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Nr. 56.
Donnerstag den 7. März
1889.
Bekanntmachungen König!. Landrathsamts.
Die Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher des Kreises fordere ich auf, mit allem Eifer auf Beseitigung der Raupennester in ihren Bezirken hinzuwirken.
I Es sind nicht allein die Gemeinde-Obstbaumanlagen zu säubern, sondern es müssen auch die Besitzer der in den Gärten und Fluren stehenden Obstbäume angewiesen werden, daß sie die Säuberung der Obstbäume und Hecken von den Raupennestern vornehmen. Dabei ist denselben bekannt zu geben, daß §. 368,2 des Strafgesetzbuches Jeden, welcher das gebotene Raupen unterläßt, mit Geldstrafe bis zu 60 Mark oder mit entsprechender Haft bedroht.
Nicht blos die leicht erkennbaren weißen Gespinnste der Ncstraupe sind mit den Spitzen der Aeste, woran sie kleben, zu entfernen, sondern auch soviel als möglich die steinharten Ringelraupen-Eier und die Wulste der Schwammraupe aufzusuchen. Letztere finden sich am unteren Theil der Stämme, die Ringe der Ringelraupe aber an jungen Schossen, wo nur ein geübtes Auge sie erkennt.
Etwaige Unterlassungsfälle sind mir anzuzeigen, damit ich Bestrafung eintreten lassen kann.
Hanau am 5. März 1889.
Der Königliche Landrath
V. 1645 v. Oertzen.
Am 4. d. M. Morgens ist auf dem Eisenbahndamm in der Nähe der Station Mainkur eine unbekannte Mannsperson im Alter von 20 bis 25 Jahren, 1,68 Mtr. groß, mit blonden Haaren, graublauen Augen, ohne Bart, mit langer spitzer Nase, von einem Eisenbahnzuge überfahren und getödtet worden.
Der Verlebte war mit braunem weichen Filzhut mit Pfauenfeder, gutem braunen kleinkarrirten Anzug, rothem Halsbindchen, weißem Hemd ohne Zeichen, roth, blau und grau karrirtem Unterjäckchen, Schaftstiefel mit Nägeln, schwarzen gestrickten Handschuhen und schwarzen Handstauchen mit eingehäkelten Perlen bekleidet.
Diejenigen Personen, welche im Stande sind über die Angehörigkeit des Verlebten etwas aussagen zu können, werden ersucht, solches auf dem Bürgermeisteramt in Fechenheim vorzutragen.
Hanau am 5. März 1889.
Der Königliche Landrath
P. 1483 v. Oertzen.
Dienst-Nachrichten aus dem Kreise
Der Tagelöhner Johannes Hamburger zu Langenselbold ist als Nachtwächter dieser Gemeinde bestätigt worden.
Hanau am 1. März 1889. A. 437.
Der greise Nestor des deutschen Heeres, der ehrwürdige Generalfeldmarschall Graf Moltke, begeht am 8. März sein siebzigjähriges Militairdienstjubiläum. Der Feldmarschall ist bekanntlich am 26. Oktober 1800 geboren, vollendet mithin im kommenden Herbst sein 89. Lebensjahr. Allgemein im Vaterlande ist die Freude, daß der verehrte Organisator der deutschen Siege die seltene militärische Feier in voller Rüstigkeit und Frische seines verehrenswürdigen Alters herannahen sieht, und ebenso allgemein ist die Genugthuung darüber, daß der Feldmarschall diesen Ehrentag im activen Verbände des Heeres begeht. Die ehrenvollen Worte, mit denen Kaiser Wilhelm im August v. I. das Abschiedsgesuch des treuen Dieners ablehnte und ihn an die Spitze des Landesvertheidigungs- comitös berief, werden bei diesen! Anlaß erneut im ganzen Vaterlande wiederhallen, und überall wird sich daran der herzliche Wunsch knüpfen, den an so unermeßlichen Verdiensten reichen Feldherrn noch lange im Dienste des Vaterlandes zu sehen, dessen Dank ihm unauslöschlich gesichert bleibt.
Tagesschau.
P. Aus dem Abgeordnetenhaus«;. Berlin, 6. März. Das Abgeordnetenhaus berieth heute in dem Etat des Kultusministeriums das Kapitel „höhere Lehranstalten". Dasselbe gab Veranlassung zu einer ein= . gehenden Debatte über Reform des höheren Unterrichtswesens bezw. besonders über die volle Gleichstellung der Realgymnasien mit den humanistischen Gymnasien. ^Für diese Gleichstellung erklärten sich zunächst die Abgg. Schmelzer, Seyffardt-Magdeburg, v. Schenckendorff (nat.-lib.) und Dr. Arendt (fkons.), während der Abg. Korsch Namens der konservativen Partei
für Beibehaltung der Vorbildung auf den humanistischen Gymnasien für das Universitätsstudium eintrat. Der Herr Kultusminister sprach sich im Wesentlichen in demselben Sinne aus, erklärte sich aber damit einverstanden, daß auf eine Herabminderung der Zahl der höheren Lehranstalten bezw. Erschwerung der Bildung neuer derartiger Anstalten hinzuwirken sei. Im Uebrigen erklärte sich der Minister für einen weiteren Ausbau der Lehrpläne, Verbesserung der Unterrichtsmethode und Hebung der Körperpflege. Weiter zu gehen, könne er aber in absehbarer Zeit nicht in Aussicht stellen. Ueberhaupt dürfe man ohne dringende Noth an dem bestehenden Unterrichtswesen nichts ändern. In der weiteren Debatte erklärten sich noch die Abgg. Dr. Gras-Elberfeld (nat.-lib.) und Dr. Windthorst (Centr.) gegen jede einschneidende Aenderung auf dem Gebiete des höheren Unterrichtswesens, da sonst die Nation an ihrem Bildungszustande Schaden erleiden könnte, während Abg. Dr. Virchow (dfr.) für Zulassung auch der Abiturienten der Realgymnasieir zu den ihnen bisher verschlossenen Fachstudien eintrat. Formell wurde dann noch der Titel 1 dieses Kapitels „Zahlung an bestimmte Anstalten und Fonds" erledigt und darauf die weitere Berathung auf morgen vertagt.
Berlin, 6. März. Se. Majestät der Kaiser und König arbeiteten gestern Morgen zunächst allein unb von lO1^ Uhr ab mit dem stellvertretenden Chef der Admiralität, Vize-Admiral Freiherrn von der Goltz, sowie dem Kapitän z. S. Freiherrn von Senden. Um 11 Uhr ertheilten Se. Majestät dem Militür-Attachä bei der hiesigen chilenischen Gesandtschaft, Obersten Alberto Gormaz, die nachgesuchte Audienz. Um 11^4 Uhr hörten Se. Majestät den Vortrag des Staats-Ministers von Bötticher und daraus denjenigen des Generals von Hahnke. Um 12' 2 Uhr empfingen Se. Majestät den Fürsten zu Schönburg-Waldenburg und nahmen darauf militärische Meldungen entgegen. Sodann hatten die nach Ost-Afrika gehenden Offiziere und Aerzte die Ehre des Empfanges. Gegen 6 Uhr begaben Sich Se. Majestät der Kaiser mit Ihrer Majestät der Kaiserin zum Diner bei dem französischen Botschafter.
Berlin, 6. März. Der „Post" zufolge wird Kaiser Wilhelm die Reise nach Danzig am 11. ds. der Trauerwoche wegen nicht unternehmen. Die Jubelfeier des Regiments werde möglicherweise bis nach der Trauer- woche verschoben.
Berlin, 6. März. Premierlieutenant v. Gravenrenth ist nunmehr definitiv zum Auswärtigen Amte kommandirt worden. Derselbe wurde gelegentlich der gestrigen Vorstellung von sechs Offizieren der Expedition Wißniann mit dem Geheimrath Krauel vom Kaiser zum Frühstück befohlen, wobei der Kaiser mittheilte, daß der Kontreadmiral Deinhard ihm tele- graphirt habe, daß Bagamoya zurückerobert, zwei Geschütze erbeutet und die Araber verlustreich geschlagen worden sind. (Rh. K.)
Berlin, 6. März. Die nächste Sitzung des Reichstages ist auf Mittwoch den 13. d. Mts., Nachmittags 2 Uhr, anberaumt worden. Auf der Tagesordnung stehen zwei kleinere Vorlagen und die Denkschrift über die Verlängerung des kleinen Belagerungszustandes . über Berlin, Stettin, Frankfurt, Hamburg und Leipzig.
Berlin, 6. März. Die „K. Z." schreibt: Es bestätigt sich, daß dieser Tage bei Bagamoyo ein größeres Gefecht stattgefunden hat, das mit der völligen Niederlage der Aufständischen geendet hat. Insbesondere ist es gelungen, denselben die beiden Krupp'schen Geschütze wieder wegzunehmen, die bei der plötzlichen Räumung Panganis seitens der Beamten der Ostafrikanischen Gesellschaft dort unter dem Schutze des Obersten Mathews zurückgelassen und später in die Hände Buschiris gefallen waren. Soweit man weiß, sind jetzt die Aufständischen überhaupt nicht mehr im Besitz von Geschützen. JDa Meldungen über Verluste auf deutscher Seite hier nicht eingetroffen sind, so kann man annehmen, daß das Gefecht auf deutscher Seite ohne Verlust verlaufen ist.
Die Centrumspurtei bereitet einen Antrag vor betreffs Ueber- weisung der halben Grund- und Gebäudesteuer an die Komunen. Es würde sich also nach dein gegenwärtigen Etat um eine Summe von etwa 36 Millionen Mark jährlich handeln. In Gegenrechnung würden hierbei hmmcn bie 23 Millionen Mark, welche gegenwärtig auf Grund des h x Huene an die Kommunalverbände überwiesen werden. Der Rest soll gedeckt werden mit dem Betrage von S1/^ Millionen Mark, der nach Erhöhung der Krondotation noch verfügbar ist, aus dem Titel im diesjährigen Etat zur außerordentlichen Tilgung von Staatsschulden, sowie durch Verkürzung des