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Nr. 140

Mittwoch den 19. Juni

1889

Dienst-Nachrichten aus dem Kreise.

Gesunden: Ein leinenes defektes Handtuch. Ein Brillenfutteral. Eine silberne vergoldete 3theilige Uhrkette. Ein Regenschirm (im Lamboy- wald). Ein Schulranzen mit Bücher rc.

Entlaufen:- Ein brauner Spitz mit weißer Brust und braunen Pfoten, w. Geschl.

Entflogen: Ein Kanarienvogel.

Zugelaufen: Ein kleiner gelber Pinscher m. Geschl.

Hanau am 19. Juni 1889.

Der Herr Regierungspräsident in Cassel hat durch Verfügung vom 13. d. M. A. III. 4266 die Einstellung des am 27. Juni er. dahier stattfindendeu Viehmarktes angeordnet.

Fulda am 15. Juni 1889.

Der Königliche Landrath.

V. 4022 I. V.: Köhler.

t DieNiederlagen" des Fürsten Bismarck.

Lange Zeit hat die fortschrittliche Opposition im Reiche und in Preußen sich darauf beschränkt, deninneren" Bismarck zu bekämpfen und mit Entrüstung, Schadenfreude oder starkem Trost auf die freisinnige Zu­kunft, wie es die Berechnung auf die Stimmung der Wähler gerade zu er­fordern schien, eine Niederlage der inneren Politik des Kanzlers nach der anderen festgenagelt. Wir sahen im Sinne der freisinnigen Redner und Blätter das Schutzzollsystemzusammenbrechen", die Steuerpolitik glän­zendesFiasco" machen, dieStimme der Nation" über die ganze Miß- wrrthfchaft auf das Tiefste sich empören, ja wir eileb tot sogar, daß Bis­marckalt werde" und ihmnichts mehr gelinge". Da^ei sind Industrie und Handel erstarkt, das Reich ist finanziell auf eigene Füße gestellt, ein neuer, sozialer, reformatorischer Geist durchdringt zur Befriedigung des Volkes den Organismus der Verwaltung und der alternde Bismarck voll­brachte, als dem Reiche das Bitterste, der Tod seines alten Kaisers wider­fahren war, mit den Riesenkräften seiner gottbegnadeten Natur in alter Hohenzollerntreue eines der schwersten Stücke seines Lebens, so daß selbst der geistreichelnde Herr Bamberger in einer schwermüthigen Stunde bekennen mußte, solch gewaltigen Männern scheine die Natur selbst zehn Points vor- zugeben.

Seit den Tagen Kaiser Friedrichs, als der freisinnige Wahn das Staatsruder der starken Hand des kundigen, wetterfesten Mannes schon entwunden sah, ist mehr und mehr das Gebiet der äußeren Politik in den schulmeisterlichen Plan der Freisinnigen ausgenommen worden und läßt sich namentlich der Abgeordnete Richter angelegen sein, das deutsche Volk über die Mißgeschicke desäußeren" Bismarck zu belehren. Noch ist Niemand außer den Theilnehmern über die Ergebnisse der Samoa-Konferenz genauer unterrichtet, und schon steht dieNiederlage" der deutschen Samoapolitik fest. Daß die deutsche Regierung stets offen und laut die Gleichberechti­gung der drei Mächte in den samoanischen Angelegenheiten betont und nichts anderes als den wirksamen Schutz der deutschen Handelsinteressen erstrebt hat, das wird vergessen, wenn es nur gelingt, vor den: In- und Auslande einen Rückzug des Fürsten Bismarck, ein neues Fiasko der Kolonialpolitik feststellen zu können. Noch schlimmer ist die offene Parteinahme für die Schweiz in dem Falle Wohlgemuth. Selbst in den schweizer Blättern wird die Sache der Eidgenossenschaft, welche einen über die Grenze gelockten, dann eingesperrten und schlecht behandelten deutschen Beamten wider alle internationale Gepflogenheit auswies, kaum lebhafter verfochten, als in ber freisinnigen Presse, welche jedes patriotische Empfinden und jedes Verständ­niß dafür verleugnet, daß ihre Verketzerung der deutschen Negierung allen Feinden des Reiches im Auslande hoffnungsvolles Wohlbehagen bereitet.

Die Bekämpfung der inneren Politik mag man immerhin mit man­gelnder Einsicht, doktrinärer Verbohrtheit und der dem deutschen Philister nun einmal eigenen Besserwisserei erträglich finden. Jede Entschuldigung aber hört auf, wenn wir sehen, daß die freisinnige Partei großen Theils aus persönlichem Haß gegen ein erdrückendes Genie an die Traditionen ber Fortschrittspartei aus der Konfliktszeit anknüpft, als die Ehre der augen­blicklichen Regierung nicht mehr die Ehre des Staates und des Landes war (Twesten), als nur der werth war, ein Preuße zu sein, dem die Schamröthe über die Konvention mit Rußland in's Gesicht stieg (Waldeck), als Preußen unter dem Ministerium Bismarck auf eine große Politik kei­

nen Anspruch machen konnte (derselbe), als Preußen zu einem Satelliten Oesterreichs herabzusinken drohte und der Herr Ministerpräsident keine Ah­nung von nationaler Politik hatte (Virchow).

Wie die Alten sungen, so zwitschern jetzt die Jungen, wie sie den jungen Bismarck verlästerten, so bekämpfen sie jetzt verständnißlos den alten. Diese Triumphe rechthaberischen Eigensinns find gefährlich hente wie da­mals, am gefährlichsten aber hoffentlich für diejenigen selbst, welche sich an eingebildeten Niederlagen eines Mannes weiden, an dessen Todtenbette sie zittern werden, wie einst nach dem Vergleiche eines Deutschen im Aus­lande der grimme Hagen, als er an Siegfried's Leiche trat und die tückische Wunde wieder aufbrach.

Tagesschau.

Berlin, 18. Juni. DerR. u. St.-A." Nr. 142 veröffentlicht: Gesetz, betreffend die Geschäftssprache der gerichtlichen Behörden in Elsaß- Lothringen, vom 12. Juni 1889.

Berlin, 18. Juni. Se. Majestät der Kaiser und König hörten am gestrigen Tage Vormittags um 10 Uhr den Vortrag des Chefs des Civilkabinets, um 11 ^i Uhr denjenigen des Chefs des Militürkabinets, nahmen um 12®/« Uhr militärische Meldungen entgegen und empfingen um 104 Uhr zur Meldung den kommandirenden General des L Armee-Corps, General der Infanterie Bronsart v. Schellendorff. Heute früh 6 Uhr 30 Minuten begaben Sich Se. Majestät von der Wildparkstation aus nach Dresden.

Berlin, 18. Juni. DerReichsanzeiger" schreibt: Die Jubelfeier des Wettiner Fürstenhauses bildet den Gegenstand lebhafter und freudiger Theilnahme für das ganze deutsche Volk. Das Fest ist ein Ehrentag für das erlauchte Fürstengeschlecht, wie für den sächsisch-thüringischen Volksstamm. Fürsten und Volk hatten in einer Jahrhunderte laugen Zusammengehörigkeit den hervorragendsten Antheil an den verschiedenen Gestaltungen der Geschichte des deutschen Vaterlandes, so auch namentlich in dem letzten Kampfe um die nunmehr festbegründete Einheit Deutschlands. In König Albert verehrt das deutsche Volk einen seiner Helden des großen Krieges, ebenso nimmt derselbe als treuer Bundesgenosse im Frieden in den Herzen des deutschen Volks einen der ersten Plätze ein. Dem Kaiser war es daher ein Bedürfniß, an dem Ehrentage des Wettiner Fürstenhauses allerhöchstselbst den Glück­wünschen für das fernere Gedeihen des Hauses und seiner Lande zum Segen und zur Ehre des Reiches Ausdruck zu geben und die Gefühle der Dank­barkeit und Verehrung, welche das in seinen Fürstenstämmen geeinigte Deutschland an diesem Tage enipfindet, durch seine Anwesenheit in der Hauptstadt zu bekunden.

Kaum ist der Reichstag geschlossen, so tauchen auch bereits Gerüchte über Vorlagen auf, welche in der nächsten Session der deutschen Volksver- tretung unterbreitet werden sollen. Selbstverständlich sind diese Erzählungen, soweit sie sich nicht auf durch Gesetze bestimmte oder selbstverständliche Vorlagen beziehen, reine Kombinationen. Gewiß wird in unseren Reichs­ämtern an mancher, auch von industrieller Seite gewünschten Reform ge­arbeitet. So ist es sicher, daß Arbeiten an einer Refonn unseres Patent­gesetzes stattfinden, and) wird gegenwärtig der Entwurf eines Gesetzes über gewerbliche Schiedsgerichte von einer Subkommission des Bundesraths, an deren Spitze der bayerische stellvertretende Bevollmächtigte Obcr-Regicrungs- rath Landmann fungirt, berathen, indessen von allen diesen Vorlagen kann man doch unmöglich heute bereits mit Bestimmtheit sagen, sie werden gewiß in der nächsten Session dem Reichstage vorgelegt werden, wenn, wie cs bei dem Patentgesetze der Fall ist, das auch wahrscheinlich ist.

In der Reichshauptstadt ist dieser Tage eine internationale Jury zur Entscheidung in einer Angelegenheit zusammengetreten, welche ihre Entstehung einer Anregung und hochherzigen Spende der Kaiserin-Groß­mutter Augusta verdankt. Kaiserin Auguste hatte nämlich einen Preis von 10 000 Mark für einen Wettbewerb, betreffend die beste innere» Ein­richtung eines transportablen Lazareths, ausgesetzt. Die Jury, welche nun über die hieraufhin eingegangenen Bewerbungen entscheiden soll, besteht aus Vertretern Oesterreichs, Ungarns, Rußlands, Englands, Belgiens, Hollands, Dänemarks und Deutschlands; die für Frankreich, Italien und Schweden bestimmten Jurymitglieder sind durch dringende Geschäfte abgehalten gewesen. Man wird schon für die nächsten Tage die Veröffentlichung des Urtheils ber Jury erwarten dürfen.

DieInternationale Jury", welche die Wettbewerbungen um