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Die SspaltigeLeile
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Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Nr. 190.
Samstag den 16. August
1890
Dienst-Nachrichten aus dem Kreise.
Gefunden: Ein w. Taschentuch. Eine Hundemarke Nr. 168/90. Ein Horn (Kinderspielsache).
Verloren: Eine Korallenkette mit goldenem Schlößchen (abzugeben gegen Belohnung auf hiesigem Polizeibüreau).
Hanau am 16. August 1890.
Von der Sozialdemokratie.
Nachdem der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Bebel in einer sozialdemokratischen Versammlung in Dresden, welche am letzten Sonntag stattfand und sich mit der Gegnerschaft der „Sächs. Arbeiter-Ztg." gegen die Parteiführung beschäftigte, einen verhältniß- mäßig glücklichen Tag hatte, machte sich die Mißstimmung der Sozialdemokraten gegen ihre Führer in einer dieser Tage stattgehabten Versammlung des sozialdemokratischen Wahlvereins im sechsten Berliner Reichstagswahlkreise um so kräftiger bemerkbar. In der Dresdener Versammlung gelangte, wie wir den „Dr. N." entnehmen, eine Resolution zur Annahme, daß die „Sächs. Arbeiter-Ztg." durch die Form ihrer Kritik und besonders durch die ungerechtfertigten Angriffe auf die Parteileitung die Parteisache sehr geschädigt habe. Um weitere derartige Vorkommnisse zu verhindern und in der Erwägung, daß unter den gegenwärtigen Eigenthümern des Blattes eine Aenderung in der Haltung desselben nicht zu erwarten sei, solle die Versammlung eine Kommission ernennen, welche die Haltung der „Sächs. Arbeiter-Ztg." zu überwachen und gleichzeitig mit den Eigenthümern des Blattes zu unterhandeln habe, damit dasselbe spätestens am 1. Oktober d. J. in das Eigenthum der Partei übergehe. — In der erwähnten Berliner Versammlung hielt der Schriftsteller Dr. Bruno Wille einen Vortrag über „die Taktik der sozialdemokratischen Partei"; einleitend bemerkte der Redner, wie wir einem Bericht der „Voss. Ztg." entnehmen, die Aufhebung des Sozialistengesetzes mache eine andere Taktik der sozialdemokratischen Partei nothwendig. Es entstehe die Frage, ob die Partei sich wie bisher an den Arbeiten des Reichstages betheiligen solle, da doch feststehe, daß die Arbeiter, so lange die Sozialdemokraten nicht die Mehrheit im Reichstage haben, durch denselben niemals etwas erreichen werden. Er sei für eine Wahlbetheiligung und sei auch dafür, daß die sozialdemokratischen Abgeordneten im Reichstage reden. Allein diese mögen ihre Reden so einrichten, daß sie zum Fenster hinaussprechen, mit einem Wort, die sozialdemokratischen Abgeordneten haben ihr Mandat lediglich in agitatorischem Sinne auszuüben, nicht aber hohe Politik zu machen oder einen Arbeiterschutzentwurf einzubringen, der doch blos in den Papierkorb wandere. Wenn die sozialdemokratische Fraktion fortfahre sich in der bisherigen Weise an den parlamentarischen Arbeiten zu betheiligen, dann entstehe die Gefahr, daß bei uns eine Possibilistenpartei, ähnlich wie in Frankreich, entstehe. Redner wandte sich gegen den Modus, nach dem die Dele- girten zum sozialdemokratischen Kongreß gewählt werden sollen, daß nämlich die großen Berliner Wahlkreise nicht mehr Delegirte wählen dürfen, als irgend ein kleiner hinterpommerscher Wahlkreis. Durch den Organisations- entwurf werde die Frakton vollends die herrschende Macht in der Partei. Da dem Parteivorstand die Kontrole über die Parteipresse zustehe, der Pârteivorstand aber von der Fraktion abhänge, so werde jede Kritik, die gegen die Fraktion gerichtet sei, unterdrückt werden, und die Partei werde schließlich in eine Starrheit verfallen und in ihrer freien Entwickelung voll- ständig gehemmt werden. — Eine Anzahl Anderer brachte verschiedene Beschwerden gegen einzelne Führer vor, welche nur vereinzelt in Schutz genommen, wenn auch ihre sonstigen Verdienste um die Partei anerkannt werden. Schließlich wurden folgende Resolutionen angenommen, die wir nach dem „Berl. Volksbl." wiedergeben: Die Versammlung erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten einverstanden und erklärt den Wahlmodus für undemokratisch, sowie als eine Vergewaltigung der großstädtischen Parteigenossen, welche bisher die Partei mit den größten Opfern geistig und materiell zum größten Theil hochgebalten haben. — Der sozialdemokratische | Wahlverein des sechsten Berliner Reichstagswahlkreises beschließt, den vom i 1. August bekannt gemachten Vorschlag zur Wahl der Delegirten zum ; Parteitage zmückzuweisen, indem die Parteigenossen von dem allein richtigen : demokratischen Grundsatz ausgehen, daß hundert sozialdemokratische Wähler j nicht die gleiche Zahl von Delegirten nach dem Parteitage entsendew können, ‘
wie viele Tausende. Von einer reinen Gleichartigkeit könne da gar keine Rede sein. Der gesammte Vorstand des Vereins wird beauftragt, den Unterzeichneten oben genannter Bekanntmachung diesen Beschluß zu unterbreiten und den Genossen die Antwort auf schnellstem Wege zur Kenntniß zu bringen. — Die Versammlung erwartet ferner von dem demnächst stattfindenden Parteikongreß, daß die bisherige Taktik der Berliner Parteigenossen in keiner Weise in Zweifel gezogen wird Seitens der sozialdemokratischen Fraktion, und daß die durch die Berliner Vertreter für nothwendig im Interesse der fortschreitenden Entwickelung der Taktik unserer Partei erachteten Aenderungen die vollste Anerkennung und Annahme finden.
Tagesschau.
Berlin, 15. August. Auf der Höhe von Arcona wurde Se. Majestät der Kaiser und König heute von Sr. Kaiserlichen und Königlichen Hoheit dem Kronprinzen und Ihren Königlichen Hoheiten dem Prinze» Eitel Friedrich und Adalbert an Bord der „Hohenzollern" begrüßt. Nach einem viertelstündigen Aufenthalt kehrten die Prinzen nach Saßnitz zurück.
Berlin, 15. August. Die „Nordd. Allg. Ztg." bemerkt zur Abreise des Kaisers nach Rußland: Es gibt eine Politik, welche ihre Aufgabe darin erblickt, den internationalen Beziehungen einen solchen Karakter zu geben, daß dem Auftauchen brennender Fragen vorgebeugt, durch Stärkung des gegenseitigen Vertrauens in die Weisheit und Loyalität der Regierenden eine Stimmung geschaffen wird, welche die friedliche und freundliche Beseitigung etwaniger Differenzen erleichtert und verbürgt. Eine solche Politik mag dazu beitragen, nach dem halb scherzhaften Worte eines der leitenden Staatsmänner Europas die Zeitgeschichte uninteressant zu machen. Die Völker, deren vornehmstes Interesse die Gewährleistung friedlicher Kultur- entwickelnng ist, werden nur um so dankbarer sein. Das unmittelbare Ergebniß des Gedankenaustausches zwischen dem Kaiser und dem Zaren wird ein erhöhtes Vertrauen in die dauernde Wahrung des Frieden sein. Es ist dies das kostbarste Angebinde, welches Kaiser Wilhelm seinem Volke von der jetzigen nordischen Reise zurückbringen kann.
Berlin, 15. August. Der „Reichsanz." meldet: Nach den bisher getroffenen Vorbereitungen wird beabsichtigt dem Landtage unmittelbar bei seinem Zusammentritt außer den Entwürfen eines Volksschulgesetzes und einer Landesgemeinde-Ordnung für die sieben östlichen Provinzen der Monarchie die Vorlage wegen der Reform der direktenSteuern zur Berathung vorzulegen. Man wird hoffen dürfen, daß es auf diese Weise gelingen wird, die erwähnten bedeutungsvollen Reformgesetze in der nächsten Session des Landtages zur Verabschiedung zu bringen.
Berlin, 15. August. Behufs Ueberreichung des Ehrenbürgerbriefs der Stadt Duisburg an den Fürsten Bismarck ist eine Abordnung, bestehend aus dem Oberbürgermeister Lehr, Beigeordneten Besserer, den Stadtverordneten Kommerzienrath Vygeu, O. Böninger und Bankdirektor Keller, nach Kisfingen gereist; der Empfang findet am Samstag Mittag statt.
Köln, 15. August. Vergangene Nacht brach in dem Hauptempfangsgebäude des Zentralbahnhofes Feuer aus. Um 3 Uhr stand der Dachstuhl in Flammen. Es gelang, den Brand auf den Dachstuhl zu beschränken und um 4 Uhr waren die Flammen bereits bewältigt. Der Expevitionsdienst erleidet keine Unterbrechung.
Hamburg, 14. Äug. Auf dem Kirchhof zu Cuxhaven fand heute Morgen, wie die „Köln. Ztg." berichtet, eine Gedächtnißfeier für die am 9. Mai 1864 im Seegefecht bei .Helgoland gefallenen Oesterreicher statt, und zwar von feiten der Besatzung der zur Zeit auf der Reede bei Cuxhaven ankernden österreichischen Panzerkorvette Kronprinzessin Erzherzogin Stephanie. Zur Feier waren der hamburgische Amtsverwalter Dr. Werner und die in Cuxhaven garnisonirenden preußischen Offiziere erschienen.
Varel, 15. Aug. Als der Großherzog von Oldenburg gestern auf einer Besichtigungstour 'in einem Vierspänner durch das Münsterland fuhr, wurden bei der- Stadt Frisoythe die Pferde unruhig und drängten den Wagen in den Chausseegraben, wo er umstürzte. Der Großherzog blieb unverletzt, der Obei schloßhanptmann Freiherr von Heimburg brach das linke Handgelenk, das übrige Gefolge erlitt keine Beschädigung. Die Fahrt wurde mittelst Privatfi,brwerk fortgesetzt. (Rh. K.)
Welkenraedt, 14. Aug. Ein hiesiger Grenzausscher saßte vor-