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Nr. 246.

Montag den 21. Oktober

1889.

DieNft-Nachrichten aus deM Kreise.

Entlaufen: Ein gelbes Huhn.

Verloren: Ein-schwarzes Frauenhalstuch.

Abhanden gekommen: Ein abgerüsteter Wagen.

Zugeslogen: Ein Kanarienvogel.

Hanau am 21. Oktober 1889.

Tagesschau.

Berlin, 19. Oktbr. Ihre Majestäten der Kaiser und die Kaiserin sind, wie derR. u. St.-A." meldet, über München und Innsbruck heute Vormittag 9 Uhr 12 Minuten in Mailand eingetroffen und haben nach kurzem Aufenthalt, während dessen der deutsche Botschafter Graf Solms den Kaiserlichen Salonwagen bestieg, die Reise nach Monza fortgesetzt. Ein Empfang Seitens der Mailändischen Behörden war auf Wunsch unter­blieben. Ueber die Ankunft Ihrer Kaiserlichen Majestäten in Monza und den Empfang Allerhöchstderselben Seitens Ihrer Majestäten des Königs und der Königin von Italien berichtet dasselbe Blatt:

Monza, 19. Oktbr. Ihre Majestäten der .Kaiser Wilhelm und die Kaiserin Augusta Viktoria sind heute Vormittag 99- Uhr hier einge­troffen und von Ihren Majestäten dem König Umberto und der Königin Margherita, sämmtlichen Prinzen und Prinzessinnen des Königlichen Hau­ses, sowie von den Hofstaaten und den städtischen Behörden am Bahnhof empfangen worden. Die Häuser der Stadt hatten festlich geflaggt, die Fenster waren mit Teppichen geschmückt, und in den Straßen und Fenstern harrte eine Kopf an Kopf gedrängte Menschenmenge. Die Begrüßung der Majestäten war eine außerordentlich herzliche und warme; der König um­armte und küßte den Kaiser wiederholt; ebenso begrüßte die Königin die Kaiserin mit Umarmung und Kuß. Der Minister-Präsident Crispi be­grüßte den Staats - Minister Grasen Bismarck aufs Herzlichste. Hierauf bestiegen die Majestäten die Wagen und begaben Sich, von der Volks­menge begeistert begrüßt, in das Schloß. Nach dem Eintreffen fand dort Cercle statt, bei welchem der Kaiser den Minister-Präsidenten Crispi, der König den Grafen Bismarck durch Ansprachen auSzeichneten. Nach dem Familiendiner werden Sich Ihre Majestäten der Kaiser und der König nach dem Schloßpark zu einer Jagd begeben. Se. Königliche Hoheit der Prinz Amadeus reist heute Nachmittag nach Lissabon, um sich an das Krankenlager Sr. Majestät des Königs von Portugal zu begeben.

Berlin, 19. Okt. Vor der Abreise des Kaisers ist noch die Er­öffnungsrede für den Reichstag festgestellt worden. Die Rede selber wird, wie man hört, streng geschäftlich gehalten sein. Wie es heißt, haben die Fraktionsvorstände alle Bemühungen aufgeboten, um die Mitglieder zu zahl­reichem Erscheinen anfzufordcrn, damit die Beschlußfähigkeit von vornherein gesichert ist. Mehrere Fraktionen treten bereits am Montag Abend zu­sammen. Man wird sich über Präsidentenwahl und dergleichen entscheiden. Am Mittwoch soll die Präsidentenwahl bereits stattsinden, dieselbe wird wahrscheinlich die Wiederwahl des Präsidiums und Bureaus durch Zuruf ergeben, aller Voraussicht nach wird dann am 25. und 26. d. M. die erste Berathung des Etats beginnen. Bankgesetz und Sozialistengesetz werden dem Bundesrath in den nächsten Tagen zugehen.

Berlin, 19. Oktober. DerPost" zufolge kehrt der Reichs­kanzler am 25. d. M. nach Berlin zurück, um an den Sitzungen des Reichstages theilzunehmen.

Berlin, 19. Okt. Der General-Superintendent der Kurmark, j Oberhofprediger Dr. Kögel, welcher vorgestern von der General-Kirchen- visitation in Wittstock zurückgekehrt ist, begibt sich, derKreuzztg." zufolge, heute auf Befehl des Kaisers nach Athen, um der Trauung der Prinzessin ' Sophie beizuwohnen. (K. Z.)

Berlin, 19. Oktober. DieK. Z." schreibt: Wenn man bei dem vor wenig Wochen in Südtirol begangenen deutsch-nationalen Feste zu Ehren Walthers von der Vogelweide mit Befriedigung hervorheben konnte, baß der kerndeutsche Grundgedanke der Denkmals-Errichtung zu Bozen ohne jeden Mißton gegenüber den Tirolern italienischer Zunge verwirklicht wor­ben ist, so haben die soeben stattgehabten Landtags-Ergänzungswahlen in Tirol den erfreulichen Beweis geliefert, daß gegenüber dem politischen Ultramoutanismus die Tiroler Liberalen deutscher und italienischer Zunge

sich von nun an im Besitz einer festen Mehrheit auf dein Landtage be­finden. Bis dahin bestand, so lange das Verfassungssystem im öster­reichischen Kaiserstaate herrscht, im treuen Land Tirol der politische Ultra- montanismus als die maßgebende Mehrheitspartei, die sich mit Hülfe der italienisch redenden Tiroler ihrer Herrschaft dauernd sicher glaubte. Jetzt hat das Blatt sich gewandt, und diejenigen Deutschen in Tyrol, welche mit dem Schutz- und Trutzbündniß des österreichisch-ungarischen Kaiser­staates mit dem deutschen Reich und Italien ebenso einverstanden sind wie die klarschenden und richtig empfindenden Patrioten in Deutschland und Italien für letztere hat soeben der Minister Crispi in dieser Beziehung vortrefflich das Wort geführt können hoffen, mit den italienisch reden- denden liberalen Landsleuten vereinigt die maßvolle Reformarbeit im Innern des Kronlandes wieder aufzunehmen, welche durch die bisherige Zusammen- setzung des Landtages gehemmt oder gar in ihr Gegentheil verkehrt wurde. Die nationalen oder, sagen wir besser, sprachlichen Unterschiede werden bei dieser gemeinschaftlichen Arbeit ohne Einfluß bleiben können, und wenn dazu das gute Beispiel beiträgt, welches der ganze Charakter der Walther- Feierlichkeiten neulich gegeben hat, so darf man das Andenken des großen Vaterlandssängers von der Vogelweide auch unter diesem Gesichtspunkt als wohlthätig und friedenstistend feiern.

Breslau, 19. Oktober. (K. Z.) Die unter dem Vorsitz des Oberpräsidenten abgehaltene Versammlung der schlesischen Regierungsprä­sidenten und Landräthe beschloß, einen Verband von Naturalvcrpflegungs- Stationen, der sich über die ganze Provinz erstrecken soll, zu gründen. Dem Vorstande des Verbandes werden der Obcrpräsident v. Seydewitz und die Regierungspräsidenten angehören.

Durch eine verzwickte Testamentsklanfel ist, wie diePots­damer Zeitung" zu berichten weiß, ein glücklich verheiratheter Rittmeister der Garde, einer alten Adelsfamilie angehörend, gezwungen worden, dem flotten Offiziersleben Valet zu sagen, um sich als Jurist auszubilden. Die Uebernahme der auf den Herrn Rittmeister gefallenen Hinterlassenschaft ist nämlich in einer Testamentsklausel des Erblassers davon abhängig gemacht worden, daß der Erbe vorerst das Gerichtsassessorexamen zu besnJ.. habe. Gehorsam dieser Bestimmung hat der Herr Rittmeister seinen Umfmmroif an den Nagel gehängt und liegt nun eifrigst seinen juristischen Studien ob.

Halle a. S., 19. Oktbr. Heute Vormittag 9 Uhr entgleiste zwischen hier und Schlettan auf freier Strecke der von Nordhausen abge­lassene Personenzug. Die Maschine und die Wagen wurden stark beschä­digt. Personen wurden nicht verletzt. Die Strecke ist zeitweilig gesperrt.

Bremen, 19. Okibr. Nach einem Lissaboner Telegramm ist der NeptundampferHerkules" gestern mit dem britischen DampferDeronda" 20 Meilen nördlich von den Berlengasinseln (Westküste Portugals) zu­sammengestoßen. Die Mannschaft desHerkules" wurde gerettet und an Bord des englischen DampfersBellephoron" gebracht, welcher nach Lon­don fährt.Deronda" wurde in Lissabon von der GesellschaftNeptun" mit Beschlag belegt.

Dresden. Die Sozial-Demokraten werden im sächsischen Landtage nunmehr sieben Abgeordnete zählen. Es sind dies außer Liebknecht die Herren Bebel, Kaden, Geyer, Stolle und die neu gewählten Abgeordneten Bäckermeister Otto (Chemnitz) und Musik-Direktor Stolle (Meerane).

Chemnitz, 20. Okt. Nachdem schon seit einiger Zeit die Arbeiter der größten hiesigen Strumpffabrik gestrikt hatten, ist, wie" dieFr. Ztg." meldet, nun auch trotz der bereits erfolgten nicht unerheblichen Erhöhung der Löhne in mehreren Wirkwaarenfabriken der Umgegend die Arbeit einge­stellt worden. In Limbach sind seit mehreren Tagen Ruhestörungen vorge­kommen, die zunahmen, so daß gestern hier militärische Hilfe erbeten wurde. Eine Compagnie des hier garnisorenden Infanterie-Regiments ist gestern Abend nach Limbach abgegangen. In Folge der daselbst vorgekommenen Widersetzlichkeiten wurden mehrere Verhaftungen vorgekommen.

Stuttgart, 20. Oktober. Von einem zweiten Korrespondenten wird über das Attentat auf den Thronfolger Prinzen Wilhelm gemeldet: Auf den Prinzen, welcher derzeit in Marienwahl bei Ludwigsburg sich aus­hält, wurde heute Vormittag 9 Uhr von dem stellenlosen Sattlergesellen Hermann Klaiber aus Ulm ein Revolverschuß abgefeuert, der jedoch nicht traf. Der Thäter wurde sofort durch eine Schildwache verhaftet. Bei seinem ersten Verhör gab der Uebelthäter als Motiv seiner That an, es