem Recht sich die „Genossen" entrüsten, wenn man über sozialdemokratische Rohheiten spricht.
Dresden, 4. Januar. Das Bulletin von 6 Uhr Abends lautet: Prinz Georg hatte mehrmals einstündigen Schlaf und nahm reichlichere Nahrung. Sein Befinden ist subjektiv wohler, Fieber aber noch vorhanden. Körpertemperatur 38,8, Puls 82. — Der geheime Regierungsrath Seydewitz ist zum Kultusminister ernannt worden. (Fr. Nachr.)
Oldenburg, 3. Januar. Gestern Abend stieß der letzte Personenzug von Wilhelmshaven nach Bremen bei Wüsting mit einer von Hude kommenden Lokomotive zusammen. Der Führer dieser Lokomotive, der das Haltezeichen übersehen hatte, und der Heizer wurden getödtet. Vier Beamte des Personenzuges wurden verletzt. Reisende und Postbeamte blieben unverletzt. Personenwagen sind nicht entgleist. Der Bahnverkehr geht heute wieder regelmäßig.
Antwerpen, 3. Januar. Der abgegangene Dampfer Noordland rannte vor dem Leuchtschiff Wielingen auf den Segler Childwall, der auf der Fahrt von Jquique nach Antwerpen war. Der Segler sank sofort, die Mannschaft wurde gerettet. Das Noordlands Bug ist beschädigt und etwas leck, sodaß das Schiff nach Vlissingen zurückgekehrt ist. An Bord ist niemand verletzt. (K. Z.)
Antwerpen, 4. Januar. (K. Z.) Der Zusammenstoß des Noordland mit dem Dreimaster Childwall war eine Folge der Nachlässigkeit des Dienstes an Bord des Childwall, der bei stockfinsterer Nacht kein Licht zeigte. Es wurde mittschiffs durchschnitten. Der Noordland setzte sofort seine Rettungsboote aus, die Mannschaft des Seglers wurde jedoch mittlerweile von einem fremden Dampfer gerettet. Ein Matrose eines Rettungsbootes ertrank am Leuchtschiff Wielingen. Der Noordland liegt hier im Dock.
Die Londoner „Allg. $ott/' berichtet über das aus Cardiff erwähnte Abkommen zwischen den Kohlengrubenbesitzern in Süd-Wales und Monmouthshire und den Bergleuten folgendes Nähere: Die Konferenz, welche die Bergleute von Süd-Wales und Monmouthshire mit den Grubenbesitzern in Cardiffshire abgehalten haben, gelangte gestern zu befriedigendem Abschluß. 207 Zechen mit 80 000 Arbeiter werden durch das Abkommen berührt. Man einigte sich zu einem Vergleiche, nach welchem die Löhne der Arbeiter allerdings niedriger und die Sätze von 1879 zur Grundlage genommen werden.
New-Ndrk. Grausige Unthaten, denen unsere Zeitungen Tag um Tag fpaltenlange Beschreibungen widmen, machen in der Regel Schule und so findet auch Norcross, der mit der Bombe in der Hand von dem alten Makler Russell Sage 1 200 000 Dollars forderte, zahlreiche Nachahmer. Seit dem Attentat hat Sage nicht weniger als 1200 Droh- und Erpressungsbriefe erhalten, die meisten aus Amerika, einige aber auch aus Europa. Dieser Tage nach 9 Uhr drang ein Mensch in das an der eleganten fünften Avenue gelegene Haus des Millionärs und verlangte 2500 Dollars; widrigenfalls werde er Herrn Sage sofort umbringen. Sage schlief bereits, seine Frau, eine schwächliche alte Dame, fand den Muth, den Eindringling bei der Kehle zu packen und ihn die Treppe hinabzuwerfen. Sage selbst ist vorsichtig geworden und hat sich eine Leibwache angeschafft, einen stattlichen Mann, der im Bureau des Millionärs Wache hält, solange dieser dort arbeitet. (K. Z.)
Triest, 3. Januar. Der Lloyddampfer „Amphitrite" ist gestern aus Konstantinopel hier eingetroffen.
New-Nork, 3. Januar. Der Dampfer „Holland" von der National-Dampfschiffs-Kompagnie (C. Meffing'schen Linie) ist gestern hier eingetroffen.
Reichsgerichts-Entscheidungen.
Nach §. 219 Th. 1 Tit. 13 des Preuß. Allg. Landrechts haftet ein Sachverständiger, wenn er in Angelegenheiten seiner Kunst oder Wiffen- schaft Rath ertheilt, für ein grobes Versehen. In Bezug auf diese Bestimmung hat das Reichsgericht, VI. Zivilsenat, durch Urtheil vom 8. Oktober 1891 in Uebereinstimmung mit einem Urtheil vom 6. Juli 1881 ausgesprochen, daß Kunst und Wissenschaft nichts weiter als die Einsicht und Fertigkeit ist, welche durch irgend eine spezifische, den Lebensberuf bildende Beschäftigung erworben wird und sich durch die Ausübung dieses Berufes für Dritte als solche offenbart, und daß die Annahme, zu der Kunst und Wissenschaft eines Landwirths oder Gutsbesitzers sei der Betrieb des
Ackerbaues und der Viehzucht, nicht aber ohne Weiteres die Schätzung fremder Landgüter zu rechnen, sich rechtlich nicht beanstanden läßt.
Der volle Werth eines enteigneten Grundstücks, welchen §. 8 Abs. 1 des Preuß. Enteignungsges. vom 11. Juni 1874 dem Enteigneten zuspricht, ist, nach einem Urtheil des Reichsgerichts, II. Zivilsenats, vom 13. Oktober 1891, der objektive Werth, welcher durch die Benutzunobsiayigkeit des enteigneten Grundstücks bestimmt wird; dagegen bleiben außdr Betracht die Fähigkeiten und Pläne des jeweiligen Besitzers.
Läßt sich Jemand eine Hypothek in der irrthümlichen Annahme ce- diren, daß ihr eine bestimmte Summe vorgehe, während ihr thatsächlich eine wesentlich höhere Summe vorgeht, so ist, nach einem Urtheil des Reichsgerichts, IV. Zivilsenats, vom 17. September 1891, im Gebiet des Preußischen Allgemeinen Landrechts die Zession wegen Irrthums in dem Wesentlichen des Geschäfts anfechtbar.
Depescheu-Burea« „Herold". <
4. Januar, abends 8 Uhr:
Berlin, 4. Januar. Die „Kreuzztg." bespricht die Zeitungsmelb- ungen über den bevorstehenden Rücktritts des Generals der Infanterie, Bronsart von Schellendorf und sagt, es verlaute zuverlässig, daß der Kaiser das Abschiedsgesuch vor einiger Zeit abgelehnt habe.
Berlin, 4. Jan. Die „Voss. Ztg." meldet aus Prag, das Ansuchen des Czechischen Theaters um Aufnahme in den Deutschen Bühnen- verein sei vom General-Intendanten Graf Hochberg abgelehnt worden. — ■ Nach Meldungen der „Kreuzztg." aus Wien tritt bei der englischen Botschaft vorläufig kein Personenwechsel ein.
Berlin, 4. Jan. Aus dem Borsig'schen Werke wurde der Achtstundentag eingesührt und der Tageslohn um einviertel Mark gekürzt. ■— Das Komitee der streikenden Buchdrucker hat heute Morgen eine große Matinee veranstaltet, um die Streikenden von der Wiederaufnahme der Arbeit abzuhalten. — Nach dem „Kleinen Journal" hätte Stabsarzt Pfeiffer, der Schwiegersohn des Professor Koch, den Jnfluenzabazillus entdeckt.
Wien, 4. Jan. Der Lustspieldichter Julius Rosen ist gestorben. — Plener wird wahrscheinlich zum Präsidenten des österreichisch-ungarischen Rechnungshofes ernannt. Damit soll der deutschen Partei ein weiteres substantionelles Zugeständniß gemacht werden.
Prag, 4. Jan. Hier hat sich ein Verein gebildet zur Erlernung und Verbreitung der russischen Sprache und Literatur, mit dem Hauptziel, die russische Sprache als „allgemeine Kultursprache" unter allen Slaven zu verbreiten. Zweigvereine sollen in allen größeren Provinzialstädten Böhmens und Mährens errichtet weiden.
Rom, 4. Jan. Der deutsche Kaiser soll dem Papste zu Neujahr ein sehr freundliches Glückwunschtelegramm gesandt haben. Die Antwort des Papstes hätte der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß die Beziehungen Deutschlands zum Vatikan immer gute sein mögen und dem Wunsche, daß der Kaiser erfolgreich sei im Kampfe mit dem Sozialismus, dem Feinde der Religion, wie des Reiches.
Paris, 4. Jan. Schriftsteller Guy de Maupassant feuerte in einem Anfalle von Irrsinn 5 Revolverschüsse gegen seinen Kops ab. Der Zustand des Dichters ist hoffnungslos. — Die schwedischen und französischen Delcgirten waren unter dem Vorsitz Ribots heute Vormittag versammelt. Es wurde ein vollständiges Einverständniß erzielt. Die Unterzeichnungen erfolgen in der nächsten Sitzung.
London, 4. Jan. In Portsmouth sind Ordres eingetroffen, zur Bereithaltung von 3000 Mann Truppen und einer Artillerieverstärkung zur Einschiffung nach Indien, an dessen Nordgrenze angeblich ernste Unruhen befürchtet werden. — Den „Times" wird gemeldet, dem Kardinal-Erzbischof von Wien fei cs gelungen, die Abneigung des Papstes gegen einen Besuch des österreichischen Kaisers im Quirinal zu überwinden.
5. Januar, vormittags 7 Uhr:
Berlin, 5. Jan. Die „Kreuzztg." meldet aus Wien: Ein Brief der „Pol. Korresp." aus Petersburg wünscht rasche Beilegung des französisch-bulgarischen Zwischenfalles und meint, Frankreich werde Bulgarien Genugthuung leisten und Chadourne zwingen, Bulgarien zu verlassen.
Berlin, 5. Jan. Der „Vorwärts" fordert die Arbeiter und Arbeiterinnen zur thatkräftigsten moralischen und materiellen Unterstützung der streikenden Buchdrucker auf, welche eine bewunderswürdige Karakterfestigkeit und Solidarität bewiesen.
Berlin, 5. Jan. Die „Voss. Ztg." berichtet aus Bozen: 1000 Weinbauern aus dem Etsch- und Eisackthale beschlossen, telegraphisch beim Ministerpräsidenten Abhilfe gegen den italienischen Weinzoll zu erbitten. j
Wien, 5. Jan. Es verlautet, daß deutsche Kommissare in Pest ' eingetroffen sind, zum Studium der Beziehungen zwischen den ungarischen Staatsbahnen und den Handelsgesellschaften. -
Pest, 5. Jan. Der König von Rumänien traf gestern Nachmittag hier ein, nahm an ^en Galadiner theil und empfing den Ministerpräsidenten. Der Kronprinz vou Rumänien ist ohne Aufenthalt nach Wien gereist. — Der Schaden der Ersten Vaterländischen Sparkasse soll 2 Millionen betragen. Es verlautet, daß politische Persönlichkeiten in die Piuffisch-Affaire verwickelt sind.
5. Januar 1892.