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Gesetz und Ordnung und friedlicher Reform zufallen, schreckt sie, sie sehen eine wilde Gâhrung in den Massen der Industriearbeiter und die Er­innerung an die große französische Revolution bestärkt sie in der sicheren Annahme, daß, wie damals der dritte Stand in blutigen Gräueln die Herrschaft an sich riß, nunmehr der vierte Stand, die Arbeiterklasse, mit Gewalt zur Gewalt aufsteigen werde.

Wenn etwas übertrieben und verfehlt ist, so ist cs die Erinnerung an die französische Revolution. Das Wort Ben Akibas, es ist Alles schon dagewcsen, gilt für eine tiefere Geschichtsauffassung nicht, nichts geschieht der Geschichte zum zweiten Male so, wie es schon einmal geschehen ist, es gibt Aehnlichkeiten, aber keine Gleichheiten, und selbst äußerlich ähnliche Umstände führen nicht immer zu gleich ähnlichen Ergebnissen. Allerdings hat die neuere Forschung, namentlich der Franzose Taine, außer Zweifel gestellt, daß die Revolution ihre nachhaltige Kraft aus den sozialen Sün­den von Königthum, Adel und Geistlichkeit zog, und daß besonders die Grundeigenthumsfrage den Bauern- und Bürgerstand vorwärts trieb, wenn­gleich die in Literatur und Gesellschaft großgezogene geistige Verwilderung in den Köpfen der Advokaten und sonstigen Reoolutionsmacher hinzukommen mußte, um ein Schreckensregiment von solch' abscheulichem Wahnsinns­taumel zu ermöglichen. Der schwache König kam zu spät zur Einsicht; ein Theil des Adels floh im Bewußsein seiner Sünden ins Ausland, während die mitschuldige Geistlichkeit Stand hielt und sich hinschlachten ließ, weshalb denn auch später die Restauration mit dem Konkordate, dieserVersöhnung des Himmels mit der Revolution", begann.

Allein wer sich an den sozialen Charakter der französischen Revo­lution recht erinnern will, der muß sich doch auch fragen, wie es kam, daß andere Staatswesen von gleicher Kulturstufe zu Ende des vorigen Jahr­hundeicks, als manche Revolntionsidce die Welt eroberte, von gewaltsamem Umsturz verschont blieben. Vor Allem unser Preußen blieb trotz eines gerade damals nicht eben starken und hochweisen Regiments in seinen staat­lichen Grundordnungen ganz unberührt. Warum ? Weil seine Könige nicht gewartet hatten, bis ein gewaltsamer Ueberstrom das Alte und Verrottete Niederreißen würde, sondern bei Zeiten als Baumeister des Neuen nach den Bedürfnissen des Volkes aufgetreten waren. Schon Friedrich Wilhelm I., der großeinnere" König, hatte da­für gesorgt, daß die Bauern nichttribeliret" würden, und sein großer Sohn, welcher sich gegenüber den Worten Louis XlY. PEtaf cest moi als den ersten Diener des Staates bezeichnete und der nach seinem Testa­mente sein Leben lang darauf sann, den Staat,den er zu regieren die .Ebre hatte", glücklick und blühend zu machen, Friedrich 1L fand mitten in seinen glänzenden Kriegsthaten noch Zeit genug, die Emanzipation der bürgerlichen Stände nach Recht und Billigkeit fortzufetzen.

Ist es heute anders? Deutschland ist auf der Bahn sozialer Reformen allen anderen Staaten kühn vorangeschritten und die Träger unserer Kaiser- und Königskronen haben mit Wort und That unter Berufung an das Ge- wissen der Besitzenden und Gebildeten die soziale Pflicht zu einem stündigen Factor der Gesetzgebung gemacht. Das sind Unterschiede und Aehnlichkeiten, welche nicht zu schwacher Furcht vor der Revolution, sondern im Gegentheil zu der Zuversicht berechtigen, daß die zukünftige Geschichte unseres Vater­landes nichts von Blut und Trümmern eines wilden Bürgerkriegs zu er­zählen haben mag.

Tagesschau.

Berlin, 7. Juni. DerR. u. St.-A." Nr. 134 veröffentlicht: Gesetz, betreffend Abänderung mehrerer Bestimmungen der Gesetzgebung über die Stempelsteuer, vom 19. Mai 1889.

Berlin, 7. Juni. Zu Ehren des Schahs von Persien findet am Sonntag ein Diner im Schlosse Bellevue statt. Nach dem Diner besucht der Schah die hier anwesenden Prinzen und Prinzessinnen. Am Montag folgt der Besuch bei der Kaiserin im Schlosse Friedrichskron. Nach dem Gottesdienste begibt sich der Schah mit den höchsten Herrschaften nach Pots­dam, woselbst im Stadtschlosse die Frühstückstafel stattfindet, Um 3 Uhr fahren die Majestäten per Dampfer nach Charlottenburg, das Diner wird wieder im Schlosse Bellevue abgehalten, Abends ist ein Besuch der Oper beabsichtigt. Am Dienstag ist großes Exerzieren der Artillerie in Tegel, darauf Galatafel von 170 Gedecken im Weißen Saal, Abends Galavor­stellung mit Ballet. Die Abreise des Schahs erfolgt voraussichtlich am Mittwoch. (Rh. K.)

Berlin, 7. Juni. Der hiesige Kaiserlich russische Botschafter, Graf Schuwalow, hat für einige Wochen Berlin verlassen. Während der Ab­wesenheit desselben fungirt der Botschaftsrath Graf Murawiew als interi­mistischer Geschäftsträger.

Berlin, 6. Juni. Die Arbeiten des Bundesraths, soviel sic mit denen des Reichstags zusammenhängen, also gesetzgeberische Stosse betreffen, sind erledigt, auch die Verwaltungsangelegenheiten von irgend welchem Belang sind abgcwickclt und damit ergibt sich der Eintritt der Vertagung des Bundesraths als eine natürliche Folge. Es wird wohl nur noch eine Plenarsitzung vor derselben stattfinden. Die Ferienpause des Bundesraths dürfte indessen in diesen: Jahr eine um so längere Ausdehnung gewinnen, als der Reichstag auch nur um etwa 14 Tage früher als sonst, also keinesfalls vor Anfang November einberufen werden dürste.

Hannover, 7. Juni. In dem Prozeß gegen den Redakteur der welfischenVolkszeitung", Dannenberg, wegen schwerer Ehrenbeleidigung des Oberpräsidenten v. Bennigsen wurde der Angeklagte zu dreimonatlichem Gefängniß verurtheilt. Die Zeugen v. Bennigsen und Miquel erklärten, daß sie im Frühjahr 1866 bei den Konferenzen mit Bismarck über Hannover und die Zukunft Hannovers kein Wort gesprochen hätten. Bennigsen hatte sich ausdrücklich verbeten, darüber zu reden. Der Gerichtshof anerkannte in der ausführlichen Motivirung des Urtheils, daß dies Verhalten Bennig- sen's im Jahre 1866 durchaus korrekt und von Vaterlandsliebe getragen gewesen sei. (Fr. N.)

Reichenbach im Voigtland, 7. Juni. König Albert wird morgen erwartet und die Verwüstungen besichtigen. (Fr. N.)

Karlsruhe, 6. Juni. Die Vermählung der Prinzessin Marie von Baden mit dem Erbprinzen Friedrich von Anhalt findet am 2. Juli hierselbst statt.

Wien, 7. Juni. Ueber die nächsten Kaiserbegegnungen steht nur so viel fest, daß der Kaiser von Oesterreich vor Ende des Sommers mit dem Grasen Kalnoky nach Berlin geht; ob er dort den Kaiser Wilhelm zu den österreichischen Herbstmanövern einlaben wird, ist hier bisher unbekannt, jedoch soll eine alljährliche Theilnahme an den Hexbstjagden beabsichtigt sein.

Wien, 6. Juni. Der Handelsminister richtete an die Tramway­gesellschaft einen Erlaß, worin dem Verwaltungsrath dringend nahegelegt wird, die Wünsche des Dienstpersonals bei Aufstellung der neuen Dienst­ordnung entsprechend zu berücksichtigen. (Fr. N.)

Bern, 6. Juni. Italien hat die Einladung für die internationale Arbeiterschutz-Konferenz gleichfalls angenommen.

Lissabon, 7. Juni. Die Erste Kammer hat, nach derK. Z.", einstimmig einen Antrag angenommen, durch welchen die Rechtsansprüche Portugals auf Gebiete in Ost- und Zentralafrika bestätigt werden und die Regierung aufgefordert wird, dieselben entschieden aufrecht zu erhalten. Der Beschluß richtet sich besonders gegen England, wo man eben im Begriff steht, einer englischen Gesellschaft, welche sich in ganz Zentralafrika vom Kap bis zu den Quellen des Nil festsetzcn will, einen königlichen Freibrief zu ertheilen.

Paris, 7. Juni. Der oberste Gerichtshof hat nach demRh. K." neue Haussuchungen bei zwei hervorragenden Boulangisten angeordnet und zahlreiche Papiere beschlagnahmt, welche die Betheiligung Boulangers an einem Komplott gegen die Sicherheit des Staates feststellen sollen.

Brest, 7. Juni. Nachmittags 1 Uhr 15 Minuten wurde, nach denFr. N.", ein heftiges, von einem, einem lauten Kanonenschuß ähn­lichen: Getöse begleitetes Erdbeben von Nord nach Süd wahrgenommen.

Newyork, 7. Juni. Den letzten Nachrichten aus Seattle zufolge beträgt der durch die Feuersbrunst an Gebäuden angerichtetc Schaden 10 Millionen Dollars, der anderweitige Schaden wird ebenfalls auf 10 Millionen geschätzt. Es wird befürchtet, daß viele Personen umgefommen seien. Die Entstehung der Feuersbrunst wird der Entzündung von Terpen­tin zugeschrieben. (Fr. N.)

Stzduetz, 7. Juni. DieFr. N." berichten: Der Dampfer Lübeck" ist hier eingetroffen; derselbe bringt Nachrichten aus Sanwa vom 28. Mai. Der Waffenstillstand dauert aus Samoa fort. Mataasa berief seine Anhänger zurück wegen des Gerüchtes, daß deutsche Kriegsschiffe an- kämen. Tamascse verblieb im Lager von Apia. Augenblicklich ist kein Kriegsschiff im Hafen von Apia; der englischeRapid" ist bei den Fidji- inseln stationirt.

Bremen, 6. Juni. Der Dampfer des Norddeutschen Lloyd Amerika" ist gestern in Baltimore eingetroffen.

Triest, 6. Juni. Der LloyddampferEttore" ist heute Nach­mittag aus Konstantinopel hier eingetroffen.

Reichsgerichts Entscheiduuge«.

Die Gebühr des Gerichtsvollziehers für die Pfändung von beweg­lichen, körperlichen Sachen ist nach einem Urtheil des Reichsgerichts, 1. Strafsenats, vom 4. März d. I., nur einmal zu liquibiren, wenn auch die Pfändung unterbrochen und später ober am folgenden Tage fortgesetzt worden ist. Die Ueberhebung der tarifmäßig bestimmten Reisekosten und Schreibgebühren Seitens des Gerichtsvollziehers ist, als Gebühren - Ueber­hebung, aus §. 352 des Str.-G.-B. als ein Vergehen im Amte zu be­strafen.

Die gewaltsame Pfändung von Sachen, welche sich im Gewahrsam oder Mitgewahrsam eines zur Herausgabe nicht bereiten Dritten nicht des Schuldners befinden, ist nach einem Urtheil des Reichsgerichts, I. Strafsenats, vom 11. März b. J., rechtswidrig, und der gewaltsame Widerstand des Dritten gegen den Gerichtsvollzieher ist nicht strafbar.

Aus Stadt, Provinz und Umgegend.

Sitzung des gewerblichen Schiedsgerichts vom 6. Juni.

Auf Grund des §. 31 der Statuten des gewerblichen Schiedsge­richts hatten in voriger Woche die Prinzipale und die Arbeiter der Dia­mantschleifer-Industrie dm Antrag gestellt, das gewerbliche Schiedsgericht möge eine Einigung zwischen beiden Parteien herbeizuführen suchen. Es