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30 Pfg. 9
Samstag den 2. August
1890
Amtliches.
Bekanntmachungen Königl. Landrathsamts.
In Folge der Fortsetzung der Rohrleitungsarbeiten für die städtische asserleitung wird die Absperrung der Straßen wie folgt angeordnet:
lj Steinheimer Landstraße — Bahnunterführung — 5.—16.
2) Dammstraße —
3) Steinheimer Landstraße
4) Marienstraße
5) Kleine Sandgasse
6) Dammstraße
7) Frohnhofgasse
8) Predigergasse
9) Neugasse
10) Engegasse
11) Bebraer Bahnhofstraße von der
12) Am Nordbahnhof.
August,
12.—23.
6.—20.
9.—20.
7.—20.
12.—22.
9.—16.
11.—15.
12.—16.
13.—19.
W
Grimmstraße bis zur Rampe.
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w
ff ff ff ft ff
Während der angegebenen Zeit und so lange die Warnungstafeln ausgestellt sind, wird das Befahren der Straßen bei Meidung von Strafe bis zu 9 Mark subs. 3 Tagen Haft verboten.
Hanau am 31. Juli 1890.
’P. 5239
Der Königliche Landrath v. Oertzen.
Dienst-Nachrichten aus dem Kreise.
Gefunden: Zwei Hundemarken Nr. 632/90 und 569/90.
Zugelaufen: Ein Dachshund w. G. (am alten Beb. Bahnhof), f Hanau am 2. August 1890,
t Hausindustrie.
Der Verein für Sozialpolitik hat neuerdings wieder einige Spezialuntersuchungen über die Hausindustrie veröffentlicht. Sein Vorgehen in dieser Beziehung darf mit um so größerer Genugthuung begrüßt werden, als von den Zuständen auf diesem Gebiet bisher nur eine mangelhafte I Kenntniß vorhanden war und sich hier dem Sozialpolitiker wie dem Gesetzgeber ein äußerst fruchtbares Feld für Reformen darbietet. Das Ziel des Vereins für Sozialpolitik ist bekanntlich hierbei ein doppeltes: es sollen einmal durch Klarstellung der obwaltenden Zustände der Gesetzgebung die erforderlichen Unterlagen geboten, dann aber auch durch Untersuchungen der Eigenthümlichkeiten der vorhandenen Industrien und der Bedingungen, unter denen sie sich entwickelt haben, darauf aufmerksam gemacht werden, in welchen Gewerbszweigen sich noch gegenwärtig die Hausindustrie als lebensfähig erweist.
Von den vorliegenden Untersuchungen möchten wir die Aufmerksamkeit auf die Ermittelungen lenken, welche der Gewerberath von Stülpnagel über die Hausindustrie in Berlin und den nächstliegenden Kreisen angestellt hat. Er zieht hierbei nur denjenigen Theil der Thätigkeit im Großbetriebe in Betracht, welche sich in den Wohnungen der Arbeiter aus- ^ führen läßt, also die Weberei, die Wäschefabrikation, die Damenkonfektion, i ne Herrenkonfektion und die Anfertigung von Phantasieartikeln, von Posa-
• nentierwaaren und Cigarren, während er die Arbeiten der Schuhmacher, I Handschuhmacher, Sattler und Tapezierer, Kürschner, Tischler, Drechsler, Stuhlchchter, Holzbildhauer, Buchbinder, Kartonnagefabrikanten, Hutmacher, Putzfederfabrikanten, Silber- und Neusilberfabrikanten, obwohl ihre Arbeit Luch noch in das hausindustrielle Gebiet der Großindustrie fällt, unberück- IWchtigt gelassen hat, weil es an Zeit fehlte, um Nachrichten darüber in dem erweiterten Umfange einzuziehen. Aber auch in der angedeuteten Beschränkung sind die Mittheilungen zur Beurtheilung der Lage der Hausindustrie im Allgemeinen von Werth.
Die Weberei ist in Berlin und Umgegend schon seit mehreren Jahrhunderten eingeführt; ursprünglich arbeitete sie lediglich auf Bestellung von Konsumenten ohne Zwischenpersonen. Im vorigen Jahrhundert vollzog sich indeß der Uebergang zum Großbetrieb, wodurch die Weber von Unternehmern md Großhändlern abhängig wurden. Die Gewerbefreiheit gab ihnen zwar * ie Freiheit zurück, aber nur wenige waren in der Lage, von ihrer Selbst- ° ändigkeit Gebrauch zu machen. Die Macht des Großkapitals machte die
Arbeitskraft und Geschicklichkeit des Webers sich zu eigen und der mit Dampf betriebene Webstuhl schränkte die früheren handwerksmäßigen Betriebe der Weberei ein. Der unmittelbare Verkehr des Webers mit den Konsumenten hörte fast vollständig auf. Das Verhältniß des Webers zu dem Großkaufmann ist kein festes, der Weber sucht sich seine Bestellungen auf, wo er sie zu finden glaubt. Es können in dieser Weise in Berlin etwa 5000 Webstühle, in Bernau 2 57, in Rixdorf 400 und in Nowawes 1200 Stühle beschäftigt werden. An durchschnittlichem Wochenverdienst entfallen in Berlin auf einen Weber 18 Mark, in Rixdorf 18—9, in Bernau 15—9, in Nowawes nicht über 12 Mark. Als durchschnittliche tägliche Arbeitszeit kann man, wenn drei Arbeitspausen im Gesammtbetrage von zwei Stunden in Abrechnung kommen, zehn Stunden rechnen, sie ist also der in den Fabriken gleich. Dagegen bleiben die Löhne der Weber hinter denen der Fabrikarbeiter weit zurück. Unter den Webergesellen gibt es keine oder nur selten Sozialdemokraten: je größer die Zahl der in gemeinsamen Arbeitsstätten (Fabriken) arbeitenden Leute, desto mehr wird die Ausbreitung der Sozialdemokratie begünstigt, während in der Weber-Hausindustrie der Meister als Haupt der Familie wie der Gesellen einen natürlichen Damm gegen sozialdemokratische Einwirkungen und Verführungen bildet.
In der Wäschefabrikation Berlins werden gegenwärtig in 53 Fabriken 296 männliche und 4010 weibliche Arbeiter beschäftigt. Ueber die Zahl der hausindustriellen Arbeiter hat sich indeß nichts Bestimmtes ermitteln lassen; sie ist indeß noch immer sehr bedeutend. Die hausiudustriellen Arbeiter oder Arbeiterinnen stehen mit dem Fabrikanten als ihrem Auftraggeber in direkten Beziehungen; dieser verausgabt an sie die zugeschnittene Leinwand, verkauft an sie Zwirn und Nadeln und vereinbart den Lohn der Arbeit per Stück oder Dutzend. Die Löhne sind an und für sich dieselben wie in den Fabriken, aber sehr verschieden, je nach den Leistungen der Arbeiterinnen: an je 264 Näherinnen wurde von einem Fabrikanten im Durchschnitt 15,50 Mark in der Woche bezahlt, im Maximum 19, Im Minimum 5 Mark. Dabei muß für die Ernährung, Schlafstelle rc. wöchentlich mindestens 8,40 Mark veranschlagt werden. Hiermit ist für einen Theil die Unzukömmlichkeit des Lohnes erwiesen. Ueber die Dauer der Arbeitszeit hat nichts ermittelt werden können.
In der Damenkonfektion, wo der Großkaufmann mit den Arbeitern durch Vermittelung von Unternehmern in Verbindung steht, ist der Lohn ein sehr bescheidener und unsicherer, namentlich weil die Unternehmer einen Theil des Verdienstes für sich in Anspruch nehmen. Ueberdies können die Arbeiterinnen nur etwa für sieben Monate des Jahres auf volle Beschäftigung rechnen. Die moralischen Zustände unter diesen sollen erheblich schlechter sein als bei den Wäschenäherinnen, welche ihrerseits unausgesetzte Arbeit haben. In der Herrenkonfektion ist cs nicht viel anders, — der Wochenverdienst schwankt zwischen 41/2 — 20 Mark. Die Wohnungs- und Ernährungsverhältnisfe auch dieser Arbeiterinnen sind oft sehr mangelhaft, der Aufenthalt in den gemeinschaftlichen Arbeitsstuben des Unternehmers ungesund. In der Branche der Phantasieartikel und der Posamentierwaaren befinden sich die Arbeiter meist in einer etwas besseren Lage, zumal die Bestellungen ziemlich regelmäßig eingehen. In der Cigarrenbranche ist in Berlin die Hausindustrie stark verbreitet, — die billigeren Arbeitslöhne, welche dem Hausindustriellen gezahlt werden, tragen allmählich zur Entleerung der Fabrikräume bei: die Wohnungs- und Ernährungsverhältnisse lassen gleichfalls zu wünschen übxig.
Fassen wir zusammen, was hier über die Berliner Hausindustrie gesagt ist, so liegt auf der Hand, daß ihr Hauptnachtheil in den meist vorhandenen Zwischenpersonen zwischen dem arbeitgabenden Großkaufmann und dem Arbeiter besteht, da dadurch der Verdienst der Letzteren beschnitten wird; ein fernerer Nachtheil ist, daß die Aufsicht, welche der Staat behufs des Schutzes der Arbeiter gegen Ueberbürdung und gesundheitsschädliche Inanspruchnahme ihrer Arbeitskräfte ausübt, in der Hausindustrie gänzlich weg- füllt. Hierin etwas von Staatswegen zu ändern, wird freilich seine große Schwierigkeit haben. Immerhin wird gerade auf die beiden genannten Punkte immer wieder die Aufmerksamkeit zu lenken sein.
Tagesschau.
Berlin, 31. Juli. Zur Kaiserreise nach Rußland berichtet die „Kreuzztg.": „Der Kaiser wird diesmal nicht von der Flotte begleitet sein,