Beilage zu Nr. 4 des Hanauer Anzeiger.
t Die Sozialdemokratie auf dem Lande.
Der sozialdemokvatiscbe Parteitag in Halle hatte beschlossen, daß nunmehr die Agitation mit aller Kraft auf das Land getragen werden solle. Mit der Ausführung dieses Beschlusses soll jetzt begonnen werden. Der Parteivorstand hat am Weihnachtstage einen Aufruf erlassen, der den Beginn der Unterwühlung des „Landproletariates" und des kleinen Bauernstandes ankündigt und die Genossen, welche in den ländlichen Verhältnissen einige Erfahrungen gesammelt haben, auffordert, sich zu melden. Dem Parteivorstand ist nur eine „kleine Zahl" von Genossen bekannt, die etwas von den ländlichen Verhältnissen verstehen. Dies kennzeichnende Eiuge- ständniß hält freilich den Parteivorstaud nicht ab, sich über die Lage auf dem flachen Lande in der schwülstigsten und zugleich verkehrtesten Weise auszusprechen.
„Unsere Brüder draußen — so heißt es in der Kundgebung, — die in Ställen und Hütten hausen, deren Lebenshaltung in den meisten Fällen eine menschenwürdige nicht genannt zu werden verdient, die heute noch unter dem Druck derselben Frohnden seufzen wie damals, als die Leibeigenschaft dem Namen nach noch nicht abgeschafft war, die allen Fährnissen und Drangsalirungen des Großkapitals noch ungeschützter gegenüberstehen, als die Arbeiter in den rußigen Fabriken und dumpfen Werkstätten — alle diese armen ausgebeuteten Landarbeiter sollen zu uns herübergezogen werden, auch ihnen soll der Morgenschein der neuen, der kommenden Zeit gezeigt werden." Dieses Zeigen des Morgenscheins ist reines Blendwerk. Man will den Arbeiter auf dem Lande unzufrieden machen und gegen die Besitzenden aufreizen. Unverhüllt tritt dieses Bestreben in folgendem Satze hervor: „Auch der letzte Knecht im Stall soll wissen, daß der Großgrundbesitzer, mit adligem oder bürgerlichem Namen, die Zeiten wieder einzuführen bestrebt ist, wo er mit seiner Meute und mit seinem Troß dem Bauern über die junge Saat dahingaloppiren, wo er in einem Augenblick des Ueber- muthes die Mühe von Monaten zerstören durfte, und dann den murrenden Untergebenen mit der Hetzpeitsche zur Ruhe zwang." Wenn die sozialdemokratischen Agitatoren die Sache nicht geschickter anfangen, werden sie auf dem Laude wenig Glück haben. Wir glauben wenigstens, daß jeder einigermaßen verständige Landbewohner, Bauer oder Knecht, den Mann, der ihm dergleichen Vorstellungen von Rechtlosigkeit einreden wollte, einfach auslachen würde.
Man muß sich die weiten Strecken im preußischen Osten, in Preußen, Posen 2C. recht vergegenwärtigen, um die ganze Phantastik folgender Schil- dernng des Aufrufs zu ermessen: „Auch draußen auf den Feldern sehen wir aus dem wogenden Aehrenmeer, aus den blühenden Fluren die drohenden Schornsteine in die Luft ragen, wir hören die Maschinen stöhnen und ächzen, und wir sehen, wie der „freie Bauer" ein Knecht der Maschine wird, ebenso wie in der Stadt der freie Handwerksmeister seine Freiheit, seine Existenz dem Kapitalisten opfern mußte, dem vielleicht ein Zufall die Arbeitsmittel in die Hände spielte. Jene Poesie des Landlebens, von welcher Schwärmer und. Träumer zu erzählen wissen, ist längst verraucht, und wenn irgendwo, so tobt der Klassenkampf auf dem platten Lande." Allerdings, der Sozialdemokrat kennt die Poesie des Landlebens nicht. Wohin er blickt, überall sieht er nur Ausbeuter und Geknechtete, Junker mit der Hetzpeitsche und dampfende Schlote, wo gar keine sind.
Allein so dürftig die geistigen Waffen sein mögen, welche die Sozialdemokratie einstweilen zur Verstärkung ihrer Reihen aus der Landbevölkerung zur Hand hat, so liegt doch die ernsteste Gefahr vor. Was der Agitation an geistigen Mitteln abgeht, das wird sie, wie gerade der Aufruf zeigt, durch maßlose Uebertreibung ersetzen, und wie leicht ist schließlich jedem schwachen Kopfe einzureden, daß es ihm von Rechts wegen viel besser gehen müsse! Der Sozialdemokratie kommen auch nicht selten unbesonnene Gegner zu Hilfe. Jeder, der in seinem Verhalten zu dem Mitmenschen, insbesondere zu den wirthschaftlich schwachen Personen, sich nicht ganz von christlicher Liebe leiten läßt, ist mittelbar ein Förderer der sozialdemokratischen Ziele. Es dient ferner nicht dem sozialen Frieden, wenn manche Blätter Woche für Woche Alle, die von Zöllen Vortheil haben, als „Pri- vilegilte" hinstellen, obgleich der Schutz der nationalen Arbeit vor Allem bezweckte, die Arbeitsgelegenheit für den Arbeiter zu verbessern. Indessen davon abgesehen, die sozialdemokratische Agitation vermag aus sich heraus allmählich durch wohlberechnete Einflüsterungen und trügerische Ausbeutung wirklicher oder vermeintlicher Mißstände Verwirrung genug zu stiften und wird es gewiß auch fertig bringen, wenn die Anhänger von Christenthum und monarchischer Staatsordnung nicht energisch ihre Kräfte sammeln und vereinigen.
Reichsgerichts-Entscheidungen.
Ist ein Angeklagter auf seinen Antrag wegen großer Entfernung seines Aufenthaltsortes von der Verpflichtung zum Erscheinen in der Hauptverhandlung entbunden worden, so ist, nach einem Urtheil des Reichsgerichts, IV. Strafsenats, vom 17. Oktober 1890, dennoch die Ladung desselben zum Verhandlungstermin erforderlich; die Ladung seines Verthei
digers genügt nicht. Auch muß, falls in der Hauptverhaudlung neue Beweismomente bezüglich der Anklage vorgebracht werden, der nicht erschienene Angeklagte vor der Urtheilssprechnug hiervon Kenntniß erhalten und darüber gehört werden.
Die Hypothek auf einem Grundstück ergreift nach einem Urtheil des Reichsgerichts, V. Zivilsenats, vom 22. Oktober 1890, auch die neu (nach Bestellung der Hypothek) hinzukommenden Substanztheile des Grundstücks, selbst wenn sich der Hersteller der neuen Theile oder ein Anderer an diesen Theilen das Eigenthum vorbehalten hatte. Dieser Vorbehalt ist dem Hypo- thekengläubiger gegenüber wirkungslos. Als Substauztheil eines zu einem speziellen Fabriketablissement bestimmten Gebäudes sind diejenigen in das Fabrikgebäude eingefügten Maschinen aufzufassen, durch deren Einfügung erst das Gebäude zu dem-bestimmten Fabriketablissement wird.
In Bezug auf §. 564 1, 9 des Preußischen Allgemeinen Landrechts („Ist die Veijährung bereits vollendet, so hebt ein Anerkenntniß des erloschenen Rechts die Wirkung derselben nur insofern auf, als aus diesem Anerkenntniß nach den Gesetzen ein neuer Rechtsgrund entsteht") hat das Reichsgericht, IV. Zivilsenat, durch Urtheil vom 27. Oktober 1890 ausgesprochen, daß die Ausstellung eines Schuldscheins, in welchem der durch Verjährung erloschene Schuldgrund lediglich wiederholt wird, die Wirkung der Verjährung aufhebt.
Bei einem Werkverdingungsvertrage über Bauten, die in einer bestimmten Frist auszuführen sind, ist nach einem Urtheil des Reichsgerichts, VI. Zivilsenats, vom 30. Oktober 1890, im Gebiet des Preußischen Allgemeinen Landrechts der Besteller schon vor Ablauf der Frist von dem Vertrage abzugehen berechtigt, wenn es feststeht, daß der Werkmeister aus eigener Schuld thatsächlich das Werk nicht rechtzeitig fertigstellen werde. Die bloße, wenn auch gegründete Annahme des Bestellers, daß die Fertigstellung nicht rechtzeitig erfolgen werde, gewährt dem Besteller kein Rücktrittsrrcht.
Aus Stadt» Provinz und Umgegend.
Frankfurt a. M., 6. Januar. Seit dem 23. vor. Mts. ist ein hiesiger Kaffeehändler spurlos von hier verschwanden. Er hat Frau und Kinder, aber auch eine bedeutende Schuldenlast als Andenken. hinterlassen. Die Schulden sollen sich auf mehr als 300 000 Mark belaufen. Die Aktiven können etwa 90 000 Mark betragen, bestehend in einer Villa und ganz minimalen Ausständen. Der Durchgänger hat es verstanden, durch einen flotten Wechsclve kehr seine Gläubiger zu täuschen. Die Wechsel sollen durchweg gefälscht sein und ein hiesiges Bankinstitut dadurch einen Verlust von mehr als 100 000 Mark erleiden. (Fr. N.)
Frankfurt a. M., 5. Januar. Nach einer heute hier eingetroffenen Zuschrift des Herrn Regierungspräsidenten v. Tepper-Laski beabsichtigt derselbe, kommenden Sonntag um 12 Uhr int Sitzungssaale der Stadtverordnetenversammlung den Herrn Oberbürgermeister Adickes zu verpflichten und in sein Amt einzuführen. Herr Adickes trifft kommenden Freitag hier ein.
(G.-A.)
Marktbericht.
Frankfurt a. M., 5. Januar. Aus dem heutigen Viehmarkt waren die Preise für Hornvieh ca. 2 Mk. billiger, auch Kälber waren etwas im Preise gedrückt. Augetrieben waren: 361 Ochsen, 11 Bullen, 414 Kühe, Stiere und Rinder, 303 Kälber, 160 Hämmel und 460 Schweine. Die Preise stellten sich wie folgt: Ochsen 1. Qualität pro 100 Pfund Schlachtgewicht Mk. 68—70, 2. Qualität Mk. 60—64; Bullen 1. Qualität Mk. 57—59, 2. Qualität Mk. 54—56; Kühe, Stiere und Rinder 1. Qualität Mk. 60—61, 2. Qualität Mk. 52—56; Kälber 1. Qualität per Pfund Schlachtgewicht 70—72 Pf., 2. Qualität 60—65 Pf. ; Hämmel 1. Qualität 63—65 Pfg., 2. Qualität 54—58 Pfg.; Schweine 1. Qualität 58—60 Pfg., 2. Qualität 56—57 Pfg.
(Produkuen-Markt vom 5. Januar.) Man kaufte den heimischen Walzen mit Mk. 19—19.25 bei den Produzenten in Empfang zu nehmen, mit Mk. 19.25—19.60 kostenfrei an die nahen Bahnstationen und hierher zu liefern. Kurhessischer und norddeutscher Waizen 19.40— 19.50, russischer Mk. 21.25-22.25. Roggen hiesiger Mk. 17.50— 17.75, russischer Mk. 17.75-18.—. Gerste, Braugut Mk. 17—20.50, Mahlgut Mk. 14—14,50. Hafer, gering Mk. 14—14.25, mittel Mk. 14.50—15.—, feiner Mk. 15.25—15.75. — Alles per netto 100 Ko. nach Qualität. Rüböl per 100 Ko. Mk. 64.
Litterarisches.
Die bekannte älteste Annoncen- Expedition Haase »st ein LVogler A.-G. versendet soeben an die Inserenten die 25. (Jub länms)-Auflage ihres elegant ausgestatteten Notiz-Kalender und ZeitungsKatalog für das Jahr 1891. Derselbe bringt zunächst einen für alle Tage des Jahres berechneten Notiz-Kalender und verzeichnet sodann auf 142 Seiten die in der ganzen Welt erscheinenden politischen Blätter, Fachzeitschriften, Adreßbücher, Kalender re. in musterhafter Anord-