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Hanauer Anzeiger

Iugteich Amittches ^rgan für SLaöt- unö LcrnöK^eis Kcrrrcru.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.

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Nr. 247.

Mittwoch den 22. Oktober

1890

Amtliches.

Bekanntmachungen Königl. Landrathsamis.

Bewerber um die mit dem 1. November d. Js. zur Erledigung kommende II. Lehrerstclle an der Stadtschule zu Windecken werden aufge- sordert, ihre Meldungsgesuche nebst Zeugnissen innerhalb 14 Tagen bei dem unterzeichneten Schulvorstande einzureichen.

Das Einkommen der Stelle beträgt 1100 Mk. und erhöht sich bis zu 1600 Mk. Feuerungsentschädigung und Wohnungsgeld sind in diesem Gehalte einbegriffen.

Hanau am 17. Oktober 1890.

Namens des Schulvorstandes:

V. 7301 Der Königliche Landrath v. Oertzen.

Da der diesjährige Buß-, Bet- und Danktag auf einen Samstag fällt, wird der Neustädter Wochenmarkt auf Freitag den 31. Oktober c. und der Altstädter Wochenmarkt auf Donnerstag den 30. Oktober c. verlegt.

Hanau am 20. Oktober 1890.

Der Königliche Landrath

P. 7289 v. Oertzen.

t Die Taktik der Sozialdemokratie.

Der sozialdemokratische Parteitag in Halle hat uns einen Einblick verschafft in die Art, mit welcher die Sozialdemokratie fortan zu kämpfen «schlossen ist. Wir übergehen die Berathungen über den Plan einer neuen Organisation der Partei und über ein neues Programm. Das sind Dinge, welche für die Außenstehenden minderwerthig sind. Auch die Auseinander­setzungen zwischen den „Jungen" und den Fraktionsführern fallen nicht in das Gewicht: nur das Eine sei bemerkt, daß man gut thun wird, vorläufig noch nicht zu stark auf einen inneren Zwiespalt, auf eine Zersplitterung und daher auf eine allmähliche Entkräftung der Partei zu spekuliren. Vor­läufig wird man mit der Einigkeit, aber auch mit der Entschlossenheit der Sozialdemokratie zum Kampfe gegen Staat und Gesellschaft zu rechnen und sich darauf einzurichten haben.

Was die sozialdemokratische Kundgebung in Halle uns interessant und politisch wichtig macht, ist zunächst das von allen Rednern, insbesondere , den leitenden Männern verkündete Programm äußerlicher Mäßigung. Zwar sollen, wie Herr Singer meint, die „Forderungen der Sozialdemo­kratie gegenüber den bürgerlichen Parteien und dem Klassenstaat" im Parla- v riient rücksichtslos vertreten werden, auch werde sich die sozialdemokra- ’ tische Fraktion nicht durch das „Zuckerbrod" der sozialen Reform und der Arbeiterschutzgesetzgebung bestechen lassen. Aber man will „nicht mit dem Kopf durch die Wand rennen". Die Sozialdemokraten — meinte Lieb­knecht — „würden Narren sein, wenn sie an die Gewalt appelliren wollten", und ein anderer Redner sagte: „Wir wollen den Militarismus bopcottiren,' d. h. ihm nie Gelegenheit zum Einhauen geben."

Das ist jedenfalls sehr vorsichtig und klug, eine Klugheit, welche man auf Rechnung der Erziehung durch das Sozialistengesetz setzen kann.

Dafür soll aber fortan eine weit umfassendere Agitation und Be­arbeitung der Massen durch Wort und Schrift in Szene gesetzt werden. Die Sozialdemokraten wollen, nach Liebknecht, „die Köpfe' und Herzen des Volkes gewinnen". Alle ihre Thätigkeit soll diesem Ziele dienen. Auch die parlamentarische Thätigkeit betrachten sie nur als „Kampf- und , Agitationsmittel", die Reichstagswahlen dienen ihnen „zum Aufwühlen der Massen". Es soll eine reiche Thätigkeit in der Presse entfaltet, es sollen f Deutungen begründet, Broschüren und Flugschriften vertheilt werden. Jns- besondere richtet sich von jetzt an hierbei die Aufmerksamkeit auf die lä'nd- kiche Arbciterbevölkerung. Zu diesem Zweck ist ein Antrag gestellt ^E^ ben Parteivorstand ermächtigt, mehr als bisher die länd­lichen Wahler kreise Deutschlands finanziell und agitatorisch zu „unterstützen".

^08 setzt einen Preis für die beste Agitationsschrift für die ländliche Bevölkerung aus, und Bebel will ein Zeitungsorgan speziell für die ländliche Arbciterbevölkerung^zünden.

Das sind die Absichten rèxvorlâufigen stiele der Partei. Aerr I 1,011 Schorlemer-Alst hat soeben den Westfälischen Bauernverein"auf

die Nothwendigkeit wirksamer Abwehr in einem Schreiben hingewiesen, in welchem es heißt: „Es wird uns hiermitein schon länger vorauszusehender Kampf aufgedrungen, den wir als Christen, als getreue Unterthanen, in Beitheidigung des Grundbesitzes, der Familie und der gesellschaftlichen Ordnung aufnehmen müssen und wollen. Ohne Furcht, festen Auges wollen wir der drohenden Gefahr entgegentreten, die zu überschätzen unmännlich, die zu unter sch ätzen sträflicher Leichtsinn wäre." Er fordert schließlich die Mitglieder des Vereins auf, die angekündigte Agitation der Sozialdemokraten in den ländlichen Bezirken im Auge zu behalten. Das gilt für Alle, welche der ländlichen Bevölkerung nahe stehen. Die Grund­besitzer, die landwirthschaftlichen Vereine, die Organe der Kirche und der Schule auf dem Lande werden ihre ganze Aufmerksamkeit auf den in Aus­sicht gestellten Kampf lenken und ihre ganze Kraft aufbieten müssen, um die verderblichen Einflüsse für Christenthum, Familie, Eigenthum, für Thron und Vaterland nicht aufkomme» zu lassen.

Tagesschau.

Berlin, 21. Oktbr. Dem zum Vize-Konsul der Vereinigten Staa­ten von Amerika in Mannheim ernannten Herrn Karl Funck ist das Exe­quatur Namens des Reichs ertheilt worden.

Berlin, 21. Oktbr. Se. Majestät der Kaiser und König hatten gestern zur Frühstückstafel den Gesandten Dr. Busch, den Landes-Direktor v. Levetzow, den Major v. Wißmann unb den Landrath Stöhr geladen. Um 5 Uhr 50 Min. fuhren Beide Majestäten mit Sonderzug nach Berlin und statteten den badischen Herrschaften einen Besuch ab. Um 7 Uhr be­gaben Se. Majestät Sich nach dem Berliner Theater und kehrten um 10% Uhr nach dem Neuen Palais zurück. Heute Morgen hörten Se. Majestät um 9 Uhr den Vortrag des Reichskanzlers, um 91/a Uhr den des komman- direnden Admirals, um 10 Uhr den des Staatssekretärs des Reichsmarine­amts, um 10 Uhr 40 Min. den des Marinekabinets, um 11 Uhr 10 Mm. den des Kriegsministers unb um 12 Uhr den Vortrag des Generals v. Hahnke. Um 12 Uhr 50 Minuten nahmen Se. Majestät militärische Meldungen entgegen und empfingen um 1 Uhr 10 Min. den württcmberai- schen Kriegsminister, General v. Steinheil.

Klober. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht eine königliche Verordnung, welche den Landtag der Monarchie zum 12. November ernberuft.

?En, 2U Oktbr. Der russische Großfürst Wladimir Alexandro- wltsch trifft nebst Gemahlin am 28. d. Mts. einer Einladung des Kaisers olgend hier ein,. um an den Hofjagden theilzunehmen. Die russischen Herr­schaften werden im königlichen Schloß zu Potsdam Wohnung nehmen.

-^Oktober. Die Reise Caprivi's zur Begegnung mit Crispi steht fest und wird, nach den „Fr. N.", innerhalb der nächsten 14 Tage ftattftnden.

Berlin, 2 l. Oktober. Der Kaiser hat den Kriegsmininistcr Generallleutenannt v. Kaltenborn-stachau, wie amtlich mitgetheilt wird, zum Bevollmächtigten zum Bundesrath ernannt.

Berlin, 21. Oktbr. Das Herrenhaus wird dem Grafen Moltke durch sein Präsidium persönlich zum Geburtstage seine Glückwünsche dar-

Berlin, 21. Oktbr. Die „K. Z." schreibt: Um die Wirkungen naher festzusteUen, die das Gesetz vom 14. Mai 1885 betreffend die Ueber- weisung der aus laudwirthschafrlichen Zöllen eingehenden Beträge an die Kommunalverbände (lex Hueue) auf den Haushalt der einzelnen Kreise ausgeübt hat, haben der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge die Minister des Innern und der Finanzen die Negieruugspräsidenten veranlaßt, von den Landräthen genaue Berichte über die Verwendung der überwiesenen Summen in den ihrer Leitung unterstellten Kreisen zu erhalten. Diese Berichte ha- ben anzugeben: 1. die Höhe der in jedem der Rechnungsjahre 1884 85 1890/91 überwiesenen Summe; 2. welche Beträge aus den Ueber- weisungen verwandt worden sind a) zur Ersparung von Kreisabgaben, sei es zur thatsächliches Verminderung der regelmäßigen Abgaben, fei es zur Vermeidung einer Steuer Höhung bei Erfüllung neuer Aufgaben, b) zur Entlastung der Schulverbände, é) zu Beihülfen an Ortsarmenverbände, d) jur lleberweisuug an Stadt- und Landgemeinden • 3. den Gefammtbetrag