Aus Stadt, Provinz und Umgegend.
Wiederholt. Im Bezirk Königl. Konsistorialbezirks Cassel findet morgen eine allgemeine Kirchen-Kollekte statt, deren Ertrag der Heil- und Pflegeanstalt für Epileptische in Bethel bei Bielefeld zu Gute kommt. In dieser Anstalt sind bis zum 1. August 1890 181 Epilesie Kranke ans dem Konsistorialbezirk Cassel ausgenommen worden und gegenwärtig befinden sich 74 aus unserm Bezirk dort in Pflege. — Für den edlen Zweck dieser Kollekte ist eine recht reiche Mnnahme erwünscht.
Schllttzsthltng. Gestern Abend fand sich das Komitee zur Veranstaltung der diesjährigen Feier des 2. September im Sälchen zur „Karthaune" zu einer Schlußsitzung, in welcher Rechnung abgelegt wurde, ein. Wenn auch von mancher Seite behauptet wird, die Sympathie für diese patriotische Feier habe nachgelassen, so ist dies nichts weniger wie zutreffend für Hanau, denn die Einnahmen zur Bestreitung der Kosten für deren Veranstaltung haben seit 1886 von Jahr zu Jahr zugenommen, so daß es in diesem Jahre möglich wurde mit Verwendung der Ersparnisse aus den Vorjahren den auf unserem Friedhofe ruhenden Opfern des Kriegs 1870/71 mit einem Kostenaufwand von Mk. 387 Denksteine zu setzen und außerdem eine gewisse Summe für die Belustigung unserer Jugend zu verwenden, welch letztere Einrichtung die diesjährige Nachmittags-Feier des 2. September zu einem ächten Volksfeste stempelte. — Allen, welche in irgend einer Weise zur würdigen Gestaltung der diesmaligen patriotischen Feier, die in jeder Beziehung den schönsten Verlauf nahm, beigetragen, sei hiermit wärmste r Dank mit dem Wunsche ausgesprochen, auch im nächsten Jahre wieder eben so freudig wie diesmal bei der Sache zu sein.
Kunstverein. Von morgen ab bis zum 28. d. Mts. finden sich in der Aula Königl. Zeichenakademis eine Anzahl von Kunstwerken — Gemälde moderner Meister für historische Kunst — öffentlich ausgestellt und ist diese Ausstellung täglich von Vormittags 11 bis Nachmittags 3 Uhr geöffnet. Mitglieder des Kunstvereins haben freien Eintritt, Nichtmitglieder 20 Pf. für den Besuch zu zahlen. Unter den ansgestellten Werken befindet sich ein Kolossalgemälde, welches die Wand eines mittelgroßen Zimmers vollständig bedeckt; es ist dies „Der große Kurfürst tröstet sein Landvolk" von Röber.
Fahnenweihe. An der morgen zu Ravolzhausen statthaben- den Fahnenweihe des Kriegervereins, verbunden mit Sedanfeier, nehmen eine Anzahl Kriegervereine der benachbarten Orte Theil; auch unser Kriegerverein wird in einer stattlichen Mitgliederzahl vertreten sein und die Abfahrt derselben Vormittags UVa Uhr von der Wilhelmsbrücke aus erfolgen.
Turugemeittde. Morgen unternimmt die hiesige Turngemeinde einerecht gesunde Fußwanderung nach Alzenau, Hahnenkamm, Michelbach, Niederrodenbach; Abmarsch 121/a Uhr vom Nürnbergerthor aus.
Israelitische Feiertage. Montag den 15. und Dienstag den 16. d. M. sind israelische Feiertage (Neujahr).
Touristentag. Den deutschen Touristentag, welcher morgen in Wiesbaden stattfindet, besuchen auch mehrere Mitglieder des hiesigen Spessart- Touristen-Vereins, die theilweise heute Abend 5 Uhr 45 Min., theilweise morgen Frühe 5 Uhr 59 Min. vom hiesigen Westbahnhof abfahren.
Lehrertag. Ein preußischer Lehrertag soll vom Landesverein preußischer Volksschullehrer für die Weihnachtsferien nach Magdeburg einberufen werden, im Falle bis dahin der angekündigte Gesetzentwurf über die Unterhaltung der Volksschulen veröffentlicht worden ist. Vorher soll eine Berathung des Entwurfs durch die Zweigvereine des Landesvereins stattfinden.
Für Bäcker. Das Verfahren mancher Bäcker, welche alte Backwaare anfweichen, und so aus derselben einen Teig Herstellen, der dann mit anderem frischen Teige vermischt und verbacken wird, ist nach den Bestimmungen des Nahrungsmittelgesetzes strafbar. Die neueste Nummer der amtlichen Nachrichten aus dem Neichsgesundheitsamt enthält eine größere Anzahl hierauf bezüglicher strafgerichtlicher Entscheidungen.
Sehenswürdigkeiten. „Museum der Wetterauischen Gesellschaft" (Altstädter Schloß, eine ^Stiege hoch): Geöffnet an Sonn- und Feiertagen Vormittags von 11 bis 1M Uhr. (Kindern allein ist der Zutritt nicht gestattet.)
Bockenheim, 12. Septbr. Im verflossenen Jahre las man in den Zeitungen manch' schöne Episode von Arbeitgebern gegenüber ihren Arbeitern : z. B. Lohnerhöhung, Verkürzung der Arbeitszeit, Erleichterungen durch Ankauf von Winterbedarfsartikeln für dieselben rc. re. Dieses Jahr hat nun die „Frankfurter Trambahngesellschaft", und zwar gestern, ihren verheirateten Bediensteten die dankenswerthe Offerte gemacht, denselben ihre Winterkohlen (weit unter dem jetzigen Preis) zu liefern. Auch hier kann man wiederum sagen: Nachahmenswerth! (B. A.)
Castel. Der in Konkurs gerathene Prinz Albrecht von Waldeck und Pyrmont bietet seinen Gläubigern eine Abfindung von 30 Prozent. Gehen Sie hierauf nicht ein, so erhalten sie so viel wie nichts. Die Schuldenlast beträgt 180 500 Mark, die Einkünfte des Prinzen aber sind fast völlig der Pfändung entzogen. Die Prinzessin Albrecht hat Schulden im Betrage von 200 000 Mark; auch ihren Gläubigern werden 30 Prozent geboten. Die Abfindungssumme soll von regierenden Fürsten beschafft werden.
Aus Castel. Ani Mittwoch Abend kam eine große Zahl aus Amerika zurückkehrender Auswanderer aus dem Badischen hier durch, welche, von allen Mitteln entblößt, wieder in ihre Heimath znrückkehrten. Nach ihren Erzählungen haben sie drüben die bittersten Erfahrungen gemacht und sind um ihr Hab und Gut gekommen. Bei der sauersten Arbeit wäre der ganze Verdienst kaum 40 Mk. monatlich gewesen.
Mnrdnrg, 10. Septbr. Wie verlautet, wird an hiesiger Universität schon mit dem Beginn des bevorstehenden Wintersemesters eine Klinik für Kehlkopfs-, Nasen- und Ohrenleiden errichtet werden, zu deren Leitung Herr Professor Dr. Barth aus Berlin berufen wurde.
Fulda, 12. Septbr. Eine gewisse Erregung der Gemüther, besonders in den Kreisen der Bienenfreunde, herrscht hier in Folge der auffallenden Erscheinung, daß von den Theilnehmern des letzten Bienenfestes soweit bekannt, 26 schwer erkrankt sind, sämmtlich an „gastrischem Fieber mit typhösen Erscheinungen." Vier sind bereits daran gestorben, eine Anzahl liegt noch schwer krank darnieder, während Andere sich nur langsam erholen können.- Neuerdings laufen Nachrichten ein, daß auch auswärtige Theilnehmer schwer erkrankt sind. (F. K.)
Klein-Auheim, 11. September. Nach dem gestrigen Faselmarkte zu Seligenstadt ereignete sich ein bedauerlicher Unglücksfall. Als nämlich der von unserer Gemeinde daselbst angekaufte Bulle hierher transpoUirt werden sollte, erhielt Herr Beigeordneter Johann Georg Bauer dahier am Marktplatz zu Seligenstadt von' dem Stiere einen heftigen Stoß an die Brust, daß er anscheinend leblos zusemmenstürzte. Einige Männer trugen ihn in ein nahes Gasthaus, wo unter liebevollster Verpflegung erst nach längerer Zeit das entflohene Bewußtsein allmählich zurückkehrte. Der zugezogene Arzt konstatirte einen Schädelsprung und eine hochgradige Gehirnerschütterung, deren Folgen vorläufig noch nicht abzusehen sind. Der Ve.- nnglückte wurde mittelst einer Equipage seinen Angehörigen zugeführt und befindet sich in ärztlicher Behandlung. (O. Z.)
Frankfurt a. M., 13. September. Einem Gartenbesitzer im Südwestend wurde in den letzten Tagen eine Menge Obst gestohlen. Er ärgerte sich hierüber derart, daß er, um künftighin das Obststchlen unmöglich zu machen, die Bäume fällen ließ. — Bei Fechenheim gerieth vorgestern Nachmittag ein auf der Fahrt aus dem Bairischen hierher befindliches mit Bauholz beladenes Schiff, Eigenthum von Ferdinand Ullrich aus Stadtprozelten, auf den Grund. Trotzdem sofort die Ausladung eines bedeutenden Theiles der Fracht erfolgte, war das Schiff bis gestern Mittag noch nicht hier angekommen. — Ein Gasthalter hatte einem bei ihm eingekehrten Handlungsreisenden, welcher die entstandene Zeche nicht bezahlen _Hnâ, den Musterkoffer zurückbehalten, weshalb der Reisende eine eilfertig behandelte Klage auf Herausgabe anstrengte. In der Verhandlung ward ausgeführt, daß, abgesehen davon, daß der Musterkoffer nicht Eigenthum des Reisenden^ sondern des Geschäfts sei, welches ihn ausgesandt habe, der Koffer unumgänglich mit dem Broderwerb des Klägers Zusammenhänge, es sei sein Arbeitszeug und könne nicht gepfändet werden. Das Urtheil des Gerichts ging dahin, daß der Koffer freizugeben sei. (Fr. N.)
Wolle, Baumwolle oder Leinen ?
Wenn das Tragen wollener Unterkleider auch von jeher dem menschlichen Körper am zuträglichsten war, so fand man doch früher die Ansicht sehr verbreitet: „Wollene Unterkleider trägt man nur im Winter, das Tragen derselben im Sommer ist der Temperatur wegen lästig!" Der Erste, welcher unermüdlich und in populärer Weise die sanitären Vorzüge der reinen Schafwolle in Wort und Schrift zum Ausdruck brachte, war Prof. Dr. Jäger in Stuttgart. Mag man diesen Herrn Professor beurtheilen und bekritteln wie man will, mögen von anderer Seite Baumwolle oder Leinen „den Gesunden Kräftigung, den Kranken sichere Heilung" versprechen, selbst Jäger's Feinde können es nicht bestreiten, daß er die Ansicht : Schafwolle ist dem menschlichen Körper in jeder Jahreszeit am zuträglichsten in die breitesten Schichten der Bevölkerung gebracht und infolge dessen auch in der Fabrikation der Unterkleider einen Umschwung zum Besseren veranlaßt hat, an den man vorher nicht im Entferntesten denken konnte.
Daß Wolle die Haut mehr reizt als Baumwolle oder gar Leinen, folglich eine größere Hautthätigkeit entwickelt, daß man in wollener Bekleidung auch bei starker Ausdünstung trocken bleibt, während Baumwolle oder Leinen den Körper belästigt, das weiß heutzutage jedes Schulkind.
Werden doch auch von allen Reisenden, die tropische Länder besuchen, die Vorzüge der wollenen Unterkleider besonders hervorgehoben und erst im Februar d. I. hat der berühmte Stanley in einem verbindlichen Schreiben den Fabrikanten Wilhelm Benger Söhne in Stuttgart bezüglich ihres Fabrikates in wollenen Unterkleidern seine vollste Zufriedenheit ausgesprochen.
Die wahrhaft großartigen Erfolge, die diese unter den denkbar kleinsten Verhältnissen gegründete Fabrik aufzuweisen hat, mögen Bürgschaft abgeben für die Güte ihres Fabrikates, dessen Schutzmarke in allen Kulturstaaten der Erde wohlbekannt ist.
Mögen die Vertheidiger von Baumwolle oder Leinen das eine oder das andere „Heilverfahren" als „unfehlbar" hinstellen, mögen Andere wie- der in der Wolle Verweichlichung finden: mache doch Jeder einen Versuch