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Nr. 126.
Dienstag den 2. Juni.
1891
Dienst-Nachrichten aus dem Kreise.
Gefunden: Eine Brille mit Futteral. Ein Meter blaues Band. Eine weiße Kinderschürze. Ein Kinderschuh.
Hanau am 2. Juni 1891.
t Grotzmagazine und Kleinhandel.
Wie die Industrie und der Verkehr in dem Jahrhundert des Dampfes und der Maschinen eine völlige Umgestaltung erfahren haben, so auch, und zwar in Folge dieser Entwickelung, der Handel. Für den sogenannten Großhandel, der sich eng an die Verkehrsentwickelung anschließt, versteht sich dies von selbst. Dagegen wird auch in dem Detailhandel eine Entwickelung wahrgenommen, welche hiermit nicht in nothwendigem Zusammenhang steht. Es macht sich vielmehr, unabhängig von jener, hier hauptsächlich das Bestreben geltend, auf dem Wege, welcher von den Produzenten bis zum Konsumenten zurâckgelegt wird, unnütze Mittelpersonen möglichst abzustoßen und hierbei zugleich solche Vortheile zu erhalten, wie sie der Großbetrieb auf so vielen anderen Gebieten gewährt. Dieses ganz natürliche und berechtigte Bestreben hat in verschiedenen Ländern zu großartigen Veranstaltungen geführt, in welchen fast alle nur denkbaren Gebrauchsgegenstände und Kleidungsbedürfnisse, nachdem sie entweder dort selbst hergestellt oder von den Produzenten dahin abgeliefert worden, direkt an die Konsumenten »erkauft werden. Solche Veranstaltungen sind z. B. die beiden großen Magazine „Bon marché" und „Louvre" in Paris, die jährlich einen Geschäftsumsatz von je 135 Millionen Francs und je etwa 4000 Angestellte haben. Sind dieses reine Erwerbsgesellschaften, so wiegen in England die Veranstaltungen der Militär- und Beamtenkonsumvereine vor, welche indeß richtiger als Aktiengesellschaften aufzufasfen sind. In Deutschland sind es insbesondere der deutsche Offizierverein und das Waarenhaus für deutsche Beamte, welche indeß weniger den Karakter eines Erwerbsunternehmens, als den eines kameradschaftlichen Jnstitus haben; nur Offiziere und Beamte haben das Recht, in diesen Instituten zu kaufen. In neuerer Zeit ist in Berlin in dem Kaiserbazar ein Unternehmen entstanden, welches nach Art
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großen Pariser Etablissements sowohl die Herstellung wie den Handel allen Artikeln zur Bekleidung und zum Gebrauch zum Zweck hat. verschieden die rechtlichen Formen dieser „Großmagazine" sind, sie haben gemeinsam den Zweck, den Zwischenhandel zu beseitigen.
Gegen das Großmagazinwesen richtet sich ein lebhafter Widerstand Seiten des Kleinhandels, der sich von ihm bedrängt und in seiner
Existenz bedroht fühlt. Und es ist ja klar, daß viele kleine Geschäfte dadurch verdrängt werden. Das eine große Pariser Magazin „Bon marché" stellt jetzt etwa so viel wie 1800 kleinere kaufmännische Geschäfte dar, die ohne dieses ganz gut existiren würden; 100 bis 150 Magazine mittleren Umfangs sind in Paris während der letzten zwanzig Jahre der Konkurrenz jener erlegen. Zum Kampfe gegen das Großmagazinwesen hat sich dort ein eigener Verband „zur Vertheidigung der Interessen der Arbeit, der Industrie und des Handels" gebildet. Auch in Deutschland fehlt es nicht an Gegnern der genannten Vereine.
Aber man würde die Zeichen der Zeit verkennen, wenn man in der Zusammenfassung des Detailhandelbetriebs in einige wenige Hände oder in korporative Genossenschaften nur ein Produkt des Spekulationsfiebers erblicken wollte. Die Verdrängung oder Einschränkung des Zwischenhandels ist eine natürliche Folge unserer industriellen und kommerziellen Entwickelung und durch das wirthschaftliche Interesse bedingt. Durch allzustarke Ausdehnung des Zwischenhandels vertheuern sich die Waaren, während durch das Großmagazinwesen die Bedürfnisse der Konsumenten besser und wohlfeiler befriedigt werden können.
Trotzdem wird man dem Kampf des Kleinhändlerthums seine Theilnahme nicht versagen dürfen. Im fiebrigen ist aber deren Lage durch die Zunahme des Großmagazinwesens doch keineswegs aussichtslos; denn es ist klar, daß nur in den großen Städten dergleichen Afsociirungen im Stile des Großbetriebs möglich sind und daß auch die Großmagazine doch nur ganz bestimmte Gebiete umfassen können. Nicht bei jedem Artikel wird man seine Bedürfnisse in den großen Magazinen befriedigen können. In einer Abhandlung, welche Professor Mataja aus Innsbruck soeben bei Duncker & Humblot in Leipzig über diesen Gegenstand hat erscheinen lassen, wird mit Recht ausgeführt, daß es immer eine Kundschaft geben wird,
welche eine individualisirende Behandlung erfordert. „Hier gerathen aber die Monstrebetriebe schon in Nachtheil, gerade so, wie sich das einzelne Fuhrwerk nach den Wünschen des Fahrgastes richten kann, dort Aufenthalt nimmt, wo er es wünscht und sich in Bewegung setzt, wann er es will, nicht aber die Eisenbahn oder das Dampfschiff mit ihrer festen Regelmäßigkeit." Manchen paßt die Massenabfertigung nicht, sie wollen auf die größere Zahl von Komplimenten und das Eingehen auf ihre kleinen Wünsche und Besonderheiten nicht verzichten.
Der Kleinhandel wird auch ferner bei noch weiterer Zunahme des Großmagazinwesens bestehen; aber er muß von den Fortschritten des Großbetriebes lernen, seine eigenen Mängel zu verbessern und. sich dem modernen Geiste anzupassen. Auf der anderen Seite wird der Großbetrieb fein Augenmerk darauf richten müssen, daß er die mancherlei Nachtheile und Schattenseiten, welche für das Arbeitsverhältniß seiner Bediensteten bestehen, beseitigt und dabei sozialpolitischen Rücksichten Rechnung trägt. Durch das Großmagazinwesen ist den Handlungsgehilfen das Selbstständigwerden erschwert, und diese werden durch das Unternehmerthum in einer Abhängigkeit gehalten, welche von selbst zur Stärkung des Klassenbewußtseins führen muß. Hieraus dürften mit der Zeit auch für die Sozialpolitik positive Aufgaben erwachsen, wie auch voraussichtlich das Großmagazinwescn die Organisation der Handelsangestellten mächtig fördern wird.
Wie man sich auch zu dem Großmagazinwesen stellen mag, man kann es nicht unterdrücken, es ist eine mächtige Erscheinung in der wirthschast- lichen Entwicklung, welche manche große Vortheile im Gefolge hat, aber auch mit Nachtheilen verbunden ist oder verbunden sein kann.
Tagesscha«.
Berkin, 1. Juni. Gestern Abend IP/s Uhr begaben sich Ihre Kaiserlichen Majestäten mit Sonderzug nach Kiel, wo die Ankunft heute Morgen um 8 Ühr erfolgte. Im Laufe des heutigen Vormittags hörten Seine Majestät im dortigen Schlosse die Vorträge des Chefs des Zivil- kabinets und des stellvertretenden Chefs des Marinekabinets.
Berkin, 1. Juni. Im Abgeordnetenhause erklärt der Reichskanzler von Caprivi, die Regierung sei nicht gewillt, die Aufhebung oder Ermäßigung der Getreidezölle jetzt beim Bundesrathe zu beantragen. Von einem Nothstände könne nach keiner Richtung die Rede sein. Die Ernteaussichten haben sich erheblich gebessert. Wir werden voraussichtlich, wenn nicht unerwartete Naturereignisse eintreffen, eine Mittelernte haben. Eine solche Mittelernte gibt aber keinen Anlaß, zu glauben, daß wir vor einem Nothstände stehen. Die Nachrichten über den Erntestand in Oesterreich-Ungarn lauten ungefähr wie die über unsere Ernte. In Rußland erscheint der Erntestand im Norden weniger günstig, in der Mitte und im Süden dagegen erheblich besser. In Nordamerika und Ostindien ist gegründete Aussicht auf eine sehr gute Ernte. Bei der Aufhebung der Zölle würde nur ein Theil des Gewinnes dem Jnlande zufallen. Zu einer theilweisen Herabsetzung habe sich die Regierung nicht entschließen können. Die Regierungen hätten sich aber entschlossen, durch Handelsverträge eine Ermäßigung der Getreidezölle eintreten zu lassen. Die Staatsregierung sei sich ihrer Verantwortlichkeit voll bewußt, könne aber nicht die Verantwortung übernehmen, die Getreidezölle jetzt zu ermäßigen oder aufzuheben. Der von verschiedenen Seiten gestellte Antrag, in eine Debatte über die Rede v. Caprivis einzutreten, wird vom Präsidenten als geschäftsordnungswidrig verzeichnet. Hierauf wird in die Berathung der vom Herrenhaus revidirten Landgemeindeordnung eingetreten. In der Generaldebatte erklärt Meper-Arnswalde, er werde trotz der Verbesserung des Herrenhauses gegen die Vorlage stimmen. Schließlich wird die Vorlage in namentlicher Abstimmung mit 206 gegen 99 Stimmen mit einigen wenig erheblichen Aenderungen angenommen. Morgen gelangt die Sperrgeldervorlage zur Berathung. (Fr. N.)
Berkin, 1. Juni. In der Nacht vom 30. zum 31. Mai verstarb hierselbst der Geheime Ober-Postrath und vortragende Rath im Reichs- Postamt Herr Ernst August Maßmann am Herzschlag.
Bertin, 1. Juni. Der Kolonialrach wurde heute Vormittag eröffnet. Von den die Baumwollekultur, die Zulassung fremder Gesellschaften zum Gewerbebetriebe und die Konzessionirung einer Eisenbahnlinie in Ostafrika betreffenden Fragen wurde jede einem besonderen Ausschüsse zur Vorberathung