Schädliche Einwirkungen auf die Pflege des Männergesanges.
Z\ Die geist- und gemüthbildende Macht des Gesanges hat gegenwärtig viele Kreise der menschlichen Gesellschaft durchdrungen, was daraus hervorgeht, daß demselben m e h r denn vor Zeiten Aufmerksamkeit zugewandt wird. Aber immerhin ist es doch noch ein großer Prozentsatz der männlichen Bevölkerung, dem die Begeisterung für die Ideale des Gesanges fehlt und sich von oen Gesangvereinen, der Stätte echter und rechter Gesangespflege, abschließt. Dieser Vorwurf trifft namentlich unsere heutige Jugend, welche lieber mit solchen Bestrebungen spmpathisirt, die vorzugsweise aus Kräftigung und Stählung des Körpers Hinzielen. Obgleich letzteres unsere volle Würdigung findet, so bleibt zu bedenken, daß der Mensch nicht nur einen Körper, sondern auch eine Seele hat, mit andern Worten, den innersten Menschen bilden muß. Niemand wird in Abrede stellen wollen, daß nach dieser Seite hin der Gesang das beste Bildungsmittel ist. Es ist daruni die Pflege desselben allen Menschen, namentlich unserer jüngeren Generation dringend zu empfehlen und der Anschluß an Gesangvereine, in denen unsere schönen Poesien in Tönen wiedergegeben werden, eine ebenso nützliche als nothwendige Aufgabe.
Eine dem aufmerksamen Beobachter nicht leicht entgehende Wahrnehmung ist die, daß der Gesang vorzugsweise von Arbeitern gehegt und gepflegt wird. Wenn dieses ein hocherfreuliches Zeichen ist und beweist, daß die Ideale noch nicht geschwunden sind, so muß sich uns unwillkürlich die Frage ausdrängen: Wie kommt es, daß sich viele den besser situirten Ständen angehörende Personen der Gesangespflege in Gesangvereinen entziehen? Die Antwort ist leicht zu geben. Der in unserer Zeit so sehr ausgeprägte Klassenunterschied ist Schuld daran! Vergessen wir doch ja nicht, daß auf das Gute, Wahre und Schöne alle Menschen ohne Unterschied gleiche Ansprüche zu erheben haben. Beherzigen wir des Dichters Wort: „Es soll der Sänger mit dem Könige gehen: sie beide wohnen auf der Menschheit Höhen."
Einflußreichen Personen in einer Stadt oder in einem Dorfe ist die Pflege des Gesanges ganz besonders anzurathen, weil dadurch Mancher angeregt wird, ein Gleiches zu thun. Die öfters vorkommenden Ent- schuldigungen „ich kann nicht singen", oder „ich leiste doch nichts", sind hinfällige Bemerkungen. Schon mit ganz geringen Leistungen kann man dem großen Ganzen dienen, um so eine edle Sache mit unterstützen zu helfen.
Als ein Krebsschaden in der Pflege des Gesanges ist die große Zer- splitterung der Sänger zu bezeichnen. Diese bekundet sich in der Bildung so vieler Gesangvereine. Wenn sich heute einige gesangliche Kräfte zusammengesunden haben, wird zur Gründung eines neuen Vereins geschritten. Im Interesse des Gesanges und der betreffenden Sänger liegt es, sich an bestehende, leistungsfähige Vereine anzuschließen, in denen ältere erfahrene Sänger mit Rath und That zur Hand gehen können. Verwerflich ist es, wenn eine gesangliche Kraft zweien oder mehreren Vereinen angehört. Der bekannte Ausspruch: „Niemand kann zwei Herren dienen rc.", hat seine volle Berechtigung, dem hier die Erfahrung" ganz und gar zur Seite steht.
Die fortwährende Agitation, bessere Sänger zu bestimmen, den seither angehörenden Verein zu verlassen, um in diesen oder jenen andern einzutreten, führt zu nichts Gutem. Es ist diese Art und Weise sich einem Verein nützlich zu machen, nicht zu billigen. Sie erweckt Verdruß zwischen bestehenden Vereinigungen, ja selbst zwischen einzelnen Personen und stört ganz gewiß die einheitliche Pflege der schönen Gesangeskunst.
Selbst innerhalb der Gesangvereine kann der gesanglichen Entwickelung sehr viel geschadet werden und zwar in erster Linie durch unregelmäßiges und spätes Erscheinen der Mitglieder in der Uebungs- stuude. Worin hat dieses seinen Grund? In den meisten Fällen in Bequemlichkeit von Interesselosigkeit. Mit dem Gedanken sich zu trösten „ich bekomme mein Theil noch", oder „ich komme noch recht", ist dem Gesänge nichts gedient. Die Folgen solcher Gleichgültigkeit sind wohl am allerersten bei der Aufführung eines Chores deutlich zu erkennen.
Ein weit größerer Fehler als unpünktliches Kommen zur Gesangstunde ist die „Selbstüberhebung" einzelner Sänger, welche darin besteht, daß man nach einmaligem Durchsingen eines Liedes seiner Aufgabe nun auch gewachsen zu glauben scheint und nach 3—4 Wochen wieder einmal in der Stunde auftaucht. Durch diese „Selbstüberhebung" kann dem Rufe der Leistungsfähigkeit eines Vereins großer Schaden zugefügt werden. Wenn es gilt eine öffentliche Aufführung zu veranstalten, sind natürlich diese Art von Sängern die ersten und ihr lückenhaftes Können charakterisirt sich in der Regel durch frühes Einsetzen des Tones oder längeres Verweilen bei Pausen re. Ein Chorsänger, selbst der geübteste und sicherste muß singen und immer wieder singen, ^damit er aus die Intentionen des Dirigenten eingehen, sich den andern Sängern anschmiegen lernt, um diesen event, eine nicht unbedeutende Stütze zu bieten.
Als eine störende und nicht zu billigende Angewohnheit ist das sogenannte „Besserwissenwollen" einzelner Mitglieder, die bei jeder Gelegenheit ihr Mißfallen über diese oder jene Stelle eines Chores bekunden, welche von ihnen früher schon einmal anders gesungen wurde.
Der Komponist schreibt sein Lied; aber einzelne kleine Abänderungen, die er vielleicht nicht zu Papier hat bringen können, sind im Interesse der Schönheit einer Komposition lediglich individuelle Ansichten des betreffenden Dirigenten. Es sind darum Bemerkungen während der Uebungsstunde unstatthaft.
Endlich müssen wir als einen Hemmschuh in der Pflege echten und wahren Männergesanges bezeichnen das in unserm Zeitgeiste begründete übermäßige Streben, die Programme der Abendunterhaltungen und Konzerte mit komischen Nummern zu süllen.
Erstens sind derartige Produkte, wir fügen hinzu, die große Mehrzahl derselben, geeignet, das wahrhaft Ideale und Schöne zu ersticken, zweitens geht die Zeit, welche zur Einübung solcher Sachen nöthig ist, dem Männergesauge verloren, drittens sind unsere Autoritäten, denen die Pflege des schönen und edlen Gesanges am Herzen liegt, mit dieser Richtung durchaus nicht einverstanden. Es dürfte darum eine Beschränkung des übergroßen komischen Stoffes im Interesse des Männergesanges dringend geboten erscheinen.
Mit dem Wunsche, daß einige der dazwischen gestreuten Samenkörnlein auf einen fruchtbaren Boden fallen und hundertfältige Frücht tragen mögen, schließen wir die kurze Betrachtung.
Hanauer Spaziergänge. I.
Hanau, 5. Januar 1889.
Der erste Spaziergang im neuen Jahr wird von einem herrlichen Winterwetter begleitet, es ist zwar etwas kalt, aber die Sonne scheint doch hell, spielt freundlich ans bereiften Matten und küßt den weißen Streuzucker des Winters begierig von Stauden und Bäumen. Wer möchte da nicht einen Spaziergang in den Wald wagen? Die Natur muthet uns an wie ein riesiger Makartstrauß, so bleich und farblos erscheinen die Gefilde und doch sind es so viele Nuancen zwischen dem tiefen Tannengrün und dem leuchtenden Gelb des dürren Schilfes. Da müßte man wirklich jeden Sinn für Schönheit verloren haben, wenn man nicht einmal übers andere Mal ausrufen möchte mit Altvater Voß:
Natur wie schöu in jedem Kleide,
Auch noch im Sterbekleid, wie schön,
Du mischst in Wehmuth sanfte Freude
Und lächelst thränend noch im Geh'n!
Schauen wir blos auf dem Boden umher, aus dem frischen Grün des Mooses erheben sich die Haidekräuter mit ihren hellrosaen Blüthen dazwischen schauen die schwefelgelben Immortellen hervor und die verwelkten Arnika vollenden die Winterstimmung. Im Walde selbst herrscht tiefes Schweigen, kein Laut stört die Ruhe der Natur, die majestätisch in ihrem Schlummer ruht. Das dürre Laub nur raschelt unter unseren Füßen, ober ein aufgescheuchter Rabe fliegt krächzend vor uns in die Höhe.
Da treten wir aus dem Walde, wir gehen die Kinzig abwärts über die Wiese und aus einmal hören wir einen fröhlichen Lärm. Eine große Eisfläche breitet sich vor unseren Augen aus, auf der sich zahlreiche Menschen auf bestähltem Schuh amüsiren. Theils allein, theils in holder Gesellschaft fliegen die Herren über die glatte Bahn; oder sie bleiben auf einem Punkte Kreise ziehend, übertretend und Kunststücke machend. Nicht selten macht ein solcher Künstler vertraute Bekanntschaft mit dem Eise und noch Stunden nachher verräth ein beeister Platz an den Kleidern seine Ungeschicklichkeit. Dann fliegen wieder eine Anzahl jugendlicher Schlittschuhläufer in einer langen Kette über die Bahn, nicht achtend ob sich das Eis biegt oder kracht. Da bricht denn auch^manchmal ein Wagehals gehörig ein, aber das macht nichts, wenn der Lchreck und ein Schnupfen die einzigen nachtheiligen Folgen sind. —
Das Theater bedachte uns in der r ergangenen Zeit reichlich mit Stoff, sogar ein Schwarzkünstler fehlte nicht, leider aber war das Haus sehr leer, obwohl Herr Meunier eine regere Betheiligung verdient hätte, seine Leistungen waren wirklich großartig.
Am vergangenen Sonntag hatten wir das „Käthchen von Heilbronn" von Heinrich von Kleist, ein Stück, das, obwohl es uns durch den Weg, den die moderne dramatische Dichtung eingeschlagen hat, fast vollständig entrückt ist, doch seine Wirkung nicht verfehlt, wenn die Hauptparthien von Herren wie Meixner und Metz und Damen wie Mestelund Immisch besetzt sind. Die hochpoetische, etwas schwärmerische Figur der Titelheldin gelang Frl. Immisch über Erwarten und sie vermied einen Fehler, in den so viele Anfängerinnen bei der Darstellung des „Käthchen" verfallen: die Monotonie, der ewig larmoyante Ton ist es nicht, den der Dichter beabsichtigt und trotzdem Fräulein Immisch stets den richtigen Ton anschlug, versagte ihr vor dem Kaiser die der Situation entsprechende Klangfarbe. Der Kaiser, um gleich auf ihn zu sprechen zu kommen, war wieder eine Meisterleistung des Herrn Schmalz, der eine so entschiedene Begabung für Väterrollen dokumentirt, daß wir glauben, auf diesem Felde seien für ihn Lorbeeren zu pflücken. Herr Meixner bewegte sich in dem ihm ureigensten Fach, die selbstbewußt-heldenhaften Charaktere sind es, die unâ seinen Namen in Verbindung mit ihnen, mit Freude auf dem Zettel begrüßen lassen. Eine wirklich adelige Erscheinung war Frau Botz als „Gräfin von Strahl", während Herr Metz als „Käthchens Vater" so