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Nr. z6ö.

Samstag öen 16. November

1889

Amtliches.

Bekanntmachung.

Am 1. Oktober 1889 sind im Reichspostgebict neue Postw erth- z eichen eingeführt. Die neuen Marken unterscheiden sich von den jetzt gültigen im Wesentlichen dadurch, daß der ihnen aufgedruckte Reichs­adler und die Reichskrone der durch den Allerhöchsten Er­laß vom 6. Dezember 1888 fcstgcstcllten Form entsprechend abgeändert worden sind.

Was die Farbe der neuen Werthzeichen betrifft, so werden die Marken zu 3 Pf. in braun, zu 5 Pf. in grün, zu 25 Pf. i n orange und zu 50 Pf. in rothbraun hergestellt, während bei den Marken zu 10 Pf. und 20 Pf., wie bisher, die rothe bz. blaue Farbe zur Verwendung kommen wird.

Durch die Einführung der neuen Werthzeichen wird auch eine Neu­ausgabe der gestempelten Briefumschläge und Streifbänder, sowie der ge­stempelten Formulare zu Postkarten, Postanweisungen u. s. w. bedingt. Entsprechend der veränderten Farbe der neuen Marken zu 3 Pf. und 5 Pf., erhalten die Streifbänder einen Aufdruck in brauner, die Postkarten für den inneren Verkehr einen Aufdruck in grüner Farbe. Außerdem kommt bei dem Aufdruck der bezeichneten Postkarten die deutsche anstatt der lateinischen Schrift in Anwendung.

Mit der Ausgabe der neuen Werthzeichen bz. einer Gattung derselben an das Publikum dürfen die Verkehrsanstalten e r st dann beginnen, wenn die vorhandenen Bestände an alten Werthzeichen derselben Gattung verkauft sein werden. Die Bestimmung des Zeitpunktes, von welchem ab die jetzigen Freimarken 2C. ihre Gültigkeit verlieren, wird später erfolgen.

Berlin W., 1. November 1889.

Der Staatssekretair des Reichs-Postamts.

von Stephan.

Bekanntmachungen König!. Landrathsamts.

An Stelle des ausgeschiedenen Ludwig Gruber in Dörnigheim ist als Ortsschätzer Friedrich Heck III. daselbst und als Ortsschätzer-Stell- vertreter außer dem Jakob Lapp VIII. der Peter Fassing III. in das Amt getreten.

Hanau am 9. November 1889.

Der Königliche Landrath

V. 7619 v. Oertzen.

Dienst-Nachrichten aus dem Kreise.

Auf gefangen: Am 14. d. Mts. eine rothgelbe Kuh.

Gefunden: Eine rothe Knabenmütze mit Futteral. Eine Kaputze. Ein schwarzes Korallenarmband. Eine Schnupftabaksdose. Ein weißes Taschentuch.

Hanau am 16. November 1889.

Volksunterhaltungs-Abeude.

Im vorigen Winter hat sich in Kiel unter dem Vorsitz des Herrn Professor Dr. Petersen eine Anzahl von Bürgern aus allen Kreisen der Bevölkerung zusammengefunden, um, veranlaßt durch ähnliche erfolgreiche Bestrebungen in verschiedenen großen englischen Fabrikstädten, soweit es in ihren Kräften steht, im engeren Kreise zu der Lösung der sozialen Frage beizutragen. Besonders bestimmte sie zu ihrem Schritt die Erwägung, daß der sog. kleine Mann die Vergnügungen, bei denen er Erholung von der redlichen Arbeit der Woche sucht, meist zu theuer erkauft. Nur zu oft tragen diese Vergnügungen den Keim der Unsittlichkcit in sich. Im Sommer kann und soll die ganze Familie hinaus, um sich an größeren Spaziergängen oder Ausflügen zu erfreuen. Der Winter bietet nur dem Manne den Wirthshausbesuch oder einen Verein. Wie selten haben die Frau oder gar die Kinder Gelegenheit auch ihrerseits ein unschuldiges Vergnügen zu ge­nießen ! Nicht dem Mann allein, der ganzen Familie soll ein billiges, gesundes und ansprechendes Sonntagsvergnügen geschaffen werden.

Es wurde also für den Sonntag Abend ein größerer Saal gemiethet und dort im bunten Wechsel bei einem Glase guten, doch billigen Biers Musik, Deklamationen ernsten oder heiteren Inhalts sowie belehrende Vor­

träge über allgemein verständliche Gegenstände geboten. Da keine Almosen gegeben werden sollen, wird ein ganz geringes Eintrittsgeld, 10 Pf. für den Abend, erhoben. Bei dem andauernd starken Besuch der sog. Volks­unterhaltungs-Abende wurden die geringen Ausgaben sehr bald gedeckt und kann jetzt sogar schon an den Bau eines eigenen Volkshauses gedacht werden.

Um ein besseres Bild von dem Wirken der hochherzigen Männer zu geben, lassen wir hier ein Referat der Kieler Zeitung über den I. Volks­unterhaltungs-Abend dieses Winters folgen:

Der siebente Volks unter Haltungs-Abend.

„Der gestrige, in Wriedt's Etablissement abgehaltene Volksunter­haltungsabend, der erste in dieser Saison, erfreute sich, wie wir es aus dem vorigen Winter gewohnt sind, eines außerordentlich regen Besuches. Schon eine halbe Stunde vor Begum der Vorträge war der große Saal von Zuhörern angefüllt, ein Zeichen, daß das ins Leben gerufene Unter­nehmen Anklang gefunden hat, die dargebotene Unterhaltung eine unserem Volke sympathische ist. Das betonte denn auch Professor Petersen in seinen Begrüßungsworten und machte nochmals darauf aufmerksam, daß es das Bestreben des Komitäs sei, den Besuchern der Abende eine edle und doch wohlfeile Unterhaltung zu bieten. Für den kommenden Winter habe man in Wriedt's Etablissement Unterkommen gefunden; das Pro­gramm habe gegen diejenigen des Vorjahres eine Kürzung erfahren, weil es jedesmal sehr spät geworden sei; jedenfalls werde man in Zukunft auf Wiederholungen einzelner Nummern oder auf durch den gespendeten Beifall veranlaßte Zugaben verzichten müssen. Daniil eröffnete Prof. Petersen die Versammlung. Unter den verschiedenen Nummern des Programms, welche sämmtlich reichen Beifall fanden, sind die von der Kieler Liedertafel vorgetragenen Chorgesänge neben den Vorträgen der Kieler Zither- Union und de» Sologesängen des Herrn Direktor Kuhlgatz aus musi­kalischem Gebiete zu nennen; dem Humor wurde durch Vorlesungen I. Mey er'sch er Gedichte und der Reuter'scheu „Reis' nach Belligen" gehuldigt; den belehrenden Vortrag hatte Herr Marineobermgcmeur Kraft übernommen; sein Thema war: „Die Kunst im Hause der Ar­beiter." Obwohl der Arbeiter, meinte Redner im Eingang seines Vor­trags, genug mit der Sorge um das tägliche Brod zu thun hat, so ist er dennoch an seinem Theil und in seiner Weise befähigt, und sogar berufen, die Kunst, welche auch in ihm lebendig ist, zu lieben, zu genießen und zu fördern. Die Kunst im Hause des Arbeiters ist kein bloßes Phantasie­gebilde. Selbstverständlich darf man aber den Kunstsinn beim Arbeiter nur da suchen, wo er nicht mehr Werkzeug oder Maschine ist, sondern sich dank des Fortschreitens des Menschengeistes als freier Mann fühlt: in seinem Heim. Dem Recht auf Arbeit und der Pflicht zur Arbeit steht dort das Recht und die Pflicht zur Hebung der Kunst gegenüber. Der Vortragende zeigt nun in längerer Ausführung, wie der Arbeiter in der Lage ist, seinen Geschmack in seiner Wohnung durch die Auswahl des Mobiliars und Zimmerschmucks zu bethätigen ; denn die Kunst ist überall da, wo es gelingt, nach den allgeniein gültigen Grundsätzen des Schönen den Zwecken des Lebens zu dienen und sie durch die Form zu adeln. Nachdem Redner eine Menge praktischer Winke gegeben hat, kommt er zu dem Schluffe, daß, je schwieriger sich von Tag zu Tag der Kampf ums Leben gestaltet, es desto freudiger und des Mensche» würdiger sei, nach höheren Zielen aufzublicken. Für Alle aber bleibe das Wort des großen Dichters ewig wahr: Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst."

BCt- Es liegt in der Absicht auch bei uns derartige Volksunter­haltungsabende einzuführen und haben sich, wie wir hören, zu deren Reali- sirung schon sehr schätzenswerthe Kräfte bereit gefunden. Ganz gewiß würde solche Einrichtung seitens unserer geehrten Einwohnerschaft mit Freuden be­grüßt werden. D. Red.

Tagesschau.

P. Aus dem Reichstage. Berlin, 15. Novbr. In der heutigen (16.) Plenarsitzung des Reichstages wurde in der zweite» Berathung des Spezialetats des Reichsamts des Innern fortgefahren. Abg. Schmidt- Elberfeld (deutschfreis.) wünscht, daß die Zahl der Fabrikinspektoren ver­größert und deren Bezirke verkleinert würden, damit sie erfolgreicher wirken könnten. — Sächsischer Buiidesbevollmâchtigter Graf v. Hohenthal und Bergen zeigt an der Hand von Berichten der Fabrikinspektoren die Unent-