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Nr. 162.

Dienstag den 15. Juli

1890

Amtliches.

Da sich bei den Schulrevisioncn unserer Departementsschulräthe, sowie der Königlichen Kreisschulinspektoren wiederholt gezeigt hat, daß unser, die Reinlichkeit der Schullokale betreffender Zirkularerlaß vom 5ten Sep­tember 1876 zu B. 9891 (Schulverordnungsblatt Nr. 2 des Jahrgangs 1883, S. 7) nicht überall pünktlich befolgt wird, so bringen wir denselben hiermit in Erinnerung. Bezüglich der pos. 2 (Kehren der Schulräume) machen wir bei dieser Gelegenheit auf nachfolgende, vom Herrn Resiort­minister unter dem 2ten November 1858 zu U. 20975 in einem Spezial­falle auf die Eingabe eines Vaters getroffene, bei Schneider und von Bremen (Volksschulwesen des preußischen Staates, Bd. 2 S. 707) ab­gedruckte Entscheidung aufmerksam:

Dem Anträge auf Entbindung Ihrer Kinder von der Theilnahme an der Reinigung der Schulstube zu N. kann ich nicht entsprechen. Die Schulgemeinde hat, wie dies auch von den Gerichten bei Entscheidung strei­tiger Fälle stets angenommen worden ist, die Reinigung der Schulstube ohne Konkurrenz des Lehrers zu besorgen. Der desfallsigen Verpflichtung genügt die Schulgemeinde herkömmlich in der Weise, daß die Schulkinder unter Aufsicht des LehrerS das Schulzimmer reinigen. Für die Aufsichts­behörde liegt keine genügende Veranlassung vor, die Abstellung der betref­fenden Einrichtung wider den Willen der Gemeinde, für welche die Reinigung L der Schnlstube durch dritte Personen mit Kosten verknüpft sein würde, anzuordncn. Wollen Sie daher der hergebrachten Sitte sich nicht fügen und Ihre Kinder an dem Reinigen der Schulstube nicht thcilnehmen lassen, so sind Sie verpflichtet, für eine geeignete Stellvertretung auf Ihre Kosten Sorge tragen zu lassen."

Wir bemerken dabei ausdrücklich, daß es sich hierbei lediglich um das in der pos. 2 unseres Erlasses vom 5. September 1876 näher bestimmte Kehren der Schulräume handelt (wofür auf dem Lande vielfach die Verwendung der Schülerinnen der Oberklasse hergebracht ist), nicht aber um die laut pos. 1 dieses Erlasses vorgeschriebene gründliche Quartals­reinigung durch Erwachsene auf Gemeindekosten. (B. 4938.)

Cassel am 18. April 1890.

Königliche Regierung, Abtheilung für Kirchen- und Schulsachen.

Bekanntmachungen Königl. Landrathsamts.

Die Herren Bürgermeister werden ersucht, nachfolgende Bekanntmachung des landwirthschaftlichen Kreisvereins in ihren Gemeinden veröffentlichen zu lassen.

Hanau am 15. Juli 1890.

Der Königliche Landrath

v. Oertzen.

Landwirtschaftlicher Kreis-Verein Hanau.

Nächste Versammlung Samstag den 19. Juli, Nachmittags 3 Uhr, im Gasthaus zum goldenen Löwen in Hanau.

Tagesordnung:

1) Weitere Besprechung des Vortrags vom 31. Mai über die Errich­tung von Naiffeisen'schen Darlehnskassen.

2) Bericht über die landwirthschaftlichen Ausstellungen in Straßburg und Marburg.

3) Verminderung der Sperlinge.

Der V o r st a n d.

t Deutschland und der ausländische Waarenmarkt.

Das ungewöhnliche Mrßverhältniß zwischen dem Werth unserer Aus­fuhr und beut Werth unserer Einfuhr, welches die Waarenstatistik für 1889 aufweist, bedeutet nichts weniger als einen Rückgang unserer Produktions­kraft, welche gerade 1889 so stark angespannt war, als in keinem Jahre sonst seit der sog. Millrardenzeit. Wenn man die Zahlen im Einzelnen prüft, so ist die Steigerung der Einfuhr fast ausschließlich bei Rohstoffen und Halbfabrikaten, die unsere Industrie weiter verarbeitet, ferner bei land­wirthschaftlichen Produkten in Folge unserer schlechten vorjährigen Ernte : eingetreten. Beispielsweise ist die Einfuhr von Spinnstoffen, Garnen rc.

sehr gestiegen in Folge der Blüthe der Textilindustrie, welche mit reichen Aufträgen namentlich aus dem Jnlande versehen war. Was die Ausfuhr betrifft, so hat der gesteigerte inländische Verbrauch ein Zeichen steigenden Wohlstandes viel mehr Hände und Kräfte unserer Industrie als sonst beschäftigt und der Absatz nach dem Jnlande war lohnender als der nach dem Auslande. Staats- und Privatbedars für Ausrüstung der Eisenbahnen, für Kriegsmittel, für Bauten für Erweiterung von Fabriken setzten alle verfügbaren Kräfte mehr als je in Bewegung, und die Verhältnisse brachten es mit sich, daß in der Regel kurze Liefe, ungsfristen bedungen waren. Andere Veranlassungen zur Verminderung des Exports lagen in der stark und rasch zunehmenden Materialen-Theuerung und in Arbeiter-Ausständen.

Ein gleich starker oder gar gesteigerter Bedarf aus dem Jnlande ist für die Zukunft nicht zu erwarten; die Gegenstände, welche zur Ausrüstung der Eisenbahnen, der Erweiterung der Fabriken re. gebraucht wurden, sind nicht schnell vergänglicher Natur und bedingen keinen raschen Ersatz, d. h. das Inland ist in dieser Beziehung aus Jahre hinaus befriedigt. Deshalb kann die Industrie ihren Mitbewerb auf dem Weltmärkte nicht auf die Dauer einschränken und hat sie jetzt der Ausfuhr ein größeres Interesse zuzuwende«.

In unserer Handelswelt ist diese Nothwendigkeit längst erkannt und zum Beweise zugleich, wie wenig unsere kaufmänischen Kreise in der passiven Handelsbilanz von 1889 ein ungünstiges Zeichen erblicken, ver­weisen wir auf den Jahresbericht der Berliner Kaufmannschaft, in dem u. A. ausgeführt ist: Ein gewichtiger Faktor in der allgemeinen wirthschaft- lichen Bewegung der Welt zu bleiben, ist ein dringendes und immer dringenver werdendes Bedürfniß des deutschen Reiches. Und daß dieser mächtige Drang auch im Vorjahre nicht stillgestanden hat dafür liegen als Beweis evidente Thatsachen vor, zunächst die ganz enorm fortschreitende Entwicklung der für unsere internationalen Beziehungen wichtigsten deutschen Handelsstadt gleich in dem ersten Jahre nach ihrem Anschluß an den Zoll­verein. Der Bericht der Hamburger Handelskammer über denHandel Hamburgs im Jahre 1889 hat ein hocherfreuliches Bild von den'Fort­schritten der dortigen Rhederci, des Import- und Exportgeschäftes im ver­flossenen Jahre gegeben, zugleich aber die dringenden Bedürfnisse der Er­weiterung der für Schifffahrts- und Hafenverkehr wie für Waarenlagerung bestimmten Anlagen hervorgehoben. Die Haniburger Kaufmannschaft hat nicht gesäumt, sich in ihren Geschäftseinrichtungen den veränderten Verhält­nissen anzupassen und, die günstigen Verhältnisse für ihren Platz erkennend, thatkräftig Anstalten zur Ausdehnuug des Hamburger Verkehrs getroffen. Auch Bremens Schiffsverkehr hat sich im vorigen Jahre gehoben; die Zu- na^me der für Bremische Rechnung in allen Weserhâfen angekommenen See- schiffe (2883 gegen 2665 im ^Vorjahr) betrug 14 Prozent, und wenn Bremen noch weitaus die erste Stellung einnimmt im Passagierverkehr nach den Vereinigten Staaten, so ist es zur Zeit auch bemüht, im Frachtverkehr auf dieser Linie zu wetteifern; der Norddeutsche Lloyd wird vom März er. wöchentlich einen Frachtdampfer nach New-York expediren. Ein anderer thatsächlicher Beweis, daß Deutschland nicht gewillt ist, seine Beziehungen zum nahen und fernen Ausland abzuschwächen, vielmehr sie aus allen Kräften weiterzufördern, liegt vor in der auch im vorigen Jahre fortge­schrittenen Betheiligung des deutschen Kapitals an den Anleihen auswärtiger Staaten und Gesellschaften zur Ordnung ihrer Finanzen und Unternehmung größerer Kulturaufgaben. Ohne Zweifel ist die zunehmende Betheiligung des deutschen Kapitals am auswärtigen Kapitalmärkte ein Zeichen steigender Wohlhabenheit und es mag auch zutreffen, daß jene Betheiligung dem Absätze deutscher Waare im Auslande wirksam vorarbeitet. Allein der kleine Kapitalist hat keine solche Pionierdienste zu leisten und wird immer die sichere Kapitalsanlage im Jnlande vorziehen müssen.

Der Handel braucht vor Allem den Frieden und nicht der letzte Grund für die Belebung des Unternehmungsgeistes in allen Kulturstaaten lag in den gebesserten Friedensaussichlen, an denen die Regierung unseres Kaisers eiven so großen Antheil hat. Bleibt es so, dann wird auch unsere Industrie aus dem großen Aufschwünge des vorigen Jahres die Kraft zum Vorwärtsstreben auf dem Weltmärkte schöpfen.

Tagesschau.

Berlin, 14. Juli. DerReichsanzeiger" Nr. 168 veröffentlicht