Einzelbild herunterladen
 

»emteet«* «wi»:

ILdrNch 9 M-rl. Halbj.-iM.saPs«.

ârteljLhrlich « Marl 25 Psg.

güt auswärtige Abonnenten mn dem betreffen« »c- P-stauychl-g. Die «tn-elne Num­

mer 10 Psg.

k

Hamner Anzeiger

Zugleich Amtliches Hvgcm für Staöt- unö Lanökveis Kancru.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.

SufertlenS» PreiS:

Die 1 [faltige armonbjeile »p bereu Saum io Psg.

Die »spalt. Seite 20 Psg.

DieSipaMgtZM«

30 Pfg.

Nr. 138.

Mittwoch den 17. Juni

1891.

t Wissensdrang und Bildungsdünkel.

Vor längerer Zeit ging die Nachricht durch die Blätter, daß ein junger Kandidat der Theologie unerkannt drei Monate als einfacher Fa- 4 brikarbeiter in einer Chemnitzer Maschinenfabrik zugebracht habe, um die * innersten Gedanken der Arbeiter, ihre Freuden und Leiden, ihre Bedürfnisse und Hoffnungen aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Dieser Kandi­dat, der mit den Leuten täglich 11 Stunden gearbeitet, als einer der ihrigen unter ihnen gewohnt, die Abende mit ihnen verbracht, sich Sonntags mit ihnen vergnügt hatte, mit Namen Paul Göhre, hat jetzt seine Erlebnisse, Beobachtungen und Ansichten in einer bei Grunow in Leipzig erschienenen Schrift:Drei Monate Fabrikarbeiter" niedergelegt.

Er gibt sich darin als ein Theologe liberaler Richtung zu erkennen, der den Kirchen den Rath ertheilt, die alten Formen des Christenthums zu zerbrechen, dafür aber die Sozialdemokratie mit dem Kern des Christenthums zu versöhnen. Vor Allem soll sich die Kirche hüten, sich zum Schutze der Gesellschaftsordnung und der heutigen Staatsform bereit zu stellen. Sie habe kein Interesse an diesen Dingen, sie könne sie ruhigen Herzens unter­gehen sehen. Den Dienern der Kirche könne es ganz gleichgültig sein, ob sie in einem Feudal-, Manchester- oder Sozialstaate wirkten.Und darum, wenn in ferner oder naher Zukunft selbst der radikalste sozialistische Staat I Heraufziehen, wenn die Mobilisirung aller Staatsbürger in Arbeiterbataillone ^ Wirklichkeit und Wahrheit werden würde was thut das uns?"

Wir meinen dagegen, es thut sehr viel. Während soeben die höchste * Autorität der katholischen Kirche den Schutz des Privateigenthums, also J eines der Grundpfeiler der gegenwärtigen Kultur, als eine von der Religion e vorgeschriebene Aufgabe verkündet hat, nimmt sich die entgegengesetzte Ansicht bei einem evangelischen Theologen um so merkwürdiger aus, als der Pro- teftantismus nach seiner geschichtlichen Entwickelung in Deutschland viel; M enger, schon durch den Summepiskopat des Landesfürsten, mit dem Staat ü zusammenhängt, als die katholische Schwesterkirche.

Indessen wir wollen diese Schwächen auf Rechnung eines jugendlichen (Optimismus setzen, der sich in der Schrift auch von der guten Seite in einer warmherzigen Empfänglichkeit für das Leben der Arbeiter zeigt. Unter den Beobachtungen, die der Schrift Werth verleihen, scheint uns mit am bemerkenswerthesten, was der Verfasser über den Wissensdrang in der Ar­beiterwelt und den Mißbrauch sagt, den die Sozialdemokratie damit treibt. So heißt es u. A.:Die Sozialdemokratie hat den Drang nach Wissen da unten wie niemand belauscht und hat sich seit zwanzig Jahren daran

Ge- und

aber

mit

gemacht, ihn durch systematische Arbeit im Großen zu befriedigen. So hat sie allmählich eine Volksliteratur geschaffen, von deren Umfange heute die Kataloge der sozialdemokratischen Buchhandlungen zeugen, von einem halte, wie ihn Volksbücher bisher nie zu bieten wagten, oberflächlicher leichtfertiger zwar, als die bisherigen religiösen und vaterländischen, ««n nicht weniger populär wie diese und neu, modern, zeitgemäß wie keine von beiden. Sie hat darin unternommen, was jene unterlassen: sie hat kühnem Griffe die moderne Wissenschaft popularisirt. Sie hat sich dabei nicht gescheut, dem Volke auch trockene Zahlen, langwierige, nüchterne Demonstrationen, ernste, schwere Kost, Dinge, die es noch lange nicht ver­stehen wird, zu bieten. Aber eben das will heute das Volk; es will in mühsamer Gedankenarbeit mitringen um die Probleme, die auch ihm heute nahe treten und Kopf und Stirn heiß machen; es will dasselbe Neue haben wie die andern, die Gebildeten, zu denen es bisher wunschlos aufgeschaut hat; es will mit ihnen selbstständig, souverän sein auch im Reiche der Ge­danken. Doch die Sozialdemokratie hat nicht edel und ehrlich dabei ge­handelt, als sie diese neue Volksliteratur schuf. Sie mißbrauchte das Vertrauen, das das Volk ihr hierin entgegenbrachte. Sie gab ihm nicht die wahre moderne Wissenschaft, sondern ein Extrakt aus ihr, das ein Er­zeugniß agitatorischer Berechnung war. Sie strich von der neuen Wahr­heit, was ihr gutdünkte, sie tauchte alles in die Farbe der Partei und stellte den so gewonnenen Inhalt ausschließlich in den Dienst ihrer Interessen. Ist es erklärtermaßen ihr oberstes höchstes Ziel, die Arbeiter in ihrem Denken, Empfinden und Handeln aus ihren bisherigen natürlichen Verbin­dungen mit der übrigen Gesellschaft herauszulöfen, sie in unüberbrückbaren Gegensatz zu dieser,der gesammten übrigen, reaktionären Masse" zu setzen, und ihnen nicht nur die neuen politischen und sozialen Ansichten der Partei deizubringen, sondern sie immer fester und fester auch zu einer ganz be-

sondern, eigenartigen Gesinnung und Lebensanschauung zusammen zu schweißen, so gibt es in der That kein besseres Mittel, dies zu erreichen, als eine klug dazu zurechtgemachte und ausgenutzte neue Volksliteratur. Diese vermag beides zugleich: den Durst der Leute nach der neuen Bildung zu stillen und den Rest der alten Bildung schnell und gründlich und für immer aus ihren Köpfen und Herzen zu reißen. Die neue sozialdemokratische Bildung, die eine Halbbildung ist wie keine zuvor, trat sofort ihren Siegeszug unter den Hunderttausenden der deutschen Arbeiter an. Und so fällt, mögen sic wollen oder nicht, Mann für Mann rettungslos der neuen Gesinnung, der neuen sozialdemokratischen Weltanschauung anheim, wirft mit dem alten Wissen den alten Glauben weg, ohne in dem neuen den Ersatz zu finden, den man

ihnen versprochen hat und den seine begeisterten Propheten zu haben Häupten, immer wieder suchend, tastend, sehnsüchtig zurückschauend, ob Alte sich nicht doch noch verjüngen und als Wahrheit offenbaren will, doch immer wieder verzweifelnd unter den vernichtenden Beweisgründen klugen, gebildeten Genossen, denen sie nicht Stand halten können. So

be- das und der lebt

eine große Mehrzahl ihr armes leeres Leben hin, ohne Freude, ohne Hoff­nung, ohne Hülfe."

Wen die sozialistische Gedankenwelt einmal faßt, den packt sie ganz und den läßt sie so leicht nicht los. Die verlockenden Aussichten auf eine Zukunft, die Jeden ohne Unterschied in den Genuß aller guten Dinge dieser Welt setzt, umnebeln die Köpfe und der geistige Hochmuth, den die Sozial­demokratie systematisch Jahrzehnte lang den halbi, Viertels- und achtelgc- bildeten Unterführern und Genossen einzuprägen geübt hat, läßt keine bessere Einsicht gegen den Wahn mehr aufkommen. Göhre bezeugt, daß dasVolk", oder sagen wir richtiger das Jndustrieproletariat noch an keine Empörung denke, aber er glaubt doch an die Nähe der Gefahr. Die Revolution werde da sein, wenn zu der religiösen Verwahrlosung der Jndustriemassen auch die sittliche hinzutrete, Indessen gerade in dieser Beziehung darf man wohl ein größeres Vertrauen in das deutsche Volksgemüth setzen. Zu warten, bis es aus sich heraus, etwa nach heftigen, die ganze Größe der- Gefahr offenbarenden Kämpfen, gesunde, wäre verfehlt. So. schwer die Aufgabe auch sein mag, alle Faktoren unserer Kulturen müssen zusammenarbeiten, daß der Wissensdrang nicht die taube Frucht des Dünkels treibe, sondern in weiser Selbstbeschränkung zu wahrer Bildung reife.

Tagesschau.

Berlin, 16. Juni. Se. Majestät der Kaiser und König hat gestern dem Minister des Innern, Herrfurth, Allerhöchstsein lebensgroßes Bildniß mit einer gnädigen, die erfolgreichen Bemühungen um das Zu­standekommen der Landgemeindeordnung anerkennenden Kabinets Ordre über­reichen lassen. _ , (Reichsanz.)

Berlin, 16. Juni. Anläßlich des fünfundzwanzigjährigen Abge- ordneten-Jubilâums des Präsidenten des Abgeordnetenhauses, v. Köller, übersandte, wie derRH. K." berichtet, Kaiser Wilhelm demselben einen Kupferstich mit seinem Bilde und eigenhändiger Unterschrift nebst einem änßerst huldvollen Glückwunschschreiben, worin der Kaiser der Verdienste des Jubilars und seiner bewährten Hingebung an den Thron und das Vaterland gedenkt iwb mit dem Wunsche schließt, den Jubilar noch recht lange in verdienstlicher Thätigkeit zu sehen. Die Beamten des Abge­ordnetenhauses überreichten Herrn v. Köller eine kunstvolle Adresse, außerdem gingen zahlreiche schriftliche und telegraphische Glückwünsche ein.

Berlin, 16. Juni. Das HerreNhaus hat den Antrag Woyrsch, betreffend die Anrechnung der Militärdienstzeit in die Staatsdienstzeit bei Bestallung der Assessoren, angenommen, nachdem Minister von Boettichcr erklärt hatte die einseitige Bevorzugung der Assessoren sei eine Ungerechtig­keit. Die Staatsregierung sei seit langem mit der allgemeinen Regelung der Frage befaßt, und die Ressorts verhandeln darüber untereinander. Die Rentengütervorlage wurde unverändert in der Fassung des Abgeord- netenhauses einstimmig angenommen. Der Finauzminisler erklärte auf eine Anfrage, der Erfolg des Gesetzes beruhe namentlich auf der Art der behördlichen Durchführung, weshalb die Generaltommission hervorragend daniit betraut sei. Nächste Sitzung morgen 12 Uhr. Loosehandel, Eisen­bahnvorlage und rheinische Gewerbegerichte. (Fr. N.)

Berlin, 16. Juni. Das Abgeordnetenhaus nahm in dritter Lesung die Wegeordnung für die Provinz Sachsen an. Bei der Berathung