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Dienstag den 30. September
Nr. 228.
Amtliches.
Bekanntmachungen Kömgl. Landrathsamts.
Am 1. Dezember d. I. findet wieder eine allgemeine Volkszählung i statt und zwar in ähnlicher Weise wie die Volkszählungen der früheren ’ Jahre.
11 Unter Hinweis ans die demnächst den Herren Bürgermeistern der Stadt I Windecken und der Landgemeinden, sowie den Herren Gutsvorstehern zuzu- /stellenden Anweisungen und Formulare, veranlasse ich die Herren Bürger- * meister in Gemäßheit der Anweisung H. II. B. pos. 2 Zählungs-Kom- f miffionen zu bilden und die Zählbezirke abzugrenzen, auch für letztere die ! Zähler auszuwählen und sich mit den gegebenen Vorschriften auf das genaueste bekannt zu machen.
Die Zählkommissionen haben aus drei Mitgliedern, zu denen der Bürgermeister zählt, zu bestehen; für jeden Zählbezirk ist ein Zähler und ein (Stellvertreter zu bestellen. Bei der Auswahl der Zähler ist Rücksicht darauf zu nehmen, daß sie zur Besorgung der ihnen obliegenden Geschäfte hinreichend befähigt sind.
Die Bildung der Zählkommissionen muß bis zum 15. November i erfolgt sein und erwarte ich bis dahin bestimmt Bericht, wer die Mitglieder derselben und wer die gewählten Zähler sind. Die Bestimmungen und die ■| bezüglichen Anweisungen für die Kommissionen und Zähler sind alsbald, - nachdem solche gebildet resp, bestellt sind, an diese "zu vertheilen, damit : jenen Personen Zeit bleibt, sich ebenfalls mit den Vorschriften bekannt zu machen.
- Um den Ortsbehörden vor der Vollendung der Aufbereitung und
1 Veröffentlichung der Zählungsergebnisse durch das Königl. statistische Büreau Vorläufige Kenntniß des Ergebnisses zu verschaffen, werden, wie dies auch sim Jahre 1885 geschehen, doppelte Exemplare von Zählerkontrollisten ver- abreicht, damit das eine von den Zählern als Konzept benutzt und später J von der Ortsbehörde zurückbehalten werden kann, während die Reinschrift ; alsbald zunächst hierher einzusenden ist. Die Herstellung von zwei Exem- f plare» der ZählerkontroÜiste muß jedoch, wenn der angedeutete Zweck er- . reicht werden soll, Seitens der Ortsbehörde bezw. Zählkommission den s Zählern zur Pflicht gemacht werden.
L , Abgesehen hiervon wird von dem Königl. statistischen Büreau auch dieses Mal dafür Vorsorge getroffen werden, daß möglichst bald nach der i Zählung den Vorständen der Gemeinden mit 2000 und mehr Einwohnern : handschriftliche Uebersichten des endgültigen Hauptergebnisses der Zählung ' zugestellt werden, ohne daß es eines weiteren Antrags bedarf.
_ Wie im Jahre 1885 soll wieder für jede Stadt, jede Landgemeinde : und jeden selbstständigen Gntsbezirk von der Ortsbehörde bezw. Zählkom- ; Mission auf Grund der Zählerkontrollisten F. eine Ortsliste G. zusammen- geftellt werden, welche durch Unterschrift zu beglaubigen ist.
Den Zählkommissionen wird dringend empfohlen, das Zählungs- ' material einer sorgfältigen, auf alle Einzelheiten sich erstreckenden Prüfung ; M unterwerfen und etwa erforderliche Ergänzungen und Berichtigungen sofort zu veranlassen. Nach beendigter Zählung sind die zum Gebrauche der Zählungskommissionen abgegebenen Exemplare der Bestimmungen und $ Anweisungen von den Herren Bürgermeistern resp. Ortspolizeiverwaltern I wieder in Verwahrung zu nehmen.
I Bis spätestens den 22. Dezember d. I. sind die Ortslisten G. von den Herren Bürgermeistern und Ortspolizeiverwaltern hierher einzureichen, i mährend die Einsendung der übrigen Zählpapiere bis spätestens den 31. j Dezember d. I. zu bewirken ist und zwar 1) die Zählbriefe nebst einliegenden Zählkarten nach den darauf befindlichen Nummern und nach Zähl- oezirken geordnet; 2) die unbenutzt gebliebenen Formulare (cfr. II. C. der Anweisung für die Behörden).
Hanau am 18. September 1890.
v . Der Königliche Landrath
' • o96I v. Oertzen.
Zwecks Herstellung neuer Decklage mittelst der Dampfstraßenwalze wird die Absperrung für Fuhrwerke auf der Hanau-Philippsruherstraße von der Hellerbrücke bis hinter Schloß-Philippsruhe hierdurch ungeordnet. 1
1890
Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafe bis zu 9 Mark subf. 3 Tagen Haft geahndet.
Hanau am 30. September 1890.
Der Königliche Landrath
P. 6807 v. Oertzen.
Zur sozialdemokratischen Bewegung.
In Berlin mehren sich die Versammlungen, in welchen muthige Männer den sozialdemokratischen Rednern mit der vollen Wucht der Ueberzeugung entgegentreten und dabei gar häufig den Beifall eines großen Theils des Publikums finden. Möchte dieser Weg zur Bekämpfung der so leicht widerlegbaren sozialistischen Truglehren auch in der Provinz mehr und mehr beschritten werden! Diese Debatten finden in Berlin theils in Versammlungen, welche von der sozialdemokratischen, theils in solchen, welche von der christlichsozialen Partei einberufen sind, statt. In einer der letzteren trat ein seit Lassalle's Zeiten in der sozialdemokratischen Bewegung thätig gewesener Redner auf, welchen aber neuerliche Vorgänge von derselben abgeschreckt zu haben scheinen. Wir bringen über die interessante Rede nach Berliner Blättern Folgendes:
„Demnächst trat ein fast ganz erblindeter, ehrwürdig aussehender Herr Prietz auf: Ich bin Lassalle'scher Sozialdemokrat. Nur zu vier Punkten will ich etwas sagen. Erstens zu dem jetzigen und damaligen Massenaustritt aus der Kirche. Wenn man die Sache ganz vorurtheilslos ansieht, kann man wohl annehmen, man könne aus der Kirche austreten, ohne gerade ein schlechter Mensch zu sein. Aber etwas anderes ist cs, auszutreten zur Zeit einer allgemeinen Agitation, weil dann meist die langsam gewordene innere, feste Ueberzeugung fehlt. Die Austretenden sind dann abergläubisch gläubig an den betreffenten Referenten. Ich gebe zu, daß ein reiches Wissen zum Glauben, Halbwissen zum Unglauben führt; denn wenn der kindliche Glaube geschwunden ist, kommt die Zeit des Zweifels in der Jugend, und wenn die Erfahrung reicher geworden ist, ringen sich viele wieder zum Glairben durch, wenn sie nicht vorher zu Grunde gehen. Zu Zeiten einer allgemeinen Agitation für den Austritt aus der Landeskirche treten viele aus: aber sie bleiben nur so lange draußen, bis sie einmal in Noth gerathen. Wenn sie nichts mehr haben, wenn sie Hülfe bedürfen, dann treten sie wieder ein in die^ Kirche (großer Beifall bei den Christlich- Sozialen, Widerspruch bei den «Sozialdemokraten). Man spricht in sozialdemokratischen Kreisen gern von der Tyrannei; aber. wenn jemand versteht zu tyrannisiren, so find es die Herren Sozialdemokraten (lebhafter Beifall), nicht nur im öffentlichen Leben und in Partei-Angelegenheiten, sondern auch in der Familie. Sie sagen zwar, man solle seiner Frau freien Willen lassen. Sie predigen die freie Liebe, und so ein Sozialdemokrat läßt ja auch seiner Frau freien Willen, d. h. er prügelt sie vielleicht nicht. Aber wenn er einen Druck auf sie ausüben will, daß sie aus der Landeskirche austreten soll, wird sie bei jedem Mittagessen, bei jedem Abendessen geuzt; die nothwendigen Kleidungsstücke werden ihr nicht gewährt u. s. w., bis sie sich entschließt auszutreten. (Ruf: Lächerlich! Namen nennen!) Ich werde Namen nennen, wenn Sie es verlangen. Das war eine Schuhmacherfrau in Grabow in Mecklenburg, Namens Dins e. Sie werden den Namen kennen. Der Mann hatte. fünf Kinder, alle ungetanst, und als die Frau begraben wurde, sind sämmtliche Kinder in rothen Anzügen mitge- gangen. Dieser Mann war ein langjähriges Mitglied der Freireligiösen Gesellschaft in Stettin. Ich verkehr te öfter bei ihm. Er drängte seine Frau, daß sie aus der Landeskirche austreten solle. Sie meldete endlich ihren Austritt an. Man muß sich bekanntlich dabei auf dem Gericht zweimal melden. Wenn man die zweite Meldung nicht bis zu einem bestimmten Tage anbringt und 1 M. zahlt, wird die erste Meldung nicht berücksichtigt. An einem kalten Januartage — es war am 4. oder 5. Tage nach der Niederkunft der Frau — kam sie zitternd vor Schwäche und Kälte zu mir, und als ich darüber erschrocken war, sagte sie: Es ist heute der letzte Tag, ich muß zum Landgericht, um meinen Austritt aus der Landeskirche festzumachen. Mein Mann will es und ich muß deshalb heute hingehen. Nach einigen Tagen wurde bie' Frau sehr krank. Ich führte sie in das Krankenhaus der Johanniter. Der Inspektor sagte, er könne sie nicht unentgeltlich aufnehmen. (Ruf: Christliche Liebe!) Gewiß, das war nicht hübsch; aber es kommt noch besser. Wir gingen dann zum Vorstand