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SV Pfg.

Nr. 23.

Mittwoch den 28. Januar.

1891

Amtliches.

Bekanntmachung.

Einziehung der Postwerthzeichen älterer Art.

Seit dem 1. Dezember 1890 werden bei den Verkehrsanstalten nur noch Postwerthzeichen neuerer Art verkauft.

Die noch in den Händen des Publikums befindlichen Postwerth- zeichen älterer Art (Freimarken, sowie gestempelte Briefumschläge, Postkarten, Streifbänder und Postanweisungs-Formulare) können noch bis zum 31. Januar 1891 zur Frankirung von Postsendungen verwendet werden.

Vom 1. Februar 1891 ab verlieren die älteren Post­werthzeichen ihre Gültigkeit.

Dem Publikum soll indeß gestattet sein, die bis dahin nicht verwen­deten Postwerthzeichen älterer Art bis spätestens zum 31. März 1891 gegen neue Werthzeichen gleicher Gattung und von entsprechendem Werthe umzutauschen. Gestempelte Briefum­schläge und gestempelte Streifbänder werden gegen Freimarken zu 10 und 3 Pfennig umgetauscht; die Herstellungskosten werden mit 1 Pfennig für jeden gestempelten Briefumschlag und Vs Pfennig für jedes gestempelte Streifband baar erstattet. Der Umtausch der älteren Postwerthzeichen gegen neue wird an den Postschaltern bewirkt.

Postsendungen, welche nach dem 31. Januar 1891 noch mit Werth­zeichen älterer Art zur Auflieferung gelangen, werden dem Absender zurück­gegeben, oder wenn dies nicht thunlich sein sollte, als unfrankirt behandelt werden.

Vom 1. April 1891 ab sind die Verkehrsanstalten zum Umtausch älterer Postwerthzeichen nicht mehr befugt.

Berlin W., 13. Januar 1891.

Der Staatssekretair des Reichs-Postamts, von Stephan.

Bekanntmachung.

Wegfall der gestempelten Briefumschläge und der gestempelten Streifbänder.

Seit dem 10. Dezember 1890 werden gestempelte Briefum­schläge und gestempelte Streifbänder von den Verkehrsanstalten nicht mehr verkauft. Von demselben Zeitpunkt ab läßt die Reichs- Postverwaltung derartige Werthzeichen überhaupt nicht mehr Herstellen und zum Verkauf bringen; dem Publikum bleibt überlassen, ungestempelte Brief­umschläge und Streifbänder zu verwenden und mit den erforderlichen Frei­marken zu bekleben.

Die in den Händen des Publikums befindlichen gestempelten Brief­umschläge und gestempelten Streifbänder neuerer Art können bis auf Weiteres noch verwendet werden. Dagegen behalten die Brief­umschläge und Streifbänder mit Werthzeichen älterer Art nur noch bis zum 31. Januar 1891 ihre Gültigkeit.

Berlin W., 20. Januar 1891.

Der Staatssekretair des Reichs-Postamts, von Stephan. .

Des Kaisers Geburtstag.

DieKöln. Ztg." schreibt in ihrer gestrigen Abendausgabe folgendes: In allen deutschen Gauen feiert die Bevölkerung heute den Geburtstag des deutschen Kaisers durch festliche Veranstaltungen. Wie verschieden die nun einmal individuell veranlagten Deutschen sich auch zu den brennenden Fragen stellen, welche unsere Zeit bewegen und beunruhigen, ihre besten Männer und ihre klarsten Geister wissen sich einig in der Ueberzeugung, daß an der Neige des neunzehnten Jahrhunderts einer kraftvoll geleiten Monarchie große Aufgaben harren. Mit unserm jugendkräftigen Kaiser hat eine Willens­stärke energisch ausgeprägte Persönlichkeit, welche sich als den ersten Diener des Staates betrachtet, den deutschen Kaiserthron bestiegen und erfüllt alle Gebiete des öffentlichen Lebens mit neuem Blut und neuen Antrieben; es gibt wohl niemand in Deutschland, der heute noch bezweifeln wollte, daß Kaiser Wilhelm II. ganz aufgeht in seinem erhabenen Herrscherberuf und

daß er ein redliches Wollen, eine unermüdliche Arbeitskraft und eine volks­freundliche Gesinnung in den Dienst des Vaterlandes gestellt hat. Der Kaiser ist bemüht, die Bedürfnisse des Volkes zu erforschen und den For­derungen des Zeitgeistes gerecht zu werden. Die unermüdliche Pflichttreue, die edle Auffassung von den hohen Aufgaben des Herrscherthums, das Streben, des Volkes und des Vaterlandes Wohl sich stets zum Leitstern zu nehmen, als kräftiger Schirmer der Ordnung und Sitte, aber auch als wohlwollender Vater des Landes zu walten, diese Eigenschaften hat Kaiser Wilhelm II. als schönstes Erbtheil von Vater und Großvater überkommen. Seinem Wirken ist es gelungen, im Jnlande wie Auslande manches Vor­urtheil, manche gehässige Voreingenommenheit zu beseitigen. Vor allem hat das Ausland sich überzeugt, daß ein Monarch, der im Innern an die Lösung so zahlreicher und verwickelter Fragen herantritt, nicht nach dem blutigen Lorbeer des Kriegsruhms strebt, sondern von ehrlicher Friedensliebe erfüllt sein muß. Die Beruhigung, welche in den letzten Jahren in Ost und West eingetreten ist, hat sich denn auch mehr und mehr eingelebt. Der Kaiser hat den Behörden untersagt, seinen Geburtstag durch festliche Be­leuchtung öffentlicher Gebäude auf Staatskosten zu feiern; er hat damit bekundet, daß sein Sinn nicht auf äußerliches Schaugepränge gerichtet ist, sondern daß er die Zufriedenheit und Liebe eines großen Volkes als seinen schönsten Lohn betrachtet. Wir können an seinem Ehrentage nur wünschen, daß es seinem idealen Streben gelingen möge, mit dem deutschen Volks­gemüth stets in engster Fühlung zu bleiben.

t Sozialdemokraten und Landwirthe.

In den Getreidezollvebatten des Reichstags traten die sozialdem»- kratischen Redner aus's Entschiedenste für die gänzliche Beseitigung der Getreidczölle auf. Dabei wurde nicht lediglich der Gesichtspunkt geltend gemacht, daß das Brod für die industriellen Arbeiter vertheuert sei, es wurde vielmehr auch die Gelegenheit benutzt, die landwirthschaftliche Be­völkerung selbst gegen jede Schutzzollpolitik einzunehmen. Auf die im Reichstage vorgebrachten Entgegnungen, daß die Brodpreise nicht übermäßig hoch seien, daß der Bauernstand mindestens dieselben Vortheile von dem Zollschutz habe wie der große Grundbesitz, daß der Rückgang der Land­wirthschaft nothwendig den Zustrom von Arbeitern zur Industrie verstärke und das Lohneinkommen der Industriearbeiter vermindere, wollen wir nicht weiter eingehen.

Bekanntlich ist die sozialdemokratische Partei eifrig damit beschäftigt, ihre Agitation auf das platte Land zu tragen, und deshalb mußte den Rednern im Reichstage daran gelegen sein, den Eindruck zu erwecken, daß ihr Auftreten gegen jeden selbst auch mäßigen Zollschutz der landwirth- schaftlichen Produkte durchaus im Jntereffe des kleinen Grundbesitzes liege. Indessen ist aus zahlreichen sonstigen Aeußerungen dieser Partei ersichtlich, daß ihr an der Erhaltung eines kräftigen Bauernstandes nicht das mindeste gelegen ist und gelegen sein kann.

Schon der allgemeine Grund, warum sie für unbeschränkten Freihandel eintritt, beweist, daß sie auf nichts weniger als auf das Erhalten bedacht ist- Ihr geistiges Haupt Marx sprach schon vor Jahrzehnten aus, daß nach seiner Meinung das Freihandelssystemzerstörend" wirke undden Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgoisie auf die Spitze treibe" und daß ernur in diesem revolutionären Sinne" dafür stimme.

Von neueren Zeugnissen, daß der Marx'sche Grundsatz vom Zer­stören bewußt auf die Landwirthschaft angewandt wird, erinnert die Schle­sische Zeitung an einen Artikel eines hervorragenden sozialdemokratischen Organs vom vorigen Sommer. Das Blatt erläuterte die Wirkung der Getreidezölle zum Schutze der Landwirthschaft gegen die Konkurrenz des billiger produzirenden Auslandes und erklärte den Fortbestand eines Schutzes geradezu als eine Existenzbedingung der Landwirthschaft. Zwar werde durch die Getreidezölle das Brod und der gesammte Lebensunterhalt der Arbeiterschaft vertheuert; aber durch Freihandel würde die Nahrung wohl billiger, jedoch zugleich sinke das Existenzminimum und mit ihm der Lohn. Die Aufhebung der Getreidezölle wäre also durchaus kein Geschenk für die Arbeiter. Das wüßten die sozialistischen Führer längst, wenn sie aber dennoch die ParoleKampf gegen die Brodvertheurer" festhielten, so habe das seinen besonderen Grund.Besonders wichtig werden" so hieß es wörtlich weiterdie Folgen einer veränderten Zollpolitik für