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Hanauer Anzeiger.
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30 Psg.
Nr. 133.
Mittwoch den 10. Juni.
1891
Amtliches.
BèkarmLmKchrmgeK. Kömgl. LandrathsamLs.
Im Interesse der öffentlichen Sicherheit wird hierdurch für Samstag den 13. Juni d. I. von 8 bis 11 Uhr Abends das Fahren mit bespannten Wagen auf der Lamboystraße — von der Wilhelmsbrücke bis zum Lamboywald — bei Meldung einer Strafe bis 5 Mark subs. 1 Tag Haft untersagt.
Hanau am 8. Juni 1891.
Der Königliche Landrath
P. 3672 v. Oertzen.
Mit Rücksicht auf das am Samstag den 13. d. Mts. stattfindende Lamboyfest wird der auf diesen Tag fallende Hanauer Wochenmarkt auf Freitag den 12. ds. Mts. verlegt.
Hanau am 5. Juni 1891.
Der Königliche Landrath
P. 3744 ______________________________v. Oertzen.
Dienst-Nachrichten aus dem Kreise.
Gefunden: Ein Regenschirm (in einem Laden stehen geblieben). Ein goldener Kinderohrring. Ein goldener Damenohrring. Zwei weiße Taschentücher.
Verloren: Ein silbernes gravirtes Armband.
Hanau am 10. Juni 1891.
In der Marthaherberge des Diakoniffenheims zu Cassel, Untere Königsstraße Nr. 95, finden ordentliche Mädchen, welche in Cassel Stellungen suchen, freundliche Aufnahme. Die leitende Schwester ist den Gästen der Marthaherberge zur Erlangung geeigneter Stellen gern behülflich.
Der Vorstand des hessischen Diakonissenhauses.
t Die sog. materialistische Geschichtstheorie.
Wer sozialdemokratische Blätter liest, wird häufige Berufungen auf die materialistische Geschichtstheorie gefunden haben, die als ganz unumstößliche Wahrheit erscheint. Auch auf dem kürzlich abgehaltenen evangelisch- sozialen Kongreß war von dieser Theorie die Rede. Ein Referent hatte erklärt, die Theorie gehöre nicht zu den Grundsätzen der Sozialdemokratie, sondern nur zu den Agitationsmitteln. Andere Redner traten dem entgegen und erachteten sie im Gegentheil als einen Kernpunkt der kommunistischen Lehren. Wie steht die Sache?
Der Vater, wie der sozialdemokratischen Lehren überhaupt, so auch der materialistischen Geschichtstheorie insbesondere ist K. Marx. Sie lautet in Kürze: Das einzig ausschlaggebende Element der menschlichen Gesellschaft ist das ökonomische; die wirthschaftlichen Verhältnisse, die darauf beruhenden Klassenunterschiede und Klassengegensätze bilden das treibende Motiv der Geschichte, alles religiöse, politische, rechtliche und literarische Dasein ist nur Beiwerk oder wird selbst durch die wirthschaftliche Verfassung, die Verthei- lung des Besitzes, der Geburts- und Eigenthumsrechte, bestimmt. Im Kampfe der Berufe, Stände, Klaffen gegeneinander ändert sich die ökonomische Verfassung, darin besteht der wesentliche Inhalt der Geschichte.
Marx war auch hierin Konsequenzenmacher. Er griff eine Seite der Entwickelung der menschlichen Gesellschaft heraus, erschöpfte in ihrer Betrachtung seinen ganzen Scharfsinn und ließ alles daneben und dahinter unbeachtet oder drückte es zur Bedeutungslosigkeit herab. Die nationalen Kämpfe der Völker unter einander, die die Weltgeschichte durchziehen, galten ihm als nichts oder doch nur als Kraftproben einzelner Gewalthaber oder mächtiger Sippen her, Staaten; das geistige Leben erschien ihm nur als ein Ausfluß und Niederschlag der jeweiligen Eigenthumsordnungen. Gewiß hat stets das ökonomische Element in der Entwickelung mitgewirkt und haben die Gegensätze von Sklaven und Freien im Alterthum, von Leibeigenen, Hongen und den verschiedenen Graden der Freien im Mittelalter, von Arbeitern und Unternehmern, Proletariern und Bourgeois in der Neuzeit das innere Leben der Völker mitbestimmt. In den großen Umwälzungsperioden liefen mit den geistigen Strömungen wirthschaftliche durcheinander, w o« JRefoimsttionëjeit die Bauernbewegung, in den neueren Revolutionen die Erhebung des vierten Standes. Hier war das wirthschaftliche Element vorherrschend, so in den römischen Sklavenaufständen, dort das geistige, so !
bei den Kreuzzügen. Gewiß ist die moderne Bourgeoisie auch, aber nicht ausschließlich, das Produkt einer Reihe von Umwälzungen in der Produktions- und Verkehrsweise; ihre Geburt war vorbereitet mit der Entdeckung Amerikas, vollendet mit der Erfindung der Jenny oder des spinnenden Hannchens. Aber jene Entdeckung wie diese Erfindung waren geistige Thaten Einzelner, nicht das Produkt der „Gesellschaft". Der stärkste Beweis gegen den Marx'schen Satz: „Die herrschenden Ideen einer Zeit waren und sind stets die Ideen der herrschenden Klasse" liegt darin, daß die großen Religionen, namentlich die christliche, die verschiedensten Gesellschaftsformen überdauert und in jeder doch das Fühlen und Denken der Völker mehr oder weniger beherrscht haben und beherrschen. Ebenso sind alle heutigen Ideen von Moral, Philosophie, Politik, Recht u. s. w. keineswegs nur Erzeugnisse der Produktionsverhältnisse, aus denen große Denker, wie Kant, Goethe, Schopenhauer, die allergeringsten Anregungen geschöpft haben.
Die materialistische Geschichtstheorie ist kein beiläufiges Agitationsmittel der Sozialdemokratie, sondern hängt mit den Konsequenzen der Marx'schen Kritik der Volkswirthschaft eng zusammen und bildet die Grundlage des sozialistischen Zukunftsstaates. Marx stellte schon 1850, auf sie gestützt, die Behauptung auf, daß die bestehende Wirthschaftsordnung in allernächster Zeit unfehlbar zusammenbrechen und die „Gesellschaft" sich selber von allen Klassenkämpfen für immer befreien werde. Hat die Geschichte auch gezögert, diese mit großer Sicherheit ausgesprochene Behauptung zu bewahrheiten, so lebt doch die materialistische Theorie, die Erwartung des nahen Umsturzes, der Glaube, daß der Fortschritt der Kultur allein von einer anderen Vertheilung der Güter und des Arbeitsertrags abhänge, in der Sozialdemokratie ungeschwächt fort als eine Verirrung, die einerseits die sittlichen und geistigen Kräfte als Faktoren der Geschichte unterschätzt, andererseits deren ungemessene Entfaltung in der kommunistischen Gesellschaft der Zukunft bei vollster Gleichheit aller materiellen Genußrechte blind erwartet.______________
Tag e s s ch a rr.
Berlin, 9. Juni. Seine Majestät der Kaiser besichtigte, wie der „Reichsanz." aus Potsdam meldet, heute Vormittag auf dem Bornstedter Felde das Regiment der Gardes du Corps und das Leib-Garde-Husaren- Regiment. Ihre Majestät die Kaiserin wohnte mit dem Kronprinzen der Besichtigung bei, welche mit einem Gefecht im Feuer schloß, zu dem das zweite Bataillon des 1. Garde-Regiments z. F. und zwei Batterien des 2. Garde-Feld-Artillerie-Regiments zugezogen wurden. Nach Schluß der Uebung begab Sich Seine Majestät der Kaiser an der Spitze des Regiments der Gardes du Corps nach der Stadt zurück und folgte einer Einladung des Offizierkorps des Regiments zum Frühstück.
Berlin, 9. Juni. Der „Reichsanz." Nr. 133 veröffentlicht: 1) Gesetz, betreffend Abänderung der Gewerbeordnung, vom 1. Juni 1891. 1891^ ^^' treffend den Schutz von Gebrauchsmustern, vom 1. Juni
Berlin, 9. Juni. Im Abgeordnetenhause wird der Gesetzentwurf, betreffend die Heranziehung der Fabriken rc. mit Vorausleistungen für den Wegebau in den Provinzen Brandenburg, Schleswig-Holstein und der Rheinprovinz, in dritter Lesung angenommen. Bei Berathung des Antrages Walther und Genossen auf Annahme des Gesetzentwurfs, betreffend die Beseitigung der durch Hochwasser im Sommer und Herbst 1890 herbeigeführten Verherungen, erklärte der Minister Herrfurth, der Staat stelle eine weitere Beihilfe in sichere Aussicht. Mit der von dem Antrag geforderten Art der Staatsunterstützung könne er sich nicht einverstanden erklären. Die Regierung wird theils aus dem Despositionsfonds, theils aus dem Extraordinarium des Staats helfen. Reichten diese Mittel besonders zur Wiederherstellung der Deiche nicht aus, wird sie selbst mit einer Vorlage an das Haus herantreten. Das Haus überweist die Anträge der verstärkten Agrarkommifsion. Der Gesetzentwurf über die zeitliche Begrenzung der gesetzlichen Vorausleistungen zu den Kosten der Unterhaltung oder des Neubaues öffentlicher Wege und die Verjährungsfristen bei diesen Leistungen werden mit geringen Aenderungen angenommen. Auf eine Anfrage Rickert's erklärte der Präsident- er beabsichtige, den freisinnigen Antrag, betreffend das Material zu den Getreidezöllen, am Donnerstag vorzulegen. Nächste Sitzung morgen. (Fr. N.)