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Donnerstag oen 14, November

1889

Tagesschau.

P. Aus dem Reichstage. Berlin, 13. Novbr. In der heutigen (14.) Plenarsitzung des Reichstags wurde die Berathung des von den Abgg. Rickert und Hermes eingebrachten die Befolgung der für die Wahlen bestehenden Vorschriften über Stimmzettelvertheilung, Versamm- lungen rc. betreffenden Antrags fortgesetzt, nachdem der vorgestern gestellte Antrag auf Schluß der Debatte zurückgezogen war. Abg. Dr. von Marquardsen (nat.-lib.) empfiehlt die von dem Abg. Müller (Marienwer­der) vorgeschlagene motivirte Tagesordnung, zumal der Antrag Rickert ei­nen nicht gerechtfertigten Tadel gegen die Regierungen enthalte. Dem- genüber hält Abg. Rickert (deutschfr.) an der Berechtigung seines Antrages fest, wobei er namentlich auch der vorgestrigen Darlegung des badischen Bundesbevollmächtigen gegenüber die Behauptung von mißbräuchlicher An­wendung des Sozialistengesetzes in Baden aufrecht hielt. Der badische Bundesbevollmächtigte Frhr. v. Marschall wies diese Beschuldigungen zurück, eine Preßmißwirthschaft, wie sie der Vorredner namentlich auf Grund der Muser'schen Schrift behaupte, existire in Baden nicht. Abg. Hegel (dks.) tritt dem freisinnigen Anträge entschieden entgegen, zugleich betonend, daß derselbe ein Mißtrauensvotum gegen die verbündeten Regierungen in sich schließe. Seine Freunde würden für die von dem Abg. Müller vorge­schlagene motivirte Tagesordnung stimmen. Abg. Müller-Marienwerder (Reichsp.) hob hervor, daß der Antrag Rickert keine thatsächliche Grund­lage habe und bemerkte ebenfalls, daß in demselben eine ganz ungerecht­fertigte Insinuation gegen die Bundesregierungen wegen mangelnder Pflicht­erfüllung liege. Nachdem darauf der Abg. Singer (Soz.-Dem.) noch ein Mal für den Antrag eingetreten war und der Abg. Rickert als An­tragsteller das Schlußwort erhalten hatte, wurde bei der Abstimmung die vom Abg. Müller (Marienwerder) beantragte motivirte Tagesordnung ge­gen die Stimmen des Zentrums, der Freisinnigen und Sozialdemokraten angenommen. Schluß der Sitzung 41/! Uhr. Nächste Sitzung morgen Nachmittag 1 Uhr. (Zweite Berathung des Etats.)

SB erlitt, 13. Novbr. Se. Majestät der König haben Allergnädigst geruht den bisherigen Ober-Forstmeister und vortragenden Nath im Ministe­rium für Landwirthschaft, Domänen und Forsten, Schultz, zum Landforst­meister mit dem Range der Räthe zweiter Klasse zu ernennen.

SB erlitt, 13. Novbr. Ihre Majestäten der Kaiser und König und die Kaiserin und Königin trafen, nach demR. u. St.-A.", in bestem Wohlsein gestern früh 9 Uhr in Malamocco ein und setzten die Reise auf derHohenzollern" nach Venedig fort. Sc. Majestät begaben Sich von dort um 4 Uhr nach Monza, wo die Ankunft um 10 Uhr Abends er­folgte. Auf dem Bahnhof wurden Se. Majestät von Sr. Majestät dem König Humbert empfangen. Heute findet in bem Park des Schlosses Jagd statt. Abends um 11 Uhr gedenken Se. Majestät wieder abzu- re-isen.

SB erlitt, 13. November. Die Budgetkommission trat heute in die Berathung des Marineetats. Die Einnahmen sowie die Ausgaben für das Marineamt und die Seewarte u. f. w. werden unbeanstandet genehmigt. Die Mehrforderung für die Stelle eines neuen Vizeadmirals (13,200 M.) wird mit 13 gegen 11 Stimmen bewilligt. Von den Mehrforderungen des Titels II (50,760 M.) werden auf Antrag des Abg. v. Franckenstein, nachdem die volle Bewilligung der Mehrforderungen abgelehnt war, die Forderungen für einen Korvettenkapitän, zwei Kapitänlieutenants, zwei Lieutenants zur See, zusammen 17,000 Mark gestrichen. Die Vermehrung der Deckofstziere (66,300 M.) wurde abstimmungslos genehmigt, ebenso die Zulage für einen neuen Marincbevollmächtigten in Rom (10,000 M.) Die Fortsetzung der Berathungen findet morgen statt. (Fr. N.)

SB erlitt, 12. Nov. In der Berliner Abtheilung der Deutschen Kolonialgesellschaft theilte Staatsminister von Hofniann mit, daß sich in Mannheim ein Konsortium gebildet hat, welches zwischen Zanzibar und den Küstenhäfen eine regelmäßige Dampferverbindung herstellen will.

SBerlitt, 12. Nov. Die Meldung verschiedener Blätter, daß der Bundesrath sich mit einer Vorlage über den Bau strategischer Bahnen im Osten und Westen Deutschlands beschäftige, wird offiziös für falsch erklärt; es gebe eine solche Vorlage überaupt nicht.

SBer litt, 13. Nov. (K. Z.) Die Schiffe des Uebungsgeschwaders, Geschwaderchef Kontre Admiral Hollmann, sind gestern theils in Venedig (Kaiser",Irene"), theils in Triest (Deutschland",Preußen",Fried- i rich der Große",Wacht") angekommen und beabsichtigen am 18. Novem- !

ber d. I. wieder in See zu gehen. S. M. KreuzerfregatteLeipzig", Kommandant Kapitän zur ^ee Plüddemanu, Flaggenschist des Kreuzer- geschwaders, mit dem Geschwaderchef Kontra Admiral Deinhard an Bord, sowie S. M. KreuzerPfeil", Kommandant Korvetten-Kapitän Dräger, sind gestern in Malamocco bei Venedig angekommen.

SB erlitt, 12. Nov. In derK. Z." lesen wir: Hier und da wird darauf aufmerksam gemacht, daß die Vermehrung der Bevölkerung Deutsch­lands im Laufe der letzten Jahre eine sehr langsame geworden und der Prozentsatz der jährlichen Zunahme zur Zeit in Deutschland geringer sei als in den meisten andern Ländern. Man hat aus dieser Erscheinung wohl auch den Schluß gezogen, daß die Uebervölkerung des deutschen Reiches eine Thatsache sei. Daß das Reichsgebiet im Ganzen übervölkert ist, dürfte sich jedoch schwerlich behaupten lassen; eine Reihe von Landestheilen ist zur Zeit noch so schwach bevölkert, daß von einer Bevölkerung, welche den vor­handenen natürlichen Ernährungskräften des Bodens entspräche, nicht ge­sprochen werden kann, geschweige von einer Uebervölkerung. Allerdings ist aber so viel richtig, daß manche Gebiete in ausgesprochenem Maße an Uebervölkerung leiden, und demgemäß ist es nur natürlich, daß die Zu­nahme der Bevölkerung sich in schwächerem Maße vollzieht als früher. Daß die Intensität, mit welcher auch jetzt noch die Vevölkerungsvermehrung vor sich geht, zu Bedenken keinen Anlaß gibt, ist zweifellos. In dem ersten Jahrzehnt, welches der Neuerrichtung des Reiches erfolgte, war die Volksvermehrung eine so starke, daß sie mit Recht von hervorragenden Nationalökonomen und Statistikern als übermäßig und bedenklich bezeichnet wurde; es war insbesondere der jüngst verstorbene Rümelin, welcher die Aufmerksamkeit auf diese Erscheinung lenkte. Der wirthschaftliche Aufschwung zu Beginn der siebziger Jahre bewirkte zusammen mit der durch die Reichs- gesctzgebung erleichterten Eheschließung eine starke Zunahme der alljährlich geschlossenen Ehen und demgemäß auch eine starke Vermehrung des Ge­burtenüberschusses. Hätte diese Bewegung fortgebauert, so würden aus derselben mit Nothwendigkeit ernste Uebel- und Mißstände hervorgegangen sein; der Rückgang des Geburtenüberschusses ist dagegen ein Beweis dafür, daß sich die Vermehrung' der Bevölkerung wieder in ein richtigeres Ver­hältniß zu der Ernährungsfähigkeit des Landes und zu dem Natioualwohl- stande zu stellen beginnt. Es ist aber keineswegs ein Anlaß für den Staat gegeben, durch besondere Mittel auf eine Steigerung hinzuwirken. Die Verhältnisse liegen in dieser Hinsicht bei uns ganz anders als in Frank­reich. Das geht zur Genüge schon aus der Thatsache hervor, daß in einer erheblichen Anzahl der französischen Departements der Bevölkerungsabgang den Bevölkerungszugang übersteigt. Wir können mit der Bewegung der Bevölkerung ganz zufrieden sein und haben zu Besorgnissen durchaus keinen Grund, während man in Frankreich allerdings berechtigt ist, angesichts der seit Jahren beobachteten Verminderung der Fähigkeit, den Abgang zu er­gänzen, die Frage anfzuwerfen beginnt: wohin es mit der französischen Nation noch kommen wird.

Wilhelmshaven, 12. Nov. Briefsendungen für die Panzerschiffe Kaiser" undDeutschland" sind, derK. Z." zufolge, am 17. nach Venedig, für die PanzerschiffePreußen",Friedrich der Große" und Aviso Wacht" bis zum 17. uach Triest, alsdann für sämmtliche genannte Schiffe vom 18, bis 20. nach Pola, vom 21. bis 25. nach Fiume, vom 26. bis 27. nach Lissa (Dalmatien), vom 28. November bis 18. Dezember nach Corfu (auf Insel Corfu), vom 19. bis 27. Dezember nach Argostoli (auf Insel Kephalonia) zu richten und vom 28. Dezember bis auf weiteres zurück zu halten.

Kiel Briefsedungen für S. M. FahrzeugHay" sind bis auf weiteres nach Wilhelmshaven zu richten. Für die KreuzerkorvettePrinzeß Wilhelm", welche am 14. November in Dienst gestellt' wirb, erfolgten fol­gende Kommandirungen: Kommandant Korvettenkapitän Freiherr v. Ehr­hardt, Kapitänlieutenant Jäckel erster Offizier, Lieutenant z. S. Koch II, Graf v. Hessenstein und Schirmer, Assistenzarzt 2. Klasse Schacht. (K. Z.)

Das Ablösungskommando für S. M. KreuzerHabicht", KanonenbootHyäne", FahrzeugNachtigal" und HulkCyclop" unter Führung des Korvetten-Kapitans Burich, ist am 26. Oktober b. J. mit bem DampferLulu Bohleu" in Kamerun angekommen und die abgelösteu Besatzungen dieser Fahrzeuge haben unter Führung des Korvetten-Kapitäns Rittmeyer am 2. November d. I. mit dem genannten Dampfer von Ka­merun aus die Heimreise angetreten.

Siegen, 10. Nov. Auf der Eisenbahn Betzdorf-Wetzlar bei Bur­bach, unweit von hier, löste sich um die Mittagszeit eine etwa 40 Meter