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Beilage zu Nr. 223 des Hanauer Anzeiger.

t Zur wirtschaftlichen Lage.

Die Berichte, welche in den letzten Wochen aus den verschiedensten Theilen des" Landes eingegangen sind, bekunden, daß in dem wirthschaft- lichen Aufschwung, welcher bis vor Kurzem zu konstatiren war, eine Art Stillstand eingetreten ist. Wahrnehmbar ist dies insonderheit in der Kohlen- und Eisenindustrie. Die hohen Kohlenpreise haben die Eisenindustrie ge­zwungen, ihre Fabrikate im Preise zu erhöhen, wodurch ihr Absatz im Aus­lande erheblich erschwert worden. Auf der anderen Seite drückt die aus­ländische Konkurrenz, obwohl die Werke noch für längere Zeit mit theuren Rohstoffen versehen sind, die Preise herunter. Außerdem macht sich ein starker Mangel an Aufträgen fühlbar. Dies wirkt naturgemäß auch wie­der auf die Kohlenindustrie ein. Auch in der Textilindustrie ist ein Rück­gang wahrnehmbar: trotz erhöhter Rohstoffpreise, theurer Kohlen und ande­rer Mehrkosten der Materialien mußten die Preise nachgeben, um für die Fabrikate Absatz zu finden.

Trotzdem ist bis jetzt allenthalben die Arbeitszeit, die Zahl der Ar­beiter und auch der Lohn auf der bisherigen Höhe geblieben; aber es wird allenthalben auf die Möglichkeit derartiger Einschränkungen hingewiesen, und wenn der Stillstand oder Rückgang kein vorübergehender, sondern ein an­dauernder sein sollte, so versteht es sich von selbst, daß Einschränkungen eintreten müssen.

In einer solchen Zeit macht es einen höchst eigenthümlichen Eindruck, wenn z. B. aus dem Bergarbeitertage in Halle Lohnerhöhung und weitere Verkürzung der Arbeitszeit, oder wenn gerade in den letzten Tagen von freisinnigen Blättern die Abschaffung der Schutzzölle verlangt wird. Was die Lohnforderungen anbetrisft, so hat das allmähliche Nachlassen der Strike- bewegung Zeugniß davon abgelegt, daß die wirthschaftliche Lage höhere Forderungen nicht mehr rechtfertigt; in einer Zeit niedergehender Preise kön­nen die Arbeiter mit solchen Bestrebungen schwerlich Erfolge erzielen. An­derseits ist der Stillstand in dem Aufschwung, die schwierige Lage, in wel­cher sich jetzt die Eisenindustrie befindet, wirklich außerordentlich wenig ge­eignet, die Nothwendigkeit oder auch nur Zuträglichkeit einer Aufhebung speziell der Eisenzölle plausibel zu wachen. Die Eisenindustrie hat trotz der Zölle schon schwere Kämpfe mit dem Auslande zu bestehen: wollte man die Zölle ansheben, so würde das den Ruin nicht nur der Werke, sondern auch Hunderttausender von Arbeiter zur Folge haben. Wie nützlich die Schutzzölle wirken, sieht man gerade auf diesem Gebiete. Im Jahre 1879 verbrauchte die deutsche Eisenindustrie 2170 000 Tonnen Roheisen; dank den Zöllen stieg der Verbrauch bis zum Jahre 1889 auf 4 674 000 Ton­nen, also in zehn Jahren mehr als das Doppelte. Auf den Kopf fielen im Jahre 1879 in Deutschland 49,2 kg, im Jahre 1889 rund 100 kg, während der Verbrauch in der Freihandelsperiode von 18731879, die dem Ausland Thür und Thor öffnete, von 68,5 "kg auf 49,2 kg sank.

Auch der Ruf nach Aufhebung der Getreidezölle erscheint ebensowenig begründet, zumal die Preise seit vorigen Monat wieder im Rückgang be­griffen sind, nachdem sie noch längst nicht die Höhe der Jahre 188082 erreicht hatten. Die Ernte wirkt auf die Preise mehr wie jede Zollmaß- regel: die jetzige gute Ernte wird die Preise allmählich herabdrücken und man wird dies überall um so willkommener heißen, als es dazu keines Verzichts auf die für die Staatskasse sehr brauchbaren Einnahmen aus den Zöllen bedarf.

Nach allem ist die wirthschaftliche Lage gewiß nicht dazu angethan, einer unhaltbaren Theorie zu Liebe neue Experimente zu machen. Die Auf­hebung der Zölle würde die Industrie und die Landwirthschaft gerade jetzt in so unheilvoller Weise treffen, daß die ganze wirthschaftliche Produktion mjt ihren Hunderttausenden von Arbeitern aus den Fugen gehen könnte. Für die Sozialdemokratie wäre dies ein Gewinn. Für alle anderen folgt daraus die Nothwendigkeit des Gegentheils.

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Spitzmarke:Die Arbeiter find zur Knechtschaft geboren" die Mittheilung, daß der Generalsekretär des Zentralverbandes deutscher Industrieller, Herr Bueck, in denMittheilungen" des Verbandes folgenden Passus geschrieben habe:Einer schrecklichen Zukunft gehen wir entgegen, wenn nicht bald andere Wege eingeschlagen werden und dem Arbeiter deutlich gemacht wird, daß er als Knecht geboren, auch als solcher sein Leben zu vollbringen hat. Das was er sich einbildet als seinen rechtmäßigen Arbeitsverdienst zu betrachten, ick eben nur eine ihm in Gnaden gewährte Zuwendung, für die er sich dankbar zu erweisen hat!" Von Herrn Bueck werden mir benach­richtigt, daß dieser ganze Passus böswillig erfunden ist und daß er bei der Königlichen Staatsanwaltschaft bereits die Verfolgung der ihm bekannten Blätter, welche diese Mittheilung gebracht haben, beantragt har.

Zwecks Beförderung der Seßhaftmachuug der Arbeiter erhält neuerdttigs bei der Königsgrube in Oberschlesien jeder Schlepper, d. h. jeder jugendliche Arbeiter, der sämmtliche Schichten verfährt, am Schlnsse des Monats eine Prämie von 4 Mark, der Hauer aber unter gleicher Bedingung 8 Mark. Dadurch wird so hofft man nicht blos ein fleißiger sondern auch ein zur Seßhaftigkeit neigender Arbeiter erzogen.

Aus Stadt, Provinz und Umgegend.

Antrag. Der in Frankfurt a. M. tagende deutsche Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke nahm u. A. folgenden Antrag des Oberbürgermeister Struckmann an:Die vom Verein^ schon mehrfach beantragte Gesetzgebung zur Bekämpfung des Wißbrauchs geistiger Getränke bildet eine nothwendige bedeutungsvolle Ergänzung der sozial­politischen Gesetzgebung der letzten Jahre. Das Interesse weiter Kreise des deutschen Volkes erfordert die auch bereits vom Reichstag und der Reichsregierung als dringlich anerkannte gesetzgeberische Regelung dieser Angelegenheit und das deutsche Reich darf damit um so weniger zögern, nachdem andere Staaten mit Erfolg darin vorgegangen sind. Die dies­jährige Versammlung des Vereins beauftragt daher den Vorstand wiederholt und eindringlich bei den gesetzgebenden Gewalten des Reichs vorstellig zu werden, damit thunlichst schon in der nächsten Session des Reichstags ein diesen Gegenstand erschöpfend behandelndes Gesetz im Sinne der Beschlüsse der Vereinsversammlung von Darmstadt vom 14. September 1887 zur Vorlage und Verabschiedung gelange."

Frankfurt a. M., 24. Septeniber. Die hier zur XL Jahres­versammlung des deutschen Vereins für Armenpflege und Wohlthätigkeit anwesenden Mitglieder desselben unternahmen gestern Nachmittag eine Rund­fahrt durch die Stadt und besuchten die Beamtenwohnungen in der Siemens- straße, die Willemerschule, die Häuser der gemeinnützigen Ballgesellschaft, die Kinderherberge in der Löhergasse, die Dr. Bockeuheimer'sche Klinik, das städtische Krankenhaus und das Armenhaus am Sandhof. Das Schick­sal des heurigen Herbstpferdemarktes ist mit dem Ablauf des zweiten Tages entschieden. Arbeitspferde wurden in zufriedenstellender Weise abgesetzt; gestern waren es besonders leichtere Pferde, welche ziemlich gut abgingen; 200500 M. wurden angelegt. Für Luxuspferde zeigte sich kein Bedarf am hiesigen Platze. Am Allerheiligenthor wurden gestern Aepfel zum Keltern mit 6V27 Mark pro Malier bezahlt. (Fr. N.)

Seligenstadt, 22. Sept. Obgleich'die allgemeine Kartoffelernte erst im Laufe nächster Woche in unserer Gegend ihren Anfang nehmen dürfte, hat der Kartoffelexpört am hiesigen Bahnhöfe bereits begonnen. Der Preis für gesunde Speisekartoffeln stellt sich auf M. 3,50 per 100 Kilo. Die Kartoffeln werden meist nach dem Niederrhein versandt. Nach Ansicht der Händler steht ein Preisabschlag zu erwarten, wogegen die Land­wirthe das Gegentheil erhoffen. (O. Z.)

Mainz, 22. Sept. (Gestohlene Königinnen.) In der Bienenab-^ theilung der landwirthschaftlichen Ansstellung sind gestern sechs ungarische Königinnen gestohlen worden. (M. Tbl.)

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