Einzelbild herunterladen
 

ÜMMMMItl1

Brett:

Athrlich 9 Sterl. chettj.eM.S0Ps,.

»ieeteljthrlich 3 Mail es W

Wr auswärtig« atonnenten

Mit be« betreffen- ks P-ft-nifthlug. ISirsin^sineRum- mer 10 $fg.

Mauer Aycizer

KugkeicH ArrrtLicHes Gvgcrn für: Staöt- und Lccnökrreis Aarrcru.

g*fertt*Hk

PreiS:

Die ispaltige «-rmondzcile »d. deren Raum

10 Pig.

Die SHalt. geile 20 P!g.

DieSspaltigeZeils 30 Pfg

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.

Nr. 86.

Donnerstag den 11. April

1889.

Amtliches.

Polizei-Verordnung.

Da die den Obstbau in hohem Grade schädigende Blutlaus (woll- tragende Rindenlaus, Schizoneura lanigera) in mehreren Kreisen unseres Verwaltungsbezirks aufgetreten ist, so verordnen wir zur Verhütung der Weiterverbreitung dieses gefährlichen Insekts auf Grund des §. 11 der Allerhöchsten Verordnung vom 20. September 1867 über die Polizei- Verwaltung in den neu erworbenen Landestheilen für den Umfang unseres Regierungsbezirks, was folgt:

§. 1. Die Besitzer von Apfelbäumen jeder Art (Hochstämmen, niederen Formenbäumen, veredelten und unveredelten Stämmchen her Baum­schulen) sind verpflichtet, diese Bäume, sobald sich die Blutlaus an ihnen zeigt, von letzterer gründlich zu reinigen (Vergl. die Belehrung über die Blutlaus und deren Vertilgung im Amtsblatt vom 1. August d. I. Nr. 34).

§. 2. Von dem Auffinden der Blutlaus ist der Ortspolizeibehörde sofort Anzeige zu machen.

§. 3. Zuwiderhandlungen gegen den Inhalt dieser Polizei-Verord­nung werden mit einer Geldstrafe von 1 bis 30 Mark oder bei Zahlungs­unfähigkeit mit verhältnißmäßiger Haft geahndet.

§. 4. Diese Polizei-Verordnung tritt vom 1sten Januar k. I. an in Kraft.

Cassel den 29. Oktober 1883.

Königliche Regierung, Abtheilung des Innern.

Die Blutlaus (Schizoneura lanigera) und deren Vertilgung betreffend.

Ein sehr gefährlicher Feind des Apfelbaumes, die Blutlaus oder wolltragenede Apfelbaum-Rindenlaus, bedroht unsern Bezirk und da dieses Insekt sich außerordentlich rasch vermehrt, so ist ein rapides Vorschreiten desselben sehr zu befürchten.

Man muß diesen neuen Feind, um ihn wirksam zu bekämpfen, kennen; wir lassen deshalb die nachstehende Beschreibung folgen:

Die Blutlaus war im Anfang dieses Jahrhunderts nur auf England beschränkt, wohin sie wahrscheinlich aus Amerika eingeschleppt worden ist. Im Jahre 1810 erschien sie in Jersey, 1814 in der Normandie, Bretagne und heute ist sie über ganz Frankreich verbreitet, sowie über einen großen Theil Süddeutschlands.

In der jüngsten Zeit ist sic in fast sämmtlichen Gemarkungen des benachbarten Kreises Offenbach aufgetreten und hat auch bereits in ver­schiedenen Gemarkungen der Kreise Hanau und Gelnhausen ihr Zerstörungs­werk begonnen.

Die Blutlaus gehört zum Geschlecht der Blattläuse und hat mit dieser Gattung die ganz enorme Vermehrung gemein.

Ihren Namen hat sie von dem rothen Farbstoff, welcher beim Zer­drücken des Thiers zu Tage tritt. Sie kündigt ihre Gegenwart an jungen, noch glatten Rinden der Aepfelbäume durch einen weißen, wolligen Streifen oder breiten Flecken schon aus einiger Entfernung an, denn der Körper der einzelnen Blutläuse ist mit einer weiß-wolligen Ausschwitzung überzogen und nach Art aller Blattläuse sitzt immer eine große Gesellschaft saugend beisammen?

Die Blutlaus saugt nach Durchstechung der jungen Rinde mit ihrem Rüssel den Splint ans. Die verderblichen Folgen hiervon zeigen sich bald. Während der angegriffenen Stelle fortwährend Saft entzogen wird, fließt ihr neuer zu, welcher durch die Arbeit der Zellen unter der Rinde erzeugt wird und dies veranlaßt die Rinde zum Reißen.

An den Rändern der Riffe sammelt sich nun immer mehr Bildungs­saft an; sie schwellen krankhaft und die Stelle gewinnt bald ein grindiges krebsartiges Ansehen. Weil sich hier aller Nahrungssast übermäßig an­sammelt und höheren Theilen entzogen wird, so kränkelt und vertrocknet das Obere des Baumes schließlich gänzlich.

Aus dem Gesagten erhellt, daß sich die Blutläuse besonders gern an jungen Bäumen der Baumschulen, an Zwergbäumen 2C. einfinden. Sie gehen aber auch ältere Bäume an, namentlich gewähren schadhafte Stellen Riffe rc., Angriffspunkte, die ihnen den Zugang zum Splint gestatten! Hier sitzen sie klumpenweise in allen Größen als eine schmierige, grau- weiße, formlose Masse, welche sich immer weiter ausdehnt.

Man hat die Blutläuse auch an den Wurzeln gefunden. Hier in der Erde oder an den bezeichneten Stellen der oberen Theile des Baumes überwintern sie vorzugsweise.

Mit dem Erwachen der Vegetation im ersten Frühjahr finden sich

auch die Blutläuse alsbald wieder ein und zwar als Larven und als er­wachsene flügellose Geschlechtsthiere. Nach mehreren Häutungen werden sie geschlechtsreif und zeigen bei 1,5 Millimeter Länge einen gewölbten Körper von röthlich-brauner Grundfarbe, welche durch weißliche und bläuliche Wollfäden mehr oder weniger bedeckt wird.

Jede Laus bringt, sobald sie erwachsen ist, lebendige Junge zur Welt. Es finden sich 30 bis 40 Eier im Mutterleibe und ebensoviel Junge können geboren werden. In der Regel finden 8 Bruten in einem Jahre statt, wodurch sich die so enorm rascho Vermehrung des Insekts erklärt. Nimmt man 30 Junge an, so gibt das bei der ersten Brut 30, bei der zweiten 900, bei der dritten 27 000 und so fort, bei der achten Brut aber 57 Milliarden Läuse!

Die Gefährlichkeit des Thiers erhöht sich durch den Umstand, daß im Nachsommer und Herbste bei den beiden letzten Generationen beflügelte Exemplare erscheinen, welche zahlreiche neue Ansiedelungen in der Nachbarschaft bilden. Diese mit Flügeln versehenen Blütläuse sind gegen Nässe und Kälte weniger empfindlich und bleiben oft lange in den Winter hinein an den Zweigen sitzen. Allmählich ziehen sie sich in die geschilderten grindigen Wucherungen und an den Wurzelhals der Bäume zurück, von wo aus im Frühjahr die ersten Läuse wieder erscheinen.

Die Vertilgung des Thiers ist möglich es gehört aber die größte Achtsamkeit dazu. Am sichersten gelingt sie, wenn das Insekt sich an einzelnen Stellen des Baumes zu zeigen beginnt.

Versäumt es der Baumbesitzer in dieser ersten Zeit des Auftretens gegen das Insekt einzuschreiten, so überzieht es bald den Baum bis in die kleinsten Zweige hinaus und seine Vertilgung ist dann weit schwieriger, der Baum aber geht zu Grunde.

Deshalb müssen alle Apfelbäume jeder Gemarkung von Anfang Mai an, so oft als möglich durchgesehen und die Nester des Ungeziefers mit rauhen Lumpen und Bürsten zerdrückt und zerstört werden.

Bei größeren Bäumen ist cs nöthig, die stark befallenen Aeste abzu­schneiden und sofort an Ort und Stelle zu verbrennen.

Wenn bereits die ganze Baumkrone stark befallen ist, so empfiehlt sich auch im Spätsommer oder Herbst das Verjüngen derselben unter sorg­fältiger Reinigung der stehen gebliebenen Aeste.

Außerordentlich bewährt zur Vertilgung der Blutläuse und anderer schädlicher Insekten hat sich folgende von dem verdienten Hofrath Professor Dr. Neßler, in Karlsruhe, zusammengesetzte Mischung:'

40 Gramm Schmierseife,

50 Fuselöl,

50 Tabakscxtrakt,

2 Deciliter Weingeist mit Wasser auf 1 Liter verdünnt.

Dieses ganz sicher wirkende Vertilgungsmittel nebst Gebrauchsanwei­sung kann man aus dem Central-Depot des Herrn Carl Gaulè, Gene­ralagent, Heinrichsstraße Nr. 73 in Darmstadt beziehen.

Eine Büchse von 4 Kilogr. kostet 2 Mark 50 Pf.

" " M ? w 1 50

und eine von 1 1 ab Darmstadt.

Den landwirthschaftlichcn und Gartenbau-Vereinen, sowie den Consum- Vereinen und den Landgemeinden wird, wenn sie gemeinschaftliche Bestel­lungen machen, ein entsprechender Rabatt gewährt.

Da die an den Wurzeln sitzende Brut der Blutlaus den Winter lercht überdauert, so ist im Herbst der Boden um den Stamm aufzugraben, die Wurzel von der Brut zu reinigen und mit denselben Mitteln, wie der Stamm zu behandeln.

Als Porbeugungsmittel empfiehlt sich die sorgfältigste Rindenpflege, das Beseitigen von Moos und Flechten, das Abscharren verkommener Rindentheile, Bestreichen der Stämme und Zweige mit Kalkmilch oder mit einer Mischung von Kalk, Lehm und Kuhmist, ganz besonders aber eine Kräftigung des Bodens durch Düngung.

Man fchone und hege die Insekten fressenden Vögel!

Die gedachten Mittel vermögen die Blutlaus aber nur dann gründlich zu vertilgen, wenn gleichzeitig von allen BuyMbesitzern vorgegangen wird! Denn wenn Jemand seine Bäume glücklich von den Blutläusen befreit hat, während der Nachbar dies unterlassen hat, so war des Ersteren Mühe und Arbeit umsonst.

Wird ein, gemeinsames Vorgehen gegen' den gefährlichen Feind unter­lassen, dann bleibt nichts übrig, als die Vertilgung der Blutlaus obliga­torisch zu machen und gegen die Säumigen mit Strafen vorzugehen.