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Nr. 95
Mittwoch den 24. April
1889.
Amtliches.
Bekanntmachung.
Post-Dampfschiffverbindung auf der Linie Stettin—Kopenhagen.
Die regelmäßige Post-Dampfschiffverbindung auf der Linie Stettin — Ko penhagen ist für das laufende Jahr eröffnet und wird bis auf Weiteres viermal wöchentlich nach folgendem Fahrplan statt- finden:
aus Stettin Montag, Dienstag und Freitag um 2 Uhr Nachmittags, ferner am Sonnabend um 12 Uhr Mittags im Anschluß an den Eilzug von Berlin, aus Berlin Stettiner Bahnhof 8 Uhr 40 Min. Vormittags, in Stettin 11 Uhr 3 Min. Vormittags,
in Kopenhagen am folgenden Tage früh; aus Kopenhagen Dienstag, Mittwoch, Freitag und Sonnabend Nachmittags, in Stettin am folgenden Tage früh, zum Anschluß an den um 8 Uhr 20 Min. Vormittags abgehenden Schnellzug nach Berlin.
Berlin W., 16. April 1889,
Der Staatssekrctair des Reichs-Postamts.
In Vertretung: Sachse.
Die sämmtlichen, bisher noch nicht zur Verloosung gekommenen Schuldverschreibungen der vormals Kurfürstlich Hessischen Anleihe vom 1. Juni 1863 werden den Besitzern zur baaren Rückzahlung zum 1. Oktober dieses Jahres gekündigt.
Die Kapitalbeträge, deren Verzinsung nur bis zum 30. September dieses Jahres stattfindet, können bei folgenden Stellen erhoben werden und zwar: bei dem Bankhause der Herren M. A. von Rothschild & Söhne in Frankfurt a/M., bei der Königlichen Regierungs-Hauptkasse hierselbst und bei jeder anderen Königlichen Regierungs-Hauptkasse, bei der Königlichen Staatsschulden-Tilgungskasse zu Berlin — W. Taubenstraße Nr. 29 —, sowie bei der Königlichen Kreiskaffe in Frankfurt a/M. -
Die Auszahlung erfolgt gegen Rückgabe der Schuldverschreibungen nebst den dazu gehörigen alsdann noch nicht fälligen Zinsscheinen Reihe IV Nr. 7 und 8 und den Anweisungen zur Abhebung der Zinsscheinreihe V, wogegen neben dem Kapitalbetrage noch Stückzinsen für die Zeit vom 1. Mai bis 30. September d. I. werden ausgezahlt werden.
Soll die Einlösung der gekündigten Schuldverschreibungen weder bei dem vorgenannten Bankhause, noch bei der Königlichen Regierungs-Hauptkasse hierselbst, sondern bei einer der anderen Kassen bewirkt werden, so können die Effekten schon vom 1. September d. J. ab bei einer dieser letztgedachten Kassen eingereicht werden, welche sic der hiesigen Regierungs- Hauptkasse zur Prüfung vorzulegen hat und nach erfolgter Feststellung vom Iften Oktober d. J. ab die Auszahlung bewirkt.
Der Betrag der etwa fehlenden Zinsscheine wird von dem Kapital zurückbehalten.
Cassel am 27. März 1889.
Der Regierungs-Präsident. Rothe.
Dienst-Nachrichten aus dem Kreise.
Gefunden: Ein Schlüssel. Ein Schild mit der Aufschrift „Cigarren".
Verloren: Ein dreireihiges Armband mit silbernem vergoldetem Schloß. Am 7. d. M. auf dem Wege von Hochstadt bis Hanau eine silberne Cylinderuhr mit goldener Reisekette.
Zugelaufen: Einschwarzbrauner langhaariger Jagdhund m. Geschlechts; Empfangnahme bei P. Ad. Diehl zn Kesselstadt Ein kleiner weißer Hund mit gelben Placken w. Geschl.
Hanau am 24. April 1889.
Ausschreiben Königlicher Staatsanwaltschaft zu Frankfurt a. M.
, 5734 A. — J. 1382/88. Das am 16. Mai 1888 erlassene Ausschreiben gegen die Kellnerin Christine T e v e s e n von Breyell wird erneuert.
Frankfurt a. M. den 18. April 1889.
6894 B. — N. 1305/88. Das am 17. Januar 1889 erlassene
Aus schreiben gegen den Maurer Philipp Schmidt von Uffenthal wird erneuert.
B. 6868. — J. 1153/89. Ueber den Aufenthalt des Bäckers Franz Andreas Günther, geb. 1./4. 1841 zu Königstein, wird Auskunft begehrt.
Frankfurt a. M. den 20. April 1889.
t Zur Geschichte der sozialistischen Arbeiterpartei in Deutschland
ist kürzlich bei R. Wilhelmi in Berlin unter dem Titel: „Was nun?" eine Schrift von Dr. O. Hammann erschienen, welche mit Zahlen, Thatsachen und kritischen Erläuterungen das Treiben und Wesen der Sozialdemokratie schildert unb im gegenwärtigen Zeitpunkte als eine ernste, aus den sozialistischen Reden, Thaten und Literaturerzeugnissen geschöpfte Würdigung der Ausnahmestellung dieser. Partei und des Verhältnisses des Staates zu ihr willkommen geheißen werden darf. In den ersten Abschnitten gibt der Versasser ein Verbreitungsbild der Sozialdemokratie nach der Wahlstatistik unb schildert er die Entstehung und die Wirksamkeit der Gewerkschaften (Fachvereinc) als Werbe- und Rekrutirungsstellen der So- zialdemokratie, sowie die unterirdische Thätigkeit in den Geheiinbunden. Dann geht er zu dem öffentlichen Auftreten der Partei im Reichstage während der letzten fünf Jahre über, welche sich für die Parteigeschichte im Vergleich zu den auf den Erlaß des Sozialistengesetzes folgenden Jahren der Verwirrung durch neue taktische Bahnen und gesteigerte Agitation kennzeichnet. Bis hierher läßt Dr. Hammann vor Allem die Thatsachen sprechen, welche denn auch eine so deutliche Sprache führen, daß sie kritischer Erläuterungen kaum bedürfen. Es sagt doch genug, wenn wir z. B. lesen, daß wenige Wochen, nachdem der Anarchist Newe wegen Vergehens gegen das Dynamitgcsetz, Aufforderung zu Hochverrath und Massenmord, wissentlichen Meineids, Beschimpfung der christlichen Kirche :c. zu 15 Jahren Zuchthaus verurtheilt worden war, ein sozialdemokratisches, in der Partei sehr angesehenes Blatt, denselben Newe als einen „Ehrenmann" verherrlichte!
In dem letzten, wichtigsten Abschnitte hat der Verfasser das Wollen und Wirken der Partei einer besonderen Kritik unterzogen und namentlich das Grundverkehrte der menschlich-sittlichen Voraussetzungen der sozialistischen Theorie, die Verwerflichkeit ihrer Moralbegriffe und das Thörichte ihrer Zukunftshoffnungen nachgewiesen. Nach Vorführung drastischer Beispiele aus der sozialistischen Literatur heißt es in dem Buche:
Der zum Hochmuth gesteigerte Glaube an die Heilkraft der eigenen Ideen ist bei der Sozialdemokratie zum bösen Willen gegen die bestehende Kultur und das soziale Königthum ausgeartet, dessen redliche Absicht sie rundweg ableugnet und dessen Hülfe für die Arbeiter sie gar nicht wünscht. Die zielbewußten Sozialdemokraten dürfen sich hierbei auf ihren Meister Marx berufen, welcher, von seinem systematischen und unfehlbaren Standpunkt aus, durchaus folgerichtig jede soziale Reformpolitik, die nicht kommunistisch ist, entschieden verwarf. In dem discours sur le libre échange sagt er: „Im Allgemeinen ist heutzutage das Schutzzollsystem konservativ, während ^das Freihandelssystem zerstörend wirkt. Es zersetzt die früheren Nationalitäten und treibt den Gegensatz zwischen Proletariat und Bourgeoisie auf die Spitze. Mit einem Wort, das System der Handelsfreiheit beschleunigt die soziale Revolution. Und nur in diesem revolutionären Sinne stimme ich für den Freihandel" . . . Die Sozialdemokratie hetzt das gegenwärtige Geschlecht auf Kosten einer zukünftigen ungewissen Glückswelt geflissentlich in Unzufriedenheit und schürt seine Leidenschaften, um das Staatswesen außer Rand und Band zu treiben. Hierdurch hat sie in der That diesen Staat, der seinen Beruf gegen die Stürme der Zeit in der Zukunft ebenso wie in der Vergangenheit erfüllen will, in den Instand der Nothwehr versetzt und ihm auch ein moralisches Recht gegeben, als unterdrückende Macht ihr zu begegnen.
Daß der Verfasser ein entschiedener Anhänger des Sozialistengesetzes ist, versteht sich hiernach von selbst, und er belächelt mit Recht die Hoffnung der Freisinnigen, daß sie gerade, die in positiver Sozialreform nichts geleistet haben und nichts leisten wollen, in öffentlichen Redeturnieien die Sozialdemokraten überwinden würden. Nach seiner Meinung wird cs sich bei dem Ersätze des Sozialistengesetzes durch gemeinrechtliche Vorschriften doch immer um politische Maßregeln gegen eine bestimmte Parteirichtung handeln,, welche sich von jeder anderen dadurch unterscheidet, daß sie diese „wahn-