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Nr. 175.
Mittwoch den 80. Juli
1890
Amtliches.
Bekanntmachungen Königl. Landrathsamts.
Da nach den vom Dirigenten und den Mitgliedern unserer Abtheilung bei dem Besuche von Volksschulen gemachten Wahrnehmungen die Bestimmungen unseres (im Schulverordnungsblatte Nr 2 und Nr. 3 des vorigen Jahrgangs abgedruckten) Zirkularerlasses vom 18. Dezember 1888, B. Nr. 11 981, namentlich betreffs der Beschaffenheit und der Stellung der Subsellien, der Fensterverhältnisse und des Anstrichs der Wände in den Schulzimmern, nicht überall in dem durch das Schulinteresse dringend gebotenen Maße Befolgung gefunden haben, so sehen wir uns, mit besonderer Rücksicht auf die nahe bevorstehenden Sommer- Erndteferien (welche ohne Störung des Schulbetriebes zu den erforderlichen Arbeiten benutzt werden können) veranlaßt, jene Bestimmung hierdurch in Erinnerung zu bringen.
Cassel den 19. Juli 1890.
Abtheilung für Kirchen- und Schulsachen.
B. 9017. Opitz.
Die vorstehende Verfügung der Königlichen Regierung wird den Herren Bürgermeistern bekannt gegeben um dafür zu sorgen, daß in den Schullokalen etwa vorhandene Mängel beseitigt werden. Sie wollen sich dieserhalb mit den Herren Lokalschulinspektoren und Lehrern in's Benehmen setzen. Hanau am 30. Juli 1890.
Der Königl. Landrath. y. 5105.I. V.: Baabe.
Dienst-Nachrichten aus dem Kreise.
Gefunden: Ein Portemonnaie, Inhalt 2 M. 1 Pf., am 26. d. Mts. Ein desgl., Inhalt 56 Pf.
Hanau am 30. Juli 1890.
t Die Sozialdemokratie.
Es sind in letzter Zeit manche Zeichen hervorgetreten, welche sich als ein Zeichen der Uneinigkeit innerhalb der sozialdemokratischen Partei, als ein Zeichen sich gegenseitig bekämpfender Strömungen deuten lassen. Als ein in dieser Beziehung bemerkenswerthes Symptom ist vor Allem die Rede betrachtet worden, welche Bebel im Juni in einer Berliner Versammlung hielt, in der er den Arbeitern vorwarf, ihnen sei seit dem 20. Februar (wo die Wahlen für sie verhältnißmäßig günstig ausfielen) der „Kamm geschwollen", sie „seien siegesberauscht und der Meinung, man könne nun dem Kapitalismus Alles bieten." Weiter bemerkte er tadelnd, daß mit den Strikcs „ein wahrer Fanatismus" getrieben werde.
Diese Philippika des Herrn Bebel kann nur den Sinn haben, daß ihm die übermüthige Richtung, wie sie sich in einem Theil der Arbeiterschaft geltend macht, nicht gefällt, und daß er innerhalb der Sozialdemokratie eine Richtung vertritt, welche sich dem gegenüber abwehrend und hemmend verhält. Dieser Gegensatz ist weiter dadurch hervorgetreten, daß ein Theil der sozialdemokratischen Presse Herrn Bebel wegen jener Aeußerungen etwas am Zeuge zu flicken sucht. So bemerkt z. B. die „Sächsische Arbeiterzeitung" mit nicht mißzuverstehender Spitze: „Da wird von den Leuten klug geschwätzt über Strike Fieber und frivole Strikes. In unserer langjährigen Praxis ist uns noch kein solcher vorgekommen; wir haben auch noch nicht Gelegenheit gehabt, einen solchen zu verhüten. Die Strikes, die wir kennen lernten, brachen aus wegen geringen Lohnes, zu langer Arbeitszeit, zu großer verlangter Leistung, wegen direkter Betrügereien der Fabrikanten, unmenschlicher Behandlung, mangelnder Sicherheitsmaßregeln oder sonstiger Ordnungs- und Gesetzwidrigkeiten. Der Arbeiter setzt überhaupt niemals im Uebermuthe seine und seiner Familie Existenz aufs Spiel; wer so „frivol" schwätzt, der ist eben selbst niemals als denkender Arbeiter der Lage gewesen, sich gegen Fabrikanten-Uebermacht aufbäumen zu müssen." In Dresden zunial ist eine starke Strömung gegen Herrn Bebel wr Gange: es soll von dort aus nach Ablauf des Sozialistengesetzes der Antrag gestellt werden, daß cs den hervorragenden Parteiführern untersagt werden soll, „auf eigene Faust und ohne vorhergegangene Verständigung mit der Gesammtfraktion wichtige öffentliche Kundgebungen verlautbaren zu lassen."
Verwandt mit dieser Dresdener Bewegung ist eine andere, welche sich nicht gegen Bebel allein, sondern gegen die Parteidiktatur, wie sie angeblich von Bebel und Singer vertreten wird, wendet. An ihrer Spitze steht Herr Schippel in Berlin, welcher von allem Anfänge an gegen den „Parteiterrorismus" der alten Führer auftrat und die Berliner antibebel'sche Richtung in Fluß gebracht hat.
Dieser Gegensatz hat sich neuerdings offenbart in der Stellungnahme zu der Frage, wie der 1. Oktober, au welchem das Sozialistengesetz seinen natürlichen Ablauf findet, zu „feiern" sei. Die Leitung der sozialdemokratischen Reichstagssession — also Bebel und Singer — hat beschlossen, den 1. Oktober möglichst ohne lärmende Kundgebungen verstreichen zu lassen und allen Parteigenossen anzuempfehlen, ihre Haltung der Oeffentlichkeit gegenüber nicht von jenem Tage an in brüsker Weise und im radikalen Sinne zu verändern; auch der Ton der sozialistischen Preßorgane solle möglichst der bisherige bleiben. Dieser — wie man sie nennen kann — parlamentarischen Richtung gegenüber sucht die in Berlin von Schippel geleitete radikale Richtung ihren Einfluß dahin geltend zu machen, daß gerade der 1. Oktober als ein „allgemeiner Arbeiter-Siegestag" festlich begangen und der Gesammthaltung der Partei von diesem Tage an ein wesentlich verändertes Aussehen verliehen werde.
Die beiden gegensätzlichen Strömungen innerhalb der Partei lassen sich hiernach wohl nicht mehr leugnen. Aber falsch wäre es, hierauf große Hoffnungen begründen zu wollen. Man wird zum mindesten die weitere Entwicklung ruhig abwarten müssen, ohne — wie es vielfach in der Presse geschieht — den Versuch machen zu dürfen, durch irgend welche Einflußnahme den Gegensatz noch zu fördern und zu erweitern. Denn alle solche Versuche könnten gerade das Gegentheil von dem, was man beabsichtigt, bewirken.
Einen Beweis hierfür bilden die neuesten Auslassungen des der Schippel'schen Richtung dienenden „Berliner Volksblatts", welches nicht nur die völlige Einigkeit als vorhanden konstatirt und die Differenzen nur auf mehr oder weniger untergeordnete taktische Fragen zmückfnhrt, sondern gerade für die Zeit nach dem 1. Oktober neue Bethätigungen der Einigkeit und Geschlossenheit der Partei in Aussicht stellt. „Wir glauben — so heißt es da — sagen zu können, daß die nächsten Monate wieder einmal den Beweis bringen werden, daß die „Uneinigkeit der Sozialdemokratie" einzig und allein in den Köpfen ihrer Gegner spukt und daß „die Spaltung der Partei" nach wie vor der Wunsch der Feinde bleiben und, wenn nicht aus tausend anderen Gründen, auch schon um deswegen nicht eintreten wird. Der 1. Oktober — so setzt das Blatt hinzu — findet die Sozialdemokratie gerüstet, den Kampf mit vermehrten Waffen auf erweitertem Schlachtfelde zu führen." Ebenso bestätigt Herr Bebel trotz aller üblen Erfahrungen die völlige Einigkeit der Partei.
Warten wir also ab I Aber man thut gut, sich weder durch die Großsprechereien des Volksblatts in's Bockshorn jagen zu lassen, noch jetzt schon auf die Selbstzersetzung der Sozialdemokratie zu rechnen.
t Das patriarchalische System.
In dem Bericht des Zentralverbandes deutscher Industrieller, welcher soeben herausgegeben ist (Nr. 51), sucht der Geschäftsführer Herr H. A. Bueck die Aufmerksamkeit der Mitglieder auf die bisherigen Beschlüsse der Reichstagskommission über die Novelle zur Gewerbeordnung (Arbeiterschutz) zu lenken, indem er darüber klagt, daß die Majorität der Kommission die natürlichen Rechte des Arbeitgebers zu sehr beschränken und das gesammte bisherige Verhältniß zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer umgestalten wolle. Bisher — so wird ausgeführt — kam zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer eine freie Vereinbarung über den Arbeilsvertrag zu Stande; „durch das neue Gesetz aber sollen nun weitere Beschränkungen in der Richtung eingeführt werden, daß der für sein Unternehmen allein verantwortliche Arbeitgeber nicht mehr berechtigt sein soll, innerhalb der gesetzlich zulässigen Grenzen, seine dem Arbeitsvertrage zu Grunde zu legenden Bedingungen nach eigenem freien Ermessen zu stellen, sondern er soll dieselben der Begutachtung der Arbeiter unterbreiten .....Das, was
bisher als das selbstverständliche, gute Recht des Arbeitgebers betrachtet wurde, wird demselben entzogen und dem Arbeiter zugewendet, indem diesem