angewandt werden müssen, um die Interessen der Landwirthschast zu pflegen. Als solche wurde aus der Mitte des Hauses auch die weitere Förderung der Spar- und Darlehnskassen, sowie die Beschneidung der Auswüchse des Handels an der Getreidebörse empfohlen. Wir können sonach mit dem Ergebniß der Debatte zufrieden sein. Aber noch einen Punkt möchten wir nicht unerwähnt lassen, welcher zeigt, wie wenig Verständniß die Freisinnigen für die Bedürfnisse der Landwirthschaft haben. Herr Rickert meinte: seine Partei wäre bereit gewesen, die verlangten Einnahmen auf anderem Wege, als auf dem der Zollgesetzgebung, zu bewilligen. Wenn diese Worte einen Sinn haben, so können sie nur bedeuten, daß die Freisinnigen gern die sämmtlichen direkten Steuern in Preußen mehr als verdoppelt haben würden! Was meinen hierzu wohl die Landwirthe und Grundbesitzer, von den städtischen Bewohnern der niedrigen Klassen ganz zu schweigen, welchen auf diesem Wege gewiß keine Steuererleichterung zu Theil geworden wäre!
Tagesschau.
P. Aus dem Reichstage. Berlin, 4. Februar. Im Reichstag machte der Präsident v. Levetzow zunächst Mittheilung von einem ihm zugegangenen Schreiben des österreichisch-ungarischen Botschafters Grafen v. Szechenyi, in welchem für das vom Reichstage aus Anlaß des Todesfalls in Wien ausgedrückte Beileid Dank ausgesprochen wird unter den: Hinzufügen, daß der Botschafter nicht verfehlen werde, diese Beileidsbezeigung an die Stufen des Thrones zu bringen. Nach Erledigung zweier- kleinerer Vorlagen wurde die am Donnerstag abgebrochene Berathung des sozialdemokratischen Antrages, bctr. die Aufhebung der Getreidezölle fortgesetzt, wobei Abg. Brömel (dfr.) sich für die Ucberweisung des Antrages an eine Kommission von 28 Mitgliedern erklärt. Die Besteuerung des Volkes in Form der Brodvertheuerung sei mit den Grundsätzen der Gerechtigkeit nicht in Einklang zu bringen. Abg. v. Heydebrand und der Lasa (btonf.) betont, daß die Aushebung der Getreidezölle eine Ungerechtigkeit gegen die Landwirthschaft sein würde. Die gegenwärtige Erhöhung der Getreidepreise habe mit den Getreidezöllen nichts zu thun. Die geringe Erhöhung der Brodpreise aber drücke auf die arbeitende Klasse in keiner Weise, zumal eine Erhöhung der Arbeiterlöhne eingetreten sei. — Abg. Kröber (fraktionslos, früher Volkspartei) sprach im Sinne des Antrages, erklärt sich aber zunächst auch mit einer Ermäßigung der Getreidezölle einverstanden. — Abg. Dr. v. Bennigsen (nat.-lib.) erklärte, nach wie vor prinzipiell ein Gegner der Getreidezölle zu sein, die er als den bedenklichsten Theil des Zolltarifs bezeichnet und die bei einer etwaigen Mißernte oder bei politischen Komplikationen nicht würden aufrecht erhalten werden können. Andererseits aber sei die Lage der Landwirthschaft nun schon seit einer Reihe von Jahren eine derartige, daß man derselben die größte Aufmerksamkeit werde zuwenden müssen, um Mittel zur Abhülfe ausfindig zu machen, die sich wirksamer erweisen als der Kornzoll. Demnächst erklärte er, daß seine politischen Freunde trotzdem nicht für den vorliegenden Antrag stimmen konnten, einmal, weil die Erhöhung des Zolles erst seit einem Jahre in Kraft bestehe und daher seine Wirkung noch nicht vollständig eingetreten sei, dann aber auch, weil zur Zeit aus den Preisverhältnisfen ein genügendes Motiv für die Nothwendigkeit der Aufhebung der Gctreidezöllc nicht abzu- leiten sei. — Abg. öfterer (Centr.) erklärte sich Namens seiner politischen Freunde gegen den Antrag, der nur geeignet erscheine, die Unzufriedenheit in weiten Kreisen zu fördern. — Nachdem sodann Abg. Rickert (dfr.) von seinem bekannten Standpunkt den Antrag befürwortet, sprach Abg. v. Fischer- für denjenigen Theil der Nationalliberalen, welche für die Erhöhung der Getreidezölle gestimmt, und versicherte, daß dies geschehen sei nicht aus Rücksicht auf den Großgrundbesitz, sondern lediglich im Interesse der gefammten deutschen Landwirthschaft. — Nach einem Schlußwort des Mitantragstellers Abg. Bebel (Soz.-Dem.) wird darauf der Antrag auf kommissarische Berathung gegen die Stimmen der Freisinnigen und der Sozialdemokraten abgelehnt. Schluß der Sitzung 6 Uhr. Morgen: Drittle Sefung des Etats.
Berlin, 5. Februar. Der„N. u. St. A." veröffentlicht das Gesetz, betreffend den Schutz der deutschen Interessen und die Bekämpfung des Sklavenhandeels in Ostafrika. Ferner publizirt das. Blatt die Verleihung des Großkrcuzes des rothen Adlerordens an den ehemaligen Botschafter Spaniens, Grafen Benowar.
Berlin, 5; Febr. Kaiser Wilhelm empfing heute Nachmittag, nach den „F. N.", den Fürsten Bismarck.
Berlin 5. Februar. S. M. Kanonenboot „Wolf", Kommandant Kapitän-Lieutenant Credner, ist am 3. Februar er. in Manila eingetroffen und beabsichtigt, am 11/desselben Monats wieder in See zu gehen. — S. M. Kreuzer-Fregatten „Stosch", Kommandant Kapitän zur See Junge, und „Charlotte", Kommandant Kapitän zur See von Reiche, sind am 3. Februar er. in Syrakus eingetroffen und beabsichtigen, am 7. desselben Monats die Weiterreise fortzusetzen.
Berlin, 5. Febr. Kaufmann Rudolf Hertzog überwies nach dem „Rh. K." anläßlich seiner 50jährigen Zugehörigkeit zur Korporation der Kaufmannschaft den Aeltesten 25 000 M. zur unmittelbaren Vertheilung an achtbare hilfsbedürftige Kaufmannswittwen und Kaufmannstöchter.
Die „Berl. Pol. Nachr." schreiben: In den Kreisen der Abge
ordneten der Provinz Posen machen sich aus Anlaß der Vorlage wegen Einführung der reformirten Verwaltungsordnung für Posen anscheinend Bestrebungen geltend, welche dem Zustandekommen der Vorlage ernste Hindernisse bereiten könnten. Daß die Einführung des Systems der altländischen Kreisordnung in allen Kreisen der Provinz und der entsprechende Aufbau der Provinzialordnung mit dem Schutz der deutschnationalen Interessen unvereinbar sein würde, scheint zwar die übereinstimmende Ueberzeugung aller Parteirichtungen zu sein, mit deren Unterstützung die Gesetzgebung zur- besseren Wahrung des Deutschthnms in den Ostprovinzen zn Stande kam. Dagegen scheint bei einem Theil derselben der Gedanke Boden zu gewinnen, zwar in den überwiegend polnischen Kreisen es bei der bisherigen Kreis- verfassung zu belassen, dagegen in den überwiegend deutschen Kreisen das System der Kreisordnung einzuführen. Der Wunsch, den letztgedachten Theilen der Provinz die Reformgesetzgebung im vollen Umfang zu Theil werden zu lassen und insbesondere den Städten und Landgemeinden eine ihrer Bedeutung entsprechende Vertretung auf dem Kreistage zu sichern, ist sehr erklärlich. Reifliche Erwägung aber wird dazu führen müssen, die vollständige Ungangbarkeit eines legislatorischen Weges erkennen zu lassen, dessen Beschreitung innerhalb derselben Provinz und selbst innerhalb desselben Bezirks das Nebeneinanderlaufen von prinzipiell völlig verschiedenen Systemen der Kreisverfassung, eine Theilung in Kreise erster und zweiter Klasse zur Folge haben würde. Die Kreise mit überwiegend deutscher Bevölkerung werden den Interessen des Deutschthums schon das Opfer bringen müssen, vorläufig sich mit der bisherigen Kreisverfassung weiter zu behelfen, und die Vertreter jener Auffassung werden von Bestrebungen zurückkommen müssen, welche in Wirklichkeit nur zur Förderung der einer energisch deutsch-nationalen Politik abholden Bestrebung dienen können. Nicht in bem nämlichen Maße prinzipiell bedenklich erscheinen die ^Bestrebungen, die kommunale Verwaltung der Provinz mehr nach dem Vorbild der Organisation in den übrigen Provinzen einzurichten. Aber auch bei der Verfolgung dieses Plans wird das leitende Grundprinzip, daß nichts geschehen darf, was dem deutschnationalen Interesse unzuträglich sein könnte, voll zu beachten und daher die nöthige Vorsicht und Umsicht am Platz sein, damit die Verhandlung nicht auf ungangbare Wege geräth.
Der Deutsche Frauenvereitt für Krankenpflege in Kolonien hat einen Aufruf erlassen um Zusendung von Gaben aller Art behuss Gründung einer Niederlage von Lazaretgegenständen aus Zanzibar, welche dem Hauptmann Wißmann alsbald nach Eintreffen auf dem Festland Ostafrikas zur Verfügung gestellt werden sollen.
München, 5. Febr. Professor Freiherr v. Holtzendorff ist heute Nacht nach kürzerem Leiden gestorben.
Wien, 5. Februar. Das „Fremdenblatt" meldet die Auffindung einer Reihe Tagebücher im Nachlasse, sowie mehrerer theils begonnener Arbeiten. Ob dieser Theil des Nachlassers veröffentlicht wird, ist heute noch unbestimmt. Weitere Kränze sind eingetroffen von der Kaiserin Friedrich, der Prinzessin Viktoria, dem Prinzen und der Prinzessin Heinrich von Preußen, der Großfürstin Maria Paulowna und der gefammten Familie von Koburg. Kroatien war bei dem Leiche:-:begängniß vertreten durch den Banus und Präsidenten und Vizepräsidenten des Landtages. Der Wiener Gemeinderath beschloß, ein Porträt des Kronprinzen durch einen bewährten Künstler anfertigen zu lassen. Der Einlaß in die Hofburgkapelle würbe um 10 Uhr geschlossen. Der Kaiser, die Kaiserin, die Kronprinzessin Stefanie und die Mitglieder des Kaiferhauses wohnten morgens im Oratorium der Seelenmesse bei, während welcher die Hofmusikkapelle das „Miserere" absang. Um 2 Uhr wurde der Sargdeckel geschlossen, dessen Schlüssel der Oberhof- meister Hohenlohe an sich nahm. Die Börse sowie fast sämmtliche Kaufläden waren geschlossen. Die Via funeralis mit ihren zahllosen Trauerfahnen, schwarz trapirten Auslagefenstern und schwarz verhängten Balkönen mit den umflorten Büsten des Verewigten bietet einen feierlichen tief ernsten Anblick dar. (Fr. N.)
Wien, 5. Februar. Der Erbprinz von Sachsen-Meinigen, die Prinzessin Elemtine von Coburg, der Herzog Ludwig und der Herzog Maximilian Emanuel in Bayern, sowie die Kardinäle Simor und Haynald, der Erzbischof Schönborn unb eine russische Militärdeputation sind hier eingetroffen.
Wien, 5. Febr. Maurus Jokai veröffentlicht im „Nemzet" ein v.om Kronprinzen Rudolf an den Sektionschef Szögyenyi gerichtetes Schreiben: Lieber Szögyenyi! Hier sende ich Ihnen ein Codicill; verfügen Sie im Sinne desselben und meines vor zwei Jahren mit Einwilligung meiner Gemahlin verfaßten Testaments. .In meinem Arbeitskabinet in der Hofburg steht neben dem Sofa ein kleiner Tisch. Mit hier beigeschlossenem goldenen Schlüssel öffnen Sie dessen Lade, darin finden Sie meine Schriften, mit deren Sichtung ich Sie betraue, es Ihrer Einsicht überlassend, welche Sie für die Öffentlichkeit auswählen. Ich muß aus dem Leben scheiden. Grüßen Sie in meinem Namen alle meine guten Freunde und Bekannte. Leben Sie glücklich! Gott segne unser geliebtes Vaterland. Ihr Rudolf.
Brüssel, 5. Februar. Kammer. Nach längeren Debatte über den Unglücksfall bei Groenendael versichert der Minister der Eisenbahnen, daß der Zug gegen die Brücke gerannt sei. Nach amtlicher Feststellung betrüge die Zahl der Todten 16 und diejenige der Verwnndeten 42. Der Minister belobt die Beamten, welche bei dem Rettungswerk Hilfe leisteten. Hausseus